Liebe auf dem Tiefpunkt – das Hohelied

Was können wir aus dem Hohelied lernen? Was wir dort lernen, taugt nicht einmal als schlechtes Beispiel. Hier offenbart sich ein abgrundtiefer Sumpf. Schlimmer geht es nimmer. So gehört auch das Hohelied zur Sorte  der “no-comment” Texte.

ich habe immer noch einen emotional gestörten Zugang zum Hohenlied. Salomo und Sulamith – sogar im Namen scheinen sie gut zueinander zu passen. Doch mir fällt auf, dass Salomo nur Äußerlichkeiten an seiner Partnerin lobt. Besonders die weibliche Brust hat es ihm sehr angetan. (4,5 / 7,4 / 7,9 / 8,8 / 8,10). Sie können ihm offenbar nicht groß genug sein. (“Türme” (8,8)).

Ganz anders wird im Buch der Sprüche verfahren: im letzten Kapitel werden hauptsächlich charakterliche Vorzüge der Ehefrau gelobt: Fleiß, Tüchtigkeit, Freigebigkeit, Barmherzigkeit, guter Geschmack, Würde und Freundlichkeit. Welche Feststellung: “sie erweist ihm Gutes und nichts Böses ihr Leben lang!” ‘(Spr 31,12) Und ihr Mann antwortet ihr: “Es gibt wohl viele gute und tüchtige Frauen, aber du übertriffst sie alle!” (Spr 31,29) Eine wahrhaft gesegnete Partnerschaft. Doch ist dieser lesenswerte Text nicht von Salomo verfasst, sondern vom unbekannten König Lemuel. Weise Räte haben diesen Text hinten an die Sprichwortsammlung von Salomo angehängt, der zu einer gelingenden Partnerschaft vergleichsweise wenig Schlaues zu sagen wusste.

Aus einem anderen Text, in dem der altgewordene Salomo auf sein Leben zurückblickt, erfahren wir, dass Sulamith für ihn wohl doch nicht so großartig war, wie er es im Hohenlied behauptet, dass sie jedenfalls bald für ihn eher eine Enttäuschung war. So schreibt er: “Ich war ständig auf der Suche – ohne Erfolg: unter tausend habe ich einen einzigen Mann gefunden, (der mir kostbar war) aber eine Frau habe ich unter diesen allen nicht gefunden.” (Pred 7,28) Die “Royal Press” teilt uns mit, dass Salomo tatsächlich im Laufe der Zeit 1000 Frauen ansammelte, 700 Hauptfrauen und 300 Nebenfrauen. (1.Kö 11,3) Wo ist hier Sulamith einzuordnen? “Sechzig Ehefrauen sind schon da, und achtzig Nebenfrauen, auch warten noch Jungfrauen ohne Zahl: aber ich liebe nur die eine, die mein Täubchen ist, meine Vollkommene.” (Hl 6,8-9) Sulamith befindet sich also in der chronologischen Rangfolge auf Platz Nr. 141. Aber sie ist natürlich jetzt die Favoritin des Königs, die “gefühlte Nr 1”, die auf ihn den stärksten Reiz ausübt.

Die Frage, die sich mir stellt, wie sieht denn eine Ehe mit 1000 Frauen praktisch aus? Ist das nicht für die Frauen sehr frustrierend? Wie sieht z.B. das Sexualleben aus? Damit jede Frau einmal im Jahr Freude an Sex haben konnte, müsste der “der königliche Bulle” jeden Tag morgens, mittags und abends mit einer anderen Frau ins Bett gehen. So käme wenigstens jede Frau einmal im Jahr dran – vielleicht zu ihrem Geburtstag. Dann aber ist zu berücksichtigen, dass etliche Frauen die Töchter von Königen waren, die aus politischen Rücksichten geheiratet worden waren. Diese Frauen hätten sich eine derartige Vernachlässigung sicher nicht gefallen lassen. Salomo musste sie deutlich bevorzugen, wenn er ernste politische Krisen vermeiden wollte. So blieb für Frauen, die nicht aus politischen Gründen geheiratet worden waren, noch viel weniger übrig: vielleicht alle zwei oder drei Jahre ein einziges Mal Sex. Ansonsten mussten sie verzichten. Ihr Bedürfnis nach Sexualität konnte auch nicht von Hofbeamten kompensiert werden. Das war viel zu gefährlich, denn wenn auf diese Weise ein Kind entstanden wäre, hätten sich damit Herrschaftsträume und – ansprüche verbinden können. (2.Sam 3,7). So mussten alle Frauen, solange sie vom König nicht in sein Bett gerufen wurden, eingeschlossen und bewacht werden. Dazu hatte der König ja Militär. Man kann sich vorstellen, welche Eifersüchteleien, welche Intrigen, welche Enttäuschungen tagtäglich das Klima im Harem vergifteten. Eine emotionale Hölle, gegen die das schlimmste Dschungelcamp ein wahrer Erholungsurlaub sein dürfte.

Es stellt sich hier die Frage, welche Frau so dumm ist, sich für diese Art Leben herzugeben. Denn eine Frau von so erlesener Schönheit, dass sie das Interesse des verwöhnten Königs geweckt hätte, hätte doch gute Chancen, sich mit einem hochrangigen Beamten oder Großkaufmann verheiraten zu lassen und mit ihm echte Partnerschaft zu genießen. Dies führt zur letzten traurigen Folgerung: natürlich gibt sich keine Frau, wenn sie nur etwas Verstand hat, zu dieser Existenz her. Deswegen gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder es gelingt dem König, einer Frau weiszumachen, dass er alle übrigen Frauen nur aus politischen Gründen geheiratet hat und sie die einzig wahre Liebe für ihn ist (diese Strategie könnte im Fall Sulamith zutreffen), oder er lässt seine Beamten kriegsgefangene Frauen auf Sklavenmärkten en masse zusammenkaufen.

Warum das Hohelied in der Bibel steht? Meines Erachtens ist es eine Geschichte, die Gläubige lehren soll, genau zu beobachten und sich durch eine fromme Fassade nicht blenden zu lassen. Naürlich ist es schön, verliebt zu sein, Schönheit, Ästhetik, Farben, Formen und Düfte zu genießen. Gott hat es geschaffen und gönnt es uns von Herzen. Vielleicht war Sulamith auch eine Zeitlang damit richtig glücklich. Doch damit die Emotionen bleiben, reicht das, was uns Salomo als Ratschlag gibt, nicht aus. In dieser Sache war König Lemuel doch viel klüger als er.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.