Gift Nr. 29


29. Behauptung: “Ein Christ darf sich nicht wehren, darf auch nicht Ersatz des Schadens fordern. Er muss Unrecht, das ihm zugefügt wird, hinnehmen, muss vergeben und vergessen. Andernfalls ist er ein “Schalksknecht” (Mt 18,32 ff) und wird von Gott mit der Hölle bestraft!”

Sich alles gefallen lassen müssen, um nicht von Gott bestraft zu werden… ? Was wird bei dieser deprimierenden Einstellung anderes herauskommen als erlernte Hilflosigkeit und Anfälligkeit für Depression ? Der Geschädigte wird ja doppelt geschlagen und erniedrigt, einmal durch den Übeltater, dann aber auch durch Gott selbst, der sich durch Missachtung des Rechtes auf die Seite des Täters stellen und dem Starken gegen den Schwachen beistehen würde.

Wer das Gleichnis Jesu vom “Schalksknecht” (Mt 18, 23 ff) so versteht, der verfälscht den Inhalt. Man muss genau lesen. Die Pflicht, eine vergleichsweise kleine Schuld zu bezahlen, wird nicht in Frage gestellt. Der Kleinschuldner will ja zahlen. Das Furchtbare ist, dass der Schalksknecht, dem selbst eine Riesenschuld erlassen wurde, nicht bereit ist, geduldig zu warten. Ohne jedes Mitgefühl fordert er brutal das Unmögliche, die sofortige Bezahlung, um den Kleinschuldner ins Gefängnis zu bringen, wo er die Schuld vielleicht gar nicht mehr abarbeiten kann. Diese Hartherzigkeit empört den König aufs Äußerste, sodass er den Erlass der großen Schuld widerruft.

Das Bezahlen einer vergleichsweise kleinen Schuld ist nichts Anrüchiges, sondern eine Selbstverständlichkeit. Auch im Kleinen soll der Gläubige treu sein (Lk 16,10) bzw. niemandem etwas schuldig bleiben (Rö 13,8). Umgekehrt darf er faires Verhalten auch von anderen, insbesondere von Mitchristen erwarten. “Behandelt die Menschen so, wie ihr von ihnen behandelt werden wollt.” (Mt 7,12) Wäre es anders, dürfte der Gläubige von anderen nichts zurückfordern, weil ihm ja Christus alle Schuld vergeben hätte, so wäre der Gläubige sehr bald wirtschaftlich ruiniert. Es wäre geradezu dumm von ihm, sich als Christ zu erkennen zu geben, wenn er sich an solche Regeln halten müsste. Daran glaubt im Ernst niemand! Und doch wird man in etlichen Gemeinden immer noch mit destruktiven Behauptungen, die dem Gläubigen das Recht auf faire Behaldlung absprechen, konfrontiert.

Worum geht es Jesus wirklich ?

Jesus sagte in der Tat: “Wenn dich einer auf die eine Backe schlägt, dann biete ihm die andere auch dar.” (Mt 5,39) Der Gläubige soll nicht Böses mit Böses vergelten! Vielleicht ist der andere nur deshalb böse, weil er auch verletzt wurde und unglücklich ist. Wenn man nicht mit gleicher Münze heimzahlt, sondern großzügig reagiert, dann wird der Konflikt nicht verschlimmert, sondern kann einschlafen.

Jünger hat seine Jünger aufgerufen, für ihre Feinde zu beten (Mt 5,44) – ein Gebot, das den christlichen Glauben deutlich vor den Religionen der Welt auszeichnet. Der Gläubige darf beten, dass sie auch Christus finden und durch ihn mit einem neuen Leben beschenkt werden. Wenn Christen sich böse verhalten, dann sollte er für sie bitten, dass sie zu Christus zurückfinden. “Lass nicht das Böse über dich siegen, sondern überwinde das Böse mit Gutem“. (Rö 12,21) Das ist ein Versprechen! Das Böse kann überwunden werden. Ein Feind kann zum Freund werden! Das alles ist möglich bei Gott!

Durch diese Haltung nähert sich der Jünger der Haltung Jesu, der aus Liebe zu Menschen, die es nicht verdienten, viel Leid auf sich nahm. Und so wie Jesus später dafür vom Vater geehrt und belohnt wurde, so wird auch der Gläubige, der sich wie Jesus verhält, am Ende wiederhergestellt.

Welche Waffe auch immer gegen dich gerichtet wurde – sie wird nicht über dich siegen. Was immer auch Menschen gegen dich sagen – du wirst sie im Gericht dafür verurteilen. Dieses Recht gehört zum Erbe der Menschen, die mir dienen. Ich, Gott, habe es gesagt, und das gilt. (Jes 54,17)

Es ist ein wunderbares Geschenk, dass der Gläubige nicht dem Hass unterworfen ist, der nach einer bösen Tat aufsteigt und alles weitere bestimmen will.

Der Verzicht auf Vergeltung annulliert nicht das Recht, sich vor weiteren Übergriffen mit erlaubten Mitteln zu schützen. Notorisch schädlich handelnde Menschen müssen zurechtgewiesen werden, damit sie vorsichtiger werden und damit der Respekt vor dem Recht in der Gemeinschaft gestärkt wird . Natürlich immer mit erlaubten Mitteln. Paulus bestand auf einer öffentlichen Entschuldigung der Stadtobersten, nachdem man ihn zu Unrecht ausgepeitscht hatte. (Apg 16,35-39) Jesus wies den Mann zurecht, der ihm grundlos geohrfeigt hatte. (Jo 18,22+23)

Jeder Pädagoge oder Lehrer weiß, dass es sinnlos ist, eine Regel aufzustellen, ohne ihre Missachtung zu bestrafen. Wer die Missachtung einer Abmachung stillschweigend toleriert, wird nicht mehr ernstgenommen. Seine Autorität ist erheblich geschrumpft. Je wichtiger eine Regel, desto nachdrücklicher muss auf ihre Missachtung reagiert werden.

Der Gläubige dient “dem Besten der Stadt“, (Jer 29,7) seinen Mitmenschen und sich selbst, wenn er für den Respekt vor dem Recht eintritt. Keine Gemeinschaft kann ohne Regeln der Fairness gedeihen. Deshalb kann der Gläubige guten Gewissens in einem Betriebsrat mitarbeiten und auf diese Weise dazu beitragen, dass Mitarbeiter vor willkürlichen Übergriffen und Machtmissbrauch geschützt werden. Er darf erfahren: Gott ist der “Freund des Rechts“. (Ps 37,28) Sein Wort hat Macht und das Recht, das sein Wort beachtet und den Nächsten schützt, sollte die Macht haben, die ihm zusteht. (Jes 32,1 ff)

In der “Gemeinschaft der Heiligen” gilt das noch viel mehr. Es darf dort nicht geduldet werden, dass ein Christ den anderen mit bösem Verhalten schädigt. Denn eine Gemeinde untersteht der Autorität Jesu, des “guten Hirten” (Jo 10,12), der um den Schutz der schwachen Mitglieder besonders besorgt ist. Würde man das Böse hinnehmen, so würden sich andere daran ein schlechtes Beispiel nehmen, die Predigt über “Heiligung” oder die “Pflichten eines Hirten” würde unglaubwürdig. “Weh den Hirten, die sich selbst weiden! … Auf den Schwachen passt ihr nicht auf, den Kranken versorgt ihr nicht, den Verwundeten verbindet ihr nicht, den Verirrten holt ihr nicht und den Verlorenen sucht ihr nicht.” (Hes 34,2-4)

Deshalb ist die Sache zu klären. Zunächst soll der Betroffene mit dem Übeltäter reden, um ihn zu gewinnen. Gegebenenfalls soll er Zeugen hinzuziehen und – falls das erfolglos bleibt – das Sache vor die Gemeinde bringen. (Mt 18,15-18) Die letzte Konsequenz der Unverbesserlichkeit ist der Hinauswurf: “Trennt euch von dem, der böse ist“. (1.Kor 5,13) Diese Trennung gilt grundsätzlich immer für alle Gemeinden. Eine Gemeindeleitung, die den reuelosen Täter aufnimmt, versündigt sich.

Gemeinden, die Übeltäter dulden, rechtfertigen dies gerne mit dem Wort Jesu, dass man “Unkraut und Weizen zusammen bis zur Ernte aufwachsen lassen” soll. (Mt 13,29-30) Dieser Hinweis Jesu kann sich aber nicht auf einen Rechtsstreit beziehen, da für diesen Fall klare Anweisungen gegeben sind.

Hier geht es ihm darum, dass man über die geistliche Einstellung anderer Mitglieder der Gemeinde nicht vorschnell urteilen soll. Wie schnell ist ein pharisäisches Urteil in vermeintlicher Erkenntnis gefällt, bloß weil man die eigene geistliche Unreife nicht erkennt. Wie schnell geschieht es, dass die Liebe erkaltet, weil man sich in theologischen Nebensächlichkeiten nicht mehr einig ist. Mit Unfreundlichkeit und Distanz wird man den andersdenkenden Bruder erst recht nicht überzeugen und bringt damit für ewige Zeiten den Geist der Spaltung in die Gemeinde. Obwohl so häufig betrieben, ist das in der Tat eine Sünde, die vom Himmel ausschließen kann (Gal 5,21). Auf diese Weise kann es dazu kommen, dass jemand Unkraut herausreißen will und am Ende vom Herrn selbst als Unkraut betrachtet wird!

Deswegen der treue Rat Jesu: Überlasse das Urteil dem Herrn! Lass es deine Liebe nicht trüben, dass der andere dir manchmal nicht fromm genug erscheint. Du kannst in das Herz eines Menschen nicht hineinsehen. Die Gefahr ist zu groß, dass du ungerecht urteilst und nur sinnlos verletzt. Gott wird das Leben des Bruders am Ende gerecht beurteilen so wie dein Leben auch. Jeder wird ganz allein vor Gottes Richterstuhl stehen und ob er sich selbst in positivem Licht gesehen hat, das fällt nicht ins Gewicht: “Mir ist es nicht so wichtig, wie ihr oder andere über mich urteilen. Wie ich über mich urteile, spielt auch keine Rolle. Zwar bin ich mir keiner Schuld bewußt, aber damit bin ich noch nicht freigesprochen. Entscheidend ist allein Gottes Urteil! Deshalb urteilt nicht voreilig über mich. Wenn Christus kommt, wird er alles ans Licht bringen, auch unsere geheimsten Gedanken. Dann wird Gott jeden so loben, wie er es verdient hat.” (2.Kor 10,18)

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Artikel aktualisiert am 25.04.2018

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