ich glaube …

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein unpersönliches Schicksal [1] ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Dietrich Bonhoeffer

Ist diese Zuversicht nicht wunderbar? Diese wenigen Sätze sind das kraftvollste mir bekannte Glaubensbekenntnis. Mit wenigen Sätzen richtet es den Blick auf die eigene Situation, ohne Beschönigung, und danach auf eine Hilfe, die zu uns aus dem Nicht-Sichtbaren kommt.

Wie viele haben es schon erfahren: die äußere oder innere Lage mag verzweifelt sein will, wie sie will …  Wenn jemand in dieser Art und Weise betet, so wird augenblicklich der Kontakt zur unsichtbaren Welt hergestellt.

Warum ist das so? Offensichtlich ist für Gott diese Art Vertrauen kostbar. Ungeachtet aller Nöte wird er als Person gesehen, deren Liebe so so umfassend, so zuverlässig und stark ist, dass sie uneingeschränktes Vertrauen verdient. Gott sehnt sich geradezu nach solch kindlichem Vertrauen, er freut sich darüber (Mt 18 1-5)

Gott hat versprochen, auf dieses Vertrauen, auch wenn es anfangs noch klein ist,  zu antworten. (MT 17,20) Denn er möchte, dass das Vertrauen wächst. Wenn die Antwort des gläubigen Menschen auf diese Liebe der Entschluss ist, sich durch die leisesten Impulse von Liebe und Wahrhaftigkeit leiten zu lassen, so erhält er ein wertvolles Geschenk: Gewissheit der Nähe und Liebe Gottes.

Plötzlich weiß er: Gott ist da. Er ist ganz nah. Und je stärker die Erfahrung dieser Nähe, desto unbedeutender und kraftloser wird der Zweifel, die Angst vor dem Verlorensein, dem Vergessensein und der Sinnlosigkeit.” Alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Gottes Kinder” (Rö 8,14) Das ist lebendige Glaubensgewissheit, die Erkenntnis der Gotteskindschaft (1.Joh 3,1), die Grundlage der Glaubensfreude.

Glaubensfreude! Wie unendlich kostbar ist diese Erfahrung! Wie sehr ist der Gläubige bemüht, sie festzuhalten!

Und doch: wie leicht geht sie kaputt! Auch die stärkste Glaubensfreude ist ständig bedroht: durch die Einwirkung  des Bösen, das nicht nur in der Welt ist (Joh 17,14), sondern auch in uns. Wer seine Glaubensfreude bewahren will, wird dem Bösen widerstehen wollen, so gut er nur kann.

Doch das Gute ist nicht immer ohne weiteres erkennbar, auch wenn unsere Absichten gut sein mögen. Vermeintlich Gutes kann sehr böse sein. (2.Kor 11,4) Deswegen sind Liebe und Wahrhaftigkeit unauflöslich miteinander verbunden. Es gibt schwerlich echte Glaubensgewissheit ohne die Sensibilität für die Bedeutung absoluter Wahrhaftigkeit. “Wer Wahrhaftigkeit liebt, der hört meine Stimme” (Joh 18,37)

Und mit der Wahrhaftigkeit ist es so eine Sache – gerade in religiösen Gemeinschaften. Dort ist der Wunsch nach Vermehrung der Mitgliederzahlen in der Regel viel größer als die Sorge um Wahrhaftigkeit.

Deswegen ist das, was offiziell gelehrt werden darf, sehr oft zensiert. Die offizielle Lehre gilt von vornherein als unantastbar. Eine Überprüfung, ob sie die Gewissen verletzt oder ob sie heilsam ist, bleibt tabu.

Nach der Bibel steht das Gewissen unter besonderem Schutz. (Rö 14) Niemand hat das Recht, Gläubige zu Worten oder Taten zu zwingen, die ihr Gewissen verletzen.

Doch in tabubeflissenen Glaubensgemeinschaften ist es üblich, mit sozialem Druck, mit Unfreundlichkeit oder Strafen auf das Gewissen einzuwirken.

Wie soll ein Mensch da zu innerer Klarheit kommen? Wie soll er mit einer unfreien Seele seine Glaubensfreude schützen können?

Wenn Gläubige der Ansicht sind, zu religiösem Zwang berechtigt oder gar verpflichtet zu sein, so haben wir es mit Glaubenswahn und mit religiösem Missbrauch zu tun.

Es ist ein Wahn, mit Tabus, mit Zwang und Bevormundung den Glauben schützen zu können – auch wenn viele Kirchenlehrer unbeirrbar, ja unverbesserlich daran glauben.

Natürlich braucht der Glaube Zuverlässigkeit. Er schöpft sie aus der Hoffnung, dass Jesus als Gottes Sohn der einzig vollkommene Mensch war. Wer sich auf ihn verlässt, wird davon ausgehen, dass die Zuverlässigkeit dessen, was Jesus sagte, nicht durch menschliche Schwäche oder Begrenztheit getrübt war.

Doch Jesus selbst hat nichts in der Bibel geschrieben. Er gab seine Botschaft nur mündlich weiter, und erst seine Jünger haben sie nachträglich aufgeschrieben. Nun stehen zwei Möglichkeiten gegenüber. Haben seine Jünger tatsächlich mit göttlicher Hilfe Schriften von vollkommener Qualität ohne einen einzigen Fehler zustandegebracht? Oder können wir nur damit rechnen, dass trotz hoher Genauigkeit auch Raum für gelegentliche Missverständnisse und Verzerrungen der göttlichen Information vorhanden war?

Bei ist manchen Glaubensgemeinschaften ist hier schon Schluss. Die Frage darf gar nicht gestellt werden – unter keinen Umständen! Wieso eigentlich nicht? Echter Glaube wird immer beantwortet, weil Gott da ist und auf Vertrauen antwortet. (Hebr 11,6) Auch wenn der Gläubige auf einen Satz vertrauen sollte, der missverstanden wurde, so verliert er dennoch nichts. Wenn der Wunsch des Gläubigen gut war, wird er ohnehin eines Tages erfüllt. (Mt 7,9 / Rö 8,32) Wenn der Gläubige falsch gehandelt hat, weil ein Gebot missverstanden wurde, so kann die Strafe dafür nicht allzu groß sein. (Luk 12,38) Wozu also die Aufregung?

Der Unterschied ist keine Belanglosigkeit, die nur Theologen angeht. Er hat entscheidende Auswirkungen auf die Glaubensfreude. Es gibt wenige zwar, doch äußerst destruktive Aussagen in der Heiligen Schrift. Halten wir sie für irrtumslos und vollkommen wie die ermutigenden und guten Texte, so lassen sie Gottes Charakter als zwiespältig und unzuverlässig erscheinen, als jemand der einerseits gut und andererseits bösartig handelt. Diese Texte zerfressen sie deshalb bei etlichen Gläubigen das Vertrauen. Rechnen wir aber mit gelegentlichen Missverständnissen oder allzumenschlichen Einflüssen, so können diese Aussagen als Texte, die mit Mängeln gegeben wurden, damit Gläubige daran ihr Urteilsvermögen trainieren können. Auf diese Weise bleiben Vertrauen und Glaubensfreude  unbeschädigt.

Die Klärung dieser Frage hat also ganz wichtige Konsequenzen für die seelische Gesundheit und Lebensqualität. Wie kann man sich da anmaßen, Gläubigen die freie Entscheidung über diese Frage zu verbieten? Wie kann man ihnen verbieten, dazu Informationen zu sammeln und zu vergleichen? Zweifellos gibt es viele Theologen und Gemeindelehrer, die in Bezug auf sich selbst sehr optimistisch und der festen Überzeugung sind, dass auch ein widersprüchlich handelnder Gott auf jeden Fall mit ihnen sehr zufrieden ist, und die gar nicht verstehen können, dass sich andere Gläubige mit Bibeltexten herumquälen. Und selbst wenn ihnen selbst mulmig werden sollte, dann werden sie dennoch eisern auf ihrem Kurs bleiben, denn den Arbeitsplatz behält nur der, der Dogmen nicht in Frage stellt, sondern ideologisch zuverlässig ist. Und in der Psychiatrie sitzt ggf. ja jemand anders, den man erstens nicht kennt und der zweitens selber schuld ist, weil er zu sensibel war.

Wir halten diese Sichtweise für ziemlich charakterschwach, und nehmen uns lieber die Freiheit, über diese  Frage ohne Bevormundung nachzudenken und Glaubensfreude und Glaubensstärkung aus erlaubten und guten Quellen zu beziehen, aus Quellen, die nicht durch feige Anpassung und durch Reden wider besseres Wissen verunreinigt sind. Dazu ist es gut, jeden Tag im Sinne Bonhoeffers zu beten, um Gottvertrauen, Glaubensfreude und Erkenntnis der Kostbarkeit des Glaubens zu bilden. Für jeden Tag des Jahres möchten wir zusätzlich ein Gebet in diesem Geist zusammen mit einer kleinen hinführenden Schriftbetrachtung zur Verfügung stellen. Beides stammt aus dem Andachtsbuch “Lebendige Worte” von Pastor Samuel Keller (1856 – 1924) Die innige Verbundenheit mit Gott in der Andacht wird durch geistliche Übung weiter vertieft und gefestigt.

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[1] Im Original heißt es “zeitloses Fatum”.