Gift Nr. 07

7. Behauptung: “Nur der Gläubige, der alle seine Sünden ausnahmslos nachträglich „wiedergutmacht“, darf mit Vergebung rechnen. Er muss also zu jedem Menschen, an dem er sich irgendwann einmal versündigt hat, hingehen und die Angelegenheit mit einem Schuldbekenntnis in Ordnung bringen: d.h. ausnahmslos jede Lüge, Halbwahrheit und Übertreibung richtigstellen, sich für jede abfällige Äußerung entschuldigen, alles Gestohlene zurückbringen usw….. Andernfalls kann ihm Gott nicht vergeben.”

Das alles klingt sehr fromm ! Was kann man gegen das Maximum an möglicher Hingabe und Reue sagen, wenn jemand nicht nur nach den Geboten Gottes lebt, sondern sich außerdem darum bemüht, seine Vergangenheit zu reparieren, um Gott ein nahezu vollkommenes Leben präsentieren zu können ? Kann man dem heiligen Gott mehr Respekt erweisen ? Sagt Jesus nicht selbst, dass seine Jünger „vollkommen sein sollen“ ? (Mt 5,48)

“… wenn er Vergebung haben will?” Eins ist sicher: je sorgfältiger der Gläubige auf kleinste Fehler achtet, desto mehr wird er entdecken, desto größer sind seine Schuldgefühle, desto mehr Anstrengungen sind nötig, um alles „wiedergutzumachen“. Wohin soll das führen ? Je mehr sich der Gläubige anstrengt, je gründlicher er in der Vergangenheit wühlt, desto unsicherer wird er. Kann er denn tatsächlich diese Bedingung erfüllen? Wer kann alles, was er jemals im Leben falsch gemacht hat, nachträglich “in Ordnung bringen”?

Bei Zungensünden ist es besonders schwierig! Auch Übertreibung ist strenggenommen die Unwahrheit. Und wie leicht hat man jemanden durch Taktlosigkeit verletzt! Hier werden dem Gläubigen sicherlich immer wieder neue Verfehlungen einfallen.

Muss er all diese Dinge “in Ordnung bringen”, sich dafür entschuldigen, auch wenn es dem Empfänger der Entschuldigung eher peinlich ist, der die dahinter stehende Unfreiheit bemerkt und sich dann als Objekt einer neurotischen Zwangshandlung sieht?

Die Drohung ist massiv: wenn der Gläubige es nicht tut, muss er in dem Bewusstsein weiterleben, dass er von Gott durch seine Sünde getrennt ist und dass der Zorn Gottes über ihn, der die Sünde “nicht lässt” (Spr 28,13), ständig weiter wächst. Eine ausweglose Situation. Nicht nur das Vertrauen zu Gott, sondern auch die Heilsgewissheit kann auf diesem Weg gefährdet sein.

Nebeneffekt: Zu guter Letzt hat der Gläubige Angst, an die Vergangenheit zu denken, weil einem immer neue Bagatellen einfallen könnten, die “in Ordnung zu bringen” sind. An die Vergangenheit denken ist aber notwendig, um sich über sich selbst klar zu werden.

Die obige Behauptung hat also eine sehr heilig scheinende Schale und einen bösartigen Kern. An den „Früchten“, den Folgen kann man es erkennen. (Mt 7,16)

Sie macht vor allem die Vorstellung von Gott zum Zerrbild: er sitzt da mit der Lupe und ist ständig mit der Vergangenheit beschäftigt. Er muss ständig kontrollieren, wo ein dunkler Punkt ist und ob ihn der Gläubige auch sofort in Ordnung bringt. Der Gläubige hat den Eindruck, dass Gott eher in negativer Weise über ihn denkt.

Ist dies das Gottesbild, das Jesus vermittelt ? Wird Gott tatsächlich geehrt, wenn der Gläubige so über ihn denkt ? Eine weitere wichtige Frage: wird das Vertrauen und die Liebe des Gläubigen zu Gott unter diesem Eindruck wachsen oder schrumpfen ?

Es ist nicht schwer zu sehen: der Sinn der zitierten Bibelstellen ist verfälscht. Bei richtiger Anwendung ist immer ein lebensfördernder Sinn (Mt 4,4) zu erkennen. Wie uns der Bericht von der Versuchung Jesu wissen lässt, kennt auch der Satan die Bibel genau und weiß sehr geschickt mit ihr umzugehen. (Mt 4) Gut, wenn sich der Gläubige nicht hereinlegen lässt!

Die oben genannte Behauptung erscheint fromm, ist aber destruktiv. Denn durch sie kommt durch die Hintertür der eigene Beitrag zur Erlösung, die Selbstgerechtigkeit, die Werkgerechtigkeit wieder herein! Und Werkgerechtigkeit ist eine absolut tödliche Gefahr für den Glauben. “Ihr habt Christus verloren, weil ihr euch selbst durch die Erfüllung der göttlichen Normen retten wollt. Ihr lebt wieder ohne Gnade! ” (Gal 5,4) Ihr Ergebnis ist absolut wertlos.

Nur das, was aus Dankbarkeit und Liebe freiwillig getan wird – ohne jeden Zwang –  hat bevor Gott tatsächlich einen Wert.

In der offiziellen katholischen Lehre gemäß dem Kompendium des katholischen Katechismus (KKK) kommt der Freiwilligkeit wenig Bedeutung zu. Sie präsentiert dem Gläubigen ein riesiges Regelsystem, das bei strenger Strafe einzuhalten ist.

Auch nach Schuldbekenntnis und Reue lastet weiter die Furcht vor Bestrafung auf dem Gläubigen, die er durch Almosen, Gebete, Wallfahrten und andere Bußübungen mildern könne. Trickreiche “Begründung”: Das Sühnopfer Jesu befreie nur von der Furcht vor ewiger Strafe, nicht aber vor zeitlicher Strafe, die im Fegefeuer abzubüßen sei. (siehe Katechismus der kath.Bistümer Deutschlands, Freiburg im Breisgau, 1956, S.177)

Als „Beweis“ für diese Sicht wird auf König David hingewiesen, dem nach einem Ehebruch der Prophet Nathan Vergebung zugesprach, ihm aber dennoch eine Strafe ankündigte, nämlich das sein und Bathsebas Sohn sterben müsse. (1.Sam 12,7 ff).

Auch 1.Kor 3, 15 muss als „Beweis“ herhalten: „wird jemandes Werk (im „Preisgericht der Gläubigen“) verbrennen, so wird er Schaden leiden. Er wird selbst zwar gerettet werden, doch wie durchs Feuer.“

Damit der Gläubige auch ja nicht an diesen Lehren zweifelt und die Bibel weiter dazu befragt, hat das Konzil von Trient im November 1551 gleich jeden Gläubigen verflucht, der es wagt, selbst zu denken und zu prüfen: “ Wer sagt, zugleich mit der Schuld werde von Gott immer die ganze Strafe erlassen, und es gebe keine andere Genugtuung der Büßenden als den Glauben, mit dem sie annehmen, dass Christus für sie Genugtuung geleistet hat: der sei mit dem Anathema (=Bannfluch) belegt.“ (DS 1712:Kan. 12.). „Wer sagt, für die Sünden werde – was die zeitliche Strafe betrifft – Gott keineswegs… Genüge geleistet durch Strafen, die … vom Priester auferlegt werden, aber auch nicht <durch Strafen>, die man freiwillig auf sich nimmt, wie Fasten, Gebete, Almosen oder auch andere Werke der Frömmigkeit, und die beste Buße sei deshalb nur ein neues Leben: der sei mit dem Anathema belegt.“ (DS 1713:Kan. 13.)

Soll uns nun dieses „Verflucht!“ aus dem Jahre 1551 so in Schrecken setzen lassen, dass wir darauf verzichten, diese Behauptung mit der Bibel zu prüfen ?

Für die Tatsache, dass David trotz Vergebung noch mit einer öffentlichen Strafe belegt wurde, ist im Text die Ursache genannt: „weil du die Feinde Gottes zum Lästern gebracht hast…“ (2.Sam 12,14)

David war der von Gott erwählte König, der an der Spitze der Justiz stand. Dieser Mann, der über seine Untertanen Gericht halten musste, verübte selbst die schwersten Verbrechen: Mord und Ehebruch.

Ohne eine harte, öffentliche Strafe hätte er diese Funktion nicht weiter ausüben können. (siehe dazu auch den Artikel: „Notwendiger und schädlicher Zweifel„)

Dies ist eine ganz besondere Situation, in der sich der Gläubige heute nicht befindet. Als Jesus dem Gelähmten vergab, hat er ihm etwa zusätzliche Bußen auferlegt ? (Mt 9,2) Hat Jesus der Samariterin am Brunnen Bußen auferlegt ? (Joh 4) Oder dem Blinden, den er heilte, mit dem er ebenfalls ein längeres Gespräch hatte (Joh 9) ? Nirgends findet sich etwas von solchen Bußübungen im Neuen Testament: dort, wo es um einfache Gläubige geht.

Entsprechend ist auch 1.Kor.3,15 auszulegen. Nachdem im Kapitel auf die Gläubigen wie Petrus, Apollos und Paulus als Beispiele für segensreichen Dienst hingewiesen wurde, wird allen Gläubigen die Aussicht auf reichen Lohn angekündigt, sofern mit „edlen Werkstoffen gebaut„, d.h. mit der Einstellung Christi gearbeitet wurde. Wer beim Bau des Reiches „minderwertiges Material“ verwendet, d.h. mit üblen Motiven arbeitet, „leidet Schaden„, d.h. er bekommt wenig Lohn, möglicherweise gar nichts. Die Augen Jesu gleichen „Feuerflammen„. (Offb 1,14) Seine Augen prüfen das Werk. Ist es mit wertlosen Werkstoffen wie „Stroh, Heu, Stoppeln“ gefertigt, wird es keinen Bestand haben und verbrennen.

Das Werk wird im Feuer geprüft. Nicht der Gläubige kommt auf den Scheiterhaufen. Er gelangt ins Himmelreich – allerdings nur nackt und bloß – so wie jemand, der gerade noch aus einem brennenden Haus fliehen konnte, und nicht einmal Zeit hatte, vorher Kleidung anzuziehen. Das ist sicher peinlich. Aber es ist keine Folter.

Es ist zweifellos auch ein großer „Schaden„: mit der Gnade der Errettung beschenkt worden zu sein und gleichzeitig für seinen Herrn nichts Wertvolles geleistet zu haben. Dieses Defizit wird dem Gläubigen auf unabsehbare Zeit anhaften.

Unbarmherzig dagegen ist das, was katholische Fanatiker mit der Lehre vom Fegefeuer den Gläubigen weismachen: dass auch auf den geretteten Gläubigen infolge seiner Versäumnisse höllenähnliche Zustände warten.

Die katholischen „Zeugen der Wahrheit“ wissen angeblich Genaueres, sodass wir sie hier zitieren: „Die Leiden und Strafen der Armen Seelen sind nach dem heiligen Augustinus schlimmer als die Qualen der Märtyrer. Thomas von Aquin, der große Theologe,  Kirchenlehrer und Heilige, lehrt: „Die geringste Strafe im Fegfeuer ist schlimmer als das größte Leid auf Erden.“ …

Schlimmer als die Qualen der Märtyrer ?“ Lebendig verbrannt, mit Sägen zerstückelt, von Pfeilen durchlöchert, mit Pferden gevierteilt, enthauptet, ertränkt, gerädert, zerquetscht usw. usf. und das auf unbekannte Zeit ? „Schlimmer als das größte Leid auf Erden…?“ Schlimmer als der Holocaust und alle ähnlichen Verbrechen der Geschichte ?

Die katholischen „Zeugen der Wahrheit“ scheinen das ja sehr positiv zu sehen. „Denn gerade die christliche Tradition übergibt uns die tröstliche Lehre vom Fegefeuer, von der Läuterung in der barmherzigen Liebe Gottes, der will, dass niemand verloren gehe.“

Eine tröstliche Lehre ? Oder schauerliche Perversion des Wortes „Liebe“ ? 

Bei diesen Aussichten muss die Furcht vor dem Fegefeuer überaus groß sein. Je größer die mögliche Bedrohung, desto größer die Furcht !

Eine ganz simple Frage, die offensichtlich fromme Fanatiker überfordert: Wie soll der Gläubige bei diesen höllischen Aussichten auf den Zuspruch der Vergebung Jesu mit Freude reagieren können ? Die bereute Sünde wird „nicht im Meer versenkt, wo es am tiefsten ist„, wie der Prophet sagt (Mi 7,19), sondern die Erinnerung an sie bleibt zum Zweck einer späteren grauenhaften Bestrafung gespeichert.

Wird auf diese Weise  die Freude über die Vergebung zu Hauptthema des Lebens, oder vielmehr die Frage, wie man die zu erwartende Bestrafung mildern kann ?

Zweifellos wird damit auch die Ehre Jesu und die allumfassende Kraft seines Sühnopfers geschmälert.

Jesus erlitt eine der grausamsten Formen der Hinrichtung und darüber hinaus in dieser leiblichen Not noch die Erkenntnis, dass sich sein geliebter Vater in dieser schrecklichen Stunde um der Sünde willen von ihm lossagte. Diesen Preis bezahlte Jesus, damit Menschen von Schuld befreit und froh mit Gott leben können.

Dieses große Opfer erscheint in strenggläubig-katholischer Sicht als ungenügend. Um sich von der Bedrohung durch göttliche Strafe zu befreien, auferlegen sie den Gläubigen  Rituale durchzuführen wie das Vaterunser mehrere Male aufzusagen, oder an einem bestimmten Tag zu einem bestimmten frommen Ort zu gehen, oder das Hinaufrutschen auf der heiligen Treppe („Scala Sancta“) in Rom oder das Anbeten des Altarsakramentes und oder das Anhören des „Urbi et orbi“-Segens am Ostersonntag im Radio und dergleichen “verdienstvolle Taten” mehr.

Ein christlicher oder ein heidnischer Rat ? Betrachten wir doch einmal das Aufsagen von Gebeten. Was sagt die Bibel dazu ?

Sie warnt davor ! Das Herunterplappern von Gebeten, das Machen vieler Worte (Mt 6,7) nützt gar nichts! Jesus hat dieses Verhalten als typisch charakterisiert für „Heiden, die meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.“ „Unsinn“ sagen die Vertreter dieser Methode dagegen, je öfter geplappert wird, desto wirksamer sei das Gebet.

Ein wichtiger Nebenertrag des Fegefeuersystems ist das ständig schlechte Gewissen: mit dem Aufsagen von Gebeten und anderen Ablassritualen lässt sich nach katholischer Lehre auch die Qual der Seelen im Fegefeuer verkürzen. Umkehrschluss: wer nicht Gebete plappert wie befohlen, ist schuld an der grauenhaften Quälerei der armen Seelen dort.

Somit hat die Kirche zwei bewährte Werkzeuge zur Verfügung, um bei naiven Gläubigen ständig schlechtes Gewissen zu erzeugen: die Ablassidee und eine rigide, lebensfeindliche Sexualmoral.

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(Steintafel neben dem Eingang der Konstanzer Kirche zu Ditzingen aus dem Jahre 1478)

Der Text beschreibt das jämmerliche Schicksal von Gläubigen, denen zwar vergeben ist (!), die aber auf dem Weg zum Himmel noch durch die Vorhölle des Fegefeuers müssen:

O lieber mensch do solt net anegan,
Ein Paternoster solt du uns hie lan.
Ach got ist unse so gar vergessen
Mit almusen ud mit messen
Ach lieben Frund kommend uns ze stur
Mit gebett und almusen in den fegefur

Sollen solche Lehren wirklich ungefährlich für die sensible kindliche Seele sein ?

Im Fegefeuer-Ablass-System  soll der Gläubige unmündiger Knecht des frommen Machtsystems bleiben, deren Vertreter sich die Würde des Priester- und Königtums exklusiv reserviert haben. Das geistliche Selbstbewusstsein des Gläubigen bleibt auf diese Weise von vornherein kümmerlich. Die Vertreter des Machtsystems Kirche vermehren hingegen Einfluss und Macht.

Auf dieser Weise wird der Gläubige nie ein freier und freiheitsliebender Mensch. Eben das soll er in nach dem Willen der Strenggläubigen auch gar nicht werden.

Gewähren von Freiheit ist aber die unerlässliche Bedingung für die Liebe zwischen Menschen, insbesondere von Eheleuten. Liebe versklavt niemand, sondern respektiert immer die Freiheit des anderen.  Liebe macht es dem anderen leicht und nicht schwer.

Das Neue Testament vergleicht die Beziehung zwischen Jesus und seinen Gläubigen mit der Liebe zwischen Braut und Bräutigam. Können wir uns zwei Liebende vorstellen, die auf diese buchhalterische, kleinliche Weise mit einander umgehen ? Kann man sich eine funktionierende Beziehung vorstellen, in der die Frau etwas falsch macht und baldmöglichst bestimmte Gedichte aufsagen oder Rituale vollziehen muss, wenn sie brutale Bestrafung vermeiden will. Wäre die Liebe nicht sehr bald an ihrem Ende ?

Das ist eine ganz einfache Erkenntnis. Doch offensichtlich ist sie hochrangigen Klerikern, die nicht heiraten dürfen, kaum zugänglich. Vieles in der katholischen Lehre würde sich zum Guten bessern, würde der Papst und seine Entourage ihren Priestern endlich gestatten, zu heiraten. Dann würden sie immer mehr von der Liebe zwischen Eheleuten verstehen. Etlichen von ihnen wäre sehr bald klar, wo im katholischen System der Wurm steckt.

Die offizielle katholische Lehre spricht den Egoismus des Menschen an – wenn auch in frommer Form. Wieder kreist der Mensch in seinem Denken um sich und um die Vor- oder Nachteile, die mit seiner frommen Leistung zusammenhängen. Was hat das mit Liebe zu tun ? „Die Liebe sucht nicht den eigenen Vorteil.“ (1.Kor 13,5) Man kann beeindruckend viel leisten und tun – ohne dass Liebe das Motiv ist: solches  Tun ist – selbst bei größtem Opfermut – völlig „wertlos„. (VV.1-3)

Wie soll durch Übungen wie das Herunterplappern von Gebeten, das Mitlaufen in einer frommen Herde zu irgendeinem frommen Ort oder das Herumrutschen auf einer berühmten Treppe oder das Hinhören der „Urbi et Orbi“ Worte der Charakter gebessert werden ? Das ist doch der angebliche Zweck des Fegefeuers !

Die Propheten des Alten Testamentes zeigen uns, dass Opferdienst und Reinigungsvorschriften beachtet werden können, ohne dass sich der Mensch im geringsten bessert. „Dies Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir.“ (Jes 29,13)

Wenn der Charakter nicht durch Rituale gebessert wird, wie soll dann dadurch das Fegefeuer verkürzt werden können, das angeblich eben diesen Zweck hat ? Das Anhören des Urbi et Orbi Segens soll angeblich  sogar einen „vollkommenen Ablass“ für alle bisher Sünden bewirken! (So belehren uns die „Zeugen der Wahrheit„) Dann sollte doch in allen katholischen Schulen dieser Segen unablässig aus Lautsprechern auf die Schüler heruntertönen – wenn das so wirksam zur Charakterbildung beiträgt …

Vollends absurd ist die Behauptung, dass ein Vollablass aller Sünden anlässlich der Spendung der Sterbesakramente gewährt wird. Kommt der Priester rechtzeitig zum Sterbenden, so gelangt dieser ohne weitere Beschwerden in den Himmel, hat sein Mofa eine Panne, so stirbt der Gläubige mit der Aussicht auf eine Pein, die „schlimmer als alle Martern der Erde ist„. Da fragt man sich, was hat die Panne des Mofas mit Läuterung, mit Verbesserung des Charakters zu tun ? Ob die Reue auf dem Sterbebett als charakterliche Besserung angesehen werden kann, mag bezweifelt werden. Sie bringt ja nur Vorteile!

Der Apostel Paulus verdammt die fromme Werkerei in allen ihren Formen als gefährlich. Er und Jesus vergleichen sie mit „Sauerteig„. (Luk 12,1 / Gal 5,9) So wie ein Krümel Sauerteig genügt, um das ganze Brot zu durchsäuern, so reicht das kleinste bisschen Werkgerechtigkeit aus, um den ganzen Glauben zu vergiften.

Werkgerechtigkeit bleibt Werkgerechtigkeit, egal ob sie sich auf zeitliche Strafen oder auf ewige Strafen bezieht. Nicht die Dauer der Strafe, sondern das egoistische Motiv bestimmt, ob das, was getan wird, verbotene Werkgerechtigkeit ist. Mit Werkerei arbeitet man ganz überflüssigerweise etwas ab, was Gott als unverdientes Geschenk gedacht hat.  „Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Jesum Christum geschehen ist.“ (Rö 3,23-24). „Wo bleibt nun der Ruhm ? Es gibt keinen.“ (V.27)

Deshalb wird die Vergebung allein aufgrund ehrlicher Reue gegeben: “wenn wir unsere Sünde bekennen, so ist hält er seine Zusage zuverlässig: er wird uns die Sünde vergeben und uns von aller Ungerechtigkeit reinigen.” (1.Joh 1,9) Ist der Gläubige von aller Ungerechtigkeit gereinigt, dann sind weitere reinigende Bußleistungen überflüssig. Wer ehrlich bereut, d.h. wer die Sünde verabscheut und sie nicht weiter tun will, muss nichts weiter fürchten !

Uneinsichtigen Gläubige allerdings, die dickfellig fortfahren Unrecht zu tun, wird Gott Leid und Unglück schicken, um sie zur Einsicht zu bringen. „Wen der HERR liebhat, den erzieht er mit Strafen.“ (Hebr 12,6)

Da der reuige Gläubige nichts weiter fürchten und abarbeiten muss,  kann (und sollte) er als befreiter und begnadeter Mensch sich liebevoll und freiwillig (!) Gedanken machen über Menschen, denen er mit seinem Tun geschadet hat und mit denen er – unter der Leitung des Heiligen Geistes – Mitgefühl hat. Liebevolle Gedanken befinden sich immer im Einklang mit den Qualitätsmaßstäben Jesu – sie sind barmherzig, fair und ehrlich.

Wenn man jemanden beleidigt, beschimpft oder mit Unterstellungen gekränkt hat, dann ist es sinnvoll, möglichst sofort hinzugehen, um sich angemessen zu entschuldigen. Böse Worte, die man stehen lässt, können wie ein Feuer (Jak 3,1 ff) immer weiter um sich greifen und die Seele quälen und schädigen. Sie können Beziehungen so gründlich und unwiderruflich ruinieren, dass am Ende überhaupt keine Brücke mehr zum anderen möglich ist.

Muss man dem Partner einen Seitensprung beichten? Auch wenn die seelische Gesundheit des Partners dabei Schaden nimmt? Wenn die Ehe auseinanderbrechen würde ? Das zukünftige Wohl des Partners steht im Mittelpunkt der Überlegungen, nicht ein steriles Entlastungsritual.

Noch anders liegt der Fall wohl bei übler Nachrede und Verleumdung. Es macht wenig Sinn, diese dem Betroffenen zu bekennen. Sofern man nicht davon ausgehen kann, dass die üble Nachrede nicht inzwischen längst vergessen und bedeutungslos geworden ist, sollte allerdings der Gläubige, dem die Liebe zum Nächsten wichtig ist, die Menschen, die durch seine Worte irregeführt wurden, aufsuchen und die Ehre des Geschädigten wiederherstellen. Möglicherweise ist aber das, was leichtfertig ausgestreut wurde, gar nicht mehr einzufangen.

Bei Diebstahl kann eine Selbstanzeige und Rückgabe vor dem Ablauf der Verjährungsfrist riskant sein und eine gerichtliche Verurteilung nach sich ziehen – mit eventuell verheerenden Folgen für die Familie. In schwerwiegenden Fällen ist anzuraten, einen gläubigen Anwalt zu konsultieren, der ebenso wie der Seelsorger an die Schweigepflicht gebunden ist. Wenn ein Mensch konkret leidet unter den Folgen eines Diebstahls, dann sollte der Gläubige diesem gegenüber nicht gleichgültig bleiben, sondern ihm das Vergeben erleichtern. Die Rückerstattung kann auch anonym, etwa durch die Vermittlung eines Pastors, der an das Beichtgeheimnis gebunden ist, erfolgen. Unter lang zurückliegenden Diebstählen, etwa in der Jugendzeit, leidet heute sehr wahrscheinlich niemand mehr. In diesem Fall würde bei einer Rückerstattung das Motiv einer sterilen Gewissensentlastung wieder in den Vordergrund treten, das sich nachteilig auf die seelische Stabilität auswirkt.

Das Gesagte betrifft nur die Selbstanzeige. Wird der Gläubige in der Gemeinde konkret beschuldigt, jemandem geschadet zu haben, so muss die Sache im Mediationsgespräch untersucht und – falls dieses scheitert – vor die Gemeinde gebracht werden, da Böses in der “Gemeinschaft der Heiligen” nicht geduldet werden darf.

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Artikel aktualisiert am 04.04.2018

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