Moralische Ungeheuerlichkeit entschärft ?

Selbstsicher  behauptete der Vortragende auf einer von mir jüngst besuchten Veranstaltung zum Thema “Apologetik”, dass ethische Problemtexte wie die Genozidbefehle (4.Mo 31,17 ff) “keine wirklichen Problemstellen seien”. “Da gäbe es Bücher”, die diese Frage längst überzeugend geklärt hätten. Eine Alternative zu seinem “Schriftverständnis” (wie wir es mit einem “Update 2.0” vorschlugen) wäre also entbehrlich.

Nun, wenn die Argumente in dieser wichtigen Frage gut waren, warum nannte er sie nicht ?
Ich fragte nach, welche Bücher er meinte. Er nannte mir den Titel von Paul Copan “Is God a moral monster ?”

Ich ließ es mir also schicken und brauchte nicht lange Zeit, um festzustellen, dass auch dieser Autor keine überzeugende Lösung gefunden hatte. Doch hatte ich wieder etwas über Fundi-Taktik gelernt: wenn du keine seriöse Lösung hast, dann verstecke diese Tatsache in möglichst viel Text. Dann sieht es so aus, als hättest du doch eine.

Wie argumentierte nun der Autor ? Er stellte die These auf, dass Genozidbefehle “die damals übliche Militärrhetorik” waren. Zum Beweis führte er spätere Zeugnisse in der Bibel an, die zeigen, dass auch nach Vollzug des Befehls die betroffenen Völker später wieder auftauchen. Folglich ginge es dem Autor nicht um Ausrottung, sondern in erster Linie um Entmachtung der Streitkräfte und um Vertreibung der Zivilbevölkerung.

Diese Argumentation ist schwer nachvollziehbar. In 4.Mo 31,17 ff werden detailierte Anweisungen gegeben: “alle männlichen Kinder und verheirateten Frauen zu töten.”  (das waren entsprechend damaligem Heiratsalter durchaus auch 14 jährige Mädchen). Mose ist zornig, weil die Israeliten das nicht genau ausgeführt haben.

Mose war zornig ? Warum sagt ihm niemand: reg dich nicht auf! Das,was du sagtest, ist doch Rhetorik, nicht ernstgemeint ?  Wozu also die Aufregung ?

Ist es nicht wieder das altbekannte Mänöver ? Die schwierigsten Fälle werden ausgeblendet,
und der Suchende mit 100 zweitrangigen Vorschlägen zugeschüttet,die das Problem eben NICHT lösen. Da blieben trotz Vertilgungsbefehl vielleicht 70-80% der Frauen und Kinder übrig. …

Na und ? Sind “nur” 100 Kinder, deren Hirn man an die Wand schmettert (Ps 137,9), etwa keine Menschen, die Gott liebt ?

Ist das eine  SERIÖSE  Arbeitsweise ?

Sicher hilft das Buch von Copan, viele Einzelfälle differenzierter zu sehen. Dass Gott im AT auch mit vielen liebenswürdigen Seiten gezeigt wird, ist ja unbestritten.

Und doch bleibt genau das Problem, das ich angesprochen hatte, ungelöst: die Annahme eines widersprüchlichen Charakters Gottes mit bösartigen Anteilen, der sein eigenes und sinnvolles Schutzgesetz,  dass nämlich Kinder nicht für die Sünden der Eltern bestraft werden dürfen (5.Mo 24,16), willkürlich missachtet !

In einem später erschienen Werk (“Did God really command genocide ?”) geht Paul Copan auf die Forderung des Mose ein (im Kapitel: Is it rational to believe that God commanded the killing of innocents, Grand Rapids, 2014, Seite 219).

Er hilft sich dort mit der Behauptung, dieser Befehl sei eine Eigenmächtigkeit des Mose gewesen und nicht der Befehl Gottes. (“The text does not explicitly attribute this command to God at all. In fact, the text appears to make a differentiation between God’s command and that of Mose.”)

Hier sträuben sich dem Leser wirklich die Haare ! Das ist doch unglaublich!

Steht nicht am Ende der Mosebücher die deutliche Warnung, dass jeder, der etwas eigenmächtig zum mosaischen Gesetz hinzufügt, unter einem Fluch stehe (5.Mo 4,2 & 28,15 ff) ? Und nun soll Mose das Gesetz, das mit säbelrasselnder Rhetorik bloße Entmachtung und Vertreibung diverser Völker anstrebte, eigenmächtig mit konkreten Mordbefehlen ergänzt haben ? Ohne jede Reue, unter Missbrauch seiner Autorität, die Gutgläubigkeit des ahnungslosen Volkes ausnutzend ?

Was für ein schäbiger Charakter  wird hier dem Mose zugeschrieben ? Demselben  Mose, der in Jer 15,1 zusammen mit Samuel als jemand genannt wird, dem am ehesten noch eine Vermittlerfunktion anzuvertrauen ist, demselben Mose, der zusammen mit Elia für würdig befunden wurde, am Ereignis der Verklärung (Mt 17,3) teilzunehmen  !

Wie man es nicht selten bei Fundis sieht: über den Charakter des Gläubigen wird viel zu wenig oder gar nicht nachgedacht !

Der Autor will mit seinen Büchern die Autorität der Bibel verteidigen – zweifellos ! Doch letztlich ist die Schlussfolgerung aus seiner Argumentation ein Eigentor, letztlich macht er selbst seine Absicht, glaubenszerstörende Bibelkritik abzuwehren, zunichte, wenn er hier Mose als unberechenbare Person hinstellt, die sich unversehens zu blutrünstigen Eigenmächtigkeiten hinreißen lässt und diese dann auch noch ins inspirierte Wort Gottes hineinschreibt.

Am sensibelsten Punkt, ob nun eine Ausrottung von Säuglingen, Kindern und jungen Frauen stattfinden soll oder nicht, genau an dem Punkt, wo es unbedingt nötig ist, auch dem dümmsten und brutalsten Soldaten unmissverständlich und rechtzeitig Gottes barmherzigen Willen klarzumachen, wird Gott missverständlich !

Das ist “vorbildliche Weisheit Gottes” ? (5.Mo 4,6 !)

Das sollen wir im Ernst glauben ???

 

 

Artikel aktualisiert am 25.04.2018

Ein Gedanke zu „Moralische Ungeheuerlichkeit entschärft ?“

  1. Zum Text: “So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern und tötet alle Frauen, die einen Mann im Beischlaf erkannt haben.” (Num 31,17)
    Die Behauptung, das Gebot fordere das Umbringen aller, die sexuell nicht brauchbar sind, ist Quatsch!!! Hier steht der Schutz des Volkes Israel ebenso wie der der Jungfrauen / Mädchen im Vordergrund. Der Schutz besagter weiblicher Personen ist offensichtlich. Das wird im folgenden Textabschnitt deutlich. Frauen, die schon einem Mann angehörten, werden sich nicht einfach in die Gemeinschaft des Volkes Israel eingliedern lassen. Sie würden Scherereien bedeuten. Diese galt es zu vermeiden. Ebenso mit allem Männlichen. Hass und Blutrache wäre eine ständige Bedrohung für Israel. Beispiel: Haman der Agagiter. (Esther 3,1+6) Er war ein Nachkomme des Amalekiterkönigs Agag. Dieser wurde durch die Israeliten getötet. Mindestens aber ein Nachkomme muss überlebt haben. Mit ihm überlebte auch der Hass, dessen Auswirkung Israel fast vernichtet hätte.

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