Luthers Bibelverständnis

Die katholische Kirche entwickelte aus der Bibel und in Ergänzung zu ihr ihre Erlösungs- und Ablasslehre: Die Gnade ergänzt, aber ersetzt nicht die Werke. Auch der  erlöste Mensch, der keine Todsünden begangen hat, muss seine Strafe abbüßen – im Fegefeuer. Diese Zeit der Qual lässt sich durch gute Werke sowie auch durch Spenden verkürzen. Leider bringt die “frohe Botschaft” einer “gnädig” verkürzten Höllenqual noch heute Menschen in seelische Not.

Luther konnte sich mit dieser “tröstlichen Aussicht” nicht abfinden. Er fand im Römerbrief die Glaubensgerechtigkeit und wollte sie allein zur Geltung bringen. Dafür entwickelte er die Prinzipien:

Sola Scriptura = nur die Bibel (nicht die Tradition ist der Maßstab. Die Bibel ist „durch sich selbst glaubwürdig, deutlich und ihr eigener Ausleger“)
Sola fide = nur der Glaube (an das Geschenk der Erlösung ist der Weg zum Leben mit Gott, der Verdienstgedanke und Werkgerechtigkeit versperren ihn)
Sola gratia = nur die Gnade (ist Leitgedanke der Auslegung. Gegen alle Willkür gilt als Maßstab: Christus ist die Mitte der Schrift. Autorität manifestiert sich in dem, “was Christum treibet” was Christus selbst vertreten würde. Sola Christe = nur Christus.

Diese Auffassung spiegelt sich wieder in seinen Vorreden zum Brief an die Hebräer, zu den Briefen des Jakobus und Judas sowie zur Offenbarung des Johannes).

Das Verfahren Luthers, Teile des neutestamentlichen Kanons als lesenswerte Texte minderer Qualität einzustufen, macht deutlich, wie wichtig es ihm war, in der Frage der Werkgerechtigkeit zu einer eindeutigen, verlässlichen Antwort zu kommen und keine schizophrenen, widersprüchlichen Aussagen in seiner Theologie zu dulden. Viele bibelgläubige Gläubige heute werden durch die Schlussfolgerungen Luthers eher verunsichert und werden ihm darin nicht folgen können. Deshalb ist seine Sicht  trotz aller Lutherverehrung unter evangelikalen Gläubigen kaum bekannt.

Das anerkennenswerte Ziel, schizophrene Aussagen und Unglaubwürdigkeit zu vermeiden, lässt sich aber auch mit einer weniger rabiaten Methode erreichen, nämlich durch die Zuordnung biblischer Aussagen zu speziellen Aussage-Stilen und durch ein prioritätenorientiertes Bibelverständnis.

Es folgen Auszüge aus den bereits erwähnten Vorreden.

Vorrede Luthers zum Hebräerbrief:

Bisher haben wir die rechten gewissen Hauptbücher des Neuen Testaments gehabt. Diese vier nachfolgenden aber haben vor Zeiten ein anderes Ansehen gehabt. Und aufs erste: dass dieser Brief an die Hebräer nicht von Paulus noch von irgendeinem Apostel sei, ist damit bewiesen, dass Kap. 2,3 so steht: „Diese Lehre ist durch die, welche es selbst von dem Herrn gehört haben, auf uns gekommen und geblieben.“ Damit wird’s klar, dass er von den Aposteln als ein Jünger redet, auf den solche Lehre von den Aposteln gekommen sei, vielleicht lange hernach. Denn Paulus bezeuget Gal. 1,1 u. 12 mächtig, er habe sein Evangelium von keinem Menschen noch durch Menschen, sondern von Gott selber.  

Über das bietet er eine große Schwierigkeit dadurch, dass er im 6. und 10. Kapitel die Buße den Sündern nach der Taufe stracks verneinet und versagt und Kap. 12,17 sagt, Esau habe Buße gesucht und doch nicht gefunden, was wider alle Evangelien und Briefe des Paulus ist. Und obwohl man einen Ausweg aus der Schwierigkeit suchen möchte, so lauten doch die Worte so klar, dass ich nicht weiß, ob es möglich sei. Mich dünkt, es handle sich um einen Brief aus vielen Stücken zusammengesetzt und nicht überall in gleicher Höhenlage.

Wie dem auch sein mag, so ist’s doch ein ausbündig gelehrter Brief, der vom Priestertum Christi meisterlich und gründlich aus der Schrift redet, dazu das Alte Testament fein und reichlich ausleget, so daß es offenbar ist, er stamme von einem trefflichen, gelehrten Manne, der ein Jünger der Apostel gewesen, viel von ihnen gelernet hat und gründlich in der Schrift geübt ist. Und ob er wohl nicht den Grund des Glaubens legt, wie er selbst Kap. 6,1 bezeugt, welches der Apostel Amt ist, so bauet er doch fein drauf Gold, Silber, Edelsteine, wie Paulus 1. Kor. 3,12 sagt.

Deshalb soll uns nicht hindern, ob vielleicht etwas Holz, Stroh oder Heu mit untergemenget werde, sondern wir wollen solche feine Lehre mit allen Ehren aufnehmen, nur daß man sie den apostolischen Briefen nicht in allen Dingen gleichstellen soll.

Wer ihn aber geschrieben habe, ist unbekannt, wird auch wohl noch eine Weile unbekannt bleiben. Darauf kommt es auch nicht an. Uns soll genug sein an der Lehre, die er so beständig aus und in der Schrift gründet, welche ein rechtes, feines Verständnis wie Verfahren, die Schrift zu lesen und zu behandeln, zeigt.”

Vorrede Luthers zum Jakobusbrief

Den Brief des Jakobus, obwohl er von den Alten verworfen ist, lobe ich und halte ihn doch für gut, und zwar deshalb, weil er gar keine Menschenlehre aufstellt und Gottes Gesetz eifrig treibt. Aber, auf dass ich meine Meinung darüber begründe, jedoch ohne irgend jemandes Nachteil: ich erachte ihn für keines Apostels Schrift.

Und dies ist meine Ursache dafür: Aufs erste, dass er stracks wider Paulus und alle andere Schrift den Werken die Rechtfertigung zuschreibt und sagt, Abraham sei aus seinen Werken gerechtfertigt worden, da er seinen Sohn opferte, obwohl doch Paulus Röm. 4 entgegengesetzt lehret, dass Abraham ohne Werke, ehe er denn seinen Sohn opferte, gerechtfertigt worden sei, allein durch seinen Glauben, und das mit 1. Mose 15,6 beweist. Wenn nun diesem Brief vielleicht geholfen und für solche Rechtfertigung der Werke ein erklärender Zusatz gefunden werden möchte, kann man ihn doch darin nicht schützen, dass er den Spruch 1. Mose 15,6 – welcher allein von Abrahams Glauben und nicht von seinen Werken sagt, wie ihn Paulus Röm 4,3 ff. anführet – doch auf die Werke bezieht. Darum ergibt dieser Mangel, dass er von keinem Apostel stamme.

Aufs zweite, dass er Christenleute lehren will und gedenkt nicht einmal in solcher langen Lehre des Leidens, der Auferstehung, des Geists Christi: er nennet Christus etliche Male, aber er lehret nichts von ihm, sondern spricht vom allgemeinen Glauben an Gott. Denn das Amt eines rechten Apostels ist’s, dass er von Christi Leiden und Auferstehen und Amt predige und für diesen Glauben den Grund lege, wie Christus selbst sagt Joh. 15,27: „Ihr werdet von mir zeugen.“ Und darin stimmen alle rechtschaffenen, heiligen Bücher überein, dass sie allesamt Christus predigen und treiben. Das ist auch der rechte Prüfstein, alle Bücher zu beurteilen, wenn man siehet, ob sie Christus treiben oder nicht. Sintemal alle Schrift Christus zeiget, Röm. 3,22 ff., und Paulus nichts als Christus wissen will, 1. Kor. 2,2. Was Christus nicht lehret, das ist nicht apostolisch, wenns gleich Petrus oder Paulus lehret; umgekehrt, was Christus predigt, das ist apostolisch, wenns gleich Judas, Hannas, Pilatus und Herodes täte.

Aber dieser Jakobus tut nicht mehr, als zu dem Gesetz und seinen Werken treiben, und wirft eins so unordentlich ins andere, dass mich dünkt, es sei irgendein guter, rechtschaffener Mann gewesen, der etliche Sprüche von den Jüngern der Apostel aufgenommen und so aufs Papier geworfen hat, oder ist vielleicht nach seiner Predigt von einem andern niedergeschrieben. Er nennet das Gesetz ein Gesetz der Freiheit, obwohl es Paulus doch ein Gesetz der Knechtschaft, des Zorns, des Tods und der Sünde nennet.

Darüber hinaus zitiert er die Sprüche 1. Petr. 4,8: „Die Liebe bedeckt der Sünden Menge“, ferner 1. Petr. 5,6: „Demütiget euch unter die Hand Gottes“, ferner das Wort des Paulus Gal. 5,17: „Den Geist gelüstet wider das Fleisch“, obwohl doch Jakobus bereits früh von Herodes zu Jerusalem vor Petrus getötet worden war, so dass sicher scheint, dass der lange nach Petrus und Paulus gelebt habe.

In Summa: er hat denen wehren wollen, die sich auf den Glauben ohne Werke verließen und ist für diese Sache an Geist, Verstand und Worten zu schwach gewesen. Er zerreißt die Schrift und widersteht damit Paulus und aller Schrift, will’s mit Gesetz Treiben ausrichten. Darum will ich ihn nicht in meiner Bibel in der Zahl der rechten Hauptbücher haben, will aber damit niemand wehren, dass er ihn stelle und hochhalte, wie es ihn gelüstet, denn es sind sonst viel guter Sprüche darinnen. „Ein Mann ist kein Mann in weltlichen Sachen“; wie sollte dann dieser Einzelne nur allein wider Paulus und alle andere Schrift gelten?

Vorrede Luthers zum Judasbrief

Dass der Judasbrief aber ein Auszug oder Abschrift aus dem zweiten Petrusbrief ist, dem alle Worte fast gleich sind, kann niemand leugnen. Auch redet er so von den Aposteln wie ein Jünger lange danach und führet auch Sprüche und Geschichten an, die in der Schrift nirgends stehen, welches auch die alten Väter bewegt hat, diesen Brief aus der Hauptschrift zu werfen. Darüber hinaus ist der Apostel Judas nicht in griechisches Sprachgebiet gekommen, sondern ins Perserland, wie man meint, dass er ja nicht griechisch geschrieben habe. Darum, wenn ich ihn auch preise, ist es doch nicht nötig, den Judasbrief unter die Hauptbücher zu rechnen, die des Glaubens Grund legen sollen.”

Vorrede Luthers zur Offenbarung des Johannes

An diesem Buch der Offenbarung Johannes lass ich auch jedermann seines Sinnes walten, will niemand an meine Meinung oder Urteil gebunden haben. Ich sage, was ich fühle. Mir mangelt an diesem Buch verschiedenes, so dass ich’s weder für apostolisch noch für prophetisch halte: aufs erste und allermeiste, dass die Apostel nicht mit Gesichten umgehen, sondern mit klaren und dürren Worten weissagen, wie es Petrus, Paulus, Christus im Evangelium auch tun. Denn es gebührt auch dem apostolischen Amt, klar verständlich und ohne Bild oder Gesicht von Christus und seinem Tun zu reden.

Auch gibt es keinen Propheten im Alten Testament, geschweige denn im Neuen, der so ganz durch und durch mit Gesichten und Bildern umgehe, dass ich (sie) bei mir fast dem vierten Buch Esra gleich achte und in allen Dingen nicht spüren kann, dass es von dem heiligen Geist verfasst sei.

Dazu dünkt mich das allzuviel, dass er so streng (in Bezug auf) solch sein eigenes Buch, mehr als irgendein anderes heiliges Buch tut – woran viel mehr gelegen wäre – befiehlt und drohet, wer etwas davon tue, von dem werde Gott auch tun usw. Umgekehrt sollen selig sein, die da halten, was drinne stehet, obwohl doch niemand weiß, was es ist, geschweige, dass er’s halten sollte, und es ebenso viel ist, als hätten wir’s nicht, auch wohl viele edle Bücher vorhanden sind, die zu halten sind.

Es haben auch viele der Väter diese Buch vorzeiten verworfen und wenns auch Hieronymus mit hohen Worten anführt und sagt, es sei über alles Lob und so viel Geheimnisse drinnen wie Wörter, so kann er davon doch nicht beweisen und ist wohl an mehr Orten mit seinem Lob zu freigebig.

Endlich meine davon jedermann, was ihm sein Geist gibt, mein Geist kann sich in das Buch nicht schicken, und ist mir dies Ursache genug, dass ich sein nicht hochachte, dass Christus drinnen weder gelehret noch erkannt wird, welches zu tun ein Apostel doch vor allen Dingen schuldig ist, wie Christus Apg. 1,8 sagt: „Ihr sollt meine Zeugen sein.“ Darum bleibe ich bei den Büchern, die mir Christus hell und rein dargeben.”

 

Artikel aktualisiert am 25.04.2018

2 Gedanken zu „Luthers Bibelverständnis“

  1. Lieber Bruder Uri,

    Der Tiefgang im Verstehen des Alten Testamentes lässt bei vielen Gläubigen den Wunsch entstehen, dieses Buch dem herausragendsten Apostel, eben Paulus zuzuordnen. Doch welche Argumente dafür gibt es?

    In der von Fritz Laubach verfassten Erläuterung des Hebräerbriefes (Wuppertaler Studienbibel) werden die Argumente für und gegen eine Verfasserschaft des Paulus zusammengetragen. Eine eindeutige Antwort mit “an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit” wird hier nicht gegeben.

    Der Hebräerbrief spricht vom Evangelium, das “zuerst gepredigt ist durch den HERRN und dann auf uns gekommen ist durch die, die es (von den Aposteln) gehört haben, und dass es danach von Gott beglaubigt worden ist mit Zeichen, Wundern und mancherlei Kräften und mit Austeilung des heiligen Geistes nach seinem Willen”. (Hebr 2,3)

    Würde ein Paulus tatsächlich so vom Evangelium reden, der größten Wert darauf legte, dass er seine Botschaft eben nicht von den Aposteln empfangen hatte, sondern direkt durch eine Offenbarung Jesu Christi? Deshalb war er wie die anderen zwölf Apostel unmittelbarer Augen- und Ohrenzeuge – insbesondere Zeuge der Auferstehung. “Ich tue euch aber kund, liebe Brüder, dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht menschlichen Ursprungs ist. Denn ich habe es von keinem Menschen empfangen noch gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi.” (Gal 1,12-12)

    Alle Evangelisten berichten über das letzte Passahmahl, das Jesus vor seinem Leidensweg mit seinen Jüngern aß. Paulus, der damals gar nicht anwesend war, berichtete ebenfalls darüber, betonte aber auch hier, dass er die Informationen über dieses wichtige Ereignis nicht aus zweiter Hand, nicht von den Evangelisten, sondern persönlich von Jesus empfangen hatte. (1.Kor 11,23a)

    Für Luther ist das ein deutlicher Hinweis, dass der Verfasser nicht Paulus war. Mir jedenfalls leuchtet das ein.

    Auffällig ist auch: Paulus beansprucht in vielen seiner Briefen gleich im ersten Satz eine zu den Zwölfen gleichwertige Stellung des Apostels, besonders wenn seine Stellung stark umstritten oder angegriffen war. Warum fehlt dieser Anspruch dann im Hebräerbrief, der sich ganz allgemein an Gläubige mit einer jüdischen Prägung richtet?

    Andererseits finden wir im Hebräerbrief in der Art der Schriftauslegung eine Parallele zur allegorischen Deutung des AT durch Paulus. Wie Paulus schrieb, empfing Abraham den Segen und mit ihm alle Völker durch den Glauben, bevor das Gesetz gegeben wurde (Gal 3,6 ff) Der Verfasser des Hebräerbriefes argumentiert ähnlich: Melchisedek war Priester eines Priestertums, das höher stand als das levitische Priestertum, da er den Abraham segnete und mit ihm Levi, der später aus Abraham hervorging. (Hebr.7,10)

    Ein hieb- und stichfester Gegenbeweis ist das aber nicht, denn auch ein anderer Verfasser kann sich der von Paulus verwendeten Methode bedienen.

    Mag die Verfasserschaft des Paulus für die Gültigkeit des Briefes unwichtig sein, so bleibt es dennoch wichtig, auch in solchen nebensächlichen Fragen nachvollziehbar zu argumentieren.

    Viele religiöse Gruppen bilden leider ihre Ansichten wesentlich auf der Grundlage ihrer emotionalen Bedürfnisse und haben zu wenig Interesse, Fakten, die Bedürfnissen entgegenstehen, näher zu untersuchen. Ist damit für die Glaubwürdigkeit des Evangeliums irgendetwas gewonnen?

    Wer wirklich die Wahrheit liebt, hat den Wunsch, zwischen Tatsache und Wunschdenken zu unterscheiden. Ist es nicht so?

    Sollte man dann nicht auch den inhaltlichen Einwand Luthers gegenüber dem Hebräerbrief, “dass er im 6. und 10. Kapitel die Buße den Sündern nach der Taufe stracks verneinet und versagt und Kap. 12,17 sagt, Esau habe Buße gesucht und doch nicht gefunden, was wider alle Evangelien und Briefe des Paulus ist” ernstnehmen?

    Alle drei Stellen sagen nämlich, dass Menschen in die Hölle kommen können, obwohl sie ihre Taten bereuen und gerne ungeschehen machen würden. Menschen wollen umkehren, aber dürfen es nicht mehr.

    Diese Aussage ist für Gläubige sehr schwer verdaulich, die Angst haben, irgendwann einmal (möglicherweise in der Zeit vor ihrer Bekehrung) etwas gegen den Heiligen Geist gesagt zu haben, was ihnen niemals vergeben werden könne. (Luk 12,10)

    Viele Evangelikale versuchen mit dem Argument zu helfen, wer befürchte, den Heiligen Geist gelästert zu haben, der zeige ja mit seiner Furcht, dass er für Gott noch empfänglich sei, und dürfe deshalb gewiss sein, dass er diese furchtbare Sünde nicht begangen hätte. Das ist die übliche, weit verbreitete Argumentation.

    Der Hebräerbrief löst – wie es scheint – dieses Argument wieder auf, indem er zeigt, dass Reue, Furcht usw. die Verdammnis nicht ausschließt.

    Wie können Gläubige in dieser Lage wieder zu einem frohen Glauben zurückfinden? Muss ein Engel vom Himmel erscheinen, um ihren Glauben zu stärken? Das wird wohl kaum geschehen. Oder sollte der Gemeinde, die “als Leib leidet, wenn eins ihrer Glieder leidet” (1.Kor 12,26), diese Frage egal sein?

    Adolf Schlatter vertrat in seinem haarsträubenden Aufsatz “Die Sünde gegen den Heiligen Geist” die Auffassung, dass niemand solchen Menschen helfen könne. Sie müssten es abwarten und würden es dann nach ihrem Tod erfahren.

    Diese Ansicht, sehr buchstabentreu und “irgendwie” konsequent, ist, bei Licht besehen, pervers. Was bleibt denn da von der Verheißung übrig, dass Christus seine Jünger zur Freiheit befreit hat, wenn einige Gläubige ihr ganzes Leben lang grauenhafte Angst haben müssen, bloß weil sie sich an das, was sie früher gesagt haben, nicht mehr genau erinnern können? ( Details zu Schlatters Aufsatz siehe unter: https://www.matth2323.de/unvergebbare-suende/#dogma )

    Auch der Begriff einer “mutwilligen Sünde” im Hebräerbrief (Hebr 10,26) bleibt unklar und lässt bei vielen Gläubigen die Furcht entstehen, das Heil durch “eine Sünde zuviel” wieder zu verlieren. Um sich zu schützen, geraten manche in schlimmste Werkgerechtigkeit und Erbsenzählerei hinein. ( https://www.matth2323.de/gift-nr-7/ )

    Ein konkreter Anlass für diese Furcht kann beispielsweise eine Heirat trotz Ehelosigkeitsgelübdes sein oder eine Wiederheirat nach unverschuldeter Scheidung oder die Unfähigkeit zum materiellen Totalopfer oder die Verweigerung riskanter Missionstätigkeit ( Details zu den Beispielen siehe unter: https://www.matth2323.de/kompetenz-test/ ) oder auch nur die Unfähigkeit, mit Masturbation aufzuhören ( https://www.matth2323.de/gift-nr-1/ )

    Wieder leben Gläubige in ständiger Angst und werden sie nicht mehr los. Wie kann man ihnen helfen und sie überzeugen? Oder sollte der Gemeinde, die “als Leib leidet, wenn eins ihrer Glieder leidet” (1.Kor 12,26), auch diese Frage egal sein?

    Wer sorgfältig und verantwortlich denkt, wird den Einwand Luthers nicht so leicht vom Tisch wischen können. All diese Gläubigen leben sehr wohl in einem Widerspruch, in den sie Worte der Heiligen Schrift gebracht haben: einerseits die ständige Drohung und sklavische Furcht vor dem tötenden Buchstaben (2.Kor 3,17), andererseits die Verheißung der Liebe und Vergebung Jesu, die unversehens kraftlos im Raum steht.

    Wir haben leider feststellen müssen, dass evangelikale Seelsorge in diesem Konflikt gewöhnlich sehr schwach ist. Jedenfalls wurde uns bisher noch keine überzeugende Lösung auf der Basis eines buchstabenorientierten Bibelverständnisses (Chicago-Erklärung) präsentiert. Das heißt konkret, dass die betroffenen Gläubigen in der Gemeinde keine Hilfe bekommen, sondern ihre Seelenqual nur durch den Einsatz gesundheitsschädlicher Psychopharmaka lindern können.

    Wenn Sie, lieber Bruder, eine überzeugende Lösung wissen, lassen wir uns gerne eines Besseren belehren.

    Es ist einfacher, auf der Basis eines prioritätenorientierten Bibelverständnisses und der Annahme biblischer Aussage-Stile ( https://www.matth2323.de/resultate/ ) eine zweideutige Gottesvorstellung zu überwinden, neues Vertrauen und ein starkes Gegengewicht gegen die Angst zu bilden. ( https://www.matth2323.de/gift-nr-10/ ) Mit Hilfe der Aussage-Stile lässt sich auch ein destruktives Verständnis des Hebräerbriefes entschärfen. ( https://www.matth2323.de/spezielle-stile-der-bibel/ )

    Dieses positive Ergebnis sollte Gläubige eigentlich ermutigen, das bibeltreue “Update” ( https://www.matth2323.de/update/ ) kritisch zu diskutieren und zu prüfen. ( https://www.matth2323.de/modelle/ )

  2. Luther`s Verdienst, die Rechtfertigung allein aus Glauben aus dem Römerbrief, wiederentdeckt und gegen alle Anfeindung verteidigt zu haben, kann niemand schmälern.

    Dass Luther`s Bibelverständnis und Glaubenspraxis darüber hinaus aber durch die damalige Sichtweise des Katholizismus und Mönchtums geprägt war, ist hinlänglich bekannt und prägt noch heute den verfassten luth.-ref. Protestantismus. Eine Amtskirche vom biblisch-fundamentalen Evangelium leider weit entfernt. (Offb. 3,1-6 Sardes)

    Schade, wenn heute Gläubige Luther´s Sichtweise auf die Bibel kolportieren und dazu anregen, diese zu übernehmen. So etwas was muss man leider Lutherismus bzw. Protestantismus oder Reformkatholizismus nennen.

    Das Abkanzeln der zuvor zitierten Briefe, Hebräer, Jakobus, Judas und dazu die Offenbarung, zeigt nur, dass Luther nicht nur den historischen Katholizismus reformieren wollte, sondern auch seine eigene Meinung zur Bibel kundtat.

    – Der Hebräerbrief wurde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von Paulus geschrieben. Was aber eher unwichtig ist.

    – Der Jakobusbrief wurde von dem Bruder des Herrn, der kein Apostel war, geschrieben und lehrt, dass aufgrund der Annahme der Rechtfertigung allein aus Glauben (Stellung vor Gott) der daraus folgende Glaubensgehorsam sich in Glaubenswerken zeigt (Verantwortung des Bekenntnisses).

    – Der Judasbrief wurde von dem Bruder des Jakobus, des Bruders des Herrn, der kein Apostel war, geschrieben und ist weder eine Zitatensammlung noch eine Abschrift des 2. Petrusbriefes.

    – Die Offenbarung ist die Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gab und die er dem Apostel Johannes mittels eines Engels zeigte und die dieser niederschrieb, um den Knechten des Herrn zu zeigen, was bald geschehen muss. Ein Mahn- und Trostbuch für die Kirche. Dieses Bibelbuch wird in protestantischen Kreisen einem Scharlatan zugeschrieben, der sich für den Apostel Johannes ausgab.

    Diese vier Schriftstücke stehen in keinem Widerspruch zu den übrigen Schriften des AT und des NT und sind genauso vom Heiligen Geist inspiriert niedergeschrieben und deshalb kanonisch autorisiertes Wort Gottes.

    Eher ist zu beklagen, dass Luthers Bibelübersetzung einige, ebenfalls aus damaliger Sicht, irrige Übertragungen enthält, angeblich den Leuten aufs Maul geschaut, aber gegen besseres Wissen bis heute beibehalten. Zum Beispiel das Wort “Hölle”. Offb. 20,14: Die Hölle wird in die Hölle (feuriger Pfuhl) geworfen? Es gibt genauere Übersetzungen.

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