Gift Nr. 18

18. Behauptung: “Das Anhören nicht-christlicher Musik ist Sünde. Es ist wahrscheinlich, dass auf diesem Weg Besessenheit (Dämonen) übertragen wird,  die man nur sehr schwer wieder los wird.”

Fromme Gruppen, die solche Sonderlehren pflegen, begründen ihre rigorosen Verbote gerne mit der Angst vor dämo­nischen Einflüssen. Sie warnten, dass der Gläubige keine Musik hören dürfe, in denen der Rhythmus dominiere oder schräge Tonfolgen vorkämen. Insbesondere durch Rhythmus, der aus afrikanischen Kulten stammt, könne “Besessenheit” automatisch übertragen. Verständlicherweise wird das Gewissen in der Folge jedes Mal heftig Alarm schlagen, wenn „afrikanische“ Musik gespielt wird.

Ja, es kann noch schlimmer kommen: die Gewissensnöte entstehen möglicherweise auch bei nicht-afrikanischer Musik, da sich die Musikstile vielfältig beeinflussen und ihre Herkunft oft nicht einfach festzustellen ist. Weil von der Vollkommenheitslogik her nur der völlig bedenken­lose Gebrauch zulässig (Röm 14,23) ist, zugleich aber eine ‘Reinheitsprüfung’ niemals mit abso­luter Genauigkeit durchgeführt werden kann, hat jede „Infektionstheologie“ die zwangsläufige Tendenz zum Totalverbot.

In gewissen schmalspurig denkenden Gruppen wird die Auswahl von vornherein sehr eng gefasst. Von einem Gemeindeleiter wird berichtet, dass er vor Entsetzen außer sich geriet, wenn jemand andere fromme Lieder anstimmte, als sie in dem von ihm geneh­migten Kirchengesangbuch vorgegeben waren. Keine Frage, dass auch hier die Gewissen leicht beeinflussbarer Mit­menschen geprägt wurden.

Eine ähnliche Infektionshysterie hat das Buch von Vance Packard, “Die geheimen Verführer” ausgelöst. Er zitiert dort einen Zeitungsbericht, in dem behauptet wurde, dass eine Eiskrem­firma Werbedias in Kinofilme einfügen ließ, die vom Zuschauer nicht bewusst wahr­genommen wurden. Auf diese Weise habe sie ihren Umsatz deutlich steigern können. (Packard, Vance, “Die geheimen Verführer”, Düsseldorf 1967, S.33-34)

Obwohl Packard durchblicken ließ, dass man an diesem Bericht auch seine Zweifel haben könne, waren etliche „Strenggläubige“ ihrer Sache desto sicherer und befürchteten, dass in Filmstreifen einzelne Bilder mit gottlosem Inhalt eingefügt seien, die der Betrachter nicht sehen könne, die sich aber in seinem Unbewusstsein festsetzen würden. In der Folge wurden auch die harmlosesten Filme von den entsprechend indoktrinierten Gläubigen als gefährlich betrachtet. Jedoch war die Sensation nur ein Hirngespinst. Die Wirkungslosigkeit solcher Bild­einfügungen war schon früher auf verschie­dene Weise nachgewiesen worden. (R.A.Bauer, “The Limits of Persuasion”, Harvard Business Review, Sep-Okt 1958, Seiten 105-110 / J.T.Klapper,”The Effects of Mass Communication”, New York, Free Press, 1960 / Bauer, “The Initiative of the Audience”, Journal of Advertising Research, Juni 1963, Seiten 2-7.)

Diese zwei Beispiele sollten genügen, um aufzuzeigen, dass das Gewissen durchaus auch mit haltlosen Behauptungen geprägt werden kann.

Was nimmt man den Menschen alles weg, wenn man alle Musik als giftig verbietet, die nicht von “Strenggläubigen“ produziert wurde! Wie wohltuend kann Musik auf die Seele wirken, die von begabten “weltlichen” Kom­ponisten komponiert wurde!

Zugegeben: es gibt manches, was nicht jedem guttut. Der Seele tut es aber erst recht nicht gut, wenn man jedes Hören von Musik zu einer Angelegenheit von Himmel und Hölle macht! Man treibt die Menschen dadurch nur in eine ständige Ängstlichkeit hinein. Verantwortungs­los! Für die seelische Gesundheit ist das schädlich!

Dem Zusammenhalt einer Sekte nützt es natürlich. Sekten sind typischerweise bemüht, bei ihren Mitgliedern eine phobische Weltsicht zu erzeugen, in der alles, was von außen kommt, als böse und bedrohlich empfunden wird. Um so ängstlicher drängt sich dann die Herde um den unberufenen “Hirten” und frisst ihm quasi aus der Hand. Der “Hirte” mag sich selber weiden und rücksichtslos gegen seine Schäfchen sein – man bleibt trotzdem bei ihm, denn anderswo soll es ja angeblich noch schlimmer sein. In der Tat, der fromme Bruder, der mit der Musik angeblich so genau Bescheid wusste, herrschte in der von ihm gegründeten kleinen Glaubensgemeinschaft wie ein Diktator.

Artikel aktualisiert am 25.04.2018

1 thought on “Gift Nr. 18”

  1. Die Ausführungen zu Gift Nr. 18 teile ich nicht. Dazu verweise ich auf die Schrift “Popmusik im Gottesdienst ?” von Joachim Rosenthal sowie auf “Der charismatische `Lobpreis` : Fremdes Feuer im Heiligtum Gottes” von Rudolf Ebertshäuser (unter anderem). Auch Michael Kotsch äußert sich in seiner Schrift “Die charismatische Bewegung” (Teil 2) zum “Charismatischen Lobpreis” in überzeugender Weise negativ. Die dortigen Ausführungen überzeugen mich, auch aus eigener Anschauung und eigenem Erleben. Im Zentrum meiner Auffassung steht dazu Daniel Kapitel 3. Die manipulativen Möglichkeiten von Musik sind bekannt und wissenschaftlich untersucht. Die verheerenden Folgen sind bekannt, nicht nur nach der Loveparade-Katastrophe von Duisburg.

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