Muss eine Feuerwehr Feuer sofort löschen?

Hirten haben die Aufgabe, für das Wohlergehen ihrer Herde zu sorgen. Sie braucht Nahrung, Wetterschutz, bei Bedarf medizinische Versorgung und Schutz vor Raubtieren. Die Ältesten einer Gemeinde werden mit “Hirten” verglichen (1.Pe 5,2) und sollen sich an Jesus, “dem guten Hirten” (Joh 10,14) orientieren, der keines seiner Schafe vergisst oder alleinlässt. Wenn eines zurückbleibt oder der Herde verlorengeht, dann “lässt er die neunundneunzig Schafe, die er hat, stehen und macht sich auf den Weg, um das eine Schaf zurückzuholen“. (Mt 18,12)

Mehr als ein Jahrzehnt hat unser Arbeitskreis (“Stoppt religiösen Missbrauch!“) unermüdlich darauf hingewiesen, dass manche Gläubige der Gemeinde verloren gehen, dass sie psychisch krank werden, dass sie schwer leiden – möglicherweise bis zu ihrem Lebensende, weil das herkömmliche bibeltreue Bibelverständnis den Widerspruch zwischen Heilszusagen und destruktiven Aussagen in der Bibel nicht auflösen kann.

Was war die Reaktion? Man sagte uns: “Die meisten Gläubigen kommen doch gut damit klar. Es sind nur ganz wenige, die in seelische Not geraten. Dafür ist nicht die Bibellehre verantwortlich, sondern die Betroffenen sind selbst schuld. Sie sind seelisch labil, übersensibel, wofür nicht die Kirche, sondern der Psychiater zuständig ist.”

Es sind “nur wenige”? Wer zählt denn die Leute, die still von der Gemeinde ferngeblieben sind? Wer zählt die Menschen, die erst gar nicht in eine Gemeinde kommen wollen, weil sie bereits wissen, dass auf ihre Fragen kaum eine ehrliche Antwort kommt? Wer zählt die Menschen, die die übliche Theologie deprimiert und ängstigt, die aber dennoch eisern daran festhalten, weil ihre Angst vor dem völligen Glaubensverlust noch größer ist? Wer zählt die Menschen, die weltlich leben und in die Gemeinde kommen, weil sie als Treffpunkt, Heiratsmarkt, Gefühlskino oder als sozialer Dienstleister gewisse Vorteile bietet und die deshalb auch nicht zugeben werden, dass sie Bibel und Theologie nicht mehr ernstnehmen können. Wer zählt sie alle?

Was in der Psychiatrie landet, ist doch nur die Spitze des Eisberges! Und bis ein Mensch durch falsches Denken reif für die Psychiatrie geworden ist, vergehen manchmal viele Jahre allmählicher innerer Zerstörung – in so kleinen Schritten, dass man den Unterschied von einer Woche zur anderen gar nicht bemerkt.

Wer in der Psychiatrie landet, ist vergessen. Wieviel Theologen hören diesen Menschen zu und wieviele denken über die Notwendigkeit theologischer Neubesinnung nach? Wieviele glauben überhaupt, dass es sich lohnen könnte, zuzuhören?

Was würde Jesus, der den Einzelnen in der Menge sieht und auf ihn zugeht, dazu sagen? “Was ihr dem Geringsten meiner Brüder angetan habt, habt ihr mir getan” ? (Mt 25,45)

Unser Arbeitskreis hat viele gewichtige Argumente, ja zahlreiche Beweise gebracht, dass wir auch in der bibeltreuen Theologie eine Neubesinnung brauchen. Er hat die schädlichen Prozesse in der Seele gründlich untersucht und präzise beschrieben. Im Laufe von eineinhalb Jahrzehnten wurden ungezählte evangelikale Gemeindeleiter, Ausbildungsstätten und Institutionen angeschrieben – bisher vergeblich.

Die häufigste Reaktion: Schweigen, keine Antwort. Oder die Bitte, in Ruhe gelassen zu werden. Argumente kommen so gut wie keine. Letztlich kommt immer nur das: einmal die Behauptung, wer an der herkömmlichen bibeltreuen Theologie zweifle, sei “gefährlich”, öffne der Bibelkritik Tür und Tor und zerstöre den Glauben an die Glaubensgrundlage, die Bibel.  Zum anderen wird behauptet, die einzig erlaubte Reaktion auf destruktive Bibelstellen sei das Bekenntnis “ich verstehe das nicht, dafür ist mein Verstand zu klein.” Eine Distanzierung von destruktiven Bibelstellen sei sündige Anmaßung, denn “Gott sei souverän”, “Gott tut was er will”, “Gott darf alles” —- “Gott ist groß” (“Allah akbar!”)

Wer will bezweifeln, dass Gott groß ist? Die Frage ist nur, ob wir ihm folgen sollen, weil Er den Menschen mit seiner Größe, Brutalität und Übermacht erpresst und erdrückt? Dann muss es uns genügen, wenn die Antwort auf alle Fragen lautet: “Gott ist groß!”

Oder werden Menschen Christen, weil Gott um ihr Vertrauen wirbt? Hat Gott nicht unendlich viel investiert, um diesem Vertrauen eine Chance zu geben? Hat Jesus angesichts ehrlicher Fragen immer “Gott ist groß” gesagt, oder hat er eine angemessene Antwort gegeben, an die der Mensch mit neuem Vertrauen anknüpfen konnte?

Was könnte eine angemessene Antwort von Gemeinden mit herkömmlich bibeltreuer Theologie sein?

Es steht völlig außer Zweifel, dass die herkömmlich bibeltreue Theologie mit ihrer Irrtumslosigkeitsdoktrin für manche Gläubige absolut schädlich ist. Viele andere betrachten sie als segensreich. Es macht keinen Sinn, sich darüber zu streiten, was nun “die meisten Gläubigen” brauchen. In jedem Fall sind Älteste gemäß dem Vorbild Jesu verpflichtet, auch eine Schädigung des einzelnen Menschen zu vermeiden.

Deshalb genügt es nicht, sich gelegentliche Beschwerden und Klagen anzuhören, auch wenn viele Gemeinden nicht einmal das erlauben. Es genügt nicht, Wohlwollen und Sympathie  für die Lösungsvorschläge zu zeigen, das bekannt-berüchtigte “Verständnis”, das untätig bleibt und deshalb de facto gar nichts verstanden hat.

Deswegen der ziemlich dumme Satz in der Überschrift!

Wer das nicht weiß! Es ist leicht ein Feuer zu löschen, wenn es erst kurz vorher entstanden ist. Wenn es zu lange brennt, rettet man nur noch Ruinen. Deswegen rasen Feuerwehrautos mit Blaulicht durch die Stadt. Weil es wirklich auf jede Minute ankommt!

Wenn jemand Opfer einer Vergiftung geworden ist, gilt dasselbe. Je länger man mit der Entgiftung wartet, desto schwieriger wird sie.

Für Gläubige, denen die herkömmliche bibeltreue Theologie (Irrtumslosigkeitsdoktrin) den Glauben kaputtmacht, muss eine Alternative angeboten werden. Sie müssen erfahren dürfen, dass es “das bibeltreue Update” gibt. Dieses Bibelverständnis ist ebenfalls “bibeltreu” zu nennen, da es sorgfältig Distanz zur Bibelkritik hält.

Für den Fall der Unverträglichkeit eines Medikamentes ist der Arzt verpflichtet, auf vorhandene Alternativen hinzuweisen.

Für den Fall der Unverträglichkeit einer Theologie ist die christliche Gemeinde verpflichtet, auf vorhandene Alternativen hinzuweisen.

Jede christliche Gemeinde ist verpflichtet, einer Vergiftung durch Theologie rechtzeitig vorzubeugen, dazu praktisch tätig zu werden und gutbegründete Alternativen vorzustellen, damit der Betroffene selber prüfen kann, was ihm am wirksamsten aus seiner seelischen Not heraushilft.

Deshalb sind alle bibeltreuen Gemeinden hiermit aufgefordert, dieser selbstverständlichen  Informationspflicht unverzüglich nachzukommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Artikel aktualisiert am 28.10.2018

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