Anfechtung

Was kann das Vertrauen gläubiger Menschen am meisten verunsichern?

Problematisch sind selten die Defizite, die die liberale theologische Wissenschaft meint gefunden zu haben. Die Wissenschaft ist nicht unfehlbar.

Viel problematischer für den Glauben sind vielmehr der vermeintliche Glaube, der Aberglaube und die Selbstüberschätzung tief religiöser Menschen, die sich für  Glaubensexperten halten und meinen, dass sie dank ihres Bibelwissens zu authorisierten Vertretern Gottes bestellt sind. Da ihnen ein unabhängiger, unmittelbarer Zugang zur Bibel suspekt  erscheint, legen sie fest, wie biblische Texte verstanden werden müssen, und erwarten, dass ihre Sichtweise unantastbar ist. So unantastbar, dass sie sich auch naheliegenden ehrlichen Fragen nicht stellen müssen, sondern dass sich vielmehr alle anderen Christen gutgläubig nach ihnen richten sollten.

Zwar sagt die Bibel, dass man Führung durch Gottes Geist braucht, um die Bibel nicht misszuverstehen und Schaden zu erleiden (Joh 6,63 / 2.Kor 3,6) doch diese Aussage lässt bei ihnen keine Zweifel an der eigenen Sicht entstehen. Sie sind der festen Überzeugung, dass jeder, der ihnen folgt, schon dadurch genug von Gottes Geist bekommt, dass er alles richtig verstehen und anderen erklären kann. Typisch für diese Geisteshaltung ist die Tatsache, dass Schadensberichte kaum oder gar keine Rückwirkung auf die Lehrweise haben. Sie werden ignoriert und als irrelevant abgetan.

Biblische Worte dringen in die tiefsten Bereiche der Seele ein. “Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam. Es ist schärfer als das schärfste zweischneidige Schwert, das die Gelenke durchtrennt und das Knochenmark freilegt. Es dringt bis in unser Innerstes ein und trennt das Seelische vom Geistlichen. Es richtet und beurteilt die geheimen Wünsche und Gedanken unseres Herzens.” (Hebr 4,12) Es sollte eigentlich nachvollziehbar sein, dass mit einer so großen Wirkungsmacht auch eine entsprechende Verletzungsgefahr bei unsachgemäßer Anwendung verbunden ist.

Die Bibel berichtet, dass der Prophet Mose einst auf den Berg Sinai stieg und dort Gott ganz nahe war. Als er zu seinen Leuten zurückkam, lag ein solcher Glanz auf seinem Gesicht, dass die Menschen den Anblick nicht ertragen konnten. “Als Mose vom Berg herabstieg, hatte er die beiden Tafeln der göttlichen Urkunde in seiner Hand. Er wusste aber nicht, dass durch das Reden mit Gott seine Gesichtshaut zu leuchten begonnen hatte. Aaron und alle Israeliten sahen das Leuchten auf der Gesichtshaut Moses und fürchteten sich, in seine Nähe zu kommen. Erst als Mose sie rief, kamen Aaron und die führenden Männer der Gemeinschaft zu ihm, und Mose konnte mit ihnen reden. Dann kamen auch die anderen Israeliten. Mose gab ihnen alle Anordnungen weiter, die Gott ihm auf dem Berg Sinai gegeben hatte. Als er ihnen alles gesagt hatte, verhüllte er sein Gesicht. Immer wenn er ins Zelt ging, um mit Gott zu reden, nahm er die Verhüllung ab, bis er wieder hinausging. Draußen sagte er den Israeliten, was ihm aufgetragen war. Da sahen sie das Leuchten auf der Gesichtshaut von Mose. Dann verhüllte Mose sein Gesicht, bis er wieder ins Zelt ging, um mit Gott zu reden.” (Ex 34,29-35) Mose war es wichtig, seine Mitmenschen nicht zu überfordern. Auch er konnte nur in einer bestimmten Weise mit Gott selbst reden, denn “niemand konnte Gott sehen und am Leben bleiben” (Ex 33,20)

Typisch für eine unsachgemäße Anwendung ist das fromme Selbstbewusstsein. “Gewiss, wir alle haben Erkenntnis. Doch Erkenntnis allein lässt uns schnell eingebildet sein. Die Liebe dagegen baut auf. Wenn jemand meint, etwas Besonderes erkannt zu haben, dann hat er noch nicht einmal erkannt, wie man erkennen soll. Wenn aber jemand Gott liebt, dann ist er von ihm erkannt worden.” (1.Kor 8,1-3) Frommes Selbstbewusstsein hält den heiligen Geist fern, der die nötige Vorsicht und Sensibilität gibt. Das ist die Not in christlichen Gemeinschaften: es gibt allzuoft zuviel frommes Selbstbewusstsein. Wir wissen, wir haben…  ihr könnt nur von uns lernen. (Joh 9,24)

Welche Hilfe hat der Gläubige dann, wenn die Bibel, die er durch die vorgeschriebene Brille liest, ihn nicht mehr tröstet und stärkt, sondern ängstigt und entmutigt? Was kann er tun, wenn er in der Bibel auf selten vorkommende Aussagen stößt, die das Glaubensgebet (so wie es Bonhoeffer formulierte) relativieren bzw gar unmöglich machen – wenn sie als richtig und unfehlbar gelten sollen. Höchst problematische Aussagen, die nahelegen, dass Gott mit dem Bösesten eben nicht fertig wird. Dass deshalb die Zukunft auch des bemühten Gläubigen höchst unsicher ist. Dass man aus bestimmten Fehlern, Irrtümern, Bösartigkeiten nichts lernen kann und darf. Und dass Gott Aufrichtigkeit und verantwortbare Gewissensentscheidung manchmal eben doch völlig gleichgültig ist. Dieses Fazit bedeutet im schlimmsten Fall den völligen Verlust des Glaubens!

Dass dieses möglich ist, wird von gewissen Theologen mit päpstlichem Selbstverständnis gerne bestritten. Dabei haben wir in Martin Luther einen wichtigen Kronzeugen für diese Tatsache. Ihm machte besonders der Heräerbrief, der Gläubigen mit der unvergebbaren Sünde drohte, solche Not, dass er sich entschloss, den Hebräerbrief als apokryphe (nicht inspirierte bzw nur teilweise inspirierte) Schrift einzustufen. Ohne diese rabiate Maßnahme hätte er wohl keinen Frieden gefunden. Indes: in evangelikalen Gemeinden ist dieser Lösungsweg in der Regel nicht bekannt. Ihn zu erwähnen, ist tabu.

Evangelikale Christen sehen sich oft einer Theologie verpflichtet, die problematische Aussagen traditionsgemäß als “irrtumslos” und “vollkommen” aufwertet. Würden diese destruktiv erscheinenden Aussagen nicht in der Bibel, sondern in der Glaubensurkunde einer anderen Religion stehen, würde man sie sofort als schädlich deklarieren! Und doch ist man der Meinung, dass man mit dieser Schönfärberei sich richtig verhält, gar Glaubensstärke beweist, die Gott belohnen wird.

Ist das wirklich so? “Wollt ihr Gott verteidigen mit Unrecht und Trug für ihn reden?  Wollt ihr für ihn Partei ergreifen? Wollt ihr Gottes Sache vertreten?  Wird’s euch auch wohlgehen, wenn er euch verhören wird? Meint ihr, dass ihr ihn täuschen werdet, wie man einen Menschen täuscht?  Er wird euch hart zurechtweisen, wenn ihr heimlich Partei ergreift.” (Hiob 13,7-11) Habt ihr nie gelesen: “Wehe denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, / die Finsternis zum Licht erklären und Licht zur Finsternis, / die das Bittere süß und das Süße bitter machen.” (Jes 5,20)?

Was hat man dann gläubigen Menschen, Hilfreiches anzubieten, falls diese dadurch in große seelische Not geraten?

Ist es nicht so? Im besten Falle werden Zusagen der Bibel, deren Gültigkeit für den Betroffenen sich allenfalls behaupten lässt, unablässig wiederholt – in der Hoffnung damit schlüssige und naheliegende Befürchtungen “überschreiben” zu können. Dass dieses oberflächliche, primitive Verfahren die Not allenfalls nur kurzfristig dämpfen kann, leuchtet ein. Es appelliert an die Fähigkeit des Menschen zur Verdrängung und zum Optimismus. Bei Menschen, die aufgrund ihrer Biografie nicht optimistisch sein können, muss es versagen. In vielen Gemeinden werden problematische Aussagen daher möglichst gar nicht erst angesprochen und schon gar nicht umfassend untersucht.

Das Ergebnis dieser Ignoranz: manche Menschen werden permanent seelisch krank, sie vergeuden möglicherweise ihr ganzes Leben mit Depression.

Was hat dieses Niveau noch mit dem Geist Jesu zu tun? Sagt nicht die Bibel über die christliche Gemeinschaft:”Wenn ein Mitglied leidet, so leiden die anderen mit!” Viele etablierten Vertreter des evangelikalen Christentums sind weit entfernt davon. Man überlässt die Geschädigten regelmäßig sich selbst.

Es dient nicht der Ehre Gottes, wenn Menschen mit ihrer seelischen Gesundheit für den theologischen Starrsinn in evangelikalen Gemeinden bezahlen müssen. Dabei könnten sie und ihre erheblich geschädigten Familien in kürzester Zeit wieder auf den Weg der Gesundung gebracht werden: es steht ein bewährtes und äußerst effizientes Entgiftungsverfahren zur Verfügung, das die Prioritäten Jesu viel sorgfältiger berücksichtigt als dilettantische buchstabenhörige Theologie.

Auf dieser Webseite tun wir das. Dabei bekommt die herkömmlich bibeltreue Sicht notwendigerweise ein “Update“. Wenn wir glaubensrelativierende, destruktive Aussagen als verbesserungsbedürftig einstufen und den bei ihnen vorgefundenen Mangel an “Gnade und Wahrheit” (Jo 1,17) ehrlich eingestehen, können sie nicht zugleich “unfehlbar” oder “vollkommen” sein.

Bei Jesus, dem Sohn Gottes durften wir davon ausgehen, dass er vollkommene Sätze gesagt hat. Bei den gläubigen Menschen, die Texte der Bibel verfasst oder zusammengestellt haben, müssen unsere Annahmen vorsichtiger sein.  Auf jeden Fall dürfen wir damit rechnen, dass sie eine angemessene Scheu vor einer eigenmächtigen Verfälschung hatten, dass sie sich bemüht haben, alles nach bestem Wissen und Gewissen weiterzugeben und empfänglich für das Reden des Geistes zu sein. Unserem Gott, der “auf krummen Linien gerade schreibt”, haben diese Voraussetzungen offenbar genügt.

Auch wenn der Wunsch gläubiger Menschen nach einer fehlerlosen Glaubensurkunde in allen Religionen sehr stark ist, können wir nicht automatisch davon ausgehen, dass die Schreiber biblischer Texte als unvollkommene Menschen Vollkommenenheit problemlos identifiziert und immer richtig reproduziert haben. Wir können nicht von vornherein ausschließen, dass es manchmal zu seltenen Fehlleistungen kam – was manchmal erst später durch die Praxis offensichtlich wurde.

Man kann Gott nicht verbieten, solche Fehlleistungen zu tolerieren, da es für Ihn nicht schwierig ist, auch noch aus Fehlern etwas Gutes zu machen. (Gen 50,20) Indem Er dem Gläubigen Gelegenheit gibt, Fehler im Sinne Jesu zu korrigieren und geistliches Urteilsvermögen zu üben, können dem Gläubigen auch mangelhafte Aussagen, ja sogar destruktive Aussagen “zum Besten dienen” (Röm 8,28). Das ist ein glaubensstärkender Denkansatz, der Liebe und Wahrhaftigkeit zusammenbringt. Ja, dieser Ansatz schafft dem Gläubigen Freiraum zum eigenverantwortlichen Denken, die ihm der “tötende Buchstabe” (2.Kor 3,6) allein nicht gestattet.

Obwohl unsere Arbeit manchen Gläubigen vor der Lebens- und Glaubenskatastrophe bewahren könnte (und bewahrt hat), findet sie bisher in evangelikalen Institutionen und in bibeltreuen Gemeinden so gut wie keine Beachtung. Man soll sich ja nicht selber loben – aber selbst ein selbstloser Mensch wie Paulus sah sich eines Tages im Austausch mit dickfelligen Gläubigen in Korinth dazu gezwungen. (2.Kor 11). Aber wenn wir uns nicht loben sollen, bitten können wir zumindest einmal den Leser, das Niveau unserer Untersuchungen mit den Verlautbarungen bibeltreuer Institute zu ethischen Fragen zu vergleichen (z.B. anhand unserer kostenlosen Broschüren im PDF-Format) und sein Urteil abzugeben, wer sich ehrlich den Fakten stellt und wer nicht. Viele der üblichen Vorstellungen zum Thema Ethik in evangelikalen Gemeinden sind de facto schädlich und können sich schlicht und einfach nur dadurch halten, dass ein offener Austausch von Argumenten nicht zugelassen bzw. nach Kräften behindert wird.

Um unangebrachtes “Selbstlob” zu relativieren – die Präzision und Überzeugungskraft unserer Untersuchungen beruht nicht auf besonderer Klugheit. Jeder Gläubige könnte auch so denken, wenn er Mt 23,23 angemessen berücksichtigen würde. Doch wo kann er das lernen? Die herkömmliche bibeltreue Theologie ist auf Sand gebaut – der Kotau vor dem “tötenden Buchstaben” (2.Kor 3,16)  hat einen viel höheren Rang als die Ziele Jesu in Mt 23,23. Ist das Fundament schief, dann wird auch der Bau, der darauf errichtet ist, schief sein.

Dennoch ist sie bemüht, sich als alternativlose Glaubensform darzustellen –  “notgedrungen” auch mit unfairen Methoden . Religiöse Institutionen (“Schriftgelehrte”) sehen sich berufen, diese Sichtweise zu verteidigen und möglichst vielen Menschen plausibel zu machen. Für sie ist es eine unerschöpfliche, lukrative Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die dem Bedürfnis der Glaubensgemeinschaft nach gedankenloser Selbstberuhigung entgegenkommt. Angesichts dieser handfesten materiellen Vorteile zählt das  Leid einzelner Christen, die ihr Leben lang an der Bibel verzweifeln, nichts. Vielleicht erinnern wir uns doch wieder daran, dass Jesus über fromme Eliten (Joh 5,44), über theologische Ehrentitel (Mt 23,7-12), über “Schriftgelehrte” (Mt 23, 23-28 / Joh 3, 10 ) und über das Geschäft mit dem Glauben (Mk 12,40 / Luk 16,14 / Joh 2,16) selten anerkennend, sondern meist sehr kritisch gesprochen hat.

Ohne ein “Update 2.0” –  eine Neuorientierung an den wichtigsten Qualitätsstandards Jesu in Mt 23,23 wird der Biblizismus weiter destruktiv bleiben. Er wird weiter blind für die Tatsache sein, dass Liebe ohne Wahrhaftigkeit nicht lebensfähig ist. Er wird deshalb immer hintenherum niederreißen, was er sich vorne bemüht aufzubauen – trotz aller Bemühung um den Glauben wird er immer eine Gefahr für Glaubensfreude und Glaubensgewissheit sein.

 

Artikel aktualisiert am 06.09.2019

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