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Die Angst vor dem “Pullover-Effekt”

Jeder kennt das: wenn man am Faden eines gestrickten Pullovers zieht, wird er länger und länger, bis sich sich der Pullover aufgelöst hat. Alles ist weg. Deswegen handelt klug, wer gar nicht erst mit Herausziehen des Fadens beginnt, sondern den Pullover so lässt wie er ist.

Andere sprechen in diesem Zusammenhang vom “Domino-Effekt”. Wenn Dominosteine in einer Reihe stehen, genügt es, wenn der erste Stein umfällt, um alle Steine umfallen zu lassen.

Ein ähnlicher Effekt wird befürchtet, – so haben wir und viele andere Gläubige gelernt – wenn man sich von destruktiv erscheinenden Bibelstellen distanziert (oder sie als „Impfstoffe“ deklariert wie im prioritätenorientierten Inspirationsmodell). Damit würde die Bibel als verlässliche Glaubensurkunde wertlos.

Denn wenn nicht jeder Satz in der Bibel irrtumslos und mit göttlicher Qualität geschrieben worden sei, dann „könne niemand wissen, was Gotteswort und was Menschenwort sei.“ Wir würden immer mehr mit der Angst konfrontiert, dass vielleicht alles in der Bibel nur Menschenwort ist. Glauben und Hoffnung hätten sich aufgelöst – eine Katastrophe.

Ist das tatsächlich so! Diese Befürchtung ist absolut plausibel, wenn der Glaube nicht mehr als eine Weltanschauung – d.h. eine theoretische Angelegenheit – ist. Deswegen werden auch Moslems vehement für die Fehlerlosigkeit des Koran eintreten. Auch Sekten werden den Schriften ihres Meisters sehr wahrscheinlich dieselbe Eigenschaft zuerkennen – unabhängig davon wieviele Dinge dort zu finden sind, die jedermann- wären sie nicht im eigenen Glaubensbuch, sondern in dem Buch anderer Religionen zu finden – lautstark als fehlerhaft ankreiden würde.

Der große Vorteil dieser Sichtweise ist: die göttliche Autorität, die im Buchstaben steckt, geht fast unvermindert auf das Leitungspersonal über, das die Deutungshoheit der heiligen Schrift in einer eng an die Tradition gebundenen Ausbildungsstätte erworben hat. Die Auslegung der Heiligen Schrift mittels Wörterbuch, mittels Syntax- und Kontextanalyse unter Beachtung der traditionellen Interpretationsvorgaben darf nahezu dieselbe göttliche Autorität beanspruchen und damit auf die Gewissen der Gläubigen einwirken. Wer mag sich dieses Privileg schon madig machen lassen?

Sehr bemerkenswert ist, dass die Bibel gerade die sterilen wissenschaflich-literarischen Methoden immer wieder als allzumenschlich und fehlerlastig entlarvt: es lassen sich viele Fälle nachweisen, wo der Wortlaut offensichtlich irreführen soll und die Anwendung von Kontext Blödsinn ergibt. An diesen Stellen wird deutlich, dass Gott den Spieß umdrehen und die Ausleger in Frage stellen kann.

Der Hebräerbrief illustriert, worum es im Glauben geht: Gott spricht die Menschen in ihren unterschiedlichsten Lebenssituationen persönlich an und sie antworten mit Vertrauen. Was hatte denn ein Mose, das ihn bewog, die herrliche Zukunft als königlicher Prinz aufzugeben und sich stattdessen an ein Sklavenvolk anzuschließen? (Hebr 11,24-27)

Nur die Erkenntnis, dass seine Eltern aus diesem Volk stammten, dass er einst auf wunderbare Weise aufgrund des Gebets seiner Eltern von einem vom Untergang bestimmten Sklavenkind zum Herrscher in Ägypten geworden war. Dieses Wunder war schon einmal geschehen, bei seinem Vorfahren Josef. Auch dessen Untergang war beschlossene Sache gewesen. Weil er sich aber an Gott festgehalten hatte wurde er auch durch diesen Gott zum Herrscher des ganzen Landes gesetzt. Das kann unser Gott! Aus einem elenden Sklaven einen König machen! Wer kann das sonst? Das war geschichtliche Tatsache und davon lebte der Glaube des Mose und seine Hoffnung, dass auch sein Volk eines Tages aus der Sklaverei zur Herrschaft gelangen würde!

Die Frage, ob es hier schon viel Geschriebenes oder nur eine mündliche Überlieferung der Vätergeschichten gab, spielt für den Glauben gar keine Rolle. Sowenig wie die Frage, ob es nun wirklich ein Böckchen oder ob es ein Kälbchen war, das Urvater Jakob dem blinden Vater zwecks Erlangung des Segens serviert hatte. (Gen 27,9)

Die Bibel nennt auch das Gegenbeispiel: Gläubige, die am Glauben festhalten, obwohl die Verheißungen nicht erfüllt werden, obwohl menschlich gesprochen – jede Hoffnung auf Erden verloren ist (Hebr 11,39).Was wusste ein Hiob von Gott? Hat er überhaupt ein schriftliches Zeugnis gehabt? Im Buch Hiob wird nichts, aber auch gar nichts erwähnt.

Das Wesentliche ist ihm bekannt: dass der Mensch Gott nicht vergessen darf, dass Gott vom Gläubigen erwartet, seinen Mitmenschen Gutes zu erweisen und dass der Gläubige für das Zurückbleiben hinter dieser Aufgabe Vergebung und Sühnopfer braucht. Hiob ist treu, aber es ergeht ihm schlecht. Zunächst beißt er sich auf die Zunge, aber dann bricht es eines Tages doch aus ihm heraus und er fängt an, Gott als ungerecht und hartherzig zu beschimpfen. Aber unbeirrt hält er an seinem Gott fest. Das ist das Entscheidende. Gott nimmt ihm nichts übel – im Gegenteil. Hiob wurde zwar getadelt, weil er an der Weisheit Gottes zweifelte, aber zugleich empfängt er auch ein ganz großes Lob für seine Ehrlichkeit. Zu guter Letzt wird er sogar über seine Mitgläubigen gestellt – über deren „rechtgläubiges“, aber niveauloses Geschwafel Gott in großen Zorn geraten ist. So groß ist der Zorn, dass Hiob für sie beten und opfern muss, damit ihnen überhaupt vergeben werden kann! (Hiob 42,7-8) Dabei haben sie Gott doch so schön nach dem Munde geredet, sich im Namen Gottes aufgeplustert und den armen Hiob niedergemacht, weil er sich – zu Recht! – ungerecht behandelt fühlte.

Gott mag offensichtlich keine Leute, die wider besseres Wissen Befall klatschen, keine feigen Ja-Sager. Leider gibt es immer noch viele Gläubige, die andere Gläubige niedermachen, weil sie es wagen, auf das Leid von Mitchristen hinzuweisen, die mit verbesserungsbedürftiger Theologie nicht klarkommen. Das Beispiel Hiob sollte uns doch zeigen: Gott liebt Ehrlichkeit und Mitgefühl viel, viel mehr als ideologische Linientreue oder „rechtgläubige“ Anpassung. Ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass er sogar Zorn empfindet, wenn Gläubige dank der Gleichgültigkeit ihrer Mitchristen zeitlebens unter den Buchstaben versklavt und psychisch krank bleiben, bloß weil ihnen der Zugang zu einer verträglichen Lösung versperrt wurde?

Was nützt es uns, wenn das „Gebot, zu lieben“ (Rö 13,10), als “irrtumslos” betrachtet wird, wenn es zugleich völlig wurscht ist, ob Gläubige in der Not mit dem „tötenden Buchstaben (2.Kor 3,17) alleingelassen werden und kaputtgehen? Ist das nun echte oder eingebildete Liebe, echter oder eingebildeter Glaube, der darin zum Ausdruck kommt?

Bei aller Ehrlichkeit ist es Gott wichtig, dass „das Herz fest wird.“ Das geschieht aber nicht durch Anpassung an ideologische Vorgaben, sondern durch „Gnade“ (Hebr 13,9), durch Wahrnehmen der persönlichen Chancen der Glaubensbewährung, die uns in unserem Leben gegeben werden. Da Gott tatsächlich da ist und kein Hirngespinst, wird Er uns immer wieder solche Gelegenheiten schenken. Der Gläubige kann seinen Glauben immer wieder neu bewähren, in dem er geistliche Übungen praktiziert. Je fleißiger und treuer er in dieser Aufgabe ist, desto mehr wird er Erfahrungen machen mit der diagnostischen Kompetenz und der Charakter verändernden Kraft der Bibel, desto mehr wird die Wahrnehmung der unsichtbaren Welt Gottes gefördert.

Gott jedenfalls hält seinen Gläubigen immer die Treue – selbst dann wenn es schwerfällt, Gott zu vertrauen. (2.Tim 2,13) Gott selbst wacht über den Glauben seiner Kinder. Er ist dessen „Anfänger und Vollender“ (Hebr 12,2). Petrus hatte sich öffentlich von Jesus losgesagt – aus Angst um das eigene Leben. Eigentlich die Endstation des Glaubens. Doch Jesus hatte „für ihn gebeten, dass sein Glaube nicht aufhöre.“ (Luk 22,32)

Jetzt kommen Theologen daher und wollen uns weismachen, der Glaube würde sich auflösen, wenn man Gläubige über eine Alternative zur Chicago-Erklärung informieren würde, die nicht mehr auf den “tötenden Buchstaben” (2.Kor 3,6) fixiert, sondern an die Prioritäten Jesu Christi (Mt 23,23) als maßgebliche Instanz gebunden ist.

Christen sollten an einen lebendigen Gott und nicht an eine theoretische Weltanschauung glauben. Kein Gläubiger wird bezweifeln dass Dietrich Bonhoeffer einen starken und vorbildlichen Glauben hatte – obwohl er der Chicago- Erklärung sicherlich nicht zugestimmt hätte. Ich möchte ihn abschließend stellvertretend für viele andere Väter – nicht des theoretischen, sondern des lebendigen Glaubens – zu Wort kommen lassen, denn er hat uns Entscheidendes über die Kraft des Glaubens mitzuteilen: „Ich glaube, dass ….