Gift Nr. 10

10. Behauptung: “Wer nicht jede Gelegenheit nutzt, seine Mitmenschen zu missionieren, trägt Mitschuld daran, wenn sie in die Hölle kommen und wird dafür angemessen von Gott bestraft.”

Diese Sichtweise beruft sich auf Hes 33,8-9: “Wenn ich nun zu dem gottlos lebenden Menschen sage: Du wirst dafür mit dem Tod bestraft werden! und du sagst ihm solches nicht, sodass der Gottlose nicht gewarnt wird, so wird zwar der Gottlose für seine Gottlosigkeit mit dem Tode bestraft; aber ich werde dich dafür zur Rechenschaft ziehen. Warnst du aber den Gottlosen, damit er sich ändern kann, und er hört nicht auf dich, so wird er mit dem Tode bestraft. Du aber hast dein Leben gerettet.”

Gläubige mit seelischer Erpressung zum Missionieren motivieren: ein verheerender Irrweg! Da sitzt man zusammen in einem Eisenbahnabteil. Muss man jetzt bis zur Ankunft des Zuges ein Glaubensgespräch geführt haben? Muss man starke Schuldgefühle haben, wenn es zu keinem Gespräch gekommen ist? Wie schrecklich kann doch der Alltag mit diesem quälenden seelischen Dilemma belastet werden! Mancher ist bald gar nicht mehr in der Lage, eine harmlose Freundschaft mit jemandem, der nicht zur Gemeinde gehört, anzuknüpfen – immer steht diese Drohung im Hintergrund.

Und selbst wenn ein Gespräch zustandekommt: wie nahe liegt hier doch die Gefahr, dass eine Theologie der Selbstgerechtigkeit ahnungslos weitergegeben wird, dass man “Zeugnis ablegt”, um sich selbst zu retten oder um Punkte auf der Himmelsbank zu sammeln! Das ist unaufrichtig und unfair! Der, dem Zeugnis gegeben wird, weiß nichts von dem psychischen Druck, unter dem der Zeuge zeit seines Lebens steht und soll es auch möglichst nicht erfahren.

Und was wird erreicht ? Vielleicht bewegt eine Illusion von Glück den missionierten Menschen, sich für Religiöses zu interessieren. Es dauert eine Weile, bis bei ihm unversehens ebenfalls die Gewissensfalle zuschnappt und er für immer in der religiösen Zwangsjacke steckt. Soll er jetzt tiefe Dankbarkeit empfinden ? Oder wird er sich eher als “Objekt” religiöser Erfolgssucht sehen ? Entsteht so echte, tiefe Freundschaft ?

An den “Früchten“, an der Qualität der Ergebnisse “kann man viel erkennen” (Mt 7,16), sofern man bereit ist, über diese Qualität nachzudenken. Die “Pharisäer und Schriftgelehrten” waren zweifellos sehr eifrig im Missionieren. Waren sie damit auch der an Hesekiel ergangenen Warnung gehorsam ? Jesus sagte von ihnen, dass sie “weit über Land und Wasser fahren, um Menschen zu Glaubensgenossen zu machen. Tatsächlich machen sie aber aus Menschen Anwärtern auf die Hölle, die es doppelt so schlimm treiben wie sie selbst.” (Mt 23,15).

Offensichtlich hatten sie Erfolge vorzuweisen: rein quantitativ! Das zeigt uns:

Ein ehrliches Zeugnis kann nicht erzwungen werden!

Hes 33,8-9 und Apg. 20,26-28 scheinen dem zu widersprechen. Der Widerspruch entsteht aber nur dadurch, dass die besondere Berufung von Hesekiel und Paulus nicht angemessen wahrgenommen wird. Beide “standen mit einem Bein im Himmel”, sahen in großartigen Visionen die unsichtbare Welt (Hes 1,4 ff / 2.Kor 12,1). Damit verloren auch die irdischen Zwänge viel von ihrer Bedeutung. Paulus konnte es gar nicht erwarten, endlich zu sterben und bei seinem Herrn zu leben (Phil 1,23). Vom Auftrag des Paulus hing das Schicksal der gesamten christlichen Gemeinde ab! In seiner Hand lag es, ob die Botschaft von Jesus nach Ablehnung durch die Juden nunmehr die Nichtjuden erreichte. An diese große Verantwortung hat ihn Gott erinnert. (Apg 9,15-16) Er konnte es tun, ohne dass die Qualität der Botschaft darunter litt. Zwischen beiden Verkündern gibt es eine Parallele: Paulus arbeitete in erster Linie außerhalb Palästinas. Hesekiel war der erste Prophet, der außerhalb des heiligen Landes berufen wurde und dort verkündete.

Wer dieses einzigartige Programm wahllos jedem Gläubigen aufzwingt, der muss die Tatsache leugnen, dass als eindrücklichstes Erlebnis gar nichts Einzigartiges, weder der Blick in Gottes Herrlichkeit, noch eine besondere Berufung und Begabung, sondern nur Primitivität und Frustration, nur ständig schlechtes Gewissen und seltsame seelische Verformung zurückbleibt.

Um über seinen Glauben froh berichten zu können, darf der Gläubige keinem Zwang ausgesetzt sein. Ein glaubwürdiges Zeugnis wird immer im Einklang mit den Qualitätsstandards Jesu, d.h. im Einklang mit Barmherzigkeit, Fairness und Verlässlichkeit sein.

Gott kann manchmal auch Kinder und Jugendliche zum Zeugnis gebrauchen! Gläubige dazu zu zwingen, indem man ihnen ein schlechtes Gewissen macht, ist religiöser Missbrauch!

Nicht nur der Zwang ist bei der Mission problematisch. Mit der Bemühung, junge Menschen für die Missionierung zu begeistern, ist immer auch die Möglichkeit verbunden, dass sie zu einem unreifen, überheblichen Elitebewusstsein verführt werden.

Es ist nachvollziehbar, dass solche jungen Menschen, die sich gedankenlos und ganz automatisch an ihrer Arbeitsstelle als den Nichtchristen, den “Ungehorsamen” und “Gottlosen” in irgendeiner Weise überlegen betrachten, oder ihren Mitmenschen zumindest so erscheinen, sehr schnell die massive und unumkehrbare Ablehnung ihres sozialen Umfeldes provozieren können. Hohe psychische Belastung, frühzeitiger Burnout und eine sinnlos deprimierende Berufslaufbahn kann die Folge sein.

Deswegen verletzt ein Gemeindelehrer seine Fürsorgepflicht, wenn er junge Menschen  vorschnell in die Missionsaufgabe hineinlotst. Auch wenn sie gerne mitmachen, ist nicht garantiert, dass sie sich nicht selbst damit schaden. Es braucht viel Zeit, die Fähigkeit zu strenger Selbstkritik und eine entschiedene Abneigung gegenüber jeder Form von frommem Selbstbetrug  und Nachplapperei auszubilden und so viel Lebenserfahrung zu gewinnen, dass man im unbekehrten Nächsten keinen Geringeren, nicht das Missionsobjekt oder die Missionstrophäe sieht, sondern jemand, dem man viel mehr Respekt schuldet als sich selbst.

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Artikel aktualisiert am 26.05.2019

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