Verbreitung von Falschmeldungen


Folgende  Beispiele zeigen uns, wie schwach unter Gläubigen mit herkömmlich bibeltreuer Weltanschauung das Interesse an seriöser Selbstüberprüfung entwickelt ist: Der evangelikale Mainstream glaubt und verbreitet gravierende Falschmeldungen ungeachtet aller Gegenbeweise bis zum heutigen Tag

Eine religiöse Dressur leistet Erstaunliches. Erst wird tief in der Seele die Angst vor dem Glaubensverlust verankert, den Aufrichtigkeit angeblich zur Folge haben würde. Plötzlich sind alle unehrlichen Methoden zur Bewahrung  dieses “Glaubens” von vornherein gerechtfertigt. Angst entschuldigt alles. Ist das nun Glaube oder Unglaube? Warum ist man unfähig, Gott zuzutrauen, dass er dem nach Wahrheit Suchenden tatsächlich entgegenkommt, wie er es in Jak 4,4 versprochen hat? Stattdessen wird die Panik kultiviert, dass der Gott, dessen Zuverlässigkeit man lautstark bezeugt, sich buchstäblich in Nichts auflöst, sobald man irgendeine der üblichen Falschbehauptungen durch seriöse Prüfung und Beobachtung ersetzt. Das soll wahr sein? Dabei fordert uns Gottes Buch auf, mit Gottes Gegenwart und Hilfe zu rechnen und gerade in Glaubensdingen keine Lügen zu dulden: “Ihr wisst, dass keine Lüge aus der Wahrheit kommt.” (1.Joh 2,21)

Folgende leicht zu widerlegende (!) Falschbehauptungen sind im evangelikalen Mainstream weit verbreitet:

1. Leugnung des biblischen Zeugnisses über die Lückenhaftigkeit der biblischen Überlieferung
2. Leugnung bzw. Ignorieren des ältesten Kanonzeugnisses
3. Selektive Wahrnehmung biblischer Geschichte.
4. Leugnung und Verharmlosung kirchengeschichtlicher Fakten
5. Abstreiten der destruktiven Folgen buchstabenhöriger Theologie
6. Etabliertes, aber intellektuell unredliches Verständnis alttestamentlicher Messiasprophetie.
7. Verbreitung von Ansichten, die Jesus selbst kritisiert hat
8. Phantastereien über angeblich wunderbare Ereignisse und Heilungen
9. Etablierte, aber bevormundende Autoritätsstrukturen in der Gemeinde.


 

 

1. Leugnung des biblischen Zeugnisses über die Lückenhaftigkeit der biblischen Überlieferung

Strenggläubige Bibeltreue sind der “festen Überzeugung”, dass das biblische Wort – kaum von Gott gesprochen, von Menschen mit größter Sorgfalt und Genauigkeit überliefert worden ist. Von Anfang an sei das die Aufgabe spezialisierter Schriftgelehrter, der “Masoreten” gewesen. War das wirklich so? Die Bibel selbst bezeugt Zeiten jahrzehntelanger völliger Vernachlässigung der ältesten biblischer Texte, sodass selbst auf Regierungsebene zur Zeiten des Richterbuches und zu Zeiten der Könige Manasse bis Josia niemand etwas von ihrem Vorhandensein ahnte. Das sagt die Bibel selbst. (siehe Details!) Doch strenggläubigen Evangelikalen ist das auch nach jahrzehntelangem Bibelunterricht gewöhnlich völlig unbekannt, sodass sie eine lückenlos genaue Überlieferung alttestamentlicher Texte unterstellen.

 

2. Leugnung bzw. Ignorieren des ältesten Kanonzeugnisses

Strenggläubige “Bibeltreue” sind der “festen Überzeugung”, dass alle wahrhaft Gläubigen sich über den Umfang des inspirierten Kanons einig waren und einig sind. Ist das wahr? Eigentlich ist allgemein bekannt, dass ihr Aushängeschild Martin Luther die geistliche Qualität von vier neutestamentlichen Schriften entschieden bestritten hat, und sich seinerseits auf Entscheidungen etlicher Kirchenväter beruft. Insbesondere der Hebräerbrief, der ausgerechnet Märtyrern, die bereits um des Glaubens willen “den Raub ihrer Güter mit Freuden erduldet haben” (Hebr 10,34) viermal den völligen und endgültigen Verlust der Gnade Gottes androht,  falls sie zuviel gesündigt oder zu wenig geglaubt haben sollten, wurde von Martin Luther unter Berufung auf etliche Kirchenväter wegen seiner destruktiven Wirkung auf die Heilsgewissheit als nur teilweise seriös, d.h. als “apokryph” eingestuft. Das älteste erhaltene Zeugnis des neutestamentlichen Kanons (der Kanon Muratori) enthält ebenfalls keinen Hebräerbrief. Stattdessen zählt es die “Offenbarung des Petrus” zum Kanon, eine Schrift, die in abstoßend sadistischer Weise die Höllenqualen ausmalt, woraus wir ersehen können, dass schon die frühe Kirche bemüht war, die Gläubigen mit übertriebenen Ängsten einzuschüchtern. Diese Schrift wurde erst später (irgendwann im 2.Jht nach Chr) endgültig aus dem Kanon entfernt.  Eigentlich musste sie nachträglich in jede Bibelausgabe eingefügt werden – mit dem Vermerk: “von der Christenheit allgemein anerkannt bis ca. 145 nach Christus”) Hat es Zweck, streng “bibeltreue” Gläubige mit dieser Tatsache zu konfrontieren? Dabei ist diese Information für die seelische Stabilität von Gläubigen sehr wichtig. Ich fürchte, sie werden dennoch immer weiter behaupten, dass der Umfang des Kanons “immer völlig klar” war.

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3. Selektive Wahrnehmung biblischer Geschichte.

Auch die Wahrnehmung der Persönlichkeit König Davids ist in evangelikalen Kreisen häufig sehr einseitig, da man sich von tradierten Wunschvorstellungen nicht lösen kann. Die Untersuchung der “no-comment-Texte” in der Königsgeschichtsschreibung zeigen uns, dass David außer dem Ehebruch mit Bathseba und dem Auftragsmord an Uria noch weitere, z.T. weitaus schlimmere Verbrechen beging. Unter Evangelikalen sind diese Berichte kaum jemandem bekannt, da sie schlecht mit der Vorbildfunktion Davids und mit der (von David angeordneten) Hofberichterstattung zusammenpassen, gemäß der David “ein Mann nach dem Herzen Gottes” war und sich angeblich außer dem einen Fehltritt mit Bathseba und Uria nichts habe zuschulden kommen lassen. (1.Kö 15,5) So sah sich König David – aber würde es Jesus auch so sehen? Diese Frage darf bei Evangelikalen offenbar nicht gestellt werden.  Üblicherweise werden diese Texte ignoriert – und hinterlassen allenfalls im Gedächtnis des eilig weiterblätternden Bibellesers einen deprimierenden und bösartigen Eindruck.

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4. Selektive Wahrnehmung bzw. Leugnung kirchengeschichtlicher Fakten:

Bis heute wird über Luther wird in evangelikalen Kreisen durchweg positiv berichtet. Eine Distanzierung von den schweren Verbrechen, die in seinem Amt auf sein Betreiben hin jahrelang begangen wurden, geschieht kaum: die Verfolgung und Ermordung von tausenden baptistischen Glaubensbrüdern, gewissenhaften evangelischen Predigern ohne fürstliche Lizenz, Andersdenkenden, Juden, angeblichen Hexen und behinderten Kindern.

Typische Reaktion eines Pfarrers: “Das kann man der Gemeinde nicht zumuten!”

Muss man das Unsägliche “taktvoll” übergehen, weil man Luther als untadelige Ikone braucht? Wie kurzsichtig ist das! Wird er dadurch etwa untadelig? “Ein geschöntes Geschichtsbild” mag ja den Zuhörern erhebende Gefühle verschaffen.  Es ist de facto ein Linsengericht, für das der weitaus höhere Schatz der Glaubwürdigkeit eingetauscht wurde. Ist es glaubwürdig und ehrenhaft, den Holocaust zu leugnen? Wo ist der qualitative Unterschied zu einer Bagatellisierung der üblen Taten Luthers?

Dabei ließe sich aus den düsteren Fakten eine Menge über Machtmissbrauch von Theologen lernen.

Wie kann ein gläubiger Mensch, der Tag für Tag die Bibel mit größter Hingabe und mit Gebet studiert, dennoch auf so schreckliche Irrwege kommen? Lag es an nur an der Zeit, in der er lebte? Warum sind dann viele seiner gläubigen Zeitgenossen, die die Bibel viel weniger studiert haben, menschlich und barmherzig mit Andersdenkenden umgegangen?

Auch theologisch ergeben sich wichtige Fragen: wieviel kann ein Mensch, der sich so verhält, von christlicher Freiheit verstanden haben? Luther hat es irgendwann in einer Tischrede auch einmal zugegeben, dass er Mühe hatte, die unangemessene Handhabung des Gesetzes zu erkennen. “Kein Mensch auf Erden ist, der da kann und weiß das Evangelium und Gesetz recht zu unterscheiden. Wir lassen es uns wohl dünken, wenn wir hören predigen, wir verstehen es; aber es fehlet weit, allein der heilige Geist kann diese Kunst. … Ich hätte wohl auch gemeint, ich könnte es, weil ich so lange und so viel davon geschrieben habe; aber wahrlich, wenn es ans Treffen geht, so sehe ich wohl, dass es mir es weit, weit fehlet! Also soll und muss allein Gott der heiligste Meister und Lehrer sein!” (Martin Luther, Tischreden, ausgewählt von Karl Gerhard Steck, München 1959, S.42.)

Dennoch geistert unter Evangelikalen bis zum heutigen Tag die Behauptung herum, dass die Not mit dem Gesetz “ein überwiegend katholisches Problem” sei, dass dank der evangelischen Theologie nicht mehr existiere.

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5. Abstreiten der destruktiven Folgen buchstabenhöriger Theologie

Auf diesem Auge sind evangelikale Hardliner bekanntlich blind (“Blinder Fleck“). Dabei sind die schädlichen Wirkungen leicht nachzuvollziehen (“Giftige Theologie“). Ja selbst das große Vorbild evangelischer Freiheit, Martin Luther, hat diese Wirkung bestätigt. In seiner Vorrede zum Hebräerbrief hat Luther klar und deutlich erklärt, dass er den Hebräerbrief als apokryph, d.h. teilweise fehlerhafte Schrift einschätzt, da er die  Verheißungen des Heils, die durch Paulus gegeben sind, wieder  relativiert. Offensichtlich hätte es ohne diese rabiate Maßnahme für Luther keine Heilsgewissheit gegeben. Warum kann man dann nicht ehrlich zugeben, dass bei evangelischen Christen durch den Hebräerbrief eben dieselben Nöte wie bei Luther entstehen können?

Das Neue Testament selbst warnt davor: “der Buchstabe tötet” (2.Kor 3,6). An dem Wahn, der Gläubige sei zu einem Leben völliger Selbstlosigkeit verpflichtet (Luk 9,24 / 14,33 / Jak 4,17 / 1Jo 3,8-9) , wenn er sich nicht den Zorn Gottes zuziehen will, sind schon viele Gewissen zerbrochen. Dabei muss dieser Wahn noch nicht einmal direkt gelehrt werden. Wenn allgemein ein Klima gepflegt wird, das durch Bedrohung und Anklage geprägt ist, so können sich Bibelworte im Denken gutwilliger Gläubiger, die sich trotz allen Bemühens weiter eingeschüchtert sehen, so miteinander verbinden und verheddern, dass eine die Seele vergiftende Wirkung eintritt (Sorgfaltsparadox). Aus solcher “Verriegelung des Denkens” finden Gläubige kaum heraus, wenn jedes Bibelwort von vornherein als unfehlbar und unantastbar gelten soll, sodass die Prüfung und Bewertung als strafwürdige Rebellion gegen Gott selbst erscheinen muss. Die notwendige innere Distanzierung zu einzelnen überfordernden Bibelworten ist dann kaum möglich.  Wenn der Loslösungsprozess zu lange dauert, drohen schwere psychische Schäden.

Die evangelikale Szene steht dem religiösen Missbrauch hilflos bis gleichgültig gegenüber und nutzt ebenso wie die Zeugen Jehovas und die katholische Kirche das staatliche Nötigungsprivileg. Zwar ist ein anti-liberales (!), glaubensfreundliches Gegenkonzept   seit ca. einem Jahrzehnt verfügbar, das erfahrungsgemäß schnell und gründlich für Abhilfe sorgt (Bibeltreue 2.0), ein Bibelverständnis, das eine grobe Unterscheidung zwischen unfehlbaren Lehrtexten und abwertungswürdigen “Übungstexten” zulässt.  Doch unerbittlich hält der fromme Mainstream an dem Dogma fest, dass ausnahmslos alle Bibelworte unantastbares Gotteswort seien und nicht relativiert oder kritisch gesehen werden dürfen. (In der Praxis ist es selbstverständlich üblich und erlaubt, Bibelworte zu relativieren und unauffällig (!) an die eigene Lebenspraxis anzupassen , um sich die “Nachfolge” nach Bedarf zu erleichtern – ohne dass die Praxis korrigierend auf das Bibelverständnis zurückwirken würde. Ein Beispiel: die Gabe des Zehnten auch aus einem Luxuseinkommen gilt als vorbildlich, obwohl der Apostel Paulus im Interesse notleidender Geschwister dazu aufruft, zu helfen, wo es möglich ist (1.Joh 3,17) und sich an Nahrung und Kleidung genügen zu lassen. (1.Tim 6,8)) Das soll nun ehrlich sein: unbequeme Bibeltexte relativieren, ignorieren, verdrängen und übergehen, aber zugleich mit einem Lippenbekenntnis als angeblich “unfehlbar” und “maßgeblich” aufzuwerten? O ja, dieses widersprüchliche Verhalten ist bei “Bibeltreuen” allgemein akzeptiert. Lautstark und aggressiv wird dagegen die ehrliche und offene Unterscheidung von Texten entsprechend ihrer Relevanz und Tauglichkeit in der Praxis als glaubenszerstörende “Bibelkritik” beschimpft.

In der Türkei wurde doch tatsächlich im letzten Jahr ein grauenhafter Gesetzesvorschlag eingebracht, der Deu 22,29 quasi 1 zu 1 auf heute überträgt. (Quelle: https://www.wz.de/politik/ausland/tuerkei-straffreiheit-fuer-vergewaltiger-wenn-sie-das-opferheiraten_aid-48628739) .Die Vergewaltigung von Minderjährigen soll straffrei bleiben, wenn der Täter das Opfer hinterher heiratet.

Natürlich lehnen streng bibeltreue Gläubige heute diesen Vorschlag heute unisono ab, halten ihn objektiv für falsch, obwohl sie – welche Schizophrenie – zugleich die Unfehlbarkeit von Deu 22,29 vertreten, wo genau das als Gebot formuliert und gefordert wird. Wieso sollte das Gebot nicht mehr gelten? Es ist nie aufgehoben worden. Indes ist nicht schwer zu sehen, dass dieses angeblich “unfehlbare” und “irrtumslose” Gebot destruktivste Folgen hat. Diese Folgen mit irgendeiner “Versorgungsfunktion” zu rechtfertigen, ist absurd. Dies Funktion könnte von der Priesterschaft oder jeder anderen Institution sicher sinnvoller ausgeübt werden  als gerade durch den Straftäter, der die Vergewaltigung und Traumatisierung dann zeitlebens in der Ehe fortsetzen würde.

Vertreter der herkömmlich bibeltreuen Weltanschauung sind zu einem Qualitätsvergleich mit der alten Sichtweise grundsätzlich nicht bereit. Lieber nimmt man in Kauf, dass immer wieder Gläubige lebenslang an destruktiv wirkenden Bibelstellen verzweifeln. Es ist sogar erwünscht, dass sie es in der Gemeinde nicht mehr aushalten, dann stören sie wenigstens nicht mehr.

So hat sich auch nach jahrelangen Bemühungen jede Hoffnung zerschlagen, dass die Ev. Allianz wenigstens eine einzige  Anlaufstelle für Geschädigte einrichtet, wo Betroffene über den erlittenen Missbrauch berichten können und wo Ursachen und Verantwortlichkeit ermittelt werden. Schon gar nicht darf mit der Einrichtung eines Haftungsfonds für Geschädigte gerechnet werden.

Obwohl Jesus sich prüfen ließ (Joh 8,46), obwohl sich Paulus prüfen ließ (Apg 17,11) und aufforderte, alles (1.Thes 5,21) und insbesondere Leute zu prüfen, die im Auftrag Gottes zu reden behaupteten (1.Kor 14,22) ist eine Prüfung des von Theologen erdachten und beschlossenen buchstabenhörigen Bibelverständnisses in herkömmlich bibeltreuen Gemeinden nicht erlaubt. Deswegen gibt es auch keine “bibeltreuen” Webseiten, die alle Kommentare unzensiert abdrucken. Trotzdem verstehen sie sich mit bestem Gewissen als legitime Vertreter der “Wahrheit”.

Weit weist man den Gedanken von sich, dass eine dilettantische und unehrliche Theologie für die seelische Not der Betroffenen verantwortlich sein könnte. Sie wird nach wie vor nur als privates und grundsätzlich selbstverschuldetes Problem gesehen, das niemanden etwas angeht.

Gewöhnlich halten es Betroffene in den betreffenden Gemeinden auch nicht lange aus – der Widerspruch zu dem, was Paulus wollte, ist für sie unerträglich : Wenn ein Glied des Leibes leidet, so leiden alle Glieder mit” (1.Kor 12,26)  Für die Gemeinden selbst ist das ganz praktisch: das Problem hat sich auf diese Weise für sie von selbst gelöst und sie können sich wieder einreden, dass sie glaubwürdige Verkünder der “Liebe” und der “Wahrheit” sind. Gewöhnlich machen Gläubige, die erheblich geschädigt worden sind, in Zukunft einen großen Bogen um evangelikale Gemeinden, um neue Verletzung zu vermeiden.

So weiß bis heute niemand, wie viele Menschen in evangelikalen durch Missbrauch der Bibel geschädigt worden sind. Viele Gläubige ahnen nicht einmal, dass ihre Theologie riskant sein könnte, da sich evangelikale Institutionen bis heute weigern, alternative Inspirationsmodelle (“Update“) zu Prüfungszwecken bekanntzumachen. 

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6. Etabliertes, aber intellektuell unredliches Verständnis alttestamentlicher Messiasprophetie.

Da wird doch tatsächlich immer wieder behauptet, dass sich die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift dadurch “beweisen” lasse, dass alle Prophetien des Alten Testamentes auf den Messias “präzise eingetroffen” wären.

Dazu erst einmal grundsätzlich: Die Idee der erfüllten Prophezeihung taucht in den Evangelien sehr oft auf. Immer wieder heißt es: : “auf dass erfüllt würde….” Soll damit aber gesagt werden, dass es sich hier um Beweise juristisch bedeutsamer Qualität handelt,  gar um einen “Gottesbeweis” wie es z.B. evangelikale Aushängeschilder wie Prof. Dr. Werner Gitt behaupten, unwiderlegbare Beweise, die geeignet sind, Ungläubige zum Glauben zu zwingen? Oder sind es Hinweise für Gläubige, die den engen Zusammenhang zwischen Alten und Neuem Bund beleuchten sollen?

Eines lässt sich sicher nachweisen: dass eher die zweite Deutung als “Hinweise für die Gemeinde” in Frage kommt, auch wenn einige Vorhersagen tatsächlich einen starken Impuls zum Staunen und Vertrauen geben.

Jetzt kommen wir zu den Details:

Dass die als Prophezeiung gewerteten Texte des Alten Testaments tatsächlich viel älter sind als die Zeit der Ereignisse, die sie angekündigt haben sollen, ist unstrittig. Doch wir müssen an sie schon präzisere Fragen stellen:

Waren die angekündigten Ereignisse durch die Zeitgenossen beeinflussbar? Die Apostel sahen in Jesus den Messias, den zukünftigen König Israels. Da der Messias laut Prophetie “auf einem Esel” in die Stadt einziehen sollte (Sach 9,9), war es doch sinnvoll, für den Einzug einen Esel zu beschaffen, auf dem Jesus in die Stadt reiten konnte. Wieso  wird dann von “Prophetie” gesprochen, die Beweis für ein mathematisch unwahrscheinliches Eingreifen Gottes sein soll?

War der Eintritt der angekündigten Ereignisse überhaupt nachweisbar oder handelt es sich bei den Berichten nicht ebenfalls wieder um Glaubensinhalte?

Es besteht kein Zweifel, dass im Neuen Testament von Matthäus berichtet wird (Mt 1,18ff) , dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde, was als Erfüllung von  Jes 7,14 anzusehen sei. Doch wer war Matthäus? Ein glühender Anhänger des “Jesus-Fan-Clubs”. Womit ist bewiesen, dass diese Behauptung nicht von den Fans frei erfunden wurde, um ihren Meister zu glorifizieren? Die Behauptung ist nicht nachprüfbar und selbst wieder Glaubensinhalt.

Dasselbe kann man zur Behauptung sagen, Jesus sei “als Sohn Gottes geboren” worden (Jes 9,5 / Luk 2,6-7) oder sei “zur Rechten Gottes erhöht worden” (Ps 110,7 / Apg 7,56 ). Das soll für uns heute – 2000 Jahre später – ein hieb- und stichfester “Beweis” sein? Die Erfüllung ist Glaubensinhalt, nicht mehr.

Auch die berichtete Auferstehung Jesu ist heute kein Beweis. Selbst wenn von 500 Zeugen dieser Auferstehung berichtet wird (1.Kor 15,6), und wir annehmen dass dieser Bericht stimmt, so hatten jedoch nur für die Zeitgenossen des Paulus die Möglichkeit, die Zeugen zu befragen. In der Tat, wenn man einen Zeugen persönlich als sachlichen, nüchternen und ehrlichen Menschen kennt, dann hat sein Zeugnis ein großes Gewicht und könnte überzeugen. Doch wir kennen niemand der Zeitzeugen persönlich und so zerrinnt auch diese Überzeugungsquelle in nichts. Ergebnis: die Auferstehung Jesu ist selbst wieder Glaubensinhalt und Glaubenshoffnung der Gläubigen. Die Gewissheit, das Jesus heute lebt und unsichtbar bei uns ist, muss auf anderem Wege kommen.

Bezieht sich die Prophetie tatsächlich auf den angekündigten Messias? Jesus wurde am Kreuz ein Schwamm mit Essig gereicht.(Mt 27,34) In Ps 69,22 beklagt sich der Psalmdichter, dass ihm seine Feinde Essig zu trinken  gaben. Eine Prophezeiung auf den Messias? Johannes scheint es anzudeuten: “Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig … und hielten ihm den an den Mund.” (Joh 19,28) Wenn man Vers Ps 69,4 liest, mag man es bezweifeln, denn dort spricht der Dichter über seine Sünde: “Gott, du kennst meine Torheit, und meine Schuld ist dir nicht verborgen.” Wie soll das dann auf Jesus zutreffen, der ohne Sünde war (Joh 8,46) ? Und Ps 69,4 ist die einzige Stelle im Alten Testament, die eine Gabe von Essig durch Feinde erwähnt.

Mt 2,14-15:  “Mitten in der Nacht brach Josef mit Mutter Kind nach Ägypten auf. Dort lebten sie bis zu Herodes’ Tod und es traf ein, was Gott durch den Propheten vorausgesagt hatte:     “Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen”.

Im AT sucht man aber vergeblich nach einer Prophetie, die einen aus Ägypten kommenden Messias ankündigt.

Die einzige ähnlich lautende Stelle, die hier gemeint sein könnte, steht in Hosea 11,1. Dort heißt es: “Da Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten. Aber wenn man sie (die Israeliten) jetzt ruft, so wenden sie sich davon und opfern den Baalim und räuchern den Bildern. Ich nahm Ephraim (=Israel) bei seinen Armen und leitete ihn; aber sie merkten es nicht, wie ich ihnen half. Ich ließ sie ein menschliches Joch ziehen und in Seilen der Liebe gehen und half ihnen das Joch an ihrem Hals tragen und gab ihnen Futter. Sie sollen nicht wieder nach Ägyptenland kommen, sondern Assur soll nun ihr König sein; denn sie wollen sich nicht bekehren.”

Unschwer zu sehen: in der zugeordneten Hosea-Stelle geht es gar nicht um Prophetie. Es geht um einen Rückblick auf die Befreiung Israels aus der ägyptischen Sklaverei. Gott hoffte auf Dankbarkeit, aber Israel (bisweilen auch pars pro toto) “Ephraim” genannt, enttäuschte ihn. Die Leute wollten sich nicht ändern. Passt diese Aussage denn wirklich auf den Messias, der von sich sagte: “Wer von euch kann mich einer Sünde zeihen?” (Joh 8,46)

Wer ehrlich ist, stellt fest: es passt vorne und hinten nicht. “Erfüllt” bedeutet bei Matthäus offenbar nicht: “Präzise angekündigt, präzise eingetroffen.” Wenn wir einen “Beweis” erwarten, dann kann dieses Beispiel allenfalls als Beweis für einen Irrtum in der Bibel taugen. 

Wir können natürlich annehmen, dass es tatsächlich einmal eine konkrete Prophetie gab, die vorhersagte, dass es niemand anders als der Messias selbst sein wird, der aus Ägypten gerufen werden wird, eine vorzeigbare Prophetie also, die aber leider in einem Text stand, der verlorenging. Dies wiederum würde bedeuten, dass der Kanon unvollständig, d.h. mangelhaft bzw. verbesserungsbedürftig ist.

Doch das ist reine Spekulation. Wir haben nur den Hosea-Satz. Wenn wir davon ausgehen, dass Matthäus sich tatsächlich auf die Hosea-Stelle bezieht, was kann dann “erfüllt” bedeuten? Wir können es eine “Vorschattung” nennen. Ein Zusammenhang ganz eigener Art, der aber zum “Beweis” für Nichtgläubige sowenig taugt wie für “Wahrscheinlichkeitsrechnungen”.

Seltsamerweise blieb die Zeit der christlichen Gemeinde den alttestamentlichen Propheten verborgen. Und doch ist sie der Fokus der Weltgeschichte. Frühere Ereignisse dienen dazu, der Gemeinde wichtige biblische Wahrheiten in symbolisierter, teilverschlüsselter Form einzuprägen.

Im Gesetz Mose’s steht geschrieben: “Du sollst dem Ochsen nicht das Maul verbinden, der da drischt.” Sorgt Gott für die Ochsen? Oder sagt er’s nicht vielmehr um unsertwillen? Denn es ist ja um unsertwillen geschrieben.” (1.Kor 9,9-10) Sicher ist Gott auch das Wohl der Ochsen wichtig. Gott fühlt Erbarmen auch mit den Tieren (Jona 4,11) Doch die Hauptaussage zielt auf die christliche Gemeinde und ihre Leiter, die angemessen versorgt werden sollen. “Also hat auch der HERR befohlen, daß, die das Evangelium verkündigen, sollen sich vom Evangelium nähren sollen.” (1.Kor 9,14)

Was immer im Alten Testament geschieht, Gott denkt damit zugleich an den Neuen Bund, der durch Jesus Christus mit Menschen geschlossen wird. Selbst wenn es im AT um die Fütterung der Ochsen geht.

Nach dem Exodus aus Ägypten war es Israel möglich, nach der Sklaverei ein Leben in Freiheit zu beginnen. Auch Jesus kam aus Ägypten zurück und gab allen in Israel, die an ihn glaubten. die Chance auf Freiheit von der Sklaverei der Sünde. In beiden Fällen wurde ein ganz neues Kapitel der Geschichte des Gottesvolkes begonnen.

Einen ähnlichen Zusammenhang finden wir in Matthäus 2,23: “(Jesus)  ließ sich in einer Stadt namens Nazaret (Ναζαρετ) nieder. So sollte sich erfüllen, was die Propheten sagten: Er soll Nazōraios (Ναζωραιος) genannt werden.”

Auch dieser dem Propheten zugeschriebene Satz findet sich nirgends im AT. Dem Messias wird aber vom Propheten das Wort “Spross” (hebr. N-e-Z-e-R) zugeordnet. Wörtlich heißt es dort: “es wird ein Spross aufgehen vom Baumstumpf Isais … auf dem der Geist des HERRN ruhen wird, …. Er wird .. mit Gerechtigkeit die Armen richten … und wird mit dem Stabe seines Mundes die Erde schlagen und mit seinem Atem den Gottlosen töten.” (Jes 11,1) Hier geht es ohne Zweifel um den Messias, der über die Erde richtet und mit einem bloßen Wort töten kann. (vgl. Offb 1,16: “er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Gesicht leuchtete wie die helle Sonne.”)

Hier sagt Matthäus der gläubigen Gemeinde: In Nazaret wuchs Jesus auf. Viele, die ihm hier vor seinem Wirken begegneten, erlebten, dass hier eine große Persönlichkeit heranwuchs. Sollte er der verheißene NEZER sein? Eine unzerstörbare Hoffnung, die unversehens aus einem abgestorbenen, totgeglaubten Baumstumpf hervorwuchs und einst über alles triumphieren würde? Der Name des Ortes schien diese Ahnung zu bekräftigen: NaZaRet.  Gott hatte sich diesen Ort ausgewählt, um den Gläubigen, die den Messias erwarteten, einen Hinweis zu geben.

Gott gibt einen Hinweis, der dem Gläubigen genügen kann, aber keinen “Beweis”, der Nichtglaubende zwingt, der Bibel Unfehlbarkeit zu bescheinigen. Dann hätte der Satz, so wie Matthäus ihn zitiert, auch in der Prophetie stehen müssen.

In Sach 11,12 wird “der Hirte” für seinen Dienst mit der unangemessen geringen Summe von 30 Silberstücken entlohnt. Mt 27,9 sieht hierin eine Prophezeihung der Summe, für die Jesus von Judas verraten wurde. Von einem Verrat des Messias durch eine einzelne Person ist jedoch beim Propheten Sacharja (den Matthäus versehentlich als “Jeremia” zitiert) keine Rede. Auf den ersten Blick geht es dort um die Entlassung und Ablohnung eines Hirten, der die “elenden“, entarteten (weil fleischfressenden) “Schafe” nicht mehr hüten will. Außer den elenden Schafen, denen mit dem Gericht gedroht wird, werden als böse Personen noch “drei Hirten” genannt, die Gott mit dem Tod bestraft. Die Festsetzung der Abfindungssumme erfolgt durch die Schafe. Da Gottes Auftrag an den Hirten erging, ist der Leser geneigt, dass Wort “ich”, mit dem sich der entlassene Hirte bezeichnet, mit dem Propheten Sacharja zu identifizieren. Aber die Geringwertigkeit der Summe bringt Gott mit seiner Person in Verbindung: “Was für eine treffliche Summe, deren ich wert geachtet bin von ihnen!” Somit scheint die zweite Person, die in diesem Dialog auftaucht, auch Gott zu sein. Im Neuen Testament wird Jesus als Gott (1.Joh 5,20) und als der “gute Hirte” (Joh 10,11) bezeichnet. Diese Querverbindungen zwischen Alten und Neuem Testament können  nur Gläubige erkennen, weshalb die Prophezeihung ein Hinweis für Gläubige ist. Ein Beweiswert für Nichtchristen hat sie nicht.

Eine ähnlich vorsichtige Beurteilung ist angebracht bei der “Prophezeihung” des Kindermords von Bethlehem (Mt 2, 16-18 / vgl. Jer 31,15-16).

Eine vergleichsweise starke Prophetie dagegen ist die Danielprophetie, die ankündigt, dass der Gesalbte nach 69 Jahrwochen nach dem Wiederaufbau Jerusalems hingerichtet werden wird. “So wisse nun und merke: von der Zeit an, da ausgeht der Befehl, dass Jerusalem soll wieder gebaut werden, bis auf den Gesalbten, den Fürsten, sind sieben Wochen und zweiundsechzig Wochen… Und nach den zweiundsechzig Wochen wird der Gesalbte ausgerottet werden” (Dan 9,25-26)

Im 20ten Regierungsjahr des persischen Königs Artaxerxes, d.h. im Jahr 445 v.Chr. erging der Befehl die Stadt Jerusalem wieder aufzubauen. (Neh 2,1-8) Die Hinrichtung des Messias, des “Gesalbten”, sollte 7 + 62 = 69 “Jahrwochen” d.h. 7 x 69 = 483 Jahre später erfolgen, d.h. etwa im Jahr 31 n.Chr.

Die Folge dieser Prophezeiung war eine allgemeine starke Messiaserwartung in Palästina zur Zeit Jesu, wie sie später nie mehr entstehen sollte. In dieser Zeit traten allerdings etliche Persönlichkeiten auf, die als Messias verehrt wurden und umgebracht wurden (wie z.B. Bar Kochba).

Auch für Bethlehem als tatsächlicher Geburtsort Jesu gibt es gewichtige Argumente: nirgends wird daran im zeitgenössischen rabbinischen Schrifttum gezweifelt. Origines stellt fest, dass die Rabbinen das Thema der Geburt des Messias in Bethlehem mit Stillschweigen übergingen. Wäre ein anderer Geburtsort nachweisbar gewesen, hätte man dieses schlagende Argument sicherlich  gegen Jesus verwendet. (Quelle: Origines Cels.1,51.; zitiert bei Ethelbert Stauffer, Jesus – Gestalt und Geschichte, A. Francke Verlag Bern 1957,  S.25)

Ein weiteres starkes Argument ist die Tatsache, dass Jesus mit seinen Wundertaten die zeitgenössischen Erwartungen an den Messias erfüllte. Als legitimierende Wunder des Messias wurde von den Rabbinern die Heilung eines Aussätzigen, die Heilung eines Blindgeborenen und die Austreibung eines Dämons aus einem Taubstummen genannt. Obwohl nun das rabbinische Schrifttum Jesus feindich gesonnen war, wurde nie bezweifelt, dass Jesus Wunder tat. “Um 95 spricht Rabbi Elieser ben Hyrkanos in Lydda von den Zauberkünsten Jesu (Sabbath 104b; Tos Sabbath 11,15), Um 110 hören wir von einer palästina-jüdischen Kontroverse um die Frage, ob man sich im Namen Jesu heilen lassen dürfe (Aboda zara 27b; Tos Hullin 2,22f). Wunderheilungen im Namen Jesu setzen voraus, dass Jesus selbst Wunder vollbracht hat. Um die gleiche Zeit (95-110) begegnet uns die Verdammungsformel: ‘Jesus hat gezaubert und verführt und Israel abwendig gemacht’ (Sanh 43a; 107b; vgl. Sota 47a)” (Quelle: Stauffer, ebd., S 19.)

Eine weitere Prophetie, die stark über den Kreis der Jünger hinaus wirkte, war die Ankündigung des stellvertretend leidenden Gottesknechtes. “Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in der Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg; aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.”  (Jes 53,4-6)

Noch heute wird das Lesen dieser Prophetenworte in vielen Synagogen vermieden, da sie die Befürchtung wecken, dass der Prophet den Opfertod Jesu voraussagt.

Auf wen könnten diese Prophetenworte denn zutreffen, wenn nicht auf Jesus? Jesus war die einzige Persönlichkeit mit weltweiter und heute noch andauernder Wirksamkeit, auf die die Datumsangabe des Propheten Daniel zutrifft.

Doch “Beweise” im zwingenden juristischen Sinn liegen dennoch nicht vor. Da wir keinen gerichtsverwertbaren Beweis für die Auferstehung Jesu haben, kann es nicht sicher ausgeschlossen werden, dass die Jünger Jes 53 genutzt haben um das Scheitern ihres Meisters zu glorifizieren. In diesem hätten wir es mit einer “self-fulfilling prophecy” zu tun. Indem sich die Jünger anstrengten, ihre zum Triumph umgedeutete Erfahrung überall zu verbreiten, erlangte Jesus tatsächlich über die Jahrhunderte weltweite Bekanntheit, die als Belohnung seiner Hingabe ausgelegt werden konnte. Es bereitet allerdings Mühe sich vorzustellen, dass sich die Apostel für eine von ihnen selbst erfundene Geschichte hätten totschlagen lassen. Andererseits kann man auch wieder bezweifeln, dass die Berichte der Kirchenväter zutreffen, die uns mitteilen, dass die Apostel tatsächlich den Märtyrertod starben. 

Genauso wenig ist es nachweisbar, dass die Evangelisten über das Verlosen der Kleidung, die letzten Worte Jesu am Kreuz usw. zutreffend und wahrheitsgemäß berichtet haben oder ob sie solche Zusammenhänge nachträglich geschaffen haben, um für ihre Theologie unter Juden missionieren zu können. Wir möchten es gerne glauben, wir verlassen uns gläubig darauf (aller Erfahrungen mit der schon notorisch zu nennenden evangelikalen Unehrlichkeit heute zum Trotz) – aber nachprüfbar ist es nicht.

Die erstgenannten Beispiele von prophetischen Ankündigungen können – fehlt die geistliche Deutung – durchaus als Belege für fehlerhafte Prophetie dienen. Erst recht ist es unseriös und absurd, auf diese Aussagen eine “Wahrscheinlichkeitsrechnung” zu gründen. Leider gibt es immer noch viele Gläubige, die solche unhaltbaren Behauptungen ungeprüft nachplappern, in Büchern und Traktaten drucken sowie auch noch die Internet-Foren damit beglücken müssen.

Menschen, die dem christlichen Glauben fernstehen, werden daraus eigentlich nur den Schluss ziehen, dass Glauben etwas mit Selbstbetrug zu tun hat, mit Wunschdenken, dass erwachsene Menschen durch Religion kindisch und leichtgläubig werden.

Auch Gläubigen kann manipulative und unehrliche Bibelinterpretation schaden. Der oberflächlich denkende Christ nimmt die Manipulation wahr, verzichtet aber auf die Richtigstellung, um sich nicht verunsichern zu lassen. Denken und Erkennen ist emotional anstrengend – der gedankenlose religiöse Gefühlsgenuss dagegen nicht. Umgekehrt wird der Ehrliche die Erwartung, Falsches einfach zu ignorieren, als Angriff auf seine Würde und Integrität empfinden. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Einigkeit im Geiste, wird unter diesen Bedingungen immer weiter schrumpfen. Unehrlichkeit ist nicht verhandelbar. Sie reißt einen Graben auf zwischen den, die an ihr festhalten und denen, die sie überwinden wollen.

Der Apostel Johannes würde für Klarheit eintreten: “Ich schreibe euch also nicht, weil ihr die Wahrheit nicht kennt, sondern weil ihr sie kennt und wisst, dass aus der Wahrheit keine Lüge hervorgehen kann.” (1.Joh 2,21)

Unehrliche und schlampige Argumentation hinterlässt bei Nichtgläubigen überhaupt keinen guten Eindruck:

Siehe zu weiteren Details des Themas “biblische Prophetie” auch die Diskussion um den Aufsatz von Klaus Schmeh “Beweisen eingetroffene Prophezeiungen, dass die Bibel das Wort Gottes ist?” (2006) sowie den polemischeren Aufsatz von MGEN Tausende erfüllte Prophezeiungen in der Bibel: Der Beweis der Korrektheit des Christentums von Werner Gitt]

Natürlich haben auch diese Autoren erhebliche Schwächen: z.B. gebraucht Schmeh die Datierung der Evangelien durch die wissenschaftliche Forschung als Beweis. Sie ist jedoch nur nicht mehr als eine Vermutung. Es ist keine einzige Originalhandschrift gefunden worden, deren Alter zuverlässig bestimmt werden könnte.

Obwohl diese kritischen Beiträge seit Jahren im Netz stehen, steht Gitts prophetischer -mathematischer Gottesbeweis auf seiner Webseite weiter unkorrigiert im Netz: https://wernergitt.de/beitraege/deutsch/wissenschaftlich/item/20036-der-prophetisch-mathematische-gottesbeweis

Was soll man zu diesem – leider nicht untypischen! –  Verhalten sagen? Ist es nicht eine ziemlich Geringschätzung der Hörer? Immerhin machen sie sich die Mühe, seine Argumente zu durchdenken. Und wenn sie dabei auf Fehler stoßen, dann leisten sie mit ihrer Korrektur Nützliches, das anerkannt  und berücksichtigt werden sollte. Doch was geschieht stattdessen? Der Vortragende verhält sich so, als ob es eine Korrektur nie gegeben hätte. Er wiederholt seine untauglichen Argumente, die erwiesenermaßen falsch sind. Er ist der Papst und weiß es von vornherein  am besten. Doch was will er damit erreichen? Muss die Schallplatte widerlegter Argumente nur oft genug abgespielt werden, bis sich die gewünschte Qualität einstellt? Geht es hier noch um ehrliches Suchen und  ehrlichen Austausch oder um Gehirnwäsche? Offenbar wird das Einfangen und Manipulieren naiver und gedankenloser Mitmenschen angestrebt, die lernen sollen, wie der Meister mit Schweigen oder mit Empörung zu  reagieren, wenn es zu ehrlich wird. Und sie lernen es! Prüft es nach: wieviel bibeltreue Webseiten haben Werner Gitt mittlerweile kritisiert? 

Und eines ist auch gewiss – wenn die Verfasser der Bibel ähnlich manipulativ mit Informationen umgegangen sind wie der evangelikale Mainstream heute – dann erfahren wir aus der Bibel über Gott überhaupt nichts!

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7. Verbreitung von Ansichten, die Jesus selbst kritisiert hat:

In gewissen frommen Gruppen wird unbeirrt Krankheit als Beweis für hartnäckige Sünde und mangelnden Glauben angesehen. Wäre man nicht so blind und selbstgerecht, könnte man sehen, dass dies eine pharisäische Denkweise ist, die längst von Jesus kritisiert worden ist. (Bericht von der Heilung des Blindgeborenen: Joh 9,2-3). Man könnte dann erkennen, dass man mit solchen Lehren kranken Menschen Geringschätzung entgegenbringt und zusätzliches Leid aufbürdet. (s.a. der Vortrag von Siegfried Zimmer “Gott und das Leid”. Sehr empfehlenswert!)

Wem fällt es noch auf, dass die Regeln der christlichen Gemeinde von einer Tradition bestimmt sind, die in wichtigen Punkten erheblich von dem abweicht, was Jesus und die Apostel für richtig hielten?

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8. Phantastereien über angeblich wunderbare Ereignisse und Heilungen.

Es kommt auf ganz natürliche Weise immer wieder zu falschen Heilungsberichten:

Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, dann könnt ihr zu diesem Berge sagen “Versetze dich an einen anderen Ort!” so wird sich der Berg versetzen; und euch wird nichts unmöglich sein” (Mt 17,20) In vielen Gemeinden ist die Anschauung verbreitet, man könne am besten unerschütterlichen Glauben beweisen, indem man die Erfüllung des Gebetes öffentlich als bereits geschehen verkündet. So kommen Leute in krankem Zustand im Gottesdienst nach vorne und bezeugen öffentlich eine Heilung, die nicht stattgefunden hat, aber sehnlich erwartet wird. Wenn die Heilung trotz des Bekenntnisses nicht stattfindet, dann wäre eigentlich eine öffentliche Richtigstellung am Platz. Doch dazu fehlt der Mut, umso mehr, als dann die Gläubigen dem Bekennenden unterstellen, dass das Festhalten an Sünde an irgendeiner geheimen Schlechtigkeit für das Ausbleiben der Erhörung verantwortlich sein könnte. Der Kranke muss also zusätzlich zu seinem Leid noch die Missbilligung von Glaubensgeschwistern ertragen. So bleibt sein “Zeugnis” unkorrigiert. (Dazu eine Buchempfehlung: Yancey, Philipp, Von Gott enttäuscht, SCM-Brockhaus Verlag)

Wenn Gemeindelehrer falsche Berichte unkorrigiert stehen lassen, obwohl sie gut darüber informiert ist, dass sie nicht stimmen. (Unter der Menügruppe “Griff ins Klo”/ Seelsorge ohne Gewissen zeigt sich diese Einstellung in einem Interview mit einer bekannten evangelikalen Leitfigur: “Das gehört dazu”), dann fördern sie damit eine Kultur des Selbstbetruges und der Manipulation auf Kosten der Glaubwürdigkeit und Wahrheitsliebe.

(Die übliche Reaktion auf den Versuch der Korrektur waren bisher nicht etwa bessere Argumente, sondern soziale Distanzierung, Vermeidung des Kontaktes, “um sich nicht zu verunreinigen”, und Anschluss  an eine Leitfigur, die wenn schon nicht in Argumenten, so doch in ihrem gebieterischen Auftreten das Gefühl der Überlegenheit vermittelt.  Wie wirkt das wohl auf Außenstehende?)

Wenn du Argumente dieses Beitrags widerlegen kannst, nutze die Kommentarfunktion oder schreibe uns über das Kontaktformular. Bei uns werden keine Informationen unterdrückt. Hier geht es ehrlich zu! Alle zugesandten Beiträge werden veröffentlicht! 

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Artikel aktualisiert am 07.07.2021

2 thoughts on “Verbreitung von Falschmeldungen”

  1. Liebe Schwester M,
    Danke für Ihr Vertrauen, dass Sie uns geschrieben haben. Wenn sich ein Schreiben nur schwer einem unserer Beitrag zuordnen lässt, dann kann man es über unter Kontaktformular (https://www.matth2323.de/kontakt/) abschicken. Es erscheint dann dieser Webseite entweder als eigener Beitrag unter dem Menüpunkt “Blog” oder unter den Notfall-Berichten (https://www.matth2323.de/notfall-berichte/).

    Ihr Beitrag hat jetzt die Adresse
    https://www.matth2323.de/droht-mir-doch-die-hoelle/ Dort ist auch unsere Antwort zu finden.

    Lieben Gruß Benignus

  2. Leider habe ich jetzt nicht alles durchlesen können. Wenn Ihre Seite nur hoffentlich Recht hat. Gerade vorhin habe ich mir wieder zwei Bibel-Videos angesehen von (hab den Namen nicht behalten), es ist ein sehr sympathischer Engländer, der jetzt alle Ungläubigen evangelisieren will. Ist ja sehr nötig; hier in Österreich sind drei Viertel meiner Landsleute Esoteriker geworden, d.i. ein lächerlicher Mischmasch aus sämtlichen Glaubensrichtungen plus Okkultismus u. Hexerei … wahrlich eine ungute Sache! Und in anderen Ländern dürfte es ähnlich lausig aussehen mit dem Christentum. – Aber ich selbst bin alles andere als biblisch einwandfrei. – Der sympathische Engländer hat wieder einmal bestätigt, was ich in der Bibel gelesen habe: “Alle Sünden sind gleich schwer”, “wer nur ein Gebot bricht, hat alle 10 Gebote gebrochen”. – Wie soll man unter solch strengen Auflagen Gott lieben an erster Stelle, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit dem ganzen Gemüt? – Des weiteren sagt er, ca. 8% der sogenannten Christen werden in den Himmel kommen, die 92 anderen Prozent kommen in den “Feuersee, wo die Flammen nicht erlöschen und der Wurm nicht stirbt”. Also, man hat es uns oft und oft so erklärt: Die Hölle ist wirklich ein Feuersee (das hat Jesus selbst oft und oft gesagt!). Ich stelle mir vor, dass man an diesem stinkenden Ort wieder und wieder verbrannt wird, dann wieder einen neuen irdischen Leib bekommt und es geht von vorne los. Ja, auch Würmer bohren sich in den Leib, Schlagen ringeln sich um die Extremitäten. Es ist ein “Gewurl” von nackten, schwitzenden Leibern in verschiedenen Stadien der Verbrennung und des Wurmbefalls und -fraßes. — Oh, ich wünschte, meine Eltern hätten in der Stunde meiner Zeugung Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt. Natürlich ist es auch eine Sünde, SOWAS zu sagen. … ALLE diese Bibel-Videos sagen dies. – Nur diese Seite sagt etwas anderes … aber habt Ihr Recht? – Angeblich verabscheut Gott tatsächlich sexuelle Sünden mehr als z.B. einen Mord. KANN DAS WAHR SEIN? – Ausgerechnet Salomon, der König mit den 140 Frauen außer Sarah und Hagar, sagt in den Sprüchen: “Selig die Unverheiratete, die ihr Lager nicht beschmutzt!” DER hat’s nötig, sowas zu sagen! – Ich werde, falls Ihre Seite doch nicht Recht hat, sicher in der Hölle landen. Leider. Jetzt bin ich krank und kann nicht mehr viel anstellen. Manche Sünden konnte ich schon wegen körperlicher Mängel nicht begehen aber jene, die ich begangen habe, wenn es wirklich welche waren … z.B. rhythmische Musik zu hören … das kann ich nicht bereuen. Ohne diese wäre mein Leben noch trauriger gewesen.

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