Glaubensheiler oder Seelenfleischer?

Torben Søndergaard (http://www.dieletztereformation.ch/torben-soslashndergaard.html) ist der Gründer und Leiter einer neupfingstlerischen radikalen Heiligungs– und Heilungsbewegung in Dänemark. Sie ist auf Youtube präsent und bietet Schulungen in den Niederlanden, der Schweiz und Kanada an. Darüber hinaus gibt es sogenannte Kickstart-Wochenenden  in Deutschland, Frankreich, den USA, Brasilien und Spanien. Rationalwiki attestiert der Bewegung eine deutlich schädliche Wirkung. (https://rationalwiki.org/wiki/Torben_Søndergaard) und berichtet über verantwortungslosen religiösen Missbrauch und Traumatisierung von Menschen aller Altersgruppen. Deswegen ist eine vorbeugende Untersuchung der Gedankenwelt dieser Bewegung angebracht.

Was zuerst ins Auge fällt, war der merkwürdige Name seiner Bewegung “The Last Reformation“. Diese Bezeichnung soll ja wohl bedeuten, dass der Message von Herrn Søndergaard nichts mehr kommt und nichts mehr kommen kann, was die christliche Gemeinde auf einen besseren Weg bringt.

Das ist schon deshalb fragwürdig, weil jedem Gläubigen das Recht, “ALLES zu prüfen” (1.Thess 5,21) zusteht. Auch der Apostel Paulus ließ sich prüfen. (Apg 17,11) Nicht weniger sinnvoll ist es, wenn Leser unsere Beiträge korrigieren können. 

Soviel Selbstbewusstsein macht misstrauisch.  Deshalb muss es auch Herr Søndergaard aushalten, dass seine Aussagen an der Bibel geprüft werden – ob er es für nötig befindet oder nicht.

Wie macht er sich auf seiner Webseite bekannt? Er erzählt von drei Wundern: zuerst habe ihm Gott seine zukünftige Frau gezeigt. Dann hatte er nach 40 tägigem Fasten eine Art Erleuchtung erlebt. Schließlich hätte ihm Gott kapitelweise ein Buch diktiert, das er an die Menschheit weitergeben solle.

Sind die Berichte nachprüfbar? So wunderbar sie auch sind, – sie bleiben sämtlich reine Behauptung. Wir können nicht wissen, ob auch bei anderen Frauen, die ihm gefielen, derselbe starke Gedanke aufgestiegen ist: “Das ist die Frau, die ich, Gott, dir geben will…”. Hat Søndergaard eigentlich bedacht, wieviele Menschen es gibt, deren Ehe unverschuldet scheiterte oder die gerne heiraten würden, aber allein geblieben sind? Wieviele Menschen quälen sich mit diesem Thema zeitlebens herum! Dieses Partnerfindungswunder überall herumzuerzählen, ist doch nicht viel besser, als vor hungrigen Menschen ein reichhaltiges Buffet aufzubauen und vor ihren Augen allein aufzuessen. (1.Kor 11,21)

Wozu soll das gut sein? Er sagt es selbst: Die Öffentlichkeit soll erfahren, dass Søndergaard jemand ist, “zu dem Gott direkt spricht” – wie einst zum Erzvater Abraham. (Gen 12)

Warum berichtet Søndergaard, dass er 40 Tage gefastet hat? Damit behauptet er eine ähnlich harte Vorbereitungszeit absolviert zu haben wie Jesus Christus, der vor seinem Dienst vierzig Tage fastete. (Mt 4)

Sollen wir jetzt sagen: Respekt? Auch dieser Bericht ist nicht nachprüfbar! Wer kann dafür garantieren, dass nicht doch mal etwas zwischendurch gegessen wurde? Aber jetzt sollen wir “wissen”: ein wahrer Prophet spricht zu uns. Tatsächlich? Was sagte Jesus über das Fasten? “Wenn du fastest, dann pflege dein Haar und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich belohnen.” (Mt 6,17-18) Was macht Søndergaard ? Er posaunt es im Netz in der ganzen Welt herum.

Nachdem sich also Søndergaard solcherart als Prophet der einzig wahren und letzten Reformation “legitimiert” hat, kündigt er an, bald ein Buch zu liefern, dass ihm Gott angeblich kapitelweise eingegeben hat. Auf Deutsch war das Buch noch nicht verfügbar, aber wenigstens auf Englisch unter http://www.holiness.org.uk/sounddoctrine.pdf.

Der Kern der Botschaft ist eine verführerische Idee: die Zeit Jesu und der Apostelgeschichte ließe sich wiederbeleben. Es sei jedem Gläubigen möglich massenhaft religiöse Erfolgserlebnisse wie Wunder, Heilungen, Bekehrungen einzusammeln, sofern er nur die Bedingung dafür erfüllt: ein tadelloses Heiligungsleben, die genaue Beachtung der Gebote Gottes. Er, Søndergaard, hätte nun den Auftrag erhalten, Gläubige dazu anzuleiten. Das jedenfalls behauptet er.

Im Inhaltsverzeichnis seines “inspirierten” Buches fällt auf, dass mindestens sechs Kapitel das Thema Sünde, Heiligkeit Gottes, Furcht Gottes behandeln, aber nur ein einziges Kapitel das Thema Gnade. Diese Zusammenballung von Gerichtsdrohungen lässt den Leser nicht nur vor der Heiligkeit und Strenge Gottes erschrecken. Dieser Respekt wird auch zu einem guten Teil auf den Vorkämpfer dieser Heiligkeit, Torben Søndergaard, übertragen, der sich so vertraut mit diesem leicht erzürnbaren Gott darstellt und es offensichtlich geschafft hat, regelmäßigen Anschluss an die Wunderkraft Gottes zu bekommen, die – wohlgemerkt – bei  Duldung irgendeines kleinen  “Sündleins” sofort gekündigt werden würde.

Umso mehr erstaunt man nun, wenn man feststellt, dass der Begriff der Sünde bei Søndergaard sehr eng gefasst ist. Es ist der typische Lasterkatalog pietistischer Stundenbrüder – die Zehn Gebote in verschärfter Form: nicht stehlen, nicht lügen, nicht Sex vor der Ehe, nicht begehrlich gucken sowie die Forderung, auf die in engen biblizisten Kreisen verpönten Genußmittel wie Tabakwaren (p.40) und Alkohol (p.6) zu verzichten. Besonders sündig sei der Besitz eines TV-Gerätes, das der Gläubige unverzüglich zu entfernen hätte, wenn er nicht “die Sünde gegen den Heiligen Geist” begehen wolle. (p.30)

Die “Sünde gegen den Heiligen Geist” wird in der Bibel erwähnt (Mt 12,36): sie ist eine so schauerliche und schwere Sünde, dass sie von Gott nicht vergeben werden kann, also unfehlbar mit ewiger Höllenqual bestraft werden muss.

Weshalb nun der bloße Besitz eines TV-Gerätes so eine schreckliche Sünde sein soll, obwohl diese Höllenmaschine noch gar nicht zu biblischen Zeiten existierte, erschließt sich dem Leser nicht direkt.

Nicht weniger erstaunlich erscheint Søndergaards Belehrung, dass JEDE mit Bewusstsein verübte Sünde unvergebbar sei.  “Die Sünde gegen den Heiligen Geist begehen, ist mehr als Verleugnung des Glaubens. Wer absichtlich sündigt oder in der Sünde fortfährt, nachdem er die Wahrheit erfahren hat, lästert gegen den Heiligen Geist in seinem Leben.”  (Sinning against the Holy Spirit is more than just denying the faith. It is sinning on purpose or continuing to sin consciously after one has learned the truth because then one blasphemes against God’s Spirit in one’s life.” (p.75))

Diese Großzügigkeit Gottes sollte doch wahre Freudentaumel bei den Gläubigen auslösen! Eine Chance auf den Himmel  haben also nur die wenigen Auserwählten, die sich keinen absichtlich begangenen Fehler vorwerfen müssen bzw jene, die sich vorsichtshalber rechtzeitig mit Medikamenten in einen Zustand der Bewusstlosigkeit versetzen ließen. Allen anderen steht ewige Höllenqual bevor.

Diese vielversprechende Aussicht erscheint bisweilen selbst einem verwirrten Fanatiker übertrieben. Deshalb wird sie wenigstens zwei Seiten später in seiner göttlichen Botschaft etwas relativiert: “Wenn wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben und dennoch absichtlich oder fortgesetzt sündigen, obwohl wir die Folgen kennen, dann gibt es möglichweise (eines Tages) keine Vergebung mehr, weil wir den Geist der Gnade beschimpft haben.” (If we have already received the knowledge of the truth, and then sin on purpose or keep sinning continuously, knowing well what consequences it brings, then there might be no possibility for receiving forgiveness because you insult the Spirit of grace, or in other words the Holy Spirit.” (p.77))

Ob Søndergaard die Gefahr sieht, die ihm selbst nun droht? Er selbst dürfte – möglicherweise! – schon mit einem Bein in der Hölle stehen, da er gegen das ausdrückliche Gebot Jesu, nicht mit seinem Fasten zu prahlen (Mt 6,17-18), und nicht vorzuzeigen, was man selbst essen darf, wenn andere hungrig sind (1.Kor 11,21) absichtlich und fortgesetzt verstoßen hat. Und dann steht das alles noch in demselben Buch, dass ihm angeblich von Gott eingegeben worden ist!

Indes eröffnet das Wort “möglicherweise” dem frommen Meister große Möglichkeiten. Seine Schäfchen, die er damit nach Belieben in Angst und Schrecken jagt, drängen sich nun schutzsuchend zu ihm. Wer soll nun wissen, ob ihm dieses oder jenes noch vergeben wird, oder ob die ewige Höllenqual längst beschlossenens Schicksal ist? Er allein, Torben Søndergaard, der ja “direkt mit Gott spricht” wie einst Erzvater Abraham, und die von ihm bevollmächigten Apostel können das erkennen und den Seelenfrieden zurückgeben – für eine Weile wenigstens. Auf diese Weise kann Torben Søndergaard eine Klientel um sich sammeln, die von ihm emotional völlig abhängig ist.

Was sollen wir nun hierzu sagen? Zum einen ist das Verständnis von Sünde, das Søndergaard uns versucht nahezubringen, ist sehr beschränkt: tue dies nicht, tu das nicht! Das soll nun der Standard der Ethik sein? Es liegt weit unter dem neutestamentlichen Niveau.

Wenn wir nämlich in der Bibel den Satz lesen: “wer weiß etwas Gutes zu tun und tut es nicht, für den ist es Sünde” (Jak.4,17), so wird es schon viel schwieriger vollkommen zu sein. Dann muss man sich z.B. die Frage stellen “Gebe ich alles Geld, das ich erübrigen kann, damit Menschen in ihrer Not geholfen wird?” Gebe ich mich mit einfachem Essen und einem bescheidenen Dach über dem Kopf zufrieden?” (1.Tim 6,8)

Hier ist Søndergaard merkwürdig stumm, obwohl dadurch vielleicht ein paar Menschen weniger verhungern würden. Ist es wirklich wichtiger, dass der Gläubige keinen TV-Krimi ansieht und nicht raucht oder Alkohol trinkt?

Und wenn wir tatsächlich alles weggeben würden, um nicht zu fortgesetzt zu sündigen, um nicht die unvergebbare Sünde zu begehen, würde uns das weiterbringen? Nein. Selbst das kann uns nichts nützen! Zum einen nicht, weil wir es vorher schon gewusst haben, dass Christen sich selbst verleugnen und “ihr Leben verlieren” (Mt 10,39) und “vollkommen sein” sollten (Mt 5,48) und dennoch lange Zeit das Gegenteil gemacht haben. Damit hätten wir nach der Definition von Søndergaard bereits die unvergebbare Sünde begangen oder müssten zumindest 50:50 mit dieser äußerst deprimierenden Aussicht leben, sie vielleicht begangen zu haben. Welch unaussprechliche Gnade!

Zum anderen wird uns das Weggeben allen Besitzes nichts nützen, weil der Apostel Paulus klar geschrieben hat, dass der Gläubige die gnädig geschenkte Vergebung ganz verliert, wenn er versucht, sie durch Erfüllung des Gesetzes zu erlangen. (Gal 5,4) Ob er die Vergebung durch eigene Leistung erlangt oder ob er die Vergebung nachträglich sichern muss, ist Haarspalterei. Vergebung ist ein Geschenk. Wer ein Geschenk erhalten hat, kann sich damit nicht brüsten, als hätte er es sich selbst zu verdanken. (Rö 3,27)

Bei Søndergaard ist es genau umgekehrt. Wer dieses Maß an “Leistung” (angeblich) zustandebringt, der wird sich “zu Recht” von den “Lauen und Halbherzigen” abgrenzen und vom hohen Roß auf sie herabblicken – wie es Søndergaard ja auch ausgiebig tut.

Søndergaard präsentiert den Gläubigen – angeblich im Auftrag – Gottes was eigentlich? Liebe, Hoffnung, Bamherzigkeit, Güte?  Bei Licht besehen nur eine seelenlose Dogmatik, bei der Gott ein gesichtsloser Diktator bleibt, der eigentlich nur eines wirklich und über alles liebt, seine Prinzipien und sein Gesetz.

Es stört ihn wenig, dass seine dilettantische “Dogmatik” viele Gläubige, die gerne glauben vollen, in ständiger Unsicherheit gefangen hält oder gar verzweifeln lässt. Wie ausgiebig und verantwortungslos gebraucht er das stärkste Seelengift! (Siehe hierzu die gut begründete Warnung in den Beiträgen “Seelengift” und “Unvergebbare Sünde“)

Bedenken kommen ihm nicht im Geringsten! Was interessiert es ihn, was in der Seele passiert, welche Motive die Seele leiten!. Sein Blick ist ganz und gar auf das äußerliche Heilungsspektakel gerichtet, das seinen Ruf als großer Reformator festigen soll.

Wie wir aus Erfahrungen mit solcher Heilungspropaganda sehr gut wissen: regelmäßige Begleiterscheinung sind Menschen, die zusätzlich zu körperlichem Leid noch seelisch verletzt werden, weil man ihnen heimliche Sünde oder Nichtglaubenwollen unterstellt oder weil man sie gar glauben lässt, sie hätten die unvergebbare Sünde begangen und würden deshalb nicht geheilt werden.

Es ist ein höchst destruktiver und falscher Gedanke, wir könnten der Nähe und Liebe Gottes nur dann gewiss sein, wenn wir “heilig genug” lebten oder “Wunder” oder wenigstens eine stattliche Anzahl von Trophäen aufzuweisen hätten, d.h. Menschen, die wir zum Glauben geführt haben. Wer mit sklavischem Bemühen um Untadeligkeit Gott zwingen will, Wunder zu wirken oder Erfolg zu schenken, wird feststellen, dass Gott sich nicht zwingen lässt.

Stattdessen riskiert dieser Gläubige seine Gesundheit. Zum einen werden die Nerven durch Perfektionismus überfordert, zum anderen droht beim Ausbleiben des Erfolges der Rückprall: entweder der Wahn, die Anstrengungen verdoppeln und verdreifachen zu müssen, weil Gott nicht zufriedengestellt ist, oder die schließliche Verzweiflung, die Befürchtung, von Gott verdammt und aufgegeben worden zu sein. Ein schrecklicher Gedanke: wie sehr muss mich Gott hassen, dass er gerade mir nicht hilft – wo er doch andere so gerne heilt.

Das ist nicht der Weg zur Heilung, wie Søndergaard verspricht, sondern für viele Menschen, die nicht so gut verdrängen und optimitisch sein können, ein Weg in die seelische Krankheit und in die Psychiatrie.

Muss Gott helfen, wenn er es anders beschlossen hat? Er muss nicht, wie uns das Schicksal Hiobs und des Paulus zeigt, die beide an unheilbaren Krankheiten litten (2.Kor 12.7 ff)

Wie froh würden wir sein, wenn “kompromisslose” Bibellehrer einmal den Mut hätten, das Thema “religiöse Erpressung”, “religiöser Missbrauch” und “religiöse Ideologisierung” ohne blinden Fleck im eigenen Hause öffentlich und konstruktiv zu diskutieren. Das wäre wirklich ein Wunder, eine wirkliche Reformation, wenn auch nicht die letzte. Die Wirklichkeit sieht anders aus!

Um den Beitrag nicht zu lang werden zu lassen: wenn man über das Gesetz belehrt, dann muss man sich zu allererst mit den wichtigsten Geboten gründlich befassen, sie gedanklich durchdringen und verinnerlichen: nämlich “Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Verlässlichkeit.” (Mt 23,23) Barmherzigkeit hat sehr viel mit Feingefühl, Vorsicht und Voraussicht zu tun. Deshalb kann und darf das Gesetz genauso wie auch die übrige Heilige Schrift nur auf barmherzige und wohltuende Weise verstanden und gedeutet werden. Aus dieser Barmherzigkeit erwächst innerer Frieden, seelische Stabilität und Glaubensfreude. Nur in dieser Haltung werden wir fähig, Gott unsererseits zurückzulieben und anzubeten. Alles andere ist schädliches Missverstehen. (Beispiele siehe “Giftige Theologie“)

Barmherzigkeit, die diesen Namen verdient, gibt uns Freiheit und Raum zum Atmen, sie lässt uns “das ganze Ausmaß erfassen, seine Breite, Länge, Höhe und Tiefe; um zu erkennen, was alle Erkenntnis übersteigt: die unermessliche Liebe, die Christus zu uns hat.” (Eph 2,16-18), diese Liebe, die in der Dogmatik von Søndergaard nur eine Randnotiz ist. Nur so wird der Gläubige endlich seines Glaubens froh.

Artikel aktualisiert am 25.10.2019

1 thought on “Glaubensheiler oder Seelenfleischer?”

  1. Ich habe nur eine Frage zum Thema Hiob und Paulus:
    Hiob wurde am Ende geheilt, bei Paulus steht nirgendwo, dass er eine Krankheit hatte. „Pfahl im Fleisch“ kann auch Verfolgung bedeutet haben. So wie in 4. Mose, als „Stachel in den Seiten“ oder „Dorn im Auge“ mit Verfolgung gleichgesetzt werden.
    Ansonsten hat mich der Text sehr erbaut.

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