Die Zwangsbrille des „Chikago-Wahns“

Menschen, die Christen sein wollen, halten sich an die „Heilstatsachen“ des sühnenden Todes Jesu, der Auferstehung und der Hoffnung auf eine Heimat im Himmel. Wenn der Gläubige darüber hinaus unsicher ist, inwieweit er der Bibel vertrauen kann, so gibt es auf diese Frage eine überzeugende Antwort, die an eine einfache Gesetzmäßigkeit anknüpft: je intensiver sich der Gläubige um Liebe und Wahrhaftigkeit in deinem Denken und Tun bemüht, um so deutlicher wird er unterscheiden können, was in der Bibel durch göttliche Liebe und Kraft beglaubigt ist, und was nicht. Die Bibelworte, die ihn dann angehen, leuchten unübersehbar auf. “Wer mich von ganzem Herzen sucht, wird mich finden.” (2Chr 15,2) “Wer sich Gott naht, dem naht sich auch Gott.” (Jak 4,4) Das ist die Wirklichkeit!

Bereits Kinder können sich an dieser Gesetzmäßigkeit orientieren. So entsteht eine Gewissheit, die keine Theologie, kein Seelsorger und kein Schriftgelehrter vermitteln kann. Sie braucht keinen Mittler und ist nicht auf die Meinung anderer angewiesen. Sie kann nicht durch Beobachtung, Fragen und Nachdenken in Frage gestellt werden.

Echte Glaubensgewissheit ist ein Wissen um die ewige Gültigkeit und Unzerstörbarkeit von Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Nur ein Teil der Gläubigen, die die Bibel als Gottes unfehlbares Wort anerkennen, hat sich mit den vielen Artikeln der dreiteiligen Chikago-Erklärung befasst. Die Chikago-Erklärung wurde von führenden evangelikalen Schriftgelehrten ausgearbeitet, um ihre theologische Ideologie gegen Korrektur  zu immunisieren und auf diese Weise ihren Einfluss zu sichern. Sie soll festlegen, wie der Gläubige die Bibel betrachten und anwenden soll („geistige Brille“). Man betrachtet diese Festlegung als absolut verbindlich für jeden Gläubigen, der eine Lehrfunktion in einer christlichen Glaubensgemeinschaft ausübt. Christen, die diese Erklärung ablehnen, wird unterstellt, dass sie sich damit von Gott entfernt haben, dass sie Verführer sind, die den Glauben anderer unterwandern und zerstören wollen. 

Bei der Basis ist diese Sichtweise in Form einer abgespeckten Version verbreitet, die sich in wenigen Sätzen skizzieren lässt (ich habe diese Sätze aus einem Youtube-Vortrag von Siegfried Zimmer übernommen). Wir werden dabei sehen, dass die Vertreter der „Irrtumslosigkeit“ ihr Versprechen nicht haben einlösen können, dass ihr Bibelverständnis am besten vor der Preisgabe biblischer Autorität schützt. Das Gegenteil ist der Fall. Sodass man schon ins Fragen kommt, welche anderen Interessen hier im Hintergrund stehen, als künstlich eine Marktlücke zu schaffen, die für gutbezahlte Pöstchen, Einkommen und Einfluss sorgt.

Jetzt aber die sechs Lehrsätze…

‚1. Satz: Die Bibel ist verbalinspiriert. Damit ist gemeint: Gott hat die Schreiber der Bibel bis in die Wahl ihrer Worte hinein geleitet. Er hat die Worte ausgewählt und festgelegt. Der eigentliche Autor der Bibel ist Gott.

Der Wunsch gläubiger Menschen nach einer fehlerlosen Glaubensurkunde ist sehr stark. Wie gerne hätten sie, da Gott ja nicht sichtbar ist, wenigstens etwas Handfestes, Sichtbares von Gott, sein vollkommenes Buch „Made in God“, in den Händen. Wie beflügelt es doch das Selbstbewusstsein, Gottes mächtige Worte zu lesen und dann selbst zu gebrauchen, um ähnlich mächtige Wirkungen zu erzeugen. Denn die Bibel enthält nicht nur Information. Sie enthält und weckt riesige Kräfte und Wirkungen, die der Mensch sehr häufig unterschätzt.  Winzig klein ist das Senfkorn. Doch wenn man es einsät, wird unversehens ein großer Baum daraus. Dieses Gleichnis hat Jesus für die Wirkungskraft seiner Worte gebraucht. (Luk 13,18-19)  Die Bibel enthält superstarken Brennstoff, vergleichbar dem Plutonium. Diese Kraft hat viel Gutes bewirkt. Sie hat Millionen von Menschen die Motivation und Kraft gegeben, sich für notleidende Menschen einzusetzen. Sie hat ihre Botschaft noch in die entferntesten Volksstämme und Ethnien getragen. Und doch ist es möglich die Bibel so zu verwenden, dass die Seele durch ihre Kraft verstrahlt, vergiftet, ja getötet wird. (2.Kor 3,6b) Deshalb ist Sorgfalt und ggf. vorsichtige Distanzierung im Umgang mit der Bibel angebracht. Instinktiv weiß jeder, welche biblischen Texte man Kindern keinesfalls nahebringen darf. Bei erwachsenen Menschen weiß man es nicht so genau und es passieren fatale Fehleinschätzungen. Doch auf die Bibel verzichten? Anders als bei  Plutonium braucht der Mensch diese Kraftquelle. Sie ist lebenswichtig. Mit ihrer Hilfe kann er in schweren Lebenskrisen bestehen, ja sogar noch Nutzen daraus ziehen.

Im Missbrauch mächtiger Wirkungen liegt das Problem. Die Kriminalgeschichte des Christentums (Karlheinz Deschner) aber auch die aktuellen Notfallmeldungen und Aussteigerberichte legen davon ein warnendes Zeugnis ab. Macht scheint dem Charakter nicht gut zu bekommen – was dem Ziel der Bibel eigentlich diametral entgegengesetzt ist. Deshalb ist der Gedanke naheliegend, dass in Gottes Buch auch eine paar angemessen wirkmächtige Instrumente der Distanzierung mitgeliefert werden. Instrumente, die das Prüfen erlauben, am besten gleich anhand mitgelieferter Texte. Es dürfte nicht im Sinne der Liebe sein, wenn gläubige Menschen, kaum dass sie die Worte Gottes in die Hände bekommen, diese  für eigene Interessen missbrauchen.  Das Bedürfnis nach göttlichen Instrumenten der Distanzierung steht zumindest gleichberechtigt neben dem „Made in God“ –  Konzept. Und in der Tat – wir finden sie in der Bibel! Achten wir zB darauf, wie der Satz „der Buchstabe tötet“ (2Kor 3,6b) fortgesetzt wird: „… denn der Geist macht lebendig

Kann man aber dem tötenden Buchstaben wirksam Information entgegensetzen, wenn alles – auch das Destruktive –  „Made in God“ ist? Das dürfte schwierig, in vielen Fällen sogar unmöglich sein. Das ist das Dilemma! Die Theologen, die die Chikago-Erklärung vertreten, helfen hier dem Gläubigen nicht weiter. Im Gegenteil: sie schüren die blinde Furcht, dass das Gottvertrauen in Nichts zusammen sinkt, sobald sich herausstellt, dass sich in einem Bericht der Bibel ein Fehler eingeschlichen hat. Alle Aussagen der Bibel wären dadurch entwertet und ungültig, wenn eine einzige Aussage in ihr als Irrtum angesehen werden würde. Eine allergische Reaktion ist erwünscht. Effizienter  und gründlicher kann man nicht verhindern, dass Gläubige über Instrumente notwendiger Distanzierung nachdenken.

Die panische Angst indes ist unbegründet, so sehr sie auch theologischen Einfluss sichern hilft. Was immer Gott gesprochen hat, was liebevoll, wahrhaftig und gerecht ist, bleibt in Ewigkeit und ist prinzipiell unzerstörbar. Eher „werden Himmel und Erde vergehen„. (Mt 24,35) Und Gottes Worte sollten nun angeblich ungültig werden, bloß weil Menschen seine Worte, so gut sie konnten, aufgeschrieben und gesammelt haben und sich ab und zu einmal ein Fehler eingeschlichen hat? Sie sollen dadurch ihre heilsame Kraft verlieren? Das soll wahr sein??? Ist es nicht vielmehr so: die untadeligen Aussagen der Bibel werden doch nur dann entwertet oder ungültig, wenn man den Chikago-Theologien glaubt, dass sie durch einen einzigen gefundenen Fehler entwertet werden. Aber muss man das glauben?  Kinder, die von frühester Jugend an lernen können, dass Gott seine unfehlbare Wahrheit in die Hände unvollkommener Menschen gegeben hat und diese Wahrheit durch mitgelieferte Reparaturinstrumente vor Verfälschung schützt, haben diese Angst nicht, obwohl Liebe zur Heiligen Schrift und Glaubensfreude vorhanden ist.

In der Urchristenheit waren die Erfahrungen mit der Kraft des Auferstandenen und der Vollmacht der Apostel noch sehr lebendig. Man rechnete fest damit, dass Jesus Christus in der Gemeinde unsichtbar gegenwärtig und mächtig war. Die Angst, dass der Glaube mit der Unfehlbarkeit jedes Bibelworts steht und fällt, und dass man sich hierdurch durch eine Inspirationslehre absichern müsste, lag den Gläubigen damals fern. (Behauptung oder Beweis? Der Prophet Maleachi warnte die Gläubigen, dass jeder, der die Erlaubnis des mosaischen Gesetzes zur Ehescheidung (Mo 21,14) nutzte, sich damit unter einen Fluch begab (Mal 2,13 ff), obwohl das mosaische Gesetz zugesichert hatte, dass jeder der Gläubige, der alles so machte, wie es das Gesetz sagte, Segen erwarten durfte (5Mo 28,1-2). Somit gibt es das Erkennen von punktuellen Mängeln im Bibeltext schon im alten Bund – ja von Anfang an.)

Jeder, der Jesus vertraut, erlebte doch die verändernde Kraft des Heiligen Geistes, das Wunder der innerlichen Erneuerung. Wer den Eindruck hatte, sich von Gott entfernt zu haben, brauchte sich bloß wieder neu Gott anzuvertrauen. „Nahet euch zu Gott. Dann naht er sich zu euch.“ (Jak 4,4)

Es ist leicht zu erkennen, dass der Lehrsatz nicht stimmen kann. Man kann es sogar an der üblichen Begründung erkennen. Diese ist ein grandioses „Eigentor“. Denn man argumentiert: „Alle Schrift ist von Gott inspiriert“ (2.Tim 3,16) und folgert daraus, dass „alle“ Worte in der Bibel ausnahmslos inspiriert und fehlerfrei sind. Dabei hat man nur vergessen, weiterzulesen: „Alle Schrift, die von Gott inspiriert ist, ist nützlich zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.“  Was „Inspiration“ genau ist, weiß niemand. Es ist ein Geheimnis. Wissen können wir etwas anderes, nämlich, ob sich Aussagen in der Bibel finden lassen, die diesem hohen Niveau ganz und gar nicht entsprechen. Einzelne Aussagen, die keineswegs nützlich sind, sondern die  – im Gegenteil – durch die ganze Theologiegeschichte hindurch eine sehr schädliche Wirkung gehabt haben. In der Tat: es gibt sie. Und „zur Besserung“ können sie sowenig dienen wie „zur Erziehung in der Gerechtigkeit„,. Die Wirkung ist eindeutig und unbezweifelbar destruktiv. Das ist völlig unstrittig! Und weil das völlig unstrittig ist, hat unser Arbeitskreis eine Belohnung von 1000 Euro ausgesetzt für die Widerlegung der überwiegend schädlichen Wirkung dieser Texte. Bisher hat sich niemand diese 1000 Euro verdient! Wieso eigentlich nicht, wenn man sich seiner Sache so sicher ist und angibt, genau Bescheid zu wissen?  Und was soll der Nutzen der abstoßenden „no-comment“ – Texte sein? So wie Gott dort dargestellt wird, schurkische oder destruktive Machenschaften unterstützend, bleibt ein düsteres, deprimierendes Gottesbild  zurück. Sinn machen solche Geschichten nur, wenn wir sie als mangelhafte Übungstexte einstufen, die uns gegeben sind, damit wir sie mit dem „Sinn Jesu“ (1.Kor 2,26) für Barmherzigkeit beurteilen lernen sollen.

2. Satz: Die Bibel ist Gottes Wort. Das heißt: die Bibel und Gottes Wort bedeuten das Gleiche. Sie sind austauschbar. 

Gottes Wort ist mehr als die Bibel. Siegfried Zimmer weist darauf hin, dass es verschiedene Erscheinungsformen des göttlichen Wortes gibt: das schöpferische Wort, das sich an das Sein richtet und aus dem Nichts erschafft oder das repariert oder neugestaltet. Auch Jesus verfügt über das schaffende Wort, das Tote zum Leben erweckt (Joh 11, 43-44), das den Sturm stillt (Luk 8,24), das Brot und Fische aus dem Nichts erschafft.(Mt 14,17-21) Zweitens nennt die Bibel Jesus das menschgewordene Wort Gottes. (Joh 1,1 / Offb 19,13), da er durch das schaffende Wort Gottes in Maria entstand. Drittens ist das Wort Gottes das mündliche Wort. Jesus gebraucht nur das mündliche Wort und nicht das schriftliche Wort. Jesus hat nie etwas aufgeschrieben oder seine Jüngern einen Auftrag erteilt, seine Worte zu verschriftlichen, obwohl zu seiner Zeit die Mehrzahl der Menschen schreiben konnte. Deswegen entstanden die Evangelien so spät. Alle urchristlichen Gemeinden sind durch das mündliche Wort entstanden. Warum wohl? Das schriftliche Wort ist nicht mehr direkte Anrede, sondern kann an Dritte weitergegeben werden. Der Weitergebende gibt aber nicht nur das mündliche Wort weiter, sondern zugleich auch seine eigene Interpretation und seine  Wahrnehmung, die von unbewussten Interessen, Befürchtungen, eben durch den eigenen Horizont begrenzt sein kann. Dadurch erhält das geschriebene Wort eine ganz andere Qualität. Von seinem mündlichen Wort sagt Jesus: „Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben.“ Vom schriftlichen Wort heißt es dagegen: „der Buchstabe tötet.“ (2.Kor 3,16) Wie kann man da sagen, dass das geschriebene Wort Gottes genau dieselbe Qualität habe wie das mündliche, ja wie Gott selbst? Die ehrliche Beobachtung bestätigt diesen Unterschied. Wie wäre sonst die Tatsache zu erklären, dass die Bibel bei Unkenntnis dieses gravierenden Unterschiedes nur ein zweideutiges unglaubwürdiges Gottesbild vermittelt. Wir können nur dann die Bibel als „Gottes Wort“ betrachten, wenn wir akzeptieren, dass auch die gelegentlichen mangelhaften Texte dort eine sinnvolle Funktion haben und zu Lernzwecken geduldet sind. Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist – anders als Gott – allmählich entstanden. Die Christenheit ist in der Frage, welche Bücher der Bibel dazugehören, nie zu einer völlig einheitlichen Auffassung gekommen. (Siehe dazu auch den Kommentar von Martin Luther)  Das früheste Verzeichnis der neutestamentlichen Bücher, der Kanon Muratori (145 nach Chr.) zählt zudem die sehr problematische „Offenbarung des Petrus“ dazu, die damals trotz offensichtlicher Mängel von der Mehrheit der Gläubigen als inspiriert betrachtet und erst im 4.Jahrhundert aus der Bibel entfernt wurde.

 

3. Satz: Die Bibel ist Gottes entscheidende Offenbarung und damit die entscheidende Grundlage des christlichen Glaubens. 

Gottes entscheidende Offenbarung ist ganz allein Jesus Christus. Gott kann sich in einem Menschen ganz anders offenbaren als in einem Buch. Zur Zeit Jesu gab es noch kein Neues Testament. Die Bibel ist auch eine wichtige, die zweitwichtigste Offenbarung Gottes. Beide bilden eine Einheit. Es ist die Einheit von Herr und Diener…. Man darf nie die Bibel vor Jesus stellen. … Das Neue Testament dreht sich um Jesus Christus. Aber Jesus dreht sich nicht um das Neue Testament“ (Zimmer) Als die Pharisäer sich auf die Autorität des Sabbatgebotes beriefen, zeigt ihnen Jesus ganz klar die Rangfolge. „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (Mk 2,27) und Jesus unterstellt das strenge Gebot seiner Autorität und erklärte es dann für ungültig, wenn seine Anwendung gegen den Grundsatz der Barmherzigkeit verstieß: „Denn der Menschensohn ist Herr über den Sabbat.“ (Mt 12,8) Deswegen sind alle Aussagen der Heiligen Schrift am Maßstab Jesu zu prüfen und dieser heißt „Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Verlässlichkeit“ (Mt 23,23) Die Pharisäer wollten diese Freiheit Jesus nicht zugestehen. Buchstabenhörige Theologen heute sind ebenso entrüstet, wenn Gläubige, die von Jesus den heiligen Geist empfangen haben, und dank ihm im „Sinn Christi“ urteilen können (1.Kor 2,16), gegen den Buchstaben barmherzige Entscheidungen treffen wollen.

 

4. Satz: Wie Gott hat auch die Bibel absolute Autorität. Ihre Autorität ist Gottes Autorität. Was die Bibel sagt, das sagt Gott. Deshalb ist jede Relativierung der Bibel abzulehnen. 

An diesen Satz halten sich die Vertreter der Irrtumslosigkeitsdoktrin selber nicht. Sie relativieren das Titelverbot Jesu (s.o.), scheitern am Gebot der Schiedsgerichtsbarkeit. Schlimmer noch: sie machen sich schuldig an vielen Gläubigen. Mit ihrer Weigerung, die ethisch mangelhafte Texte in der Bibelderen „Buchstabe tötet“ (2.Kor 3,16) im Licht der Barmherzigkeit zu prüfen, stellen sie den „tötenden Buchstaben“ (2.Kor 3,6) über Jesus, den Herrn der heiligen Schrift, überfordern sie die Gewissen (Mt 23,4) und zwingen angefochtenen Gläubigen ein vertrauensstörendes Gottesbild auf, das ihre Glaubensfreude verkümmern lässt. Diese Rücksichtslosigkeit ist ein schwerer, reueloser Verstoß gegen das Gebot der brüderlichen Liebe und Barmherzigkeit. „Wenn jemand seinen Bruder leiden sieht, und verschließt sein Herz vor ihm, kann dann die Liebe Gottes in ihm bleiben?“ (1.Joh 3,17) 

 

5. Satz: In der Bibel gibt es keine Fehler und keine Widersprüche. Das gilt auch für ihre geschichtlichen, geographischen, biologischen, medizinischen und astronomischen Aussagen. In der Bibel kann es keine Fehler geben, weil Gott keine Fehler macht. Gott ist vollkommen. Also ist es sein Wort auch.

Dieser Satz steht bereits vor der Untersuchung fest. Ehrlicherweise müsste man sagen: „ich habe schon vor der Untersuchung bei mir selbst beschlossen: selbst wenn ich auf Aussagen stoßen sollte, die sich nach bestem Wissen und Gewissen eines unvoreingenommen, redlichen Menschen überhaupt nicht miteinander vertragen, Aussagen, die sich deutlich widersprechen und gegenseitig relativieren, so werde ich dennoch an meiner Behauptung festhalten, dass es keine Fehler in der Bibel gibt.“

Wozu soll das gut sein? Das soll nun angeblich Gott gefallen, dass sich der Gläubige ist taub und blind gegen beobachtbare Tatsachen stellt? Tatsächlich? Mit dieser bornierten Einstellung öffnen Gläubige dem Selbstbetrug Tür und Tor. Schon in dem Glaubenssatz selbst ist die Lüge zu erkennen. Denn in der Aufzählung fehlen die ethischen Widersprüche. Genau die Widersprüche, die dem Gläubigen am meisten Not machen, da sie zu einem vertrauensstörenden zweideutigen Gottesbild führen.

Warum wohl? Im Gegensatz zu „geschichtlichen, geographischen, biologischen, medizinischen und astronomischen Aussagen“ kann jeder Gläubige sie recht gut ohne Spezialkenntnisse beurteilen. Denn sie führen sofort zur Störung des Vertrauens. Es geht einfach nicht, dass zwei sich widersprechende ethische Aussagen gleichzeitig im Kopf gelten. „Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten.“ (Mt 6,24) Das Gewissen kommt mit widersprüchlicher Ethik nur sehr schlecht klar.

Gott hat sein unfehlbares Gotteswort sündigen und begrenzt denkenden Menschen anvertraut. Das ist nicht immer gut gegangen, wie wir aus der Bibel selbst erfahren. Wie können wir dann sicher sein, dass das Wort dadurch unbeeinträchtigt und absolut sauber geblieben ist? Gott hat es genügt. die Reparaturinstrumente mitzuliefern, indem er allen Gläubigen seinen Geist und „seinen Sinn“ (1.Kor 2,16) gegeben hat. Das ist der zuverlässige Weg Gottes, die Wahrheit zu bewahren. Ist es der einzige Weg, der nicht zu fragwürdigen Ergebnissen führt) Ob es einen besseren Weg gibt? Wir können es nur anhand der Ergebnisse beurteilen. Aus unserer Vorstellung von „Gottes Vollkommenheit“ können wir gar nichts schließen. Woher wollen wir denn gewiss sein, dass wir als unvollkommene Menschen genug von Gottes Vollkommenheit verstanden haben?

Was Lüge und was unseriös ist, das verstehen wir andererseits recht gut. Deswegen sollte es nicht schwer sein, zu begreifen, dass der fünfte naive Lehrsatz  ein schwerwiegender Verstoß gegen das Gebot der Wahrhaftigkeit (Eph 4,25) ist, indem er Gläubige dazu verführt, allgemein beobachtbare Tatsachen zu leugnen oder zu ignorieren. Ein dressierter Papagei plappert es dem anderen nach. Dadurch wird die Glaubwürdigkeit des christlichen Zeugnisses stark untergraben. Hätten die Zeugen der Auferstehung auf diesem Niveau „bezeugt“, dann wüssten wir heute über die Auferstehung nichts. Gottlob haben sie etwas berichtet, was sie „mit eigenen Augen gesehen“ hatten. (1.Joh 1,1) Und genau das dürfen Gläubige auch tun, wenn sie ihre Bibel lesen. Wer von vornherein taub und blind für alles ist, was nicht zu seiner Ideologie passt,  trägt mit seiner Verbohrtheit unablässig Spaltung, Rechthaberei und den sinnlose Wortgefechte in die Christenheit hinein. Da das Niveau der Argumente erbärmlich ist, ist es kaum möglich, jemanden wirklich zu überzeugen. Folglich versucht man den Andersdenkenden mit Unfreundlichkeit zur Anpassung an die eigene Sicht zu erpressen. Es kommt zu endlosen Grabenkämpfen.

 

6. Satz: In der biblischen Urgeschichte 1-11 geht es um den geschichtlichen Anfang der Menschheit. Adam und Eva waren die ersten zwei Menschen. Alle anderen Menschen stammen von ihnen ab. Die Evolutionstheorie steht im Widerspruch zur biblischen Urgeschichte. Darum kann sie von Christen nicht akzeptiert werden.

Der sechste Lehrsatz gilt ebenfalls als typisch für ein fundamentalistisches Bibelverständnis. Ich betrachte diesen Lehrsatz jedoch als irrelevant für das Ziel dieser Webseite, nämlich Glaubensfreude und Gottvertrauen vor destruktivem theologischen Einfluss zu  schützen. Wer sich hier ein (vorläufiges?) Urteil bilden will, braucht erhebliches Spezialwissen und müsste sich gründlich in Archäologie, in Altertums- und in  Naturwissenschaften einarbeiten. Mir persönlich erscheint der Gedanke eines Schöpfungsaktes plausibler als der Gedanke, die ganze Natur hätte sich aus bescheidensten molekularen Anfängen zufällig emporentwickelt. Auch Physiker weisen darauf hin, wie unwahrscheinlich es war, dass sich beim Urknall ein Universum bilden konnte. (Bill Bryson hat dieses erstaunliche Faktum allgemeinverständlich und spannend in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte von fast allem“ beschrieben) Damit ist aber noch nicht bewiesen, dass es sich so zugetragen hat, wie die ersten Kapitel der Bibel berichten. Ich denke, dass durch den Wettstreit von Wissenschaftlern, die nun pro oder contra Evolution forschen, beide Seiten interessante und wertvolle neue Entdeckungen gemacht haben. Diese Forschung kann eine Ahnung davon entwickeln, dass tatsächlich ein Schöpfer am Anfang aller Dinge steht. Falls sie aber zum Nachweis  dienen soll, dass die Bibel keine Fehler enthält, so ist der Kampf bereits verloren, denn es bereitet keine Mühe, Problemstellen, ja sogar destruktive Aussagen zu finden. Wir sollten diese wenigen Stellen weder ignorieren noch leugnen, sondern sie so einordnen, dass auch sie der Stärkung des Glaubens dienen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Artikel aktualisiert am 05.05.2022

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