Nebenprodukt Narzissmus

Das etablierte buchstabenhörige Schriftgelehrtentum hat für den evangelikalen Lebensstil eine seltsame Grundlage geschaffen. Wie man beteuert, soll es ja „der Glaube“ sein. Doch dieser Glaube ruht auf einem seltsam instabilem Fundament, auf der Angst vor Informationen. Seit Jahrzehnten hat man den Gläubigen die Angst vor Informationen eingehämmert und behauptet, dass der Glaube an einen lebendigen Gott sich in nichts auflösen würde, würde man einen einzigen Fehler in der Bibel finden. Dann wäre die Bibel nicht mehr „made in God“, und der Gläubige müsste sich bei jeder Aussage fragen, ob sie vielleicht nur menschlicher Irrtum wäre.

Tatsächlich? Entfaltet sich denn echter Glaube nicht ganz selbstverständlich, indem man Gott etwas zutraut, was mit seinen Leitgedanken der Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Verlässlichkeit (Mt 23,23) vereinbar ist? Reagiert denn nicht derer tatsächlich existierende Gott  auf den kleinsten ehrlich gemeinten Glauben („Glaube klein wie ein Senfkorn“ Mt 17,20-21) in einer Weise, dass Vertrauen wächst? Dürfen wir damit rechnen oder nicht? Und wie die Bibel sagt: dieser Glaube wächst, so wie aus einem kleinen Samen ein Baum entsteht. (Mk 4,31 ff) So wie der Baum Nährstoffe aufnimmt, so lässt der Glaube unversehens Schriftworte aufleuchten, die für den weiteren Glaubensweg von Bedeutung sind. Das etablierte Schriftgelehrtentum indes misst seinen „logisch begründeten“ Auslegungsmethoden eine Bedeutung zu, neben der das Gewicht der Verheißung, dass der Geist Gottes dem Gläubigen Gottes alles Nötige verstehen lässt (1.Kor 2,15-16) und in ALLE Wahrheit leitet (Joh 16,13), praktisch verschwindet.

Den einfachen Vorgang, der Leitung Gottes beim Lesen der Bibel wie ein Kind zu vertrauen, hat das Schriftgelehrtentum mit einem Riesenstreit um die Rechtgläubigkeit überlagert. Fortan muss mit ständigen Lippenbekenntnissen und  Positionierungen jede Art Zweifel – egal ob berechtigt oder an den Haaren herbeigezogen – im Keim erstickt werden. Eine wunderbare Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, in der zahllose Möglichkeiten, in gut bezahlten Pöstchen unterzukommen, wie Pilze aus dem Boden schießen. Zur Minderung der Angst um den Glauben ist nichts zu teuer.

Doch ist der Glaube wirklich dadurch sicherer geworden? In diesem Sog geht es nicht mehr um Klarheit, noch um Vertrauenswürdigkeit. Es geht darum, dass sich möglichst viel Anhänger im eigenen Graben sammeln, die gegen Einflüsse von außen eine Art Wagenburg bilden können. Denn je mehr „Follower“ das Vorgekaute nachquaken und sich dabei viel auf ihre Rechtgläubigkeit und Entschiedenheit zugute halten, desto penetranter ist die Rechthaberei, die zumindest ein Gefühl der Gewissheit vermittelt.. Wie sonst ist es zu erklären, dass hochgebildete evangelikale Wortführer Behauptungen über die Bibel verbreiten können, die nachweislich unwahr sind?

Ist die Einstellung, die dahinter steht, wirklich sehr verschieden vom USA-Chauvinismus, dem Wahn, der „Garant der Weltmoral“ zu sein? Wir, die „Linientreuen“, sind die erwählten Inhaber und Garanten der Wahrheit und der  Moral und haben es deshalb gar nicht mehr nötig, uns prüfen zu lassen und Rede und Antwort zu stehen? Unsere „guten Absichten“ genügen? Wenn dadurch mehr Leute „zum Glauben“ kommen, hat sich die Aktion doch wenigstens „gelohnt“?

Vielleicht würde es helfen, wenn man den Blick doch einmal nach außen richtet und schaut, welchen Eindruck dieses Verhalten bei Nichtchristen hinterlässt. Doch dazu kommt es nicht. Ist man selbst der Garant der Wahrheit, so kann jede Kritik doch nur aus dem „Reich des Bösen“ kommen. In der buchstabenhörigen frommen Szene nimmt das Kritisieren, das Nörgeln und abfällige Urteilen über Gläubige, die sich um seriösere Antworten bemühen, einen großen Teil der Belehrung in der Gemeinde ein.  Auch im Interesse der Glaubensgewissheit. Wer andere als schlechte Christen brandmarkt, gewinnt für sich zumindest die Erwartung, dass Gott mit ihm deutlich zufriedener sein wird.

Vielleicht wird es am Ende der Tage ein großes Staunen geben, wenn im Preisgericht über die Glaubensqualität des Gläubigen geurteilt wird. Wenn die Gläubigen feststellen, dass sie nicht nach ihrer theologischen Position, nicht nach ihrer „Linientreue“, sondern nach dem Maß gelebter Barmherzigkeit beurteilt werden. (Mt 25, 31 ff)  Ganz undogmatisch kann man es vermuten.

Junge Menschen, die in ihrer Glaubensgemeinschaft mit einer phobischen Weltsicht gegen alles andere programmiert werden und in diesem Geist aufwachsen müssen, haben schlechte Karten für eine gesunde seelische Entwicklung. Dieser Wahn, sich selbst trotz seiner panischen Angst vor genauer Prüfung als den Hort der Wahrheit einzustufen, als ein von höchster Instanz Bevollmächtigter, der anderen dank blinder Anpassung an die hauseigene Dogmatik  haushoch überlegen sein soll, ist eine schwere, giftige Kost, die etliche junge Menschen in die Sackgasse der Selbstüberschätzung, ja des Narzissmus geradezu hineingetrieben hat. Vielleicht rüttelt sich manches im späteren Berufsleben zurecht, in dem dann doch starke, korrigierende Impulse von außen kommen. Wir wollen es hoffen. Bei manchem evangelikalen Wortführer denkt man im stillen: er ist seinen Narzissmus nie losgeworden.

 

 

Artikel aktualisiert am 16.02.2022

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