Tagebuch – das Erstaunen

Wie glücklich war ich, dass ich nun wieder Glaubensgewissheit hatte und mich meines Glaubens erfreuen konnte. Die Furcht vor den grausamen Bibelstellen, die mein Vertrauen in Gottes Liebe so furchtbar verdüstert hatte, war wie fortgeblasen. Sie wurden ja als Impfstoffe eingeordnet, auf die  eine angemessene Reaktion gemäß dem Maßstab der Liebe erwartet wurde. Auch das hin- und Herschwanken zwischen zwei Gottesbildern, das Relativieren der göttlichen Zusagen gab es nicht mehr. Die positiven Worte der Heiligen Schrift erstrahlten in nie gekannter Kraft. Zum ersten Mal war ich wieder glücklich.

Nun war ich auch naiv. Ich dachte tatsächlich, dass meine Mitchristen über diese Erkenntnis genauso erfreut sein würden  wie ich. Auch die Seelsorger müssten mir doch eigentlich dankbar sein, dass sie nun nicht länger durch  Gläubigen, die angesichts zweideutiger Bibelaussagen nicht zur Gewissheit fanden, belastet wurden.

Doch nun kam das große Erstaunen. Meine Überlegungen lösten keine Erleichterung und keine Freude, sondern große Ängste aus. Man meinte, an die Botschaft der Bibel nicht mehr glauben zu können, wenn nicht alles darin hundert Prozent richtig wäre. Was für ein Wahn!  Weil der Bote ein paar menschliche Fehler machte, glaubte man dem, der den Boten geschickt hatte und evt. Fehlleistungen für tolerabel hielt, nun kein Wort mehr?

Dabei glauben Christen sowieso mehr oder weniger das, was sie in der Bibel bejahen können. Die wenigsten glauben an die von Jesus geforderte Pflicht totaler Selbstverleugnung und praktizieren sie auch nicht, obwohl die Verpflichtung, Menschen in Not zu helfen mit dem was man hat, viel strenger, viel häufiger  und eindringlicher formuliert ist, als die Pflicht sich mit dem materiellen Opfer auf 10% zu beschränken.

Und sicherer wird die Bibel durch Lippenbekenntnisse zur Unfehlbarkeit auch nicht!

Was mich noch viel mehr erschütterte, dass die Aussicht, Menschen aus ihrer Verzweiflung an der Bibel retten zu können, überhaupt keine Rolle spielte. Die emotionalen Bedürfnisse der oberflächlich denkenden Mehrheit hatten selbstverständlich Vorrang. Die sorgfältig denkenden, sensiblen Geschwister konnten dagegen ruhig in der Psychiatrie und in der Hölle ihrer Ängste gefangen bleiben, Wie vertrug sich das mit der Lehre des Apostels, dass alle Christen Glieder eines Leibes seien und das Leid eines Mitgliedes ansehen sollten als wäre es das eigene?

Auf eine Argumentation ließ sich kaum eine Gemeindeleitung ein. Man wusste offensichtlich sehr gut, wer hier gute Argumente hatte und wer nicht. In der Regel genügte es, Abwehr zu signalisieren:  “Das passt nicht zu uns!” oder “Das können wir nicht machen, sonst laufen uns die Leute weg”. So machte ich eine ähnliche Erfahrung wie Jesus: auch wenn Leute Ohren haben, ist damit nicht garantiert, dass sie zuhören können.

Zu guter Letzt also Ernüchterung. Da posaunen sie herum: fordern Bemühung um Vervollkommnung und Heiligung und warnen vor Verunreinigung durch Sünde. Und bemerken gar nicht, dass sie mit ihrer Theologie den weltlichen Egoismus durch einen frommen und besser getarnten Egoismus ersetzt haben. Wie eine Klette haftet an gebieterisch auftretenden Gläubigen: das Gespenst erbärmlichster Unverbesserlichkeit.

Ist es jetzt als Gewinn anzusehen, dass mir der Respekt vor Predigern, Evangelisten und frommen Kanzelrednern weitgehend abhanden gekommen ist?

Und doch begegne ich immer wieder auch Menschen, die zuhören können, die sensibel sind für religiöse Leidenserfahrungen, Menschen, die ehrlich sind und nicht wider besseres Wissen reden, Menschen, an deren aufrichtige Liebe ich glauben kann. Dafür bin ich dankbar. Und wünsche mir nur, dass es mehr werden..

 

 

 

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