Wie zuverlässig war die Überlieferung der Bibel?

Vertreter des Biblizismus gehen davon aus, dass die Originalhandschriften – einmal vorhanden – buchstabengetreu abgeschrieben wurden, mit minimalsten Abweichungen. Gerade die alten, alttestamentlichen Texte seien mit minutiöser Genauigkeit überliefert worden. Die jüdischen Schreiber (Masoreten) haben ja sogar unter jeder Abschrift die Anzahl der geschriebenen Worte vermerkt, sie haben Korrekturen besonders gekennzeichnet, um für möglichst hohe Qualität der Überlieferung zu sorgen.

Das stimmt nur für eine bestimmte Zeit. Hier entsteht ein falsches Bild. Die Masoreten waren nicht während der ganzen Überlieferungszeit tätig.  Man nimmt an, dass sie mit ihrer Arbeit zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft begannen, als heilige Stadt und Tempel ihre identitätsstiftende Funktion verloren.

Der Bibel selbst können wir entnehmen, dass es schlimmere Zeiten gab, in denen die heiligen Schriften völlig in Vergessenheit geräten sind und sich niemand darum kümmerte, sie zu lesen, abzuschreiben und weiterzugeben. Zeitweise wusste man nicht einmal mehr, dass sie existierten!

Im achtzehnten Regierungsjahr des Königs Josia (640 bis 609 v. Chr.) wurden heilige Schriften zufällig (!) bei Aufräumarbeiten im Gotteshaus entdeckt. Als sie dem König vorgelesen wurden, hörte er den Inhalt offensichtlich zum erstenmal in seinem Leben. Er hörte, welche Strafen das mosaische Gesetz dem Ungehorsamen androhte, und war so entsetzt, dass “er seine Kleider zerriss“. (2.Kö 22,10)

Weshalb das Entsetzen? Jeder Hausvater hatte seit uralter Zeit die Pflicht, seine Familie gründlich über die Inhalte des Glaubens zu unterrichten. “Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst,...” (Deu 6,5-7) Diese Aufgabe wurde unterstützt durch Tausende von Leviten, die “hatten das Gesetzbuch des HERRN bei sich und zogen in allen Städten Judas umher und lehrten das Volk.” (2.Chron 17,8+9) Wie konnta da König Josia so ahnungslos sein?

Man kann nicht glauben, dass seine Ratgeber nicht schon früher gemerkt haben, dass der junge Josia dem Glauben der Väter sehr zugetan war. Da hätte es doch nahegelegen, dem König bereits in der Jugend aus dem Gesetzbuch vorzulesen. Kronprinzen erhalten schon in ihrer Jugend Unterricht von Fachleuten in Geschichte, Politik, Religion usw., damit sie zum Zeitpunkt der Regierungsübernahme optimal ausgerüstet sind. Doch wo sind hier die Priester, die den König belehrten? Hätten sie es getan, dann wäre der König bereits in seiner Jugendzeit  bestens informiert gewesen und seine Ratgeber hätten dadurch nur an Ansehen gewonnen. Dann hätte der König bereits in der Jugendzeit Reformen “angeordnet”, nicht in der Form eines Befehls, aber doch als Wunsch. Diese Wunsch wäre auch gefolgt worden, denn welcher Ratgeber wäre so töricht gewesen, sich hier zu widersetzen? Er hätte  ja mit sofortiger Entlassung oder gar mit Bestrafung durch den König rechnen müssen, sobald dieser regierungsmündig geworden war.

Nein die ganze Tragik bestand darin, dass auch die Berater des Königs das Gesetzbuch nicht mehr kannten und daher dem König auch nicht empfehlen konnten. Es war schlichtweg in Vergessenheit geraten.

Vor Josia regierte sein Vater Amon zwei Jahre lang, – ein völlig gottloser Mensch, der sich sicherlich auch nicht um das Gesetz gekümmert hatte. Somit haben wir einen Zeitraum von wenigstens zwei Jahrzehnten völliger Nichtbeachtung. Der Großvater Manasse regierte 55 Jahre in völliger Gottlosigkeit. Seine Bekehrung am Ende des Lebens hat – wie es scheint – keinen nachhaltigen Eindruck im Volk hinterlassen.

In einer Zeit von  annähernd 20 bis möglicherweise 70 Jahren hat man sich um das mosaische Gesetz auch von Seiten der Priesterschaft nicht gekümmert.  Auch das Buch der Richter berichtet von äußerst chaotischen Zuständen im Land (Ri 17 – 21), die Ähnliches befürchten lassen.

Wie soll man da eine lückenlosen “masoretische Genauigkeit” bei der Überlieferung biblischer Texte annehmen können? Über diese dunklen Zeiten weiß man letztlich gar nichts und dann ist es ehrlicher, keine Gewissheit vorzutäuschen.

Es ist durchaus denkbar, dass die seltenen auffällig destruktiven Texte des AT in solchen dunklen Zeiten in den Kanon hineingelangt sind, und dass spätere Generationen sich von diesen Texten – in falscher Ehrfurcht – nicht mehr trennen konnten. Gläubige heute können sie mit dem “Sinn Christi” (1.Kor 2,16) vergleichen und angemessen  beurteilen.

 

Artikel aktualisiert am 15.11.2018

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