“Mutwillige Sünde” – eine unklare Erklärung

Der Begriff der “mutwilligen Sünde” (Hebr 10,26) soll zur Erklärung der “unvergebbaren Sünde” dienen. Es heißt dort:

Denn wenn wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, bleibt hinfort kein Opfer mehr für die Sünden, sondern ein schreckliches Warten auf das Gericht und ein wütendes Feuer, das die Widersacher verzehren wird. Wenn jemand das Gesetz des Mose missachtet, muss er sterben ohne Erbarmen auf zwei oder drei Zeugen hin.  Eine wie viel härtere Strafe, meint ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Bundes für unrein hält, durch das er doch geheiligt wurde, und den Geist der Gnade schmäht?  Denn wir kennen den, der gesagt hat (5. Mose 32,35-36): »Die Rache ist mein, ich will vergelten«, und wiederum: »Der Herr wird sein Volk richten.« Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.”

“Wider besseres Wissen sündigen” kann ja wohl mit “mutwilliger Sünde” nicht gemeint sein. Jeder Mensch hat schon gesündigt, obwohl er wusste, dass es falsch war. Was ist dann gemeint?

Ist es eine besonders schwere Sünde? Die Bibel sagt anderes. “Kommt her, wir wollen sehen, wer im Recht ist!”,  spricht Jahwe. “Selbst wenn eure Sünden rot sind wie das Blut,  werden sie doch weiß wie Schnee werden; und wenn sie rot wie Purpur sein sollten,  so sollen sie dennoch wie weiße Wolle werden” (Jes 1,18) Die Gnade Gottes ist überaus mächtig, sie überfordert nicht selten den menschlichen Gerechtigkeitssinn, denn sie hat sogar die Kraft, den heimtückischen Mord eines Gläubigen, ja Massenmord zu vergeben. (2.Chr 33,13) “Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden…” (Rö 5,20) Was ist “mutwillige Sünde” dann? 

Ist es die Entscheidung, ohne den Glauben zu leben, nicht mehr an Gott zu denken? Auch dieser Gedanke ist sehr problematisch. Die gläubige Frau, die sich von ihrem Mann hat scheiden lassen, soll nach Aussage des Paulus keine andere Ehe eingehen, sondern sich wieder mit ihrem Mann versöhnen. (1.Kor 7,11) Die Ehe ist ein Bild auf die Beziehung zwischen Christus und der Gemeinde. (Eph 5,32) Wieso sollen schwache Menschen verpflichtet sein, eine Scheidung wieder rückgängig zu machen, wenn Gott selbst nicht bereit ist, einem Gläubigen, der ihn verlassen und eine Zeitllang ohne ihn gelebt hat, wieder anzunehmen? Wieso sollen sie etwas leisten, wozu Gott selbst nicht bereit ist? Der Zweifel an dieser Bereitschaft passt mit Gottes Eigenschaft “vollkommener Liebe” (Kol 3,14) nicht zusammen. Die Bibel geht davon aus, dass die Bereitschaft des Gläubigen zu vergeben sich an der viel größeren Vergebungsbereitschaft Gottes orientieren soll. (Eph 4,32) Auch die Propheten des Alten Testamentes verkündigen immer wieder neu die Wiederherstellung des Volkes, selbst dann, wenn die Reue noch in der Zukunft liegt. (Jer 31,20 / Hos 2, 16 ff) Sagt nicht das Gleichnis vom verlorenen Sohn genau das? (Luk 15,11 ff)

Da bliebe noch die Interpretation “einer Sünde zuviel” übrig, die aber am wenigsten taugt. Denn wenn der Gläubige sich “vor einer Sünde zuviel” in Acht nehmen müsste, gäbe es überhaupt keine Heilsgewissheit. Da auch “klein” erscheinende Sünden manchmal äußerst streng bestraft werden (2.Sam 6,7 / Apg 5,4-5), wäre der Gläubige gezwungen, ängstlich jede Sünde zu vermeiden, um nicht verdammt zu werden – der Sünde  der Werkgerechtigkeit und Selbsterlösung wäre damit Tür und Tor geöffnet und die Beziehung zu Gott erst recht zerstört. “Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt” (Gal 5,4)   

Es bleibt also eigentlich nur die Deutung der “mutwilligen Sünde” als Entscheidung für ein Leben der Feindschaft gegen Christus, also für für ein bewusst antichristliches Leben übrig. Aber auch dieses Verständnis kann wieder in den Irrgarten der beschriebenen Definitionen zurückführen – gerade bei ängstlichen Christen, denen von Jugend an eingetrichtert wurde, dass Film, Tanz, Musik, Internet ausnahmslos “Freundschaft mit der Welt” sei und damit automatisch “Feindschaft gegen Gott.” (Jak 4,4)

Ein konstruktives Nachdenken über “mutwillige Sünde”, die Gottes “Geduldsfaden” zu überstrapazieren droht, kann daher nur auf der Grundlage einer erneuerten Ethik auf der Grundlage der Qualitätsstandards Jesu (Mt 23,23) stattfinden, die sorgfältig Distanz zu gesetzlicher Enge (“Mückenseihen” Mt 23,24) beachtet. Es muss eine konstruktive überzeugende Antwort auf die Kritik Luthers am Hebräerbrief geben. Unsere Antwort ist das Recht des Gläubigen, den Rang aller biblischen Aussagen mit einem einfachen Verfahren, nämlich durch Bewertung mit Hilfe der “wichtigsten Gebote” in Mt 23,23 zu bestimmen.

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