Was taugen Gelübde?

Wann gibt jemand Gott ein Versprechen? Es ist bekannt, dass Menschen in einer ausweglosen schweren Notlage sich der Hilfe Gottes versichern wollen. In solchen Situationen wird man sich leicht seiner Unwürdigkeit gewusst. Man hat sich nie um Gott gekümmert, hat “Fünfe gerade sein lassen”, und bei seinem Streben auf die Mitmenschen wenig oder keine Rücksicht genommen. Warum sollte sich dann Gott für die persönlichen Nöte interessieren? In dieser Situation bitten Menschen Gott nicht nur um Hilfe, sondern verknüpfen damit zusätzlich ein Gelöbnis, etwa “ein besserer Mensch zu werden” oder fortan im Leben mehr nach dem Willen Gottes zu fragen. Manchmal wird auch eine einzelne gute Tat versprochen, um Gott zum Handeln zu bewegen. Ein sehr bekanntes Beispiel: als eines seiner Kinder schwer erkrankte, hat der Schauspieler Michael Landon Gott versprochen,  im Falle der Heilung eine Serie über Gottes Werk auf Erden zu drehen. So entstand die beliebte Serie “ein Engel auf Erden”, die der Öffentlichkeit wesentliche Inhalte des christlichen Glaubens nahebringt. Wie man sieht, können Gelübde dieser Art durchaus zu wertvollen Wendepunkten oder neuen, guten Kapiteln im Leben werden.

Einen gänzlich anderen  Eindruck vermittelt der erste Bericht eines Gelübdes in der Bibel, der sich auf ein Ereignis in der Zeit der “Richter” (1250 – 1000 v.Chr.) bezieht. Der damalige General Israels Jephtah musste die Israeliten zum Krieg gegen den König der Ammoniter führen. Für den Fall des Sieges versprach er Gott, “Gibst du die Ammoniter in meine Hand, so soll, was mir aus meiner Haustür entgegengeht, wenn ich von den Ammonitern heil zurückkomme, dem HERRN gehören, und ich will’s als Brandopfer darbringen.” (Ri 10,31). Seine Bitte wurde erfüllt. Die Ammoniter erlitten eine verheerende Niederlage. Doch als er nach Hause kam, “lief seine Tochter tanzend und das Tamburin schlagend heraus, ihm entgegen. Es war seine einzige; er hatte sonst kein Kind.  Als er sie sah, zerriss er vor Schmerz sein Gewand und rief: “Ach, meine Tochter, du brichst mir das Herz! Dass gerade du es sein musst, die mich ins Unglück stürzt! Ich habe Gott mein Wort gegeben, und ich kann nicht zurück!”  Doch sie sagte zu ihm: “Mein Vater, wenn du Gott etwas versprochen hast, dann mach mit mir, was du gelobt hast! Gott hat dir ja auch den Sieg über deine Feinde, die Ammoniter, geschenkt. Dann fügte sie hinzu: “Nur eine Bitte habe ich: Gib mir noch zwei Monate Zeit. Ich möchte mit meinen Freundinnen in die Berge gehen und meine Jungfrauschaft betrauern.” “Geh nur”, sagte ihr Vater und gab ihr zwei Monate Zeit. So ging sie mit ihren Freundinnen in die Berge und weinte darüber, nie verheiratet gewesen zu sein. Als die zwei Monate um waren, kehrte sie zu ihrem Vater zurück, und er erfüllte sein Gelübde an ihr. Sie hatte nie mit einem Mann geschlafen. Daraus entstand in Israel der Brauch,  dass die jungen Frauen jedes Jahr vier Tage lang zusammen weggehen und die Tochter Jephtahs von Gilead besingen.” (Ri 10, 34 – 40 / NeÜ)

Jephtah wagte nicht, sein Gelübde zu widerrufen. Im Gesetz des Mose wird davor eindringlich gewarnt. “Wenn du deinem Gott, ein Gelübde ablegst, dann sollst du es ohne Verzögerung erfüllen. Denn Jahwe, dein Gott, wird es sonst von dir einfordern und es wird dir als Sünde angelastet.  Wenn du es unterlässt, etwas zu geloben, wird dir keine Sünde angelastet.” (Deu 22,21-22) Konkret wird hier zwar keine Strafe genannt, aber ein Mensch, der sich solcherart an Gott versündigt hat, wird nicht mehr mit dem Segen Gottes rechnen können. Dies unterstreicht auch die spätere Warnung des Salomo: “Wenn du Gott ein Gelübde ablegst, erfülle es ohne Verzug! Leichtfertige Leute gefallen Gott nicht. Halte, was du versprichst! Es ist besser, wenn du nichts gelobst, als dass du gelobst und es nicht erfüllst. Gestatte deinem Mund nicht, dich in Schuld zu bringen, und sag dem Boten nicht ins Gesicht: “Es war ein Versehen!” Oder willst du, dass Gott zornig auf dein Reden wird und das Werk deiner Hände verdirbt?” (Pred 5,3)

Bis heute streiten sich die Ausleger darüber, ob Jephtah nun seine Tochter als Brandopfer opferte, sie tatsächlich tötete, oder nicht.  Martin Luther schrieb: “Manche sind der festen Überzeugung, dass sie nicht geopfert wurde, doch der Text ist zu deutlich, um diese Auslegung zuzugestehen.” Nach Samuel Ridout entspricht diese Sicht auch dem, was wir über Jephtahs Charakter wissen: “Er gibt sich als ein strenger, selbstgerechter Mann zu erkennen, der später guten Gewissens 42.000 seiner israelitischen Brüder tötet. Solch ein Mann ist auch dazu in der Lage, seine eigene Tochter buchstäblich zu opfern. Er hatte das Schwert gezogen, um die Ammoniter zu schlagen; er tötete seine Tochter, weil er es gelobt hatte, und tötete seine Brüder. Freund und Feind erfahren dieselbe Behandlung.” Kurtz sieht in Sacred History  Beweise für ein buchstäbliches Opfern “in der Verzweiflung des Vaters, der großmütigen Ergebenheit der Tochter, dem jährlichen Gedächtnis und der Trauer der Töchter Israels und in der Geschichte des Schreibers selbst …, der nicht dazu in der Lage ist, das schreckliche Schauspiel deutlich und klar zu beschreiben, das er gleichzeitig sowohl mit Bewunderung als auch mit Abscheu betrachtet.”

Andere sehen in dem “Betrauern der Jungfrauschaft” einen Hinweis darauf, dass das Opfer Jephtahs darin bestand, dass seine Tochter zu unauflösbaren, lebenslangem Dienst am Heiligtum verpflichtet wurde, was angeblich den Verzicht auf Ehe und Nachkommen zur Folge gehabt haben soll. Doch hier wäre einzuwenden, dass auch Hanna Gott versprach, ihm ihren Sohn zum Dienst am Heiligtum zu weihen (1.Sam 1,11) und dass Samuel später Frau und Söhne hatte. (1 Sam 8,1). 

Der Hinweis auf das ausdrückliche Verbot von Menschenopfern im mosaischen Gesetz kann hier wenig Klarheit beisteuern. (Lev 20,2; Dtn 18,10) Das steht zwar im Gesetz, doch kannte Jephtah es? Eigentlich hatten die Leviten die Aufgabe, nacheinander die Dörfer und Städte Israels zu besuchen und das Volk mit der Tora, dem Gesetz Gottes bekannt zu machen. (2.Chron 17,8+9) Doch schon zu Beginn der Richterzeit ging das Wissen um das Gesetz zeitweise ganz verloren: Schon nach dem Tod Josuas “kam ein anderes Geschlecht auf, das den HERRN nicht kannte noch das Werk, das er an Israel getan hatte.” (Ri 2,10) 

Die Befürchtung, dass jemand den Fluch Gottes auf sich zieht, der sein Versprechen nicht einhält, liegt dagegen auch ohne spezielle Kenntnis des Gesetzes nahe.

Die selbstverständliche Frage, die sich hier erhebt, ist die: warum kommt Jephtah nicht auf die Idee irgendjemand zu konsultieren, der sich mit dem heiligen Gesetz Gottes auskennt? Das wäre doch der naheliegendste Weg, wenn man selbst so verzweifelt ist – von der Tochter gar nicht zu reden. Ist wirklich niemand da, der Bescheid weiß?

Dabei ist die Lösung so einfach, denn im mosaischen Gesetz ist für diesen Fall Hilfe vorgesehen: “wenn jemand schwört, dass ihm über die Lippen fährt, er wolle Schaden oder Gutes tun, wie denn einem Menschen ein Schwur entfahren mag, und er bedachte es nicht und er bemerkt es und hat sich so oder so schuldig gemacht,  wenn’s also geschieht, dass er sich so oder so schuldig gemacht hat, so soll er bekennen, womit er gesündigt hat, und soll als Ausgleich für diese seine Sünde, die er getan hat, dem HERRN opfern von der Herde ein Muttertier, Schaf oder Ziege, zum Sündopfer. So soll der Priester Sühne für ihn erwirken.” (Lev 3, 5 – 6)

Unbedacht” kann man das Gelübde Jephtahs ohne Bedenken nennen. Was hätte er tun sollen, wenn ihm als erstes eine alte Sklavin entgegengelaufen wäre. Hätte er sie als Brandopfer opfern sollen – Gott zum Wohlgefallen? Oder sie zu ewiger Jungfrauenschaft verurteilen? Genauso lächerlich! Was hätte er tun sollen, wenn ihm als erstes ein Frosch oder Rabe entgegengehüpft wäre? Beides unreine Tiere, die sich sicherlich nicht als Brandopfer eignen. Noch grotesker: es hätte ja ein Briefbote oder irgendein Verwandter sein können, der gerade zu Besuch gekommen war.

Warum ist nicht weit und breit ein einziger Priester oder Levit da, der mit Jephtah Klartext redet?

Falls Jephtah angesichts des großen Sieges das Opfer eines Mutterschafes für zu geringwertig gehalten hätte, so bestände noch die Möglichkeit, zusätzlich die Ablösungssumme für das erstgeborene Kind zu zahlen. (Ex 34,19-20), für Jephtah angesichts der reichen Beute sicher kein Problem.

Und wenn Jephtah hätte noch mehr tun wollen als das, so hätte er es in Form eines großen, selbstlosen Dankopfers zugunsten der Ärmsten seines Volkes tun können. Damit hätte er deutlich gemacht, dass Gott allein der Sieg zu verdanken war und vielleicht wäre durch dieses Signal sogar der erbarmungslose Krieg mit den neidischen Ephraimiten vermieden worden, der noch weiteren zweiundvierzigtausend Menschen das Leben kostete.

Was mich übrigens auch sehr erstaunt: dass in allen späteren Büchern der Bibel überhaupt keine erhellende Anmerkung zu diesem Bibeltext auftaucht. Allenfalls der – von Luther sehr kritisch bewertete – Hebräerbrief bezeichnet Jephtah als Glaubensheld (Hebr 11, 32), wobei wir nicht erfahren, worin denn das Vorbild Jephtahs bestand. So bleibt das düstere Bild eines Gottes bestehen, der solche Opfer annimmt und für angemessen hält. Hier entsteht das Bild Gottes als eines gnadenlosen Pedanten, dem sterile Prinzipien viel wichtiger sind als der Gedanke, verirrte Menschen wieder zurück auf einen heilsamen Weg zu führen.

Um so wichtiger ist es, den Qualitätsmaßstab Jesu “Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Verlässlichkeit” (Mt 23 23) auch hier anzulegen, um klar zu sehen. Aufschlussreich ist auch, wie wenig Ausleger in der Theologiegeschichte die innere Freiheit hatten, diesen Maßstab  kompromisslos auf die trostlose Geschichte anzuwenden – was zeigt, dass man sich mit einem düsteren Gottesbild allzu schnell zufriedengab.

Auch im Neuen Testament kommen Gelübde vor. Für Paulus waren Gelübde ein Weg, Vertrauen bei seinen jüdischen Glaubensgenossen zu bilden. (Apg 18,18) Wir brauchen nicht zu zweifeln, dass diese Gelübde in Freiheit und Liebe geschahen und Segen bringen konnten.

Etwas anders verhält es sich mit der Ermahnung des Paulus in Bezug auf Ehelosigkeitsgelübde junger Frauen: “Jüngere Witwen aber weise ab; denn wenn sie sich wegen ihres Begehrens von Christus abwenden, so wollen sie heiraten.  Sie stehen dann unter dem Urteil, dass sie die erste Treue gebrochen haben.” (1.Tim 5,11) So lautet die Übersetzung Luthers. Aus ihr kann man eigentlich nur schließen, dass der Bruch eines Ehelosigkeitsversprechens für einen Christen gleichbedeutend ist mit dem Abfall von Christus und mit Festhalten an Sünde und Treulosigkeit. Der Abfall von Christus wird nicht vergeben – das Schicksal solcher Menschen wäre unausweichlich die ewige Verdammnis.

Hier hätten wir eine ähnliche Situation wie bei Jephtah, denn Paulus betont ausdrücklich, dass er solche Versprechen für unvernünftig und unzumutbar hält. Müsste sich jetzt jemand aufgrund seiner Dummheit lebenslang zu quälender Ehelosigkeit zwingen, um im Himmel anzukommen, so hätten wir hier ganz klar den Beweis vor uns, dass das Tun doch erheblich zur Erlösung beiträgt und dass es Gott vor allem  völlig gleichgültig ist, ob das Tun mit dem Motiv der Liebe oder dem der Angst geschieht.

Der Wortsinn ergibt also keinen Sinn. Deswegen ist die wortwörtliche Übersetzung dahingehend zu ergänzen, dass der Verdienstgedanke sicher ausgeschlossen ist. Gut gelungen ist das zum Beispiel in der Neuen Evangelistischen Übersetzung: “Nimm keine jüngeren Witwen in das Verzeichnis auf. Denn das Verlangen nach einem Mann kann bei ihnen dazu führen, die Verpflichtung zu vergessen, die sie Christus gegenüber eingegangen sind, als sie sich ins Verzeichnis aufnehmen ließen. Dann wollen sie wieder heiraten und ziehen sich den Vorwurf zu, ihrem vorher gegebenen Versprechen untreu geworden zu sein.” (1.Tim 5,11-12)

Ebenso wie bei der Frage der christlichen Schiedsgerichtsbarkeit und der Frage, ob Frauen in der Gemeinde reden dürfen, haben wir es hier wieder mit der gelegentlich unklaren Ausdrucksweise  des Apostels zu tun.

Man sollte auch heute mit der Möglichkeit rechnen, dass insbesondere junge Gläubige in unüberlegter Weise Gott etwas versprechen, was sie entweder dauerhaft überfordert oder später ihr Gewissen sehr belastet. Diese Gefahr ist in einem Klima sklavisch-religiöser Überforderung eher gegeben, das dem Gläubigen sein Defizit an Hingabe in quälender Weise bewusst macht. Das ständige Gefühl, das, was verlangt wird,  “nicht bezahlen zu können” kann dann den Wunsch entstehen lassen, “einen Kredit aufzunehmen”, d.h. Gott im Voraus “etwas Großes” zu versprechen. Hier kann der Wunsch nach Hingabe an Gott u.U, die Form eines destruktiv wirkenden Versprechens annehmen. Wem ist damit gedient? Der Ehre Gottes?

Leider hängen nicht wenige Bibellehrer sklavisch am Wortlaut. (Gift Nr 13) Oder sie reagieren auf die Jephtah Geschichte mit betretenem Schweigen. Einfach nicht daran denken? Ist ein Bibellehrer hier Bibellesern keine klare Auskunft schuldig? Gibt es keine, obwohl Paulus betonte (2.Tim 3,16), dass “alle von Gott inspirierte Schrift nützlich ist zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit?” Worin besteht der Nutzen der Jephtah-Geschichte ? Muss man sich dann wundern, wenn manche der von ihnen belehrten Gläubigen große Mühe haben, sich von werkgerechter Depression zu lösen?