Tagebuch – das Erstaunen

Wie glücklich war ich, dass ich nun wieder Glaubensgewissheit hatte und mich meines Glaubens erfreuen konnte. Die Furcht vor den grausamen Bibelstellen, die mein Vertrauen in Gottes Liebe so furchtbar verdüstert hatte, war wie fortgeblasen. Sie wurden ja als Impfstoffe eingeordnet, auf die  eine angemessene Reaktion gemäß dem Maßstab der Liebe erwartet wurde. Auch das hin- und Herschwanken zwischen zwei Gottesbildern, das Relativieren der göttlichen Zusagen gab es nicht mehr. Die positiven Worte der Heiligen Schrift erstrahlten in nie gekannter Kraft. Zum ersten Mal war ich wieder froh.

Nun war ich auch naiv. Ich dachte tatsächlich, dass meine Mitchristen über diese Erkenntnis genauso erfreut sein würden  wie ich. Auch die Seelsorger müssten mir doch eigentlich dankbar sein, dass sie nun nicht länger durch  Gläubigen, die angesichts zweideutiger Bibelaussagen nicht zur Gewissheit fanden, belastet wurden.

Doch nun kam das große Erstaunen. Meine Überlegungen lösten keine Erleichterung und keine Freude, sondern große Ängste aus. Man meinte, an die Botschaft der Bibel nicht mehr glauben zu können, wenn nicht alles darin hundert Prozent richtig wäre. Was für ein Wahn!  Weil die Boten, die die Worte Jesu, des Gottessohnes, überbrachten bzw interpretierten, ein paar menschliche Fehler machten, glaubte man dem, der den Boten geschickt hatte und evt. Fehlleistungen für tolerabel hielt, nun kein Wort mehr?

Das ist wirklich sehr merkwürdig. Warum? Wer an Jesus vertraut, wird durch Gottes Geist im Innersten verwandelt, er erhält ein neues Herz geschenkt. (Hes 36,26) Wenn er im Tiefsten seines Wesens die Gegenwart und verändernde Kraft Gottes spürt, wie kann er da in Panik geraten, dass der Glaube nur Einbildung ist und in Nichts zusammenfällt, falls den Boten Gottes trotz bester Absichten manchmal Fehler unterlaufen? Verändert sich durch das Geschenk eines „neuen Herzens“ so wenig, dass das „neue Herz“ auch ebenso gut eine Einbildung sein könnte?

Zum anderen nehmen die meisten Christen nicht alles, was in der Bibel vom Gläubigen gefordert wird, ernst, sondern ersetzen es ganz selbstverständlich durch eine Light-Version. So glauben die wenigsten  an die von Jesus geforderte Pflicht totaler Selbstverleugnung (Luk 9,24) und praktizieren sie auch nicht, obwohl die Verpflichtung, Menschen in Not zu helfen mit dem was man hat, viel strenger, viel häufiger  und eindringlicher formuliert ist, als die Pflicht sich mit einem materiellen Opfer auf 10% zu beschränken.

Wie sollen wir da glauben, dass  die Bibel durch Lippenbekenntnisse zur Unfehlbarkeit sicherer wird?

 

 

 

 

Artikel aktualisiert am 04.09.2021

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