Spezielle Stile der Bibel

Die Bibel verwendet spezielle Darstellungsstile, die z.T. in unserem kulturellen Kontext unbekannt sind und deshalb nicht selten zu gravierenden Missverständnissen bei der Interpretation führen. Daneben gibt es auch zu heute üblichen Interpretationsregeln weitere wichtige Ausnahmen.

Insbesondere sind folgende Stile von Bedeutung:

der Finale Lehrsatz-Stil
der Fokussierungs-Stil
der Pauschal-Stil
der Perspektiv-Stil
der Vorschattungs-Stil

Ausnahme ist der No-Comment-Stil, der unserer Kultur nicht fremd ist.

 

Finaler Lehrsatzstil

Aussagen im finalen Lehrsatzstil sind Aussagen der Bibel, die in größter Nähe zu den Maßstäben Jesu stehen und daher größte Überzeugungskraft haben. Sie sind das eigentliche Fundament des Glaubens. Sie skizzieren einen widerspruchsfreien, einfachen und ermutigenden Weg zur Erlösung des Menschen aus seiner Heillosigkeit und Gottlosigkeit. Sie sind für das PRAKTISCHE Glaubensleben von so fundamentaler Bedeutung, dass ohne sie Christsein nicht möglich ist.

[zurück zum Anfang der Seite]

 

Fokussierungsstil

Es ist bekannt, dass biblische Textstellen mehrere Aufgaben zugleich erfüllen können. Je nach Aufgabe können dabei einzelne Textteile „abgeschaltet“, d.h. funktionslos werden (schöpfungsgemäßes Inspirationsmodell) Der Sinn ergibt sich dann nicht mehr zwingend aus dem Zusammenhang. Beispiel: Die Jünger erkennen Ps 69,9 („Denn der Eifer um dein Haus hat mich gefressen…„) als Prophetie auf Jesus. (Joh 2,17). Der ganze Psalm ist ein Hinweis auf den bitteren Leidensweg Jesu, der bald auf seinen triumphalen Einzug in Jerusalem folgen wird. Auch dass man ihn am Kreuz mit Essig tränken wird (Mt 27,34), ist hier prophezeit (Ps 69,21). Vers 4 passt nicht so gut: „Gott, du weißt meine Torheit, und meine Schuld ist dir nicht verborgen.“ Jesus hat in seinem ganzen Leben nicht töricht gehandelt. Allerdings „wurde er für uns zur Sünde gemacht“ (2.Kor 5,21) und hat auch damit die ganze Torheit des Menschen mit ans Kreuz genommen und dort gesühnt. Ab Vers 22 aber wird dieser Zusammenhang mit Jesus wieder aufgelöst: der Psalmist fängt an, seine Feinde zu verfluchen und ihnen zu wünschen, dass ihnen nicht vergeben wird (Verse 27 + 28). Jesus aber hat am Kreuz ausdrücklich um Vergebung für seine Feinde gebeten (Lk 23,34), so wie er es auch von seinen Jüngern erwartete: „Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.“ (Mt 5,44) Das wäre wahrlich eine unübertroffen starke Prophetie gewesen, auch diese Worte Jesu hier im alttestamentlichen Kontext zu finden! Doch ab Vers 22 spricht König David wieder ganz für sich selbst.

Eine Variante des Fokussierungsstils ist der biblische Pauschalstil.

Eine weitere Variante ist der biblische Erweiterungsstil. Aussagen in diesem Stil müsste man eigentlich die Worte voranstellen: „Andererseits wäre zu bedenken…“ Schrieb Paulus: „der Gläubige wird gerettet durch Glauben aus Gnade, nicht aufgrund von Werken, sodass sich niemand rühmen kann…“ (1.Eph 1 8-9) so sah Jakobus Gläubige vor sich, die darin die Erlaubnis zu hemmungslosem Egoismus sahen und ergänzte: „der Glaube ohne Werke ist tot.“ (Jak 2,26) Der Gläubige darf sich voll und ganz darauf verlassen, dass er sich das Heil nicht durch Werke verdienen muss. Paulus geht auf die Möglichkeit des Missbrauchs seiner Information nicht ein. Dieser Hinweis erfolgt durch Jakobus – ebenfalls durch eine fokussierende Aussage.

Der Erzähler hat die Freiheit, eine bestimmte Szene hervorzuheben. So berichtet Mk 15,32 , dass  Jesus anfangs von allen geschmäht wurde, sogar von den beiden mitgekreuzigten Verbrechern. Luk 23,43 berichtet dagegen, das einer der Mitgekreuzigten anderen Sinnes wurde und von Jesus die Verheißung empfing: “Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein.

Von einander abweichende Berichte bezüglich des Hähnekrähens nach der Verleugnung des Petrus (Mt 26,74-75 / Mk 14,72) oder der Anzahl der Frauen, die nach der Auferstehung zum Grab kamen (Mt 28:1 / Joh 20,1) und viele andere Beispiele dieser Art lassen sich mit unterschiedlicher Präzision der Berichterstattung begründen.

Lassen sich die Differenzen in den Aussendungsbefehlen für die zwölf Jünger überzeugend erklären? Nach Matthäus sollten sie nicht zwei Hemden und keine Schuhe und keinen Stab mitnehmen (Mt 10,10) Nach Markus sollten sie keine zwei Hemden mitnehmen, durften aber Schuhe anziehen und einen Stab mitnehmen. (Mk 6,9). Auch Lukas berichtet von einem Verbot der Schuhe. (Luk 22,35) Dächsel versucht das Verbot der Schuhe zu erklären, indem er es als Verbot von Ersatzschuhen interpretiert. [Anmerkung zu Mk 6.9] Doch dieser Gedanke lässt sich auf den Stab schwerlich anwenden: einen “Ersatz-Stab” mit sich herumzuschleppen, wäre äußerst unpraktisch und hinderlich. Ist es plausibel, wenn wir annehmen, dass der Sinn der Anweisungen irgendwie teilweise verloren gegangen ist? Wer beauftragt wird, eine Stadt nach der anderen zu Fuß aufzusuchen, um dort zu evangelisieren, muss lange Fusswege zurücklegen, und hier sind Schuhe und Stab nützliche Hilfsmittel. Anders bei dem Verbot der Tasche, des Geldbeutels, der Reservetextilien: es gehörte zum Auftrag, keine Vorsorge zu treffen, sondern ganz der Führung Gottes zu vertrauen. “Habt ihr je Mangel gehabt?” (Luk 22,35) Die Jünger erlebten während ihres Predigt- und Heilungsdienstes ihrerseits ein Versorgungswunder.  Stab und Schuhe gehören eigentlich in eine andere Kategorie. Deshalb haben die Erklärungsversuche von Dächsel  nicht die Überzeugungskraft, die wir uns wünschen. Fakt ist: die Gewissheit und Glaubwürdigkeit wird durch fragwürdige Erklärungen nicht verbessert. Die Vertreter eines buchstabenhörigen Bibelverständnisses, werden dennoch eisern daran festhalten, da ihr “Glaube” mit der Fehlerlosigkeit aller Bibeltexte steht und fällt. Wir können aber auch zu einer entkrampften, unvoreingenommenen und objektiveren Sicht der Fakten gelangen – auf der Basis eines prioritätenorientierten Bibelverständnisses. Hier haben wir die Freiheit, anzunehmen, dass wir hier die typischen Abweichungen in den Aussagen von Zeugen vor uns haben, die Gegenstände betreffen, die für nebensächlich gehalten wurden.

 

Pauschalstil

Die Bibel macht manchmal eine umfassende Feststellung, ohne explizit zu erwähnen, dass es auch eine Ausnahme zu dieser Feststellung gibt, die im betreffenden Zusammenhang als nebensächlich angesehen wird. Das ist der biblische “Pauschal-Stil”. Beispiele: „Der geistliche Mensch beurteilt ALLES“ (1.Kor 2,15). Ausnahmslos? Nein, denn Paulus nennt Gottes Plan mit Israel „unerforschlich“ (Rö 11,33) „NIEMAND kann Jesus den Herrn nennen, es sei denn durch den heiligen Geist“ (1.Kor 12,3). Wirklich niemand? „Es werden nicht alle, die Herr, Herr zu mir sagen, ins Himmelreich kommen“ (Mt 7,21). Von den Schriftgelehrten sagte Jesus: „ALLES nun, was sie euch sagen, dass ihr halten sollt, das haltet auch.“ (Mt 23,3) Die Pharisäer verlangten, sich die Hände zu waschen, und hielten sich auch selbst an das Gebot. (Mt 23,25) Jesus und seine Jünger hingegen hielten sich nicht daran. (Mt 15,2) Jesus sagte über ganz Jerusalem: „Deine Feinde (werden) … dich belagern und … und werden dich dem Erdboden gleichmachen … und KEINEN STEIN auf dem andern lassen in dir, weil du nicht erkannt hast, dass Gott dich in dieser Zeit besucht hat.“ (Lk 19,43-44). Keinen Stein? Eine ganze Mauer – die Klagemauer – blieb erhalten und dient bis zum heutigen Tag als beeindruckendes Denkmal. Die mosaischen Gottesdienstordnungen sollten für “EWIGE” (!) Zeiten gelten: ewiges Brennen des goldenen Leuchters (2 Mo 27,21), des Altarfeuers (3.Mo 6, 6), ewiges Priestertum Aarons (2 Mo 29,9), ewige Sabbatordnung (2 Mo 31,16). Wirklich ewig? Die Urgemeinde in Jerusalem hob diese Ordnungen in der Autorität des Heiligen Geistes auf – und ließ nur vier Ausnahmen bestehen. (Apg 15, 28 -29) Nach dem Hebräerbrief sind diese Ordnungen nur symbolische Hinweise auf die Heilsereignisse des Neuen Bundes und können, nachdem diese Ereignisse eingetreten sind, fortfallen (Hebr 8, 5 +7 / 10,1 + 18). Die geistliche Aussage dieser alttestamentlichen Gebote geht also nicht verloren, auch wenn sie selbst nicht mehr eingehalten werden müssen.

Der Pauschalstil ist der kürzeste Gegenbeweis für die Behauptung, dass die wortwörtliche Auslegung eine Ausnahme mit Sicherheit ausschließt.

Wenn Jesus nun seine Jünger schalt, „weil ihr Herz zu träge war, ALLES zu glauben, was die Propheten gesagt haben“ (Luk 24,25) so taugt auch hier das Wort „ALLES“ ebensowenig als Synonym für ausnahmslose für „100 %“. Es ist kein Beweis, dass Jesus sich ausnahmslos hinter 100% der biblischen Aussagen gestellt hat, wie es die Vertreter der Chicago-Erklärung gerne behaupten. Das ist nachweislich falsch, denn Jesus hat sich genauso wie Maleachi (Mal 2,13-16) von der mosaischen Scheidungsgesetzgebung distanziert (Mt 19,3-9).

Brauchbarer ist die Anahme, dass das Wort „ALLES“ an dieser Stelle ein Synonym für „BEIDES“ ist (“ignoriere nicht die andere Seite der Medaille”): Denn die Propheten kündigten beides an, nicht nur den Triumph sondern auch das Leiden des Messias. Die Jünger hatten an das Leiden nicht glauben wollen (Luk 18,34), den Triumph dagegen sehnlich erwartet.

Der Pauschalstil ist eine Variante des biblischen Fokussierungsstils.

[zurück zum Anfang der Seite]

 

Perspektiv-Stil

Der Perspektiv-Stil gibt einer Aussage hohe Bedeutung, indem sie unrealistisch auf zu viele oder zu wenige der denkbaren Adressaten bezogen wird. Es ist eine Form der Betonung. Die quantitative Deutung führt zu einem Missverständnis.

Positives Beispiel: „Wisset ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden ?“ (1.Kor 6,2) Paulus gesteht das Richteramt mit einem „wir“ großzügig allen Gläubigen zu. De facto werden es aber nur herausragende Gläubige sein können. Jesus wird niemand über den Splitter im Auge des anderen richten lassen, der selber einen Balken im Auge hat. (Mt 7,3) Paulus würde gerne alle seine Mitchristen zu dieser Würde erhoben sehen, deshalb muss er sie allen als erreichbar vorstellen.

Entsprechend kann nicht nur ein Wunsch, sondern auch eine Befürchtung im Perspektiv-Stil präsentiert werden.“Alle, die ein christliches Leben führen wollen, werden Verfolgung ertragen müssen.“ (2.Tim 3,12)  Alle? Wenn Christen die Orte meiden, wo sie verfolgt werden würden, so ist das legitim. „Betet für die Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in Frömmigkeit und Ehrbarkeit.“ (1.Tim 2,1-2)

Desgleichen wird der Perspektivstil auch hier verwendet: „…der Weg ist schmal, der zum Leben führt und nur wenige sind es, die ihn finden.“ (Mt 7,14) Diese Formulierung spornt den Hörer an, sich für den Weg mit Jesus zu entscheiden, selbst wenn niemand neben ihm es tut. Gottes Ruf ergeht immer an den Einzelnen. Daraus sollte man nicht voreilig schließen, dass die Mehrzahl der Menschen dem Verderben geweiht ist. (“Rabenschwarze Aussichten ?“)

Der Perspektiv-Stil wird bei geografischen Angaben verwendet. Die Apostelgeschichte nennt als Ort der Himmelfahrt den Ölberg (Apg 1,12), das Evangelium des Lukas dagegen das Gebiet von Bethanien (Luk 24,50). Beide Texte haben denselben Verfasser. Das Evangelium nennt Bethanien als Ort der Himmelfahrt, weil Jesus sich hier am liebsten aufhielt, und knüpft damit an das frühere Leben Jesu an. Die Apostelgeschichte ist ganz in die Zukunft gerichtet und nennt den Ölberg als Ort der zeitweiligen Entfernung der göttlichen Herrlichkeit von Jerusalem (Hes 11,23) und als Schauplatz der zukünftigen Entscheidungsschlacht (Sach 14,4). [vgl Anm. zu Luk 24,50 im Bibelwerk von August Dächsel]

Der Perspektiv-Stil wird auch bei zeitlichen Angaben verwendet: „Es ist dem Menschen ein Tag bestimmt, an dem er sterben muss – dann aber kommt das Gericht!“ (Hebr 9,27) Viele Gläubige schließen daraus, dass jeder Mensch, der sich zu Lebzeiten nicht für die Wahrheit und Liebe Jesu entschieden hat, nach seinem Tod rettungslos der Hölle verfallen ist. Ein fataler Fehlschluss!

Die Bibel sagt andernorts anderes: „Jesus hat als der Gerechte für die Ungerechten gelitten, um uns zu Gott zu bringen. Seinen Leib hat man getötet, sein Geist aber ließ ihn wieder lebendig werden. In der Kraft dieses Geistes ist er zu den Menschen gegangen, die (im Totenreich) eingeschlossen waren und hat ihnen die frohe Botschaft verkündet, (auch) denen, die vor langer Zeit gelebt und der Warnung nicht geglaubt haben, als Noah seine Arche baute und Gott geduldig mit der Strafe wartete.“ (1.Pet 3,18)

Im Totenreich wird also die frohe Botschaft verkündet. Auch im Totenreich lernen Menschen Jesus kennen, die ihn vorher nicht gekannt haben. Bis heute ist ein großer Teil der Weltbevölkerung in einer ähnlichen Lage. Man kennt Jesus nicht. Viele sind auch nur schlecht informiert. Viele haben nur ein sehr negatives Bild von Jesus gewonnen, das fragwürdiger Theologie zu verdanken ist. Auch diesen Menschen wird Jesus nach dem Tod noch einmal begegnen, so dass sie ihn persönlich kennenlernen können – als Freund, Tröster und Anwalt.  Jeder einzelne Mensch ist Gott wichtig. Auf jeden Menschen achtet Gott, selbst wenn er noch gar nicht geboren ist. (Ps 139) “Jesus …sah die große Volksmenge; und er fühlte tiefes Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie die Schafe, die keinen Hirten haben…” (Mk 6,34)

Dennoch fordert die Bibel auf, zu bedenken, dass dem Menschen eine Frist auf Erden bestimmt ist. Wenn das Leben nicht eines Tages sinnlos vergeudet sein soll, sollte er sich noch heute der Leitung Jesu unterstellen.

Ein weiteres Beispiel für einen zeitbezogenen Perspektiv-Stil: Das Sprachenwunder, von dem die Apostelgeschichte berichtet, wird als Erfüllung der Prophezeiung des Joel betrachtet: „Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch…“ (Apg 2,16-17) „Letzte Tage“ meint entgegen dem Wortlaut nicht das Weltende, sondern focussiert den „heilsgeschichtlichen Kulminationspunkt“, den Beginn des neuen Bundes auf der Grundlage des „ein für allemal gültigen“ (Hebr 9,26-28 / 10,12+14) Sühnopfers Jesu.

Der Hebräerbrief focussiert als Kulminationspunkt das Ende des irdischen Lebens und den Beginn der Ewigkeit. “Es ist dem Menschen bestimmt zu sterben, danach kommt das Gericht” (Hebr 9,27). “So gewiss wie Christus wurde ein für allemal geopfert wurde, um die Sünden vieler Menschen wegzunehmen, so gewiss wird er ohne Bezug zur Sünde erscheinen denen, die ihn und sein Heil erwarten.” (V.28) Für die, die sein Heil nicht erwarten, bleibt nur das „schreckliche Warten auf das Gericht“ so wie der reiche Mann, vor dessen Schwelle Lazarus lag, nach dem Tod in einer Art „Vorhölle“ aufwachte, in der er nutzlose Reue empfand. (Luk 16,19 ff.) Es macht Sinn, auch die übrigen Warnungen des Hebräerbriefes, die von Unglauben und Verstockung (3, 13 – 4,1), Abfall (6, 4 – 8), mutwilliger Sünde (10, 26 – 31) und dem unwiderruflichen Verlust des Erstgeburtsrechts (12, 15 – 21) sprechen, auf die Zeit nach dem Tode zu beziehen. Sie erwähnen keine genau definierten Verhaltensweisen, sondern warnen vor der Möglichkeit, dass das Herz des Gläubigen durch fortgesetzte Missachtung der heilsamen Ordnungen Gottes eines Tages vollständig und unumkehrbar verhärten kann und dass ihn in diesem Zustand der Tod überrascht. “Bleibt wachsam, denn ihr wisset weder Tag noch Stunde.” (Mt 24,42) Diese schlichte Tatsache ist der schmale Berührungspunkt mit den alttestamentlichen Geschichten, die vom Hebräerbrief als Gleichnisse gebraucht werden. Deshalb wird jeder Leser oder Hörer wiederum aufgefordert, sich „heute“ für den guten Weg zu entscheiden (Hebr 3,7), was keinen Sinn machen würde, wenn es weiter unklar bliebe, ob sein Heil nicht bereits „gestern“ irgendwo und irgendwie endgültig verloren gegangen wäre. Im Gegenteil: Alle gutwilligen Leser sind von der Möglichkeit der Verstockung ausdrücklich ausgenommen: „im Blick auf euch, ihr Lieben, sind wir eines besseren Schicksals gewiss, nämlich dass ihr dem Heil nahe seid“ (Hebr 6, 9). Der Verfasser des Hebräerbriefes ist „sich dessen gewiss„, dass er all den Lesern und Hörern hier und dort in der Diaspora, die er doch gar nicht persönlich kennt, „heute“ (Hebr 3,7) das Heil verkünden darf.

Die Nichtbeachtung des Perspektiv-Stils führt zu äußerst destruktiven Fehlschlüssen hinsichtlich des Themas „Hölle„!

[zurück zum Anfang der Seite]

 

Der Vorschattungs-Stil

Texte sowie Aussagen im Vorschattungsstil bereiten die Gläubigen auf ein wichtiges heilsgeschichtliches Ereignis vor, das viel später eintreffen wird. Um Fehlschlüsse bei der Interpretation zu vermeiden, sollte man beachten, dass es sich um einmalige, einzigartige Ereignisse handelt.

Seit Urzeiten haben Menschen der Gottheit Tieropfer oder gar Menschenopfer dargebracht, um durch die Hingabe des Kostbarsten, des Lebens, bei ihr Aufmerksamkeit und Gehör zu finden. Wenn Not und Verzweiflung überaus groß waren, war man bereit alles zu tun, um einen vermeintlich gleichgültigen Gott zur Hilfe zu bewegen.   So opferte z.B. der König der Moabiter seinen erstgeborenen Sohn, den Thronfolger, in äußerster Bedrängnis auf der Stadtmauer. (2.Kö 3,27).

Gott knüpfte an diese Vorstellungen an, als er Abraham befahl, ihm den Sohn, auf dessen Geburt er Jahrzehnte gewartet hatte, als Brandopfer darzubringen. Abraham gehorchte dem Befehl, suchte zusammen mit seinem Sohn eine Opferstätte auf, und legte ihn dort gefesselt auf den Altar. Als er mit dem Messer zustoßen wollte, hielt ihn Gott selbst davon ab und zeigte ihm einen Widder in der Nähe, den er statt seines Sohnes opfern konnte. (Gen 22)

Diese Geschichte half den Gläubigen bereits am Anfang der Glaubensgeschichte, sich von der damals üblichen Praxis des Menschenopfers zu distanzieren. Sie  konnte Menschen in diesem kulturellen Kontext in einer überzeugenden Weise die gute Nachricht übermitteln, dass Gott überhaupt keinen Wert auf Menschenopfer legt. Sie ist deshalb gerade das Gegenteil der Darstellung eines blutrünstigen Gottes.

Ähnlich ist der Opfertod Jesu zu sehen. Jesus ist nicht gestorben, “weil Gott so viel Wert auf Menschenopfer legt”. Jesus ist gestorben, weil Menschen erbarmungslos mit ihm waren und ihn zum Schweigen bringen wollten. Jesus hätte aufgrund seiner Lehren und seiner Kritik am frommen Establishment, die dessen bisher unangefochtene Autorität nachhaltig ruinierte, ohnehin nicht lange gelebt. Die Tatsache aber, dass er keine einzige Sünde begangen hatte (Joh 8:46), schuf die Möglichkeit, dass seine Hinrichtung stellvertretend erlitten wurde. Gott erkannte diesen Tod an, damit alle, die ihr Vertrauen auf Jesus setzten, hinfort frei von der Furcht vor Strafe leben konnten. (Hebr 2:15) Nicht einmal Mörder, die nach dem Gesetz die Todesstrafe verdient hatten (Lev 24,17), mussten im Fall ehrlicher Reue noch irgendeine Form göttlicher Rache oder Bestrafung fürchten.  

[zurück zum Anfang der Seite]

 

No-Comment-Stil

Mit “No-Comment” (“Kein Kommentar”) untertiteln Nachrichtensender Filmaufnahmen von oft schockierenden Ereignissen (z.B. in Krisengebieten), die ohne nachträgliche Vertonung gesendet werden. Es werden nur die Geräusche vor Ort aufgezeichnet. Dieser Filmstil verschafft dem Zuschauer den Eindruck, er befinde sich als Augenzeuge mitten in dem Geschehen. Der Zuschauer wird angeregt, sich selbst ein Bild zu machen, quasi den Kommentar und die Bewertung selbst beizusteuern.

Eben das ist offensichtlich die Funktion mancher Berichte in der Bibel, denen der Gläubige keine ethische Leitfunktion guten Gewissens zubilligen kann. Der Gläubige ist hier vielmehr aufgerufen, sich durch praktische Anwendung der Qualitätsmaßstäbe Jesu selbst ein Urteil zu bilden und sein Urteilsvermögen zu trainieren.

Aus der Tatsache, dass es Paulus im Brief an die Korinther wichtig war (1.Kor 7,10+12), zwischen ausdrücklicher Weisung Jesu und eigener Meinung zu unterscheiden, ergibt sich nicht zwingend die Pflicht aller anderen biblischen Autoren, Texte im “No-Comment-Stil” explizit als solche zu markieren. Völlig klar ist, dass Texte dieser Art keine ethische Orientierung liefern.

Werden sie als solche missverstanden, so werden die Qualitätsstandards Jesu, die doch höchste Priorität haben sollen, aufgeweicht. Dies zu tun, hieße Mücken zu sieben und Kamele zu verschlucken. (Mt 23,24) Kein Gläubiger ist verpflichtet, Schriftgelehrten, die dieses tun, zu folgen.

Typische Texte im No-Comment-Stil sind z.B. die Geschichte von Simei sowie der Bericht über die Rache der Gibeoniter, der im folgenden analysiert wird.

2.Sam 21 berichtet von einer Hungersnot, die – so heißt es im Text – durch eine theologisch begründete Bluttat Sauls verursacht wurde. Saul hatte etliche Gibeoniter ermorden lassen „in seinem Eifer für Israel und Juda“ (V.2). Josua hatte diesen Bewohnern des Landes Kanaan bei der Eroberung mit einem Eid zugesichert, dass sie am Leben bleiben sollten (Jos 9,15). Saul hielt sich nicht an diesen Eid – aus theologischen Gründen – denn der Eid war nur mit Hilfe eines Betruges zustande gekommen (Jos 9,11ff) Mit dem Einhalten von Eiden nahm es Saul sehr genau, wollte er doch seinen eigenen Sohn mit dem Tode bestrafen, als er – ohne es zu ahnen – gegen den Wortlaut seines Schwurs verstieß (1.Sam 14,24-28 / VV.37ff). Gott schien über diesen versehentlichen Verstoß ja auch zornig zu sein, denn „er antwortete Saul an diesem Tag nicht mehr“ (V.37). Saul nun hielt es für frömmer, die Gibeoniter nach­träglich auszurotten, obwohl sie Josua am Leben gelassen hatte. Ein Irrtum, den Gott mit einer drei Jahre dauernden Hungersnot im Lande bestraft haben soll.

Positiv ist hier zunächst zu sehen, dass ein lange zurückliegendes Verbrechen von Gott nicht vergessen worden ist. Zu Recht verlangt er, dass die Angelegenheit in Ordnung gebracht wird.

Doch wird sie in Ordnung gebracht? Die Gibeoniter forderten von König David, sieben Nachkommen Sauls herauszugeben, um diese zum Ausgleich hinzurichten. Zunächst vermutet der Leser, dass es sich bei den Getöteten um die Mörder gehandelt habe. In diesem Fall wäre die Hinrichtung die vom Gesetz vorgesehene Strafe.

Doch dann stößt der Leser auf eine Textstelle, die zutiefst schockiert, weil sie erkennen lässt, dass die Hinrichtung willkürlich war. Mephi­boseth (2.Sam 4,4), der nun aufgrund seiner Verkrüppelung im Alter von fünf (!) Jahren (2.Sam 4,4) sicherlich kein Soldat gewesen war und sich folglich auch keiner Mordtaten im Krieg schuldig gemacht haben kann, blieb nur deshalb verschont, weil er zufällig der Sohn Jonathans war (2.Sam 21,7)!

Diese Begründung beweist, dass keine Namensverwechslung mit dem zweiten Mephiboseth, der ein Sohn Sauls war (V.8), in Frage kommt.

Bei dem Todesurteil wurde nach persönlicher Schuld gar nicht gefragt. Die Opfer wurden willkürlich ausgewählt. Es handelte es hier um Sippenhaft! Nur durch glückliche Umstände blieb der verkrüppelte Mephiboseth am Leben. Bei den anderen wurde dieses willkürliche Urteil vollstreckt. Die Gibeoniter bekamen, was sie wollten und „hängten die Söhne Sauls auf dem Berge vor dem Herrn auf“ (2.Sam 21,9).

Lapidar heißt es am Ende der Geschichte „und danach wurde Gott dem Land wieder gnädig“ (2.Sam 21,14). Hat David tatsächlich mit dieser unsäglichen Rache an schuldlosen Menschen den heiligen Gott zufriedengestellt?

Eine archaische, gruselige Geschichte, deren Sinn nur schwer zu verstehen ist ! Wie das Buch Josua berichtet, sollten die Gibeoniter eigentlich ausgerottet werden. Sie entgingen der Vernichtung, weil sie die Israeliten mit einem Betrug zu einem Eid verleiteten, sie zu verschonen. (Jos 9) Saul hat diesen Eid nicht anerkannt und wollte den ursprünglichen Willen Gottes ausführen. Damit ist er weitaus konsequenter als König Saul. der diesen Befehl nur halbherzig ausführte und deshalb sein Königtum verlor. (1.Sam 15)

Wegen diesem Schutzeid, den Saul nicht respektierte, wollte nun Gott, dass alle seine Söhne ihr Leben verlieren ? Das ist schwer zu glauben.

Denn David respektierte selbst den Schutzeid nicht, den er – in einem Augenblick der Selbsterkenntnis (2.Sam 16,10) – dem Simei gegeben hatte. Auf dem Sterbebett (!) beauftragte David in größter Seelen­ruhe seinen Sohn Salomo mit der Ermordung Simeis (2.Sam 19,22-24). Er hatte die Beschimpfung Simeis nie vergessen und vergeben. Aus der Sicht Jesu begeht David damit dieselbe unverzeihliche Sünde, deren sich der „Schalks­knecht“ schuldig gemacht hatte (Mt 18,23ff).

Wieder wird ein Schutzeid verletzt, der beim heiligen Gott geschworen wurde ! Warum kommt jetzt keine Hungersnot oder andere Katastrophe, die nur durch die Hinrichtung der Söhne Salomos zu beenden ist ? Warum geschieht hier keine Sippenhaft ?

Der sorgfältige Bibelleser weiß, dass Sippenhaft in jedem Fall gottlos ist. Sippenhaft ist selbst wieder ein Verbrechen, das im Wider­spruch zum heiligen Gottesgesetz steht. Denn dort heißt es unmissverständlich: “Eltern sollen nicht für die Verbrechen ihrer Kinder hingerichtet werden und Kinder nicht für die Schuld ihrer Eltern. Jeder soll nur für seine eigenen Sünde bestraft werden.” (5.Mo 24,16).

Dieses Gebot darf man als ein Versprechen Gottes sehen, dass allen Kindern der Israeliten gegeben wurde. Gleichgültig wie schwer sich Vater oder Mutter versündigt hatten, jedes Kind hatte das Recht, nicht für die Schuld ihrer Eltern zu büßen.

Das ist das Verstörende an dieser Geschichte: wenn Gott den Gibeoniter das Recht zugestanden hatte, an den Kindern Rache zu nehmen, so heißt das: dass ein wichtiges Schutzgesetz willkürlich aufgehoben werden kann. Woher soll der Leser dann wissen, dass Gott nicht auch andere Zusagen willkürlich und beliebig aufheben kann.

Woher soll er das wissen ?

Das ist die verstörende Schlussfolgerung aus dieser Geschichte.

Gehen wir umgekehrt davon aus, dass Gott seine im Gesetz verbrieften Zusagen niemals aufheben wird, sondern dass sie zuverlässig und ausnahmslos gültig sind, dann kann Gott diesen Sippenhaftbefehl nicht gegeben haben.

Auch hier sind wir wie bei der Unterscheidung von vorläufigen und letztgültigen Aussagen mit der Frage konfrontiert: „Muss man alles in der Bibel glauben ?“

Für den, der glauben möchte, dass jeder Satz der Bibel in einem endgültigen Lehrsatz-Stil geschrieben ist, ein unlösbares Dilemma ! Wie soll er Gläubigen, die aufgrund dieser Geschichte Angst bekommen, dass Gott seine Zusagen möglicherweise nicht einhält, Orientierung geben ?

Die Tatsache, dass auf diese Weise die Zuverlässigkeit der Bibel bestätigt ist, ist nur ein theoretischer Gewinn. Der Gläubige, der Angst bekommt, wird zwar nicht an der Bibel, dafür aber an Gott zweifeln.

Dies führt uns zum Umkehrschluss: es gibt Sätze und Textpasssagen, die nicht im endgültigen Lehrsatz-Stil geschrieben sind. Anders können wir den Text nicht aufschließen. Es hat Gott gefallen, hier ein Stück „Hofberichterstattung“ in die Bibel aufzunehmen.

Warum sollte das nicht “zulässig” sein? Es gibt wie gesagt Fernsehsender, die Filme aus Krisengebieten senden mit dem Untertitel „No comment„. Es gibt keine Kommentierung des Reporters, man hört stattdessen den Life-Sound: Strassengeräusche, Gesprächsfetzen, und Meinungsäußerungen von einzelnen Personen, die die Kamera ins Visier nimmt.

Wir haben es bei der Gibeonitergeschichte mit einer Meinungsäußerung zu tun, mit einer (von politischen Interessen geformten) Schilderung der Begebenheiten aus der Sicht und nach dem Wunsch Davids. Parallel sehen wir im Neuen Testament, dass auch Paulus seine Meinung kundtun durfte. (1.Kor 7).

Es gibt keinen Beweis dafür, dass Gott nicht gestattet ist, Hofberichterstattung oder Meinungsäußerungen in sein Heiliges Wort aufzunehmen. Dadurch wird das, was im endgültigen Lehrsatz-Stil gesagt wurde, nicht unzuverlässig.

Wenn den Gläubigen beim Lesen das ungute Gefühl beschleicht, dass in der Gibeoniter-Geschichte der Wurm steckt, so macht das Sinn. Der Leser ist gezwungen, den tatsächlichen Sachverhalt zu rekonstruieren. Dazu muss er auf feinste Unstimmigkeiten achten und seine Maßstäbe immer wieder neu ausrichten mit Hilfe von Aussagen, die im endgültigen Lehrsatz-Stil verfasst und absolut zuverlässig sind.

Das ist richtige Detektivarbeit. Sie schult das Urteilsvermögen ungemein ! Das ist das Interesse Gottes an dieser Geschichte. Seine Gläubigen sollen lernen, nicht auf alles und jeden hereinzufallen.

Sehen wir doch einmal genau hin!

Auffällig ist, dass Gott zunächst David präzise über die Ursache der Hungersnot informiert haben soll: der Grund seien Sauls militärische Maßnahmen gegen die Gibeoniter (V.1). Als es nun aber um die Fest­legung der angemessenen Sühne dafür ging, schwieg sich Gott urplötzlich aus. Offenbar wurde er zu diesem wichtigen Punkt erst gar nicht befragt. Dabei ist er doch in erster Linie der, der zufriedengestellt werden muss. Er ist derjenige, der genauestens in seinem Gesetz vorgeschrieben hatte, bei welchem Vergehen welche Sühnehandlung angemessen war (vgl 3.Mo 5)!

Statt­ dessen befragte David die Gibeoniter! Theologische Ignoranten! Warum sollten nun gerade diese Leute, die dem jüdischen Glauben distanziert gegenüber standen und sich deshalb auch Sauls fromme Aggression zugezogen hatten, über theologische Einsicht verfügen und etwas wissen, was David selbst nicht wusste?

Die Siebenzahl der Hingerichteten kann als Versuch verstanden werden, die fragwürdige Aktion mit frommer Symbolik als Gott wohlgefälliges Werk zu deklarieren.

Doch das, was die Gibeoniter als Sühne vorschlugen, war kein Gott wohlgefälliges Werk, keine wirksame Sühnehandlung, sondern ein schweres Verbrechen gegen ein wichtiges Schutzgesetz. David wusste genau Bescheid.

Nach der Hinrichtung blieben die Leichen noch tagelang am Galgen hängen, was ebenfalls im deutlichen Widersprung zum Gesetz stand (5.Mo 21,22-23). Manche Ausleger – wie z.B. Keil/Delitzsch – sind der Ansicht, dass auf diese Weise die Entsühnung des Landes aller Welt vor Augen geführt werden sollte .

Da ist zu fragen: woher stammt die Information, dass das nötig und erlaubt war? Hat sich Gott hierzu doch wieder geäußert, nachdem er zur Form der Sühne geschwiegen hatte ?

Wahrscheinlich ist jedenfalls, dass David selbst Soldaten unter den Galgen postiert hat, die die Beerdigung verhindern sollten. Andernfalls hätten die Anhänger der Familie Sauls die Gehenkten noch am selben Abend abgenommen und der schändlichen Schaustellung ein Ende gemacht. Für die Frau, die bei den Galgen blieb und Tiere und Vögel abwehrte (V.10), hatten die Soldaten keine Anweisungen. Sie duldeten es also und berichteten es später David. Der ließ daraufhin – eine “groß­zügige” Geste – die Überreste bestatten (V. 13-14).

Lässt man das „Fromme“ an dieser Geschichte weg, so bleibt das nackte Faktum stehen, dass David zielstrebig seine politischen Konkurrenten aus dem Hause Saul beseitigte. Die öffentliche Aufhängung sollte auch dem letzten Sympathisanten der Saul’schen Sippe vor Augen führen, dass von dieser Königsfamilie nichts mehr zu erwarten war.

Irgendwas stimmt in dem Bericht von David nicht. Wie es tatsächlich gewesen ist, hat uns der Autor der Bibel nicht verraten. Der Gläubige soll selber – so gut er kann – mit Hilfe biblischer Maßstäbe “ermitteln”, d.h. Tatsachen von Behauptung und Recht von Unrecht unterscheiden. Was “ermittelt” und erarbeitet werden muss, darf nicht von vornherein bekannt sein! Wäre alles klar, dann bräuchte der Leser nur noch zuzustimmen. Was wäre damit pädagogisch gewonnen? Genauso viel, als wenn – wie bereits gesagt – ein Lehrer vor der Klassenarbeit einen Zettel mit den fertigen Lösungen austeilen würde!

Der Gläubige kann an solchen Texten seine Urteilskraft schärfen. Er kann sich damit keine völlige Gewissheit, wie es in diesem Fall tatsächlich gewesen ist, erarbeiten. Denn es können keine lebenden Zeugen mehr befragt werden. Er wird also nur zum Ergebnis einer gut oder weniger gut begründeten Vermutung gelangen. Nicht die Wiederherstellung eines 100% genauen historischen Textes ist der Zweck der Übung, sondern die Verbesserung der Urteilskraft!

Die Bibel ist nun einmal kein Auskunftsbüro. Sie hat einen klaren pädagogischen Auftrag, der in knappem Zeitrahmen effizient zu bewältigen ist.

Im folgenden nun der Versuch einer “kriminalistischen” Rekonstruktion der Ereignisse:

Um das Volk der Gibeoniter zu dezimieren, hat Saul natürlich Truppen eingesetzt. Diese Israeliten aber waren genauso schuldig wie Saul, da sie ja alle den Eid kannten, auf den Josua sein ganzes Volk verpflichtet hatte (Jos 9,26).

Warum verzichteten die Gibeoniter darauf (2.Sam 21,4), diese Leute zur Rechen­schaft zu ziehen? Wahr­ scheinlich waren es zu viele, die an dem Feldzug teilgenommen hatten, sodass ihre Bestra fung, zu der David nach dem Gesetz verpflichtet gewesen wäre (4.Mo 35,31), politisch nicht durchsetzbar war. Und der Anstifter des Massakers – Saul – konnte nicht mehr bestraft werden, denn er war im Kampf gegen die Philister bereits gefallen (1.Sam 31,5).

War aber das im Gesetz dringend Gebotene – Blutschuld nur mit der Hinrichtung des Täters zu sühnen (4.Mo 35,31) – nicht durchsetzbar, dann hätte er zumindest auf die gebräuchliche Alternative zurückgreifen müssen, nämlich zur Zahlung eines Sühnegeldes. Daran ändert nichts, dass die Sühnung einer Blutschuld mit Geld in der genannten Bibelstelle ausdrücklich verboten wird. Blutschuld mit Mord zu sühnen, wäre das weitaus größere Übel. Dadurch wäre das Land ja erneut verunreinigt.

In diesem Konflikt kann sich ein Gott gehorsamer Mensch nur für die weniger schlimme Variante entscheiden. Ähnliche Beispiele: Im Alten Testament werden Gläubige für eine Notlüge belohnt, mit der sie Verfolgte geschützt haben (2.Mo 1,19-21 ). Für Jesus war es keine Frage, dass das sehr strenge Sabbatgebot (Todesstrafe! (2.Mo 31,15) gebrochen werden darf, um jemandem in seiner Not zu helfen (Mk 3,4 ) Seine Worte legen sogar nahe, dass nichts dagegen einzu­ wenden ist, wenn man am Sabbat einem Schaf, das in den Brunnen gefallen war, heraushilft (Mt 12,11).

Deshalb kommt also auch für die Gibeoniter nur ein finanzieller Aus­gleich in Frage. Einst waren die Gibeoniter zur Strafe für den durch Täuschung erschlichenen Eid zu ewigem Sklavendienst verpflichtet worden (Jos 9,23). Da Saul diesen Eid gebrochen hatte, hätte David den betreffenden Familien die Befreiung vom Sklavendienst anbieten können. Darüber hinaus wäre es angemessen gewesen, Steuerfreiheit oder Steuer­ermäßigung (vgl. 1.Sam 17,25) zum Ausgleich des Verlustes an Arbeitskraft zu gewähren.

Die Gibeoniter mögen ja als echte Heiden so von Unversöhnlichkeit erfüllt gewesen sein, dass sie die Blutrache einer großzügigen finanziellen Entschädigung vorzogen! Vielleicht hätten sie sich aber auch nach einigem Hin- und Her von dem langfristigen Vorteil der unblutigen und bibelgemäßen Lösung überzeugen lassen. Doch wollte David sie über zeugen?

David will glaubhaft machen, dass ihm keine andere Lösung als die im Gesetz verbotene Sippenhaft zur Verfügung stand, dass er keine andere Wahl hatte, als dazu schweren Herzens seine Zustimmung zu geben. Solange die Gibeoniter nicht einen Segen über Israel ausgesprochen hätten, wäre das Land weiter verflucht (V.3). So stellt es sein Bericht dar. Muss der Bibelleser das glauben?

Einst hatten die Moabiter den Propheten Bileam gebeten, Israel für sie zu verfluchen. Das Ergebnis dieser Bemühung war die Erkenntnis, dass Israel unter dem Schutz Gottes steht und nicht verflucht werden kann: “Gesegnet sei, wer dich segnet, und verflucht, wer dich verflucht!” (4.Mo 24,9). Was hätte da der Fluch der Gibeoniter bewirken können? Sie sind ja weiter gottlose Heiden geblieben – und deswegen ja auch von Saul verfolgt worden.

Somit existiert der von David präsentierte tragische Entscheidungszwang überhaupt nicht. Hier werden nur abergläubische Klischees bemüht. Es mag sogar sein, dass er die Gibeoniter lange Zeit mit scheinheiligen theologischen Bedenken hingehalten hat, die dann soviel Hass und Rachsucht wiederaufflammen ließen, dass die Gibeoniter zu guter Letzt selbst nichts mehr von einer finanziellen Lösung wissen wollten. Für David, der dieses Ergebnis von vorherein angestrebt hat, war es erstens billiger. Zweitens war ihm sehr daran gelegen, den langen Kampf (2.Sam 3,1) zwischen ihm und den Anhängern Sauls baldmöglichst zum Ende zu bringen – notfalls auch mit einem fromm getarnten Justizmord.

Eins ist jedenfalls sicher: wenn David tatsächlich so gehandelt hat, wie berichtet wurde, dann ist bei ihm – genauso wie bei seinem Sohn Salomo – ab einem gewissen Zeitpunkt offen­ sichtlich eine nicht mehr korrigierbare charakterliche Degeneration festzustellen (offiziell wird das aller­dings bestritten: 1.Kö 15,5). Möglicherweise ist es seit Ehebruch und Auftragsmord (2.Sam 11,1ff) mit ihm weiter bergab gegangen. Er hat sein Tun zwar bereut (1.Sam 11,13), und auch Gewissensnöte deswegen empfunden (Ps 51), aber solche Reue kann – besonders bei charakterlicher Abstumpfung – leicht in einem selbstmitleidigen Vorstadium stecken­ bleiben.

Einst hatte David König Saul zweimal verschont, obwohl ihn Saul töten wollte (1.Sam 24/ 26). Hier ist aber einzuwenden, dass es für seine Milde einen ganz wichtigen strategischen Grund gab: David fürchtete Königsmord (2.Sam 1,14-16). Die Stabilität der Monarchie wäre schon in ihrem Anfang gefährdet gewesen, wenn er gleich mit der Ermordung des ersten Königs Israels einen üblen Präzedenzfall geschaffen hätte. Das hätte den Glanz seiner gött­ lichen Erwählung, die der alte Samuel vor aller Augen mit einer Salbung symbolisiert hatte (1.Sam 16,13a), beschmutzt und entwertet. Auf die Legitimation „von Gottes Gnaden“ wollte und konnte David nicht verzichten, zumal große Teile des Volkes zu Saul hielten (2.Sam 2). Das ist der Grund, warum er auch alle, die in eigener Regie einen Nachkommen Sauls töteten, hinrichten ließ (2.Sam 4). Ja, er ließ sogar – eine große dramatische Geste – den Mann töten, der ihm berichtete, dass er Saul auf dessen eigenen Wunsch getötet hatte (1.Sam 1,14). Diese Art „Feindesliebe“ ist publikumswirksame “Öffentlichkeitsarbeit!” Nur den Gibeonitern erlaubte David den Mord – dann aber gleich siebenfach.

In vielen Gemeinden gilt David bis heute als das Vorzeige­ beispiel für praktizierte Feindesliebe. Saul hat es damals – den sicheren Tod vor Augen – so empfunden (1.Sam 24,17).

Wer sich mit der gesamten Davidsgeschichte näher befasst, kommt zu einem anderen Urteil. Normalen Mitbürgern wurde die berichtete Großzügigkeit nämlich nicht zuteil. Nachdem ihm Nabal Unter­stützung versagt hatte, schwor David, “nichts Männliches [!] in seiner Familie am Leben zu lassen” (1.Sam 25,22). Hier hätten alle blutig mitbüßen müssen – Verwandte, Kinder und Knechte! Alles Menschen, die die Entscheidung des Nabal gar nicht zu verantworten hatten. Nabal hatte ja nicht einmal auf die Warnung seiner eigenen Frau gehört. Dennoch hätte David seinen grauenhaften Schwur zweifelsohne wahrgemacht, wenn ihn Abigail nicht rechtzeitig ange­troffen hätte (V.34!). Nur der Zufall hat sie gerettet!

Warum auch nicht? “Nabal” ist das hebräische Wort für “Narr”. Nabal war eine Null, seine Leute waren folglich auch Nullen: nach ihnen hätte kein Hahn gekräht. Dass David leichtfertig und gerne Blut vergoss, war später der Grund, dass er für den Tempelbau nicht in Frage kam (1.Chr 22,8!). Die Chronik berichtet hierin objektiver als Salomo, der den Verzicht Davids damit begründet, dass die mit Davids Kriegen verbundene Unsicherheit den Tempelbau verhindert habe (1.Kö 5,17).

Erleidet die Glaubwürdigkeit der Psalmen dadurch Schaden? Die Psalmen Davids zeigen geistliche Kraft. Wenn er die Kreuzigung Jesu prophetisch beschreibt (Ps 22), haben wir es mit endgültigem, zuverlässigen Lehrsatz-Stil zu tun. Im alten Testament wird offensichtlich geistliche Kraft unter anderen Bedingungen verliehen als im Neuen Testament. Ein Jünger Jesu muss sich vom Bösen distanzieren, um mit Gottes Geist erfüllt zu werden. Bei Simson sehen wir, dass er weiter über die Kraft des Heiligen Geistes verfügen konnte, obwohl er sich entgegen dem ausdrücklichen Gebot Gottes und seiner Eltern mit Huren und heidnischen Frauen einließ. (Ri 16) Gleichwohl wird auch vom im Alten Testament vom Verlust der Kraft Gottes infolge von Sünde berichtet. (Bericht von Achan in Jos 7).

 

[zurück zum Anfang der Seite]

Artikel aktualisiert am 07.11.2018

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.