Anfechtung

Was kann das Vertrauen gläubiger Menschen am meisten verunsichern?

Problematisch sind selten die Defizite, die die liberale theologische Wissenschaft meint gefunden zu haben. Die Wissenschaft ist nicht unfehlbar.

Viel problematischer für den Glauben sind vielmehr selten vorkommende Aussagen in der Bibel, die das Glaubensgebet (so wie es Bonhoeffer formulierte) relativieren bzw gar unmöglich machen – wenn sie als richtig und unfehlbar gelten sollen. Destruktive Aussagen, die nahelegen, dass Gott mit dem Bösesten eben nicht fertig wird. Dass deshalb die Zukunft auch des bemühten Gläubigen höchst unsicher ist. Dass man aus bestimmten Fehlern, Irrtümern, Bösartigkeiten nichts lernen kann und darf. Und dass Gott Aufrichtigkeit und verantwortbare Gewissensentscheidung manchmal eben doch völlig gleichgültig ist. Dieses Fazit bedeutet im schlimmsten Fall den völligen Verlust des Glaubens!

Dass dieses möglich ist, wird von gewissen Theologen mit päpstlichem Selbstverständnis gerne bestritten. Dabei haben wir in Martin Luther einen wichtigen Kronzeugen für diese Tatsache. Ihm machte besonders der Heräerbrief, der Gläubigen mit der unvergebbaren Sünde drohte, solche Not, dass er sich entschloss, den Hebräerbrief als apokryphe (nicht inspirierte bzw nur teilweise inspirierte) Schrift abzuwerten. Ohne diese rabiate Maßnahme hätte er wohl keinen Frieden gefunden. Indes: in evangelikalen Gemeinden ist dieser Lösungsweg in der Regel nicht bekannt. Ihn zu erwähnen, ist tabu.

Was sonst hat dann eine Theologie, die problematische Aussagen traditionsgemäß als “irrtumslos” und “vollkommen” aufwertet, gläubigen Menschen, Hilfreiches anzubieten, falls diese dadurch in große seelische Not geraten?

Ist es nicht so? Im besten Falle werden gutgemeinte Behauptungen, die sich nicht beweisen lassen,  oder Verheißungen, deren Gültigkeit für den Betroffenen sich allenfalls behaupten lässt, unablässig wiederholt – in der Hoffnung damit schlüssige und naheliegende Befürchtungen “überschreiben” zu können. Dass dieses oberflächliche, primitive Verfahren die Not allenfalls nur kurzfristig dämpfen kann, leuchtet ein. Es appelliert an die Fähigkeit des Menschen zur Verdrängung und zum Optimismus. Bei Menschen, die aufgrund ihrer Biografie nicht optimistisch sein können, muss es versagen. In vielen Gemeinden werden problematische Aussagen daher möglichst gar nicht erst angesprochen und schon gar nicht umfassend untersucht.

Das Ergebnis dieser Ignoranz: manche Menschen werden permanent seelisch krank, sie vergeuden möglicherweise ihr ganzes Leben mit Depression.

In Gesprächen mit führenden Vertretern der Ev.Allianz wurde bisweilen rundweg bestritten, dass solche Nöte überhaupt existierten.

Was hat dieses Niveau noch mit dem Geist Jesu zu tun? Sagt nicht die Bibel über die christliche Gemeinschaft:”Wenn ein Mitglied leidet, so leiden die anderen mit!” Viele etablierten Vertreter des evangelikalen Christentums sind weit entfernt davon. Man überlässt die Geschädigten regelmäßig sich selbst.

Es ist eigentlich ein Skandal , wenn Menschen mit ihrer seelischen Gesundheit für den theologischen Starrsinn in evangelikalen Gemeinden bezahlen müssen. Dabei könnten sie und ihre erheblich geschädigten Familien in kürzester Zeit wieder auf den Weg der Gesundung gebracht werden: es steht ein bewährtes und äußerst effizientes Entgiftungsverfahren zur Verfügung, das die Prioritäten Jesu viel sorgfältiger berücksichtigt als dilettantische buchstabenhörige Theologie.

Auf dieser Webseite tun wir das. Dabei bekommt die herkömmlich bibeltreue Sicht notwendigerweise ein “Update“. Wenn wir glaubensrelativierende, destruktive Aussagen als verbesserungsbedürftig einstufen und den bei ihnen vorgefundenen Mangel an “Gnade und Wahrheit” (Jo 1,17) ehrlich eingestehen, können sie nicht zugleich “unfehlbar” oder “vollkommen” sein.

Bei Jesus, dem Sohn Gottes durften wir davon ausgehen, dass er vollkommene Sätze gesagt hat. Bei den gläubigen Menschen, die Texte der Bibel verfasst oder zusammengestellt haben, müssen unsere Annahmen vorsichtiger sein.  Auf jeden Fall dürfen wir damit rechnen, dass sie eine angemessene Scheu vor einer eigenmächtigen Verfälschung hatten, dass sie sich bemüht haben, alles nach bestem Wissen und Gewissen weiterzugeben und empfänglich für das Reden des Geistes zu sein. Unserem Gott, der “auf krummen Linien gerade schreibt”, haben diese Voraussetzungen offenbar genügt.

Auch wenn der Wunsch gläubiger Menschen nach einer fehlerlosen Glaubensurkunde in allen Religionen sehr stark ist, können wir nicht automatisch davon ausgehen, dass die Schreiber biblischer Texte als unvollkommene Menschen Vollkommenenheit problemlos identifiziert und immer richtig reproduziert haben. Wir können nicht von vornherein ausschließen, dass es manchmal zu seltenen Fehlleistungen kam – was manchmal erst später durch die Praxis offensichtlich wurde.

Man kann Gott nicht verbieten, solche Fehlleistungen zu tolerieren, da es für Ihn nicht schwierig ist, auch noch aus Fehlern etwas Gutes zu machen. (Gen 50,20) Indem Er dem Gläubigen Gelegenheit gibt, Fehler im Sinne Jesu zu korrigieren und geistliches Urteilsvermögen zu üben, können dem Gläubigen auch mangelhafte Aussagen, ja sogar destruktive Aussagen “zum Besten dienen” (Röm 8,28). Das ist ein glaubensstärkender Denkansatz, der Liebe und Wahrhaftigkeit zusammenbringt. Ja, dieser Ansatz schafft dem Gläubigen Freiraum zum eigenverantwortlichen Denken, die ihm der “tötende Buchstabe” (2.Kor 3,6) allein nicht gestattet.

Obwohl unsere Arbeit manchen Gläubigen vor der Lebens- und Glaubenskatastrophe bewahren könnte (und bewahrt hat), findet sie bisher in evangelikalen Institutionen und in bibeltreuen Gemeinden so gut wie keine Beachtung. Man soll sich ja nicht selber loben – aber selbst ein selbstloser Mensch wie Paulus sah sich eines Tages im Austausch mit dickfelligen Gläubigen in Korinth dazu gezwungen. (2.Kor 11). Aber wenn wir uns nicht loben sollen, bitten können wir zumindest einmal den Leser, das Niveau unserer Untersuchungen mit den Verlautbarungen bibeltreuer Institute zu ethischen Fragen zu vergleichen (z.B. anhand unserer kostenlosen Broschüren im PDF-Format) und sein Urteil abzugeben, wer sich ehrlich den Fakten stellt und wer nicht. Viele der üblichen Vorstellungen zum Thema Ethik in evangelikalen Gemeinden sind de facto schädlich und können sich schlicht und einfach nur dadurch halten, dass ein offener Austausch von Argumenten nicht zugelassen bzw. nach Kräften behindert wird.

Um unangebrachtes “Selbstlob” zu relativieren – die Präzision und Überzeugungskraft unserer Untersuchungen beruht nicht auf besonderer Klugheit. Jeder Gläubige könnte auch so denken, wenn er Mt 23,23 angemessen berücksichtigen würde. Doch wo kann er das lernen? Die herkömmliche bibeltreue Theologie ist auf Sand gebaut – der Kotau vor dem “tötenden Buchstaben” (2.Kor 3,16)  hat einen viel höheren Rang als die Ziele Jesu in Mt 23,23. Ist das Fundament schief, dann wird auch der Bau, der darauf errichtet ist, schief sein.

Dennoch ist sie bemüht, sich als alternativlose Glaubensform darzustellen –  “notgedrungen” auch mit unfairen Methoden . Religiöse Institutionen (“Schriftgelehrte”) sehen sich berufen, diese Sichtweise zu verteidigen und möglichst vielen Menschen plausibel zu machen. Für sie ist es eine unerschöpfliche, lukrative Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die dem Bedürfnis der Glaubensgemeinschaft nach gedankenloser Selbstberuhigung entgegenkommt. Angesichts dieser handfesten materiellen Vorteile zählt das  Leid einzelner Christen, die ihr Leben lang an der Bibel verzweifeln, nichts. Vielleicht erinnern wir uns doch wieder daran, dass Jesus über fromme Eliten (Joh 5,44), über theologische Ehrentitel (Mt 23,7-12), über “Schriftgelehrte” (Mt 23, 23-28 / Joh 3, 10 ) und über das Geschäft mit dem Glauben (Mk 12,40 / Luk 16,14 / Joh 2,16) selten anerkennend, sondern meist sehr kritisch gesprochen hat.

Ohne ein “Update 2.0” –  eine Neuorientierung an den wichtigsten Qualitätsstandards Jesu in Mt 23,23 wird der Biblizismus weiter destruktiv bleiben. Er wird weiter blind für die Tatsache sein, dass Liebe ohne Wahrhaftigkeit nicht lebensfähig ist. Er wird deshalb immer hintenherum niederreißen, was er sich vorne bemüht aufzubauen – trotz aller Bemühung um den Glauben wird er immer eine Gefahr für Glaubensfreude und Glaubensgewissheit sein.

 

Artikel aktualisiert am 03.06.2019

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