Verbreitung von Legenden


Beispiele für übliche fromme Märchenerzählerei, die unter Gläubigen mit herkömmlich bibeltreuer Weltanschauung seit Jahren weit verbreitet sind und aufzeigen, wie schwach dort das Interesse an seriöser Selbstüberprüfung entwickelt ist:

1. Selektive Wahrnehmung bzw. Leugnung geschichtlicher Fakten
2. Selektive Wahrnehmung biblischer Geschichte.
3. Abstreiten der destruktiven Folgen buchstabenhöriger Theologie
4. Etabliertes, aber intellektuell unredliches Verständnis alttestamentlicher Messiasprophetie.
5. Etablierte, aber ungeistliche Autoritätsstrukturen in der Gemeinde.
6. Verbreitung von Ansichten, die Jesus selbst kritisiert hat
7. Phantastereien über angeblich wunderbare Ereignisse und Heilungen

 

1. Selektive Wahrnehmung bzw. Leugnung geschichtlicher Fakten:

Bis heute wird über Luther wird in evangelikalen Kreisen durchweg positiv berichtet. Eine Distanzierung von den schweren Verbrechen, die in seinem Amt auf sein Betreiben hin jahrelang begangen wurden, geschieht kaum: die Verfolgung und Ermordung von tausenden baptistischen Glaubensbrüdern, gewissenhaften evangelischen Predigern ohne fürstliche Lizenz, Andersdenkenden, Juden, angeblichen Hexen und behinderten Kindern.

Typische Reaktion eines Pfarrers: “Das kann man der Gemeinde nicht zumuten!”

Muss man das Unsägliche “taktvoll” übergehen, weil man Luther als untadelige Ikone braucht?

Wie kurzsichtig ist das! Wird er dadurch etwa untadelig? “Ein geschöntes Geschichtsbild” mag ja den Zuhörern erhebende Gefühle verschaffen.  Es ist de facto ein Linsengericht, für das der weitaus höhere Schatz der Glaubwürdigkeit eingetauscht wurde.

Ist es glaubwürdig und ehrenhaft, den Holocaust zu leugnen? Wo ist der qualitative Unterschied zu einer Bagatellisierung der üblen Taten Luthers?

Dabei ließe sich aus den düsteren Fakten eine Menge über Machtmissbrauch von Theologen lernen.

Wie kann ein gläubiger Mensch, der Tag für Tag die Bibel mit größter Hingabe und mit Gebet studiert, dennoch auf so schreckliche Irrwege kommen? Lag es an nur an der Zeit, in der er lebte? Warum sind dann viele seiner gläubigen Zeitgenossen, die die Bibel viel weniger studiert haben, menschlich und barmherzig mit Andersdenkenden umgegangen?

Auch theologisch ergeben sich wichtige Fragen: wieviel kann ein Mensch, der sich so verhält, von christlicher Freiheit verstanden haben? Luther hat es irgendwann in einer Tischrede auch einmal zugegeben, dass er Mühe hatte, die unangemessene Handhabung des Gesetzes zu erkennen. “Kein Mensch auf Erden ist, der da kann und weiß das Evangelium und Gesetz recht zu unterscheiden. Wir lassen es uns wohl dünken, wenn wir hören predigen, wir verstehen es; aber es fehlet weit, allein der heilige Geist kann diese Kunst. … Ich hätte wohl auch gemeint, ich könnte es, weil ich so lange und so viel davon geschrieben habe; aber wahrlich, wenn es ans Treffen geht, so sehe ich wohl, dass es mir es weit, weit fehlet! Also soll und muss allein Gott der heiligste Meister und Lehrer sein!” (Martin Luther, Tischreden, ausgewählt von Karl Gerhard Steck, München 1959, S.42.)

Dennoch geistert unter Evangelikalen bis zum heutigen Tag die Behauptung herum, dass die Not mit dem Gesetz “ein überwiegend katholisches Problem” sei, dass dank der evangelischen Theologie nicht mehr existiere.

Eine falsche Behauptung, die sich leicht wiederlegen ließe (“Giftige Theologie“). Wenn  man bereit wäre, sich Gegenbeweise anzusehen.Wenn!  Auch die Evangelikalen haben ihre speziellen Formen gesetzlicher Anfechtung und Verzweiflung. Doch das Interesse an diesen Fakten ist in der Regel gleich Null. (“Blinder Fleck“).

Ist es verwunderlich, dass man dann ebenso unfähig ist, über aktuelle Begebenheiten ehrlich und ungeschönt zu berichten? Ja, nicht wenige Gläubige, die sich an diesen Trend angepasst haben, sind so unverfroren, dass sie Versuche der Richtigstellung als “Sünde”, als “Angriff auf die Ehre der Gemeinde” diffamieren.

Soll man das im Ernst glauben, dass “frisierte”  Glaubenszeugnisse oder Missionsberichte irgendetwas zur Glaubwürdigkeit des Glaubens und zur “Ehre der Gemeinde” beitragen können?

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2. Selektive Wahrnehmung biblischer Geschichte.

Auch die Wahrnehmung der Persönlichkeit König Davids ist in evangelikalen Kreisen häufig sehr einseitig, da man sich von tradierten Wunschvorstellungen nicht lösen kann. Die Untersuchung der “no-comment-Texte” in der Königsgeschichtsschreibung zeigen uns, dass David außer dem Ehebruch mit Bathseba und dem Auftragsmord an Uria noch weitere ebenso schlimmere Verbrechen beging. Unter Evangelikalen sind diese Berichte kaum jemandem bekannt, da sie schlecht mit der Vorbildfunktion Davids und mit der (von David angeordneten) Hofberichterstattung zusammenpassen, gemäß der David “ein Mann nach dem Herzen Gottes” war und sich angeblich außer dem einen Fehltritt mit Bathseba und Uria nichts habe zuschulden kommen lassen. (1.Kö 15,5) So sah sich König David – aber würde es Jesus auch so sehen? Diese Frage darf bei Evangelikalen offenbar nicht gestellt werden.  Üblicherweise werden diese Texte ignoriert – und hinterlassen allenfalls im Gedächtnis des eilig weiterblätternden Bibellesers einen deprimierenden und bösartigen Eindruck.

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3. Abstreiten der destruktiven Folgen buchstabenhöriger Theologie

Auf diesem Auge sind evangelikale Hardliner bekanntlich blind (“Blinder Fleck“). Dabei sind die schädlichen Wirkungen leicht nachzuvollziehen (“Giftige Theologie“). Aus solchen Vergiftungsprozessen finden Gläubige schwer heraus, wenn sie die Drohungen Gottes infolge ihrer Unvollkommenheit auf sich beziehen (Sorgfaltsparadox). Wenn der Loslösungsprozess zu lange dauert, drohen schwere psychische Schäden. Die evangelikale Szene steht dem religiösen Missbrauch gleichgültig gegenüber und nutzt ebenso wie die Zeugen Jehovas und die katholische Kirche das staatliche Nötigungsprivileg.. Ein Gegenkonzept ist seit ca. einem Jahrzehnt verfügbar, das erfahrungsgemäß schnell und gründlich für Abhilfe sorgt. Doch Vertreter der herkömmlich bibeltreuen Weltanschauung sind grundsätzlich nicht bereit es den Gläubigen vorzustellen und einen Qualitätsvergleich mit der alten Sichtweise vorzunehmen.

So hat sich auch nach jahrelangen Bemühungen jede Hoffnung zerschlagen, dass die Ev. Allianz wenigstens einzige eine Anlaufstelle für Geschädigte einrichtet, wo Betroffene über den erlittenen Missbrauch berichten können und wo Ursachen und Verantwortlichkeit ermittelt werden. Schon gar nicht darf mit der Einrichtung eines Haftungsfonds für Geschädigte gerechnet werden.

Obwohl Jesus sich prüfen ließ (Joh 8,46), obwohl sich Paulus prüfen ließ (Apg 17,11) und aufforderte, alles (1.Thes 5,21) und insbesondere Leute zu prüfen, die im Auftrag Gottes zu reden behaupteten (1.Kor 14,22) ist eine Prüfung des von Theologen erdachten und beschlossenen buchstabenhörigen Bibelverständnisses in herkömmlich bibeltreuen Gemeinden nicht erlaubt. Deswegen gibt es auch keine “bibeltreuen” Webseiten, die alle Kommentare unzensiert abdrucken.

Die seelische Not der Betroffenen wird nach wie vor nur als privates und grundsätzlich selbstverschuldetes Problem gesehen, das niemanden etwas angeht. Gewöhnlich halten es Betroffene in den betreffenden Gemeinden auch nicht lange aus – der Widerspruch zu dem, was Paulus wollte, ist für sie unerträglich : Wenn ein Glied des Leibes leidet, so leiden alle Glieder mit” (1.Kor 12,26)  Für die Gemeinden selbst ist das ganz praktisch: das Problem hat sich auf diese Weise für sie von selbst gelöst und sie können sich wieder einreden, dass sie glaubwürdige Verkünder der Liebe und der Wahrheit sind. 

Gewöhnlich machen Gläubige, die erheblich geschädigt worden sind, in Zukunft einen großen Bogen um evangelikale Gemeinden, um neue Verletzung zu vermeiden. So weiß bis heute niemand, wie viele Menschen in evangelikalen durch Missbrauch der Bibel geschädigt worden sind. Viele Gläubige ahnen nicht einmal, dass ihre Theologie riskant sein könnte, da sich evangelikale Institutionen bis heute weigern, alternative Inspirationsmodelle (“Update“) zu Prüfungszwecken bekanntzumachen. 

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4. Etabliertes, aber intellektuell unredliches Verständnis alttestamentlicher Messiasprophetie.

Da wird doch tatsächlich immer wieder behauptet, dass sich die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift dadurch “beweisen” lasse, dass alle Prophetien des Alten Testamentes auf den Messias präzise eingetroffen wären.

Dazu erst einmal grundsätzlich: Die Idee der erfüllten Prophezeihung taucht in den Evangelien sehr oft auf. Immer wieder heißt es: : “auf dass erfüllt würde….” Soll damit aber gesagt werden, dass es sich hier um Beweise juristisch bedeutsamer Qualität handelt,  gar um einen “Gottesbeweis” wie es z.B. evangelikale Aushängeschilder wie Prof. Dr. Werner Gitt behaupten, unwiderlegbare Beweise, die geeignet sind, Ungläubige zum Glauben zu zwingen? Oder sind es Hinweise für Gläubige, die den engen Zusammenhang zwischen Alten und Neuem Bund beleuchten sollen?

Eines lässt sich sicher nachweisen: dass nur die zweite Deutung als “Hinweise für die Gemeinde” in Frage kommt.

Bevor wir uns die Fakten im Detail anschauen, sehen wir uns zunächst mit einer Schwierigkeit allgemeiner Art konfrontiert: Ob die im NT beschriebenen Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben, ist nicht durch unabhängige Quellen, sondern nur durch Sympathisanten Jesu bezeugt. Nur Gläubige haben darüber geschrieben, denen von nichtgläubiger Seite unterstellt werden kann, dass sie diese Details hinzuerfunden oder zurechtgebogen haben. Wie soll man diese Behauptung durch einen Gegenbeweis entkräften? Wenn man sich heute anschaut, wie bibelgläubige Leute ihre Botschaft präsentieren, so muss ein leider sagen: ein schlampiger Umgang mit Fakten, selektive Wahrnehmung, Übertreibungen, große Schwerfälligkeit oder gar Unfähigkeit zur Selbstkritik sind die Normalität. Mit einigem Recht fragen viele Menschen: Warum soll es dann bei den Aposteln oder den Verfassern der Evangelien anders gewesen sein?

Jetzt kommen wir zu den Details:

Dass die als Prophezeiung gewerteten Texte des Alten Testaments tatsächlich viel älter sind als die Zeit der Ereignisse, die sie angekündigt haben sollen, ist unstrittig. Doch wir müssen an sie schon präzisere Fragen stellen:

Waren die angekündigten Ereignisse durch die Zeitgenossen beeinflussbar? Die Apostel sahen in Jesus den Messias, den zukünftigen König Israels. Da der Messias laut Prophetie “auf einem Esel” in die Stadt einziehen sollte (Sach 9,9), war es doch sinnvoll, für den Einzug einen Esel zu beschaffen, auf dem Jesus in die Stadt reiten konnte. Wieso  wird dann von “Prophetie” gesprochen, die Beweis für ein mathematisch unwahrscheinliches Eingreifen Gottes sein soll?

Bezieht sich die Prophetie tatsächlich auf den angekündigten Messias? Jesus wurde am Kreuz ein Schwamm mit Essig gereicht.(Mt 27,34) In Ps 69,22 beklagt sich der Psalmdichter, dass ihm seine Feinde Essig zu trinken  gaben. Eine Prophezeiung auf den Messias? Johannes scheint es anzudeuten: “Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig … und hielten ihm den an den Mund.” (Joh 19,28) Wenn man Vers Ps 69,4 liest, mag man es bezweifeln, denn dort spricht der Dichter über seine Sünde: “Gott, du kennst meine Torheit, und meine Schuld ist dir nicht verborgen.” Wie soll das dann auf Jesus zutreffen, der ohne Sünde war (Joh 8,46) ? Und Ps 69,4 ist die einzige Stelle im Alten Testament, die eine Gabe von Essig durch Feinde erwähnt.

Mt 2,14-15:  “Mitten in der Nacht brach Josef mit Mutter Kind nach Ägypten auf. Dort lebten sie bis zu Herodes’ Tod und es traf ein, was Gott durch den Propheten vorausgesagt hatte:     “Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen”.

Im AT sucht man aber vergeblich nach einer Prophetie, die einen aus Ägypten kommenden Messias ankündigt.

Die einzige ähnlich lautende Stelle, die hier gemeint sein könnte, steht in Hosea 11,1. Dort heißt es: “Da Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten. Aber wenn man sie (die Israeliten) jetzt ruft, so wenden sie sich davon und opfern den Baalim und räuchern den Bildern. Ich nahm Ephraim (=Israel) bei seinen Armen und leitete ihn; aber sie merkten es nicht, wie ich ihnen half. Ich ließ sie ein menschliches Joch ziehen und in Seilen der Liebe gehen und half ihnen das Joch an ihrem Hals tragen und gab ihnen Futter. Sie sollen nicht wieder nach Ägyptenland kommen, sondern Assur soll nun ihr König sein; denn sie wollen sich nicht bekehren.”

Unschwer zu sehen: in der zugeordneten Hosea-Stelle geht es gar nicht um Prophetie. Es geht um einen Rückblick auf die Befreiung Israels aus der ägyptischen Sklaverei. Gott hoffte auf Dankbarkeit, aber Israel (bisweilen auch pars pro toto) “Ephraim” genannt, enttäuschte ihn. Die Leute wollten sich nicht ändern. Passt diese Aussage denn wirklich auf den Messias, der von sich sagte: “Wer von euch kann mich einer Sünde zeihen?” (Joh 8,46)

Wer ehrlich ist, stellt fest: es passt vorne und hinten nicht. “Erfüllt” bedeutet bei Matthäus offenbar nicht: “Präzise angekündigt, präzise eingetroffen.” Wenn wir einen “Beweis” erwarten, dann kann dieses Beispiel allenfalls als Beweis für einen Irrtum in der Bibel taugen. 

Wir können natürlich annehmen, dass es tatsächlich einmal eine konkrete Prophetie gab, die vorhersagte, dass es niemand anders als der Messias selbst sein wird, der aus Ägypten gerufen werden wird, eine vorzeigbare Prophetie also, die aber leider in einem Text stand, der verlorenging. Dies wiederum würde bedeuten, dass der Kanon unvollständig, d.h. mangelhaft bzw. verbesserungsbedürftig ist.

Doch das ist reine Spekulation. Wir haben nur den Hosea-Satz. Wenn wir davon ausgehen, dass Matthäus sich tatsächlich auf die Hosea-Stelle bezieht, was kann dann “erfüllt” bedeuten? Wir können es eine “Vorschattung” nennen. Ein Zusammenhang ganz eigener Art, der aber zum “Beweis” für Nichtgläubige sowenig taugt wie für “Wahrscheinlichkeitsrechnungen”.

Seltsamerweise blieb die Zeit der christlichen Gemeinde den alttestamentlichen Propheten verborgen. Und doch ist sie der Fokus der Weltgeschichte. Frühere Ereignisse dienen dazu, der Gemeinde wichtige biblische Wahrheiten in symbolisierter, teilverschlüsselter Form einzuprägen.

Im Gesetz Mose’s steht geschrieben: “Du sollst dem Ochsen nicht das Maul verbinden, der da drischt.” Sorgt Gott für die Ochsen? Oder sagt er’s nicht vielmehr um unsertwillen? Denn es ist ja um unsertwillen geschrieben.” (1.Kor 9,9-10) Sicher ist Gott auch das Wohl der Ochsen wichtig. Gott fühlt Erbarmen auch mit den Tieren (Jona 4,11) Doch die Hauptaussage zielt auf die christliche Gemeinde und ihre Leiter, die angemessen versorgt werden sollen. “Also hat auch der HERR befohlen, daß, die das Evangelium verkündigen, sollen sich vom Evangelium nähren sollen.” (1.Kor 9,14)

Was immer im Alten Testament geschieht, Gott denkt damit zugleich an den Neuen Bund, der durch Jesus Christus mit Menschen geschlossen wird. Selbst wenn es im AT um die Fütterung der Ochsen geht.

Nach dem Exodus aus Ägypten war es Israel möglich, nach der Sklaverei ein Leben in Freiheit zu beginnen. Auch Jesus kam aus Ägypten zurück und gab allen in Israel, die an ihn glaubten. die Chance auf Freiheit von der Sklaverei der Sünde. In beiden Fällen wurde ein ganz neues Kapitel der Geschichte des Gottesvolkes begonnen.

Einen ähnlichen Zusammenhang finden wir in Matthäus 2,23: “(Jesus)  ließ sich in einer Stadt namens Nazaret (Ναζαρετ) nieder. So sollte sich erfüllen, was die Propheten sagten: Er soll Nazōraios (Ναζωραιος) genannt werden.”

Auch dieser dem Propheten zugeschriebene Satz findet sich nirgends im AT. Dem Messias wird aber vom Propheten das Wort “Spross” (hebr. N-e-Z-e-R) zugeordnet. Wörtlich heißt es dort: “es wird ein Spross aufgehen vom Baumstumpf Isais … auf dem der Geist des HERRN ruhen wird, …. Er wird .. mit Gerechtigkeit die Armen richten … und wird mit dem Stabe seines Mundes die Erde schlagen und mit seinem Atem den Gottlosen töten.” (Jes 11,1) Hier geht es ohne Zweifel um den Messias, der über die Erde richtet und mit einem bloßen Wort töten kann. (vgl. Offb 1,16: “er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Gesicht leuchtete wie die helle Sonne.”)

Hier sagt Matthäus der gläubigen Gemeinde: In Nazaret wuchs Jesus auf. Viele, die ihm hier vor seinem Wirken begegneten, erlebten, dass hier eine große Persönlichkeit heranwuchs. Sollte er der verheißene NEZER sein? Eine unzerstörbare Hoffnung, die unversehens aus einem abgestorbenen, totgeglaubten Baumstumpf hervorwuchs und einst über alles triumphieren würde? Der Name des Ortes schien diese Ahnung zu bekräftigen: NaZaRet.  Gott hatte sich diesen Ort ausgewählt, um den Gläubigen, die den Messias erwarteten, einen Hinweis zu geben.

Gott gibt einen Hinweis, der dem Gläubigen genügen kann, aber keinen “Beweis”, der Nichtglaubende zwingt, der Bibel Unfehlbarkeit zu bescheinigen. Dann hätte der Satz, so wie Matthäus ihn zitiert, auch in der Prophetie stehen müssen.

In Sach 11,12 wird “der Hirte” für seinen Dienst mit der unangemessen geringen Summe von 30 Silberstücken entlohnt. Mt 27,9 sieht hierin eine Prophezeihung der Summe, für die Jesus von Judas verraten wurde. Von einem Verrat des Messias durch eine einzelne Person ist jedoch beim Propheten Sacharja (den Matthäus versehentlich als “Jeremia” zitiert) keine Rede. Auf den ersten Blick geht es dort um die Entlassung und Ablohnung eines Hirten, der die “elenden“, entarteten (weil fleischfressenden) “Schafe” nicht mehr hüten will. Außer den elenden Schafen, denen mit dem Gericht gedroht wird, werden als böse Personen noch “drei Hirten” genannt, die Gott mit dem Tod bestraft. Die Festsetzung der Abfindungssumme erfolgt durch die Schafe. Da Gottes Auftrag an den Hirten erging, ist der Leser geneigt, dass Wort “ich”, mit dem sich der entlassene Hirte bezeichnet, mit dem Propheten Sacharja zu identifizieren. Aber die Geringwertigkeit der Summe bringt Gott mit seiner Person in Verbindung: “Was für eine treffliche Summe, deren ich wert geachtet bin von ihnen!” Somit scheint die zweite Person, die in diesem Dialog auftaucht, auch Gott zu sein. Im Neuen Testament wird Jesus als Gott (1.Joh 5,20) und als der “gute Hirte” (Joh 10,11) bezeichnet. Diese Querverbindungen zwischen Alten und Neuem Testament können  nur Gläubige erkennen, weshalb die Prophezeihung ein Hinweis für Gläubige ist. Ein Beweiswert für Nichtchristen hat sie nicht.

Eine ähnlich vorsichtige Beurteilung ist angebracht bei der “Prophezeihung” des Kindermords von Bethlehem (Mt 2, 16-18 / vgl. Jer 31,15-16).

Eine vergleichsweise starke Prophetie dagegen ist die Danielprophetie, die ankündigt, dass der Gesalbte nach 69 Jahrwochen nach dem Wiederaufbau Jerusalems hingerichtet werden wird. “So wisse nun und merke: von der Zeit an, da ausgeht der Befehl, dass Jerusalem soll wieder gebaut werden, bis auf den Gesalbten, den Fürsten, sind sieben Wochen und zweiundsechzig Wochen… Und nach den zweiundsechzig Wochen wird der Gesalbte ausgerottet werden” (Dan 9,25-26)

Im 20ten Regierungsjahr des persischen Königs Artaxerxes, d.h. im Jahr 445 v.Chr. erging der Befehl die Stadt Jerusalem wieder aufzubauen. (Neh 2,1-8) Die Hinrichtung des Messias, des “Gesalbten”, sollte 7 + 62 = 69 “Jahrwochen” d.h. 7 x 69 = 483 Jahre später erfolgen, d.h. etwa im Jahr 31 n.Chr.

Die Folge dieser Prophezeiung war eine allgemeine starke Messiaserwartung in Palästina zur Zeit Jesu, wie sie später nie mehr entstehen sollte. In dieser Zeit traten allerdings etliche Persönlichkeiten auf, die als Messias verehrt wurden und umgebracht wurden (wie z.B. Bar Kochba)

Eine zweite Prophetie, die stark über den Kreis der Jünger hinaus wirkte, war die Ankündigung des stellvertretend leidenden Gottesknechtes. “Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in der Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg; aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.”  (Jes 53,4-6)

Noch heute wird das Lesen dieser Prophetenworte in vielen Synagogen vermieden, da sie die Befürchtung wecken, dass der Prophet den Opfertod Jesu voraussagt.

Auf wen könnten diese Prophetenworte denn zutreffen, wenn nicht auf Jesus? Jesus war die einzige Persönlichkeit mit weltweiter und heute noch andauernder Wirksamkeit, auf die die Datumsangabe des Propheten Daniel zutrifft.

Doch “Beweise” im zwingenden juristischen Sinn liegen dennoch nicht vor. Da wir keinen gerichtsverwertbaren Beweis für die Auferstehung Jesu haben, kann es nicht sicher ausgeschlossen werden, dass die Jünger Jes 53 genutzt haben um das Scheitern ihres Meisters zu glorifizieren. In diesem hätten wir es mit einer “self-fulfilling prophecy” zu tun. Indem sich die Jünger anstrengten, ihre zum Triumph umgedeutete Erfahrung überall zu verbreiten, erlangte Jesus tatsächlich über die Jahrhunderte weltweite Bekanntheit, die als Belohnung seiner Hingabe ausgelegt werden konnte. Es bereitet allerdings Mühe sich vorzustellen, dass sich die Apostel für eine von ihnen selbst erfundene Geschichte hätten totschlagen lassen. Andererseits kann man auch wieder bezweifeln, dass die Berichte der Kirchenväter zutreffen, die uns mitteilen, dass die Apostel tatsächlich den Märtyrertod starben. 

Genauso wenig ist es nachweisbar, dass die Evangelisten über das Verlosen der Kleidung, die letzten Worte Jesu am Kreuz usw. zutreffend und wahrheitsgemäß berichtet haben oder ob sie solche Zusammenhänge nachträglich geschaffen haben, um für ihre Theologie unter Juden missionieren zu können. Wir möchten es gerne glauben, wir verlassen uns gläubig darauf (aller Erfahrungen mit der schon notorisch zu nennenden evangelikalen Unehrlichkeit heute zum Trotz) – aber nachprüfbar ist es nicht.

Die erstgenannten Beispiele von prophetischen Ankündigungen können – fehlt die geistliche Deutung – durchaus als Belege für fehlerhafte Prophetie dienen. Erst recht ist es unseriös und absurd, auf diese Aussagen eine “Wahrscheinlichkeitsrechnung” zu gründen. Leider gibt es immer noch viele Gläubige, die solche unhaltbaren Behauptungen ungeprüft nachplappern, in Büchern und Traktaten drucken sowie auch noch die Internet-Foren damit beglücken müssen.

Menschen, die dem christlichen Glauben fernstehen, werden daraus eigentlich nur den Schluss ziehen, dass Glauben etwas mit Selbstbetrug zu tun hat, mit Wunschdenken, dass erwachsene Menschen durch Religion kindisch und leichtgläubig werden.

Auch Gläubigen kann manipulative und unehrliche Bibelinterpretation schaden. Der oberflächlich denkende Christ nimmt die Manipulation wahr, verzichtet aber auf die Richtigstellung, um sich nicht verunsichern zu lassen. Denken und Erkennen ist emotional anstrengend – der gedankenlose religiöse Gefühlsgenuss dagegen nicht. Umgekehrt wird der Ehrliche die Erwartung, Falsches einfach zu ignorieren, als Angriff auf seine Würde und Integrität empfinden. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Einigkeit im Geiste, wird unter diesen Bedingungen immer weiter schrumpfen. Unehrlichkeit ist nicht verhandelbar. Sie reißt einen Graben auf zwischen den, die an ihr festhalten und denen, die sie überwinden wollen.

Der Apostel Johannes würde für Klarheit eintreten: “Ich schreibe euch also nicht, weil ihr die Wahrheit nicht kennt, sondern weil ihr sie kennt und wisst, dass aus der Wahrheit keine Lüge hervorgehen kann.” (1.Joh 2,21)

(Siehe zu weiteren Details des Themas “biblische Prophetie” auch die Diskussion um den Aufsatz von Klaus Schmeh “Beweisen eingetroffene Prophezeiungen, dass die Bibel das Wort Gottes ist?” (2006) sowie den polemischeren Aufsatz von MGEN Tausende erfüllte Prophezeiungen in der Bibel: Der Beweis der Korrektheit des Christentums von Werner Gitt]

Natürlich haben auch diese Autoren manche Schwächen: z.B. gebraucht Schmeh die Datierung der Evangelien durch die wissenschaftliche Forschung als Beweis. Sie ist jedoch nur nicht mehr als eine Vermutung. Es sind keine Originalhandschriften gefunden worden, deren Alter zuverlässig bestimmt werden könnte.

Obwohl diese kritischen Beiträge seit Jahren im Netz stehen, steht Gitts prophetischer -mathematischer Gottesbeweis auf seiner Webseite weiter unkorrigiert im Netz: https://wernergitt.de/beitraege/deutsch/wissenschaftlich/item/20036-der-prophetisch-mathematische-gottesbeweis

Was soll man zu diesem – leider nicht untypischen! –  Verhalten sagen? Ist es nicht eine ziemlich Geringschätzung der Hörer? Immerhin machen sie sich die Mühe, seine Argumente zu durchdenken. Und wenn sie dabei auf Fehler stoßen, dann leisten sie mit ihrer Korrektur Nützliches, das anerkannt  und berücksichtigt werden sollte. Doch was geschieht stattdessen? Der Vortragende verhält sich so, als ob es eine Korrektur nie gegeben hätte. Er wiederholt seine untauglichen Argumente, die erwiesenermaßen falsch sind. Er ist der Papst und weiß es von vornherein  am besten. Doch was will er damit erreichen? Muss die Schallplatte widerlegter Argumente nur oft genug abgespielt werden, bis sich die gewünschte Qualität einstellt? Geht es hier noch um ehrliches Suchen und  ehrlichen Austausch oder um Gehirnwäsche? Offenbar wird das Einfangen und Manipulieren naiver und gedankenloser Mitmenschen angestrebt, die lernen sollen, wie der Meister mit Schweigen oder mit Empörung zu  reagieren, wenn es zu ehrlich wird. Und sie lernen es! Prüft es nach: wieviel bibeltreue Webseiten haben Werner Gitt mittlerweile kritisiert? Warum sollten sie auch, wenn sie sich in Bezug auf ihr buchstabenhöriges Bibelverständnis ähnlich verhalten?

Und eines ist auch gewiss – wenn die Verfasser der Bibel eine ähnliche Beziehung zur Wahrheit hatten… – dann erfahren wir aus der Bibel über Gott überhaupt nichts!

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5. Etablierte, aber ungeistliche Autoritätsstrukturen in der Gemeinde.

 

6. Verbreitung von Ansichten, die Jesus selbst kritisiert hat:

In gewissen frommen Gruppen wird unbeirrt Krankheit als Beweis für hartnäckige Sünde und mangelnden Glauben angesehen. Wäre man nicht so blind und selbstgerecht, könnte man sehen, dass dies eine pharisäische Denkweise ist, die längst von Jesus kritisiert worden ist. (Bericht von der Heilung des Blindgeborenen: Joh 9,2-3). Man könnte dann erkennen, dass man mit solchen Lehren kranken Menschen Geringschätzung entgegenbringt und zusätzliches Leid aufbürdet. (s.a. der Vortrag von Siegfried Zimmer “Gott und das Leid”. Sehr empfehlenswert!)

Wem fällt es noch auf, dass die Regeln der christlichen Gemeinde von einer Tradition bestimmt sind, die in wichtigen Punkten erheblich von dem abweicht, was Jesus und die Apostel für richtig hielten?

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7. Phantastereien über angeblich wunderbare Ereignisse und Heilungen.

Es kommt auf ganz natürliche Weise immer wieder zu falschen Heilungsberichten:

Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, dann könnt ihr zu diesem Berge sagen “Versetze dich an einen anderen Ort!” so wird sich der Berg versetzen; und euch wird nichts unmöglich sein” (Mt 17,20) In vielen Gemeinden ist die Anschauung verbreitet, man könne am besten unerschütterlichen Glauben beweisen, indem man die Erfüllung des Gebetes öffentlich als bereits geschehen verkündet. So kommen Leute in krankem Zustand im Gottesdienst nach vorne und bezeugen öffentlich eine Heilung, die nicht stattgefunden hat, aber sehnlich erwartet wird. Wenn die Heilung trotz des Bekenntnisses nicht stattfindet, dann wäre eigentlich eine öffentliche Richtigstellung am Platz. Doch dazu fehlt der Mut, umso mehr, als dann die Gläubigen dem Bekennenden unterstellen, dass das Festhalten an Sünde an irgendeiner geheimen Schlechtigkeit für das Ausbleiben der Erhörung verantwortlich sein könnte. Der Kranke muss also zusätzlich zu seinem Leid noch die Missbilligung von Glaubensgeschwistern ertragen. So bleibt sein “Zeugnis” unkorrigiert. (Dazu eine Buchempfehlung: Yancey, Philipp, Von Gott enttäuscht, SCM-Brockhaus Verlag)

Wenn Gemeindelehrer falsche Berichte unkorrigiert stehen lassen, obwohl sie gut darüber informiert ist, dass sie nicht stimmen. (s.Interview mit einem Pastor: “Das gehört dazu”), dann fördern sie damit eine Kultur des Selbstbetruges und der Manipulation auf Kosten der Glaubwürdigkeit und Wahrheitsliebe.

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Artikel aktualisiert am 08.02.2019

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