Gift Nr. 08

8. Behauptung: “Kleine Sünden werden von Gott so negativ gesehen und bestraft wie schwerste Verbrechen, denn Jesus musste auch für kleine Sünden sterben.”

O wie fromm wirkt doch auch dieser Satz ! Kann die Reue perfekter sein, wenn schon kleinste Fehler zu größter Zerknirschung führen ? Wird es Jesus nicht erfreuen, wenn der Gläubige sich deswegen die schwersten Selbstvorwürfe macht ? Wird dadurch nicht die Bedeutung seines Opfers noch viel mehr betont ? Oh wie entschieden und wie fromm ! Diese Lehre kann doch nur von Gott kommen.

Tatsächlich ? Sehen wir einmal genau hin!

Wenn kleine Sünden und Unvollkommenheiten so schwer wiegen würden wie große, dann müssten sie genauso streng bestraft werden. Wer “sich an Sünde gewöhnt hat, gehört zum Satan” (1.Jo 3,8) Wer “mutwillig (εκουσίως) sündigt“, kann die Vergebung endgültig verlieren. (Hebr 10,26-27) Somit müsste jeder Gläubige, der seine Unvollkommenheit nicht überwindet, Angst haben, dass er eines Tages die Vergebung endgültig verliert.

Logischerweise müsste das Gewissen bei der kleinsten Unvollkommenheit so heftig reagieren, als hätte man einen Mord begangen. Das ist die logische Konsequenz. Ist dieses Ergebnis die Absicht Jesu gewesen?

In der Tat gibt es Gläubige, deren Gewissen von unfähigen oder gewissenlosen Gemeindelehrern derart verschärft wurde, dass sie jahrelang von einem aus Rand und Band geratenen Gewissen terrorisiert und erpresst werden.

Das ist unzulässig, denn es widerspricht dem ersten Qualitätsmaßstab Jesu, der „Barmherzigkeit“.

Nicht nur die eigene Persönlichkeit, Würde und Gesundheit wird zerstört. Auch die Vorstellung von der Persönlichkeit Gottes wird auf diesem Weg zum Zerrbild. Seltsamerweise gibt es Gemeindelehrer, die sich an diesem Zerrbild gar nicht stören. Im Gegenteil: Terror und Schrecken vertragen sich nach ihrer Sicht recht gut mit der „Ehre“ eines allmächtigen Gottes, dem der Gläubige größte Ehrfurcht schuldet.

Der „Respekt“ wird allerdings sehr stark darunter leiden, dass Gott versprochen hat, dass seine Gläubigen ohne Furcht und Schrecken leben sollen (Lk 1,74), und dann – wie es scheint – sein Versprechen nicht einhält.

Das ist unzulässig, denn es widerspricht dem dritten Qualitätsmaßstab Jesu, der „Treue“ und „Zuverlässigkeit“.

Die ständige Furcht bewahrt mitnichten vor der Sünde – wie manche glauben. Das ist eine Illusion. Sehr wahrscheinlich kommt es irgendwann zu einer Abstumpfung des Gewissens. Da das Gewissen ständig quält, lohnen sich auch keine Bemühungen mehr, auf einzelne Warnungen zu hören. Auf einen Wachhund, der ständig kläfft, gleichgültig ob nun eine tatsächliche Gefahr vorhanden ist oder nicht, hört man zu guter Letzt gar nicht mehr. Das ständige Kläffen ist nur noch ein störendes Hintergrundgeräusch. Wie leicht macht man es damit einem Einbrecher!

Die perfektionistische Sicht ist nicht nur unehrlich und unbarmherzig. Sie ist auch unfair. Wer sich über Sünde wenig Gedanken macht, hat die Chance, ein positives, freundliches und ermutigendes Gottesbild zu entwickln. Die sorgfältigen und gewissenhaften Gläubigen müssen sich mit einer sehr düsteren Gottesvorstellung herumschlagen.

Diese Quälerei kann sich über Jahre hinziehen, wenn Gläubige die Freiheit eines Christen nie kennengelernt haben und folglich auch keinen Vergleichsmaßstab haben, um die fehlende Qualität des werkgerechten Lebensstils zu erkennen.

Natürlich macht auch die kleinste Sünde den Menschen unwürdig, mit Gott Gemeinschaft zu haben. Das muss man allen sagen, die selbstsicher meinen, keine Erlösung zu brauchen, weil sie doch gute Menschen seien. Hier gilt: auch der anständigeste und beste Mensch braucht die Bedeckung seiner Schuld durch das Sühnopfer Jesu. Jeder Mensch hat sich an Menschen und an Gott versündigt. Verdrängen der Schuld und Heuchelei belastet Charakter und Seele – die Löschung der Schuld befreit.

Bei Menschen, die sich ohnehin sehr viel Gedanken über ihr Versagen machen, muss man das aber nicht extra betonen (Sorgfaltsparadox). Das haben sie längst verstanden und akzeptiert.

Damit ist die Notwendigkeit der Charakterbildung nicht abgewertet. Manche meinen ja, es komme nicht mehr darauf an, da ja ohnehin alle Sünder seien. Ein Fehlschluss! Gläubige, die so denken, können bösartiger handeln als Menschen, die Gott gar nicht kennen.

Charakter- und Persönlichkeitsbildung ist Jesus wichtig. Menschen mit Charakter entscheiden sich freiwillig für das Gute, weil sie von der langfristig positiven Wirkung überzeugt sind. Um Charakter zu bilden, braucht der Mensch Vorbilder und Freiraum. Zwang und Erpressung überzeugen schlecht oder gar nicht.

Deshalb ist die Aufforderung Jesu an seine Jünger, „vollkommen zu sein“ (Mt 5,48) kein Befehl, sondern ein Wunsch. Er weiß, dass sie es nur wünschen können – im Eifer, dem Vorbild ihres geliebten Meisters zu folgen. Das wesentliche Element der Vollkommenheit ist die Freiwilligkeit. Nach Vollkommenheit soll der Jünger streben, und an sich arbeiten, wo es in Freiheit möglich ist. Die unabdingbare Grundlage aber ist immer das Vertrauen in die unwandelbare Liebe und Treue Jesu, die nicht durch unsere Schwächen und Gebundenheiten in Frage gestellt wird. „Er bleibt immer treu, selbst dann, wenn wir nicht treu sind.“ (2.Ti 2,13)

Jesus war vollkommen. Er fragte seine Jünger: „wer von euch kann mir eine Sünde nachweisen?“ (Jo 8,46) Achten wir einmal darauf, dass er sogar den Kontakt mit Geld sorgfältig vermied. Er hatte keins. Als er Steuern zahlen sollte, schickte er Petrus, der ein Geldstück in einem gefangenen Fisch fand. (Mt 17,27)

An Geld klebt viel Unrecht und Gewalt ! Banken spekulieren mit dem Spargroschen der Armen, machen jede Menge unfaire Geschäfte und ruinieren dabei Existenzen, treiben Menschen in Verzweiflung und Selbstmord, korrupte Politiker schauen weg. Geld ist unrein! Es ist dreckig! Wenn man vollkommen sein müsste, dürfte man es gar nicht anfassen.

Wir dagegen haben Geld. Wir schaffen es nicht, ohne es zu leben. Wir spielen das große Spiel mit. Wir konsumieren und verleiten andere dazu, zu konsumieren, weil sie dasselbe haben wollen. Und Jesus verdammt uns deshalb nicht. Die Apostel haben auch später niemanden deshalb verurteilt und aus der Gemeinde ausgeschlossen.

Auch wenn Gewissenhaftigkeit im Denken und Handeln nicht zum ständig schlechten Gewissen führen darf, so ist doch Sorgfalt sehr wertvoll und dient in etlichen Bereichen der Vorbeugung vor Schlimmerem. Der Gedanke der Vorbeugung spielt in der Bergpredigt (Mt 5,31-37) eine wichtige Rolle.

Es ist besser, sich vor Zorn auf den Bruder und vor dem Schimpfwort zu hüten, als eine Entwicklung in Gang zu setzen, an deren Ende vielleicht tätliche Gewalt und Mord stehen. Es ist besser, sich begehrlicher Gedanken und Blicke zu enthalten, anstatt sie zu dulden und dann im Ehebruch zu landen. Es ist besser, gar nicht zu schwören, als durch ständigen Gebrauch von Eidesformeln bald als unglaubwürdig dazustehen. Diese Liste kann man fortsetzen: es ist besser sich vor dem Neid zu hüten, als zu guter Letzt den anderen zu bestehlen, es ist besser, Großzügigkeit zu üben, als zu raffen und dabei immer habgieriger zu werden.

Eben das Bemühen um wirksame Vorbeugung beweist: kleine Sünden und große Sünden wiegen nie und nimmer gleich schwer. Völliger Unsinn! Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob der Gläubige einen ehebrecherischen Wunsch hat oder ob er tatsächlich mit einer verheirateten Frau Ehebruch begeht. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob der Gläubige Gedanken des Hasses hat gegen einen Menschen, der ihn verletzt hat, oder ob er ihn deswegen halb tot schlägt. Soll man nun denken: “nun ist das Kind ja in den Brunnen gefallen, ich habe die kleine Sünde begangen und mir dadurch schlimmsten Zorn Gottes zugezogen. Nun kommt es nicht mehr darauf an, ob ich auch noch die große Sünde tue? Wenn ich sexuell begehrlich war, dann kann ich auch gleich den Ehebruch wirklich begehen? Wenn ich gehasst habe, dann kann ich den Feind auch gleich windelweich prügeln…!?”

Das Gegenteil ist wahr: Jesus hat viel Geduld und Mitgefühl mit dem Gläubigen, der sich mit begehrlichen oder wütenden Gedanken herumschlägt und wird ihn bewahren, dass er nicht in den Abgrund des Ehebruchs oder der Feindschaft hinabstürzt. Dazu braucht der Gläubige Ermutigung und Stärkung durch Liebe und nicht ein Gewissen, das ihn sofort terrorisiert und bedroht.

Ein wichtiges Kennzeichen der Liebe ist die Geduld. (1.Kor 13,4-5) Wenn Jesus wünscht, dass seine Jünger Geduld mit den Schwächen anderer haben sollen, dann wird er selbst nicht ungeduldig sein. Im Gegenteil: die Bibel redet sogar von einer jahrhundertelangen Geduld Gottes mit menschlicher Schwachheit. (Rö 3,25) Ein Gläubiger, der kein Vertrauen in Gottes Geduld hat, der denkt sehr klein von der Liebe Gottes. Entsprechend gering ist sein Vertrauen, das doch die Grundlage des Lebens mit Gott sein soll: alles geschieht “aus Glauben” (Rö 1,17). Was “nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde” (Rö 14,23), selbst dann, wenn es mit der größten Willensanstrengung verbunden ist.

Die Gläubige “wächst im Glauben” (Eph 4,15), was ja nichts anderes heißt, als dass es ihm immer besser gelingt, gewisse Unvollkommenheiten abzulegen. Was wachsen muss, kann nicht sofort vollständig vorhanden sein. Erpressung durch das Gewissen ändert an dieser Situation nichts. Deshalb muss man ihr widerstehen.

Die Tatsache, dass Jesu Opfer am Kreuz auch unsere Unvollkommenheiten sühnt, sollte den Gläubigen erfreuen, beruhigen und ermutigen und nicht ihn mit einer Last beladen, die ihn gänzlich erdrückt.

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