Gift Nr. 01


1. Behauptung: “Sexuelle Verklemmtheit ist heilig – Sexuelle Sünden verunreinigen am stärksten”

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Es gibt etliche Gläubige, die meinen, dass sexueller Verzicht der Schwerpunkt der christlichen Ethik sei. Daraus zieht mancher den Schluss, dass Gläubige, die sich besonders sexualfeindlich gebärden, besonders heilige Leute seien. Umgekehrt würde Fehlverhalten, das im Zusammenhang mit der Sexualität steht, von Gott viel negativer beurteilt und bestraft als andere Sünden.

In der Bibel gibt es zu dieser Behauptung ein Gegenbeispiel: Der Priester Amazja verbot dem landesfremden Hirten Amos, im Tempel die an ihn ergangene Warnung Gottes auszusprechen. Zur Strafe wurde Amazjas Frau später eine stadtbekannte Hure. (Amos 7,12-17) Woraus wir ersehen: Der Versuch einer Gemeindeleitung, die Gläubigen gegen notwendige biblische Zurechtweisung abzuschirmen, wird von Gott als eine Sünde angesehen, die so schwer wiegt wie gewerbliche Prostitution.

Es gibt noch viele andere Sünden, deren Wirkung gewöhnlich schädlicher ist als die einer sexuellen Verfehlung: den guten Ruf eines Menschen zerstören, auf seiner Würde herumtrampeln, ihn mobben, ihn wegen seiner Andersartigkeit hassen und verfolgen oder ihn wirtschaftlich oder gesundheitlich ruinieren.

Im Verlauf der Kirchengeschichte wurde diese Sünden oft gar nicht als solche angesehen, insbesondere wenn man Menschen so behandelte, deren Gedanken und Fragen man als Bedrohung der eigenen Glaubensauffassung empfand. So bekam das Thema der sexuellen Sünde gegenüber diesen Sünden ein großes Gewicht.

Es besteht kein Zweifel, dass sexuelle Rigorosität stark zur Stabilisierung bestehender Glaubensgemeinschaften beiträgt. Das Thema sexueller Unzulänglichkeiten ist gut dazu geeignet, Gläubige einzuschüchtern, sodass sie das, was in der Gemeinde geschieht, nicht mehr in Frage zu stellen wagen. Gläubige in der Gemeinde, die ihr Macht missbrauchen, bedienen sich deshalb gerne dieses Themas.

Die Einschüchterung ist so wirksam, weil sie an das Schamgefühl anknüpfen kann, dessen Reaktion von vielen Gläubigen ebenso wie die Reaktion des Gewissens irrtümlicherweise für absolut unfehlbar gehalten wird. Kirchliche Lehrer haben sich deshalb nach Kräften bemüht, Schuld- und Schamgefühle weiter zu steigern. Im Mittelalter konnte man den Leuten weismachen, dass der ansonsten legale Geschlechtsverkehr eines verheirateten Paares am Sonntag, dem Tag des Herrn, oder an einem der vielen anderen kirchlichen Feiertage hochgefährlich sei, da er diesen Feiertag entweihe. Diese Sünde sei so schwer, dass sie von Gott üblicherweise mit der Geburt eines behinderten Kindes bestraft werden würde. (So warnten Gregor von Tours, gest.594, und Erzbischof Thietmar von Magdeburg, zitiert in: Peter Browe, Beiträge zur Sexualität des Mittelalters, Breslau, 1932, S. 47-48).

Bis heute wird in der offiziellen Lehre der katholischen Kirche die Freude an Sexualität auf vielerlei Weise mit überflüssigen Drohungen belastet. Eheleuten, die eine Empfängnis mit Kondom verhüten wollen, wird weisgemacht, sie würden damit einen „Verstoß gegen die sittliche Ordnung“  begehen. (Kompendium des Katholischen Katechismus, 497-498) Es „ist jede Handlung verwerflich, die entweder in Voraussicht oder während des Vollzuges des ehelichen Aktes oder im Anschluß an ihn beim Ablauf seiner natürlichen Auswirkungen darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern, sei es als Ziel, sei es als Mittel zum Ziel“ (Katechismus der Katholischen Kirche [KKK], Nr. 2370) Der Catechismus Romanus II von 1566 bezeichnete im 8.Kapitel (“Sakrament der Ehe”) unter Punkt 13 die Empfängnisverhütung gar als ein ebenso “schweres Verbrechen” wie Abtreibung. (Auch wenn der Text sehr alt ist, zitieren wir ihn hier und berücksichtigen damit die Tatsache, dass es in der katholischen Kirche bis heute starke Fraktionen gibt, die an einer Wiederherstellung früherer Sichtweisen interessiert sind.) Auch die Sterilisation wird ausnahmslos verboten, selbst wenn ein weiteres Kind die Eheleute überfordern würde. Auch wenn viele Katholiken diese Normen nicht ernstnehmen, es bleibt der deprimierende Eindruck zurück, dass Sexualität eher negativ zu sehen ist, ein notwendiges Übel, ein Anreiz, ohne den das Gebot, „sich zu vermehren und die Erde zu füllen“ nur unzureichend erfüllt werden würde. Der Gedanke liegt wirklich nicht fern, dass hinter der lebensfremden Sexualtheologie vielleicht letztlich etwas ganz Menschliches steckt, nämlich Sexualneid, der bittere Frust von Klerikern, die auch alle gerne mal Sex hätten, aber nicht dürfen. Wenn man schon selber nicht darf, dann werden viele neidisch und möchten dann wenigstens dafür sorgen, dass die anderen, die dürfen, nicht all zu viel Spaß daran haben.

Wenn wir uns also mit dem Thema “Sexualität” befassen, so müssen wir ein waches Auge haben auf Beiträge von Gläubigen, deren Motive ähnlich unsauber sind.

Die sexualfeindliche Tendenz setzt sich fort in der Onanie-Literatur des 18. Jahrhunderts, in der medizinische Autoritäten eindringlich vor angeblichen medizinischen Folgeschäden der Masturbation warnten, wie z.B. der reformierte puritanische Arzt Bekker mit seinem bahnbrechenden Werk „Onania oder die scheußliche Sünde der Selbstbefleckung“. (1710) Er zählte auf: Eßunlust, perverser Appetit, Übelkeit, Schwächung der Atmungsorgane, Impotenz, schmerzhafte Empfindungen im Rücken, Seh- und Hörstörungen, völlige Abnahme der Körperkräfte, Blässe, Magerkeit, Finnen im Gesicht, Abnahme der Seelenkräfte und des Gedächtnisses, Anfälle von Raserei, Tollheit, Blödsinn, Epilepsie, Erstarrung, Fieber und schließlich Selbstmord. Der reformierte Lausanner Arzt Simon-André Tissot verbreitete mit seinem Buch „Onania“ (1758) europaweit die Schreckensmeldung, dass bei einem Onanisten das Gehirn so ungeheuer austrockne, dass man es in der Hirnschale rasseln hören könne. Die letzte Auflage erschien 1905. (V.E.Pilgrim, Der selbstbefriedigte Mensch, 1975, S.43; zitiert in Uta Ranke-Heinemann, Eunuchen für das Himmelreich, Hamburg 1988, S. 326)

Nun gibt es zweifellos sehr strenge Sätze zur Sexualität in der Bibel. “Ich habe einen Bund mit meinen Augen geschlossen, dass ich nicht begehrlich blicke auf eine Jungfrau. Was gäbe mir Gott sonst als Teil von oben und was für ein Erbe der Allmächtige in der Höhe? Wird nicht der Ungerechte Unglück haben und ein Übeltäter verstoßen werden? Sieht er nicht meine Wege und zählt alle meine Gänge?” (Hiob 31,2-4). Eine schöne Frau anzublicken und das Zusammensein mit ihr zu wünschen, das ist ein Wunsch, den der von Gott dem Menschen eingepflanzte Sexualtrieb ganz selbstverständlich mit großer Kraft hervorruft. Dieses Verlangen bleibt bei etlichen Männern bis ins hohe Alter hinein erhalten. Während der Mensch, der Hunger hat und Nahrung vor sich sieht, auch essen darf, um diesen Hunger zu stillen, ist der Gläubige verpflichtet – so sieht es Hiob – den bloßen Wunsch nach sexueller Erfüllung schon bei seiner Entstehung niederzukämpfen.

Im mosaischen Gesetz, das Gläubige für Jahrtausende über „Reinheit“ und „Unreinheit“ informierten sollte, spielt die moralische Strenge des Hiob seltsamerweise überhaupt keine Rolle. Es wird immer wieder behauptet, dass ein solches Gebot bei einem großen Volk undurchführbar gewesen sei. Zweifellos stimmt das, doch das ist irrelevant. Es wäre Mose ganz leicht möglich gewesen, eine Gruppe von besonderen Gläubigen zu berufen, die sich diesen harten Normen unterwarfen. Es wäre leicht gewesen, diese Leute mit besonderen Privilegien auszustatten, um allem Volk ein gutes Beispiel zu geben. Und die Segensverheißungen am Ende der Mosebücher hätte Mose in gestaffelter Form anbieten können. 100% Segen für die, die sich an das schwere Gebot sexueller Reinheit halten wollen, 50% für die, die doch hingucken und sich etwas wünschen, wenn eine schöne Frau vorbeigeht und 5% für die Leute, die ihre Frau entlassen haben, weil sie ihnen zu abgenutzt und häßlich erschien. Ein nachhaltiger pädagogischer Effekt würde sicher nicht ausbleiben.

Doch diese Möglichkeiten werden nicht genutzt, sodass bei einem Thema, das ganz entscheidend sein soll für die Beziehung mit Gott, ein leicht zu erzielender pädagogischer Erfolg verschenkt wird – für immerhin zwei Jahrtausende. Diesen Eindruck wird der sorgfältige Leser nicht los, auch wenn das mosaische Gesetz noch viele weitere Vorschriften enthält über Reinheit und Unreinheit bei Samenerguss, Menstruation, Geburt usw. (Anmerkung: durch das Verschenken des pädagogischen Erfolgs im sexuellen Bereich wird ein pädagogischer Erfolg auf einem wichtigeren Gebiet erzielt: nämlich die Erkenntnis, dass das Gesetz ganz bestimmte Illusionen hervorruft.)

Im Neuen Testament erhebt Jesus eine ähnlich strenge Forderung: “Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: “Du sollst nicht ehebrechen.” Ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. Führt dich aber dein rechtes Auge in Versuchung, so steche es aus und wirf’s von dir. Es ist dir besser, dass eins deiner Körperteile verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. Führt dich deine rechte Hand in Versuchung, so haue sie ab und wirf sie von dir. Es ist dir besser, dass eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.” (Mt 5, 27-28)

Hier wird – wie es scheint – die Sicht des Hiob bestätigt. Warnte Hiob vor dem “Verstoßenwerden des Übeltäters“, so warnt Jesus vor der Hölle, die auf den “begehrlichen” Blick folgen kann.

Wenn nur eine oberflächliche Betrachtung des Themas Sexualität zur Verfügung steht, werden Gläubige immer wieder zu dem Schluss kommen, dass schon kleine Abweichung von den sexuellen Normen ihrer Glaubensgemeinschaft ein besonders schweres Vergehen ist. Entsprechend stark ist das schlechte Gewissen und das Schamgefühl, das sich anlässlich des Versagens bildet.

Zusätzlich tauchen in bibelgläubigen Gemeinden immer wieder Lehren auf, die dem Denken eine vollends verhängnisvolle Richtung geben können, z.B. die Behauptung, dass kleine Sünden bei Gott so schwer wiegen wie große. Ist das wahr, dann wiegen die Wünsche und Phantasien so schwer wie fortgesetzter Ehebruch, wie ein Leben in Hurerei. Es ist verständlich, dass manche Gläubige daraus den Schluss ziehen, “mutwillig gesündigt” (Hebr 10,27) und die Geduld Gottes überstrapaziert zu haben. Chronische und schwere Depressionen und Ängste vor der Hölle sind die Folge.

Wie unmenschlich diese Zwangslage ist, ist an dem Schicksal des Kirchenlehrers Origines zu sehen. Um nicht in die Hölle zu kommen, sah er für sich keinen anderen Ausweg mehr, als sich selbst zu kastrieren.

Wir wollen hoffen, dass er anschließend wieder zur ersehnten Glaubensfreude durchgedrungen ist. Doch können wir seine Methode, das Problem zu lösen, nicht empfehlen. Stattdessen stellen wir die Frage: wo ist hier noch eine überzeugende Abgrenzung zur Bemühung, sich selbst zu erlösen und zu retten, sich selbst das Heil zu sichern ? Werkgerechtigkeit ist für den Glauben hochgefährlich: “Ihr habt Christus verloren, die ihr durch die Erfüllung der göttlichen Norm gerecht werden wollt.” (Gal 5,4). Deshalb muss die Abgrenzung von der Sünde der Werkgerechtigkeit sehr sorgfältig sein: “Auch ein winziges Stückchen Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig.” (Gal 5,9)

Manchen Christen bereitet das Gebot rigider sexueller Disziplin kein nennenswertes Problem. Am einfachsten haben es die Glücklichen, die eine Frau haben, mit der sie zusammen Sexualität genießen können. Andere Gläubige haben das Glück, dass der Sexualtrieb nicht allzu stark ausgebildet ist und dass sie Glücksgefühle, ja sogar den Gefühlsrausch aus anderen Quellen schöpfen können: aus dem Erfolg im Beruf sowie aus hoher Kreativität. Es wurde auch schon darauf hingewiesen, dass der Genuss von Macht und Einfluss das sexuelle Defizit ausgleichen kann – was z.B. in klerikalen Hierarchien vorkommt.

Welche Lösungen bieten sich an für Gläubige, die einen starken sexuellen Drang, aber wenig Möglichkeiten haben, sich starke positive Glücksgefühle zu beschaffen ? Muss man den Gläubigen recht geben, die sehr schnell antworten, dass der Glaube ausreichend Glücksgefühle liefert (“Die Freude am Herrn ist eure Stärke“) und der Gläubige die Schuld für das Fehlen ausreichender Kompensationsgefühle bei sich selbst zu suchen hat ? Hier ist einmal festzustellen, dass Paulus selbst darauf hingewiesen hat, das Eheleute sich einander nicht entziehen sollen, da andernfalls die Versuchlichkeit zur Hurerei (!) zu stark werden würde. (1.Kor 7,5) Wäre der Glaube eine jederzeit bereitstehende Kompensationsquelle, die ausreichend Freude vermittelt, wäre diese Aufforderung überflüssig. Paulus weist auch darauf hin, dass er sehr gut verzichten kann und andere nicht (1.Kor 7,7).

Verzicht auf sexuelle Phantasien ist für Gläubige, die schlecht mit Kompensationsmöglichkeiten ausgestattet sind, eine anstrengende Verzichtsleistung – ähnlich schwer, wie der Entschluß, nur soviel zu essen, dass man ständig unter Hungergefühlen leidet und gerade am Leben bleibt. Übermäßiges Fasten hat bekanntlich wenig Erfolg: der Frust wird so groß, dass man unversehens hemmungslos frisst, um alles nachzuholen. (Jojo-Effekt) Eine ähnliche Gefahr ist bei Überforderung durch sexuellen Totalverzicht nicht auszuschließen. Wenn das Gewissen ohnehin ständig anklagt und schließlich verdammt, dann werden manche Gläubigen zu dem naheliegenden Schluss kommen, dass es sich nicht mehr lohnt, die große Sünde, den unverbindlichen Sex, zu vermeiden.

Was geschieht mit den Menschen, die sich Tag für Tag die größte Mühe geben, immer wieder unter Tränen den Vorsatz fassen, ihre Phantasie zu zügeln und dennoch so oft scheitern, dass sie eines Tages selbst nicht mehr an die Ernsthaftigkeit ihrer Vorsätze glauben können ? Stattdessen fühlen sie sich durch eigenes Verschulden ständig verschmutzt und Glaubensfreude kommt gar nicht mehr auf. Damit sind noch weniger Kompensationsmöglichkeiten vorhanden. Ein Teufelskreis entsteht.

Die seelsorgerlichen Tatsachen lassen ebenso wie das Faktum, dass keine überzeugende Abgrenzung zur Werkgerechtigkeit vorhanden ist, erhebliche Zweifel an der üblichen Auslegung der Worte Jesu in Mt 5,27-28 entstehen.

Betrachten wir doch das Wort “begehren” (grie: επιθυμησαι) in Mt 5,28 einmal genauer ! In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta wird dasselbe Wort im Zehngebot verwendet. Dort bezeichnet das “Begehren” den Willen, etwas in seinen Besitz zu bringen, der sich sowohl auf die Frau des Nachbarn (Septuaginta: επιθυµησεισ την γυναικα), als auch auf sein Haus oder seinen Esel richten kann (2.Mo 20,7). Nicht das “Begehren” an sich ist böse, denn es ist sehr wohl erlaubt, eine Frau für sich, ein Haus für sich und einen Esel für sich zu begehren und zu erwerben. Das Böse besteht darin, dass sich das Begehren auf etwas richtet, was einer anderen Person gehört, die ihr Eigentumsrecht geltend macht. Jesus spricht hier also über die fahrlässige Anbahnung eines konkreten Rechtsbruchs, nicht über sexuelle Phantasien, die um ihrer selbst willen genossen werden. Somit wäre Mt 5,27 besser übersetzt: „wer eine verheiratete Frau habgierig anblickt und sie besitzen will…“

Doch leidet die angeblich “bibeltreue” Theologie schon seit jeher an eine starken Geringschätzung des Rechts, was darin zum Ausdruck kommt, dass es in den meisten Gemeinden, die sich selbstbewusst als “bibeltreu” bezeichnen, gar keinen schiedsgerichtlichen Dienst bzw. kein seriöses Schlichtungsverfahren gibt. Dann ist es wenig verwunderlich, dass man die tatsächliche Bedeutung des Wortes “begehren” (grie: επιθυμησαι) übersehen hat.

Das Verbot zu “begehren” ist mit anderen Geboten in einem Sinnabschnitt zusammengefasst, mit dem Verbot, den Nächsten zu beleidigen, sowie mit dem Verbot zu schwören. Der rote Faden in  diesem Abschnitt ist die Vorbeugung, die Verhinderung der Eskalation. Wenn man von vornherein darauf verzichtet, den Nächsten zu beleidigen, dann wird es zu Tätlichkeiten oder gar zum Mord erst gar nicht kommen. Wenn man von vornherein darauf verzichtet, alles und jedes mit einem Schwur zu bekräftigen, dann muss man nicht befürchten, dass am Ende gar nichts mehr geglaubt wird. Und wenn man den Wunsch nach der Frau des Nächsten sofort niederkämpft, dann kann es gar nicht zum Ehebruch kommen.

Dieses Gebot wird von Jesus mit äußerster Strenge formuliert. Wenn eine Frau gläubig und Mitglied einer Gemeinde wird und ihr Ehemann weiter ungläubig bleibt, dann wird sehr bald ihr ungläubiger Partner in Konkurrenz zu Männern in der Gemeinde treten, mit denen sie die wichtigsten und tiefsten Glaubenserfahrungen teilt. Dann ist die Versuchung groß, sich vom ungläubigen Partner zu trennen, von dem man sich nicht mehr verstanden fühlt. Jesus hat aber solche ungleichen Ehen unter seinen besonderen Schutz gestellt: (siehe dazu auch 1.Kor 7,12-16) Scheidung ist nicht erlaubt, und wer die Geschiedene heiratet, begeht Ehebruch. (Mt 5,32) Hätte Jesus hier nicht so streng formuliert, so würden Männer, die ihre Frauen in die Gemeinde gehen lassen, diese sehr bald verlieren und dann in Zukunft ihre neuen Frauen am Kontakt mit der Gemeinde hindern. Der Schutz vor diesem Unglück muss also zuverlässig funktionieren.

Der Schluss aus dieser – erheblich präziseren – Auslegung: die Androhung der Hölle bezieht sich nicht auf sexuelle Phantasiereisen, die frei vom Wunsch nach tatsächlicher Besitzergreifung sind.

Über Hiob, der den begehrlichen Blick auf eine unverheiratete (!) Jungfrau als schwere Sünde betrachtete, werden die Ausleger geteilter Meinung sein. Immer wieder haben einzelne Gläubige eine private Einschätzung gehabt, die über das biblisch Gebotene weit hinausgeht. Die genauen Umstände, die Hiob zu seinem Entschluss bewogen haben, sind uns unbekannt. Vielleicht hat er einmal miterlebt, wie kriegsgefangene Mädchen auf dem Sklavenmarkt angeboten wurden. Die Gier der Käufer und das Elend der entwürdigten Frauen mag sich tief in seine Seele eingeprägt haben – sodass er sich fortan um eine Einstellung besonders strenger sexueller Disziplin bemühte, was so gar nicht in die Zeit der Erzväter passte.

In den Erzväterzeiten war Polygamie weit verbreitet. Warum sollte der verheiratete Hiob nicht den Blick auf ein weiteres Mädchen werfen, um sie zu heiraten ? Geld genug dafür hatte er. Die anderen Glaubensväter des Alten Testaments, die das getan haben, hatten keine Furcht, deshalb Gottes Gunst zu verlieren. Der Erzvater Jakob hatte 4 Frauen (Gen 30,3-10), König David hatte während seiner Fluchtzeit 2 Frauen (1.Sam 25, 43), in Hebron hatte er 4 andere Frauen, wobei unklar ist, ob sie alle gleichzeitig lebten (2.Sam 3,2-5). König Salomo schrieb das Hohelied zu einer Zeit, als er bereits 140 (!) Frauen besaß (Hohel.6,8) !

Wird die Frau durch sexuelle Phantasie „entwürdigt“ ?

Etliche aktuelle evangelikale Veröffentlichungen sehen in sexuellen Phantasien eine Entwürdigung der Frau und eine Degradierung zum Sexual-Objekt, gar „eine Zerstörung ihrer „Gottesebenbildlichkeit“.

Wie immer man das sieht: es entwürdigt die Frau unendlich viel mehr, wenn sie zum Zweck der Triebentsorgung geheiratet wird. Auf diese Weise wird sie doch tatsächlich zum „Sexualobjekt“ ! Wie oft werden Ehen übereilt – allein aufgrund des sexuellen Motivs – geschlossen zwischen Menschen, die schlecht zueinander passen und sich deshalb ständig auf die Nerven gehen ! Nun sucht man verständlicherweise den wirklich geeigneten Partner, den man aber nach biblischem Recht gar nicht mehr heiraten dürfte. Wird auf diese Weise nicht ein großer Schaden in der Gemeinde und in der Familie angerichtet? Für die Ehre der Frau ist mit einem rigorosen Verbot sexueller Phantasien gar nichts gewonnen.

Wenn man alleinstehende Frauen vor die Wahl stellt, ob sie mit ihrer Schönheit auf Männer attraktiv wirken wollen oder lieber keinen optischen Eindruck hinterlassen wollen, so wird es wohl – abgesehen von Frauen, die üble Erfahrungen mit Sexualität gemacht haben – wohl kaum Frauen geben, die sich auf die Zeit freuen, wenn ihre Schönheit verblüht ist und man nur noch an ihrem inneren Wert interessiert ist.

Das Gegenteil ist wahr. Sehr viele Frauen investieren horrende Summen in Kosmetik und Schönheitschirurgie, um den Alterungsprozess zu verlangsamen. Das zeigt doch in aller Deutlichkeit, dass eine Frau in der Regel “begehrenswert” erscheinen will – wenn sie sich auch tätliche Belästigung verbittet. Je begehrenswerter sie erscheint, desto mehr Respekt, Aufmerksamkeit und Beachtung erhält sie von Seiten der Männerwelt.

Wie wird der Wunsch, „begehrenswert“ zu erscheinen, in der Bibel bewertet ? Ein ganzes Buch, das Hohelied, lobt die in erster Linie die körperlichen Merkmale der begehrten Frau in allen Details und diese Frau ist – wie gesagt – nicht die einzige, sondern eine neue Favoritin nach den 140 anderen, die schon dem König gehören. (Hohel. 6,8) Wenn jemand behauptet, dass im alten Testament andere Regeln galten, ist es dann nicht inkonsequent, wenn man die Warnung des Hiob, „begehrlich eine Jungfrau anzusehen“ (Hiob 31,2-4) als verbindliches Gebot betrachtet ? Hätte ein Hiob das Hohelied schreiben können ?

Auch die Braut freut sich über ihre Schönheit. Offensichtlich darf sie es. „Meine Haut ist zwar dunkel, braun wie die Zelte der Wüstenbewohner. Dennoch bin ich schön, so wie die wertvollen Zeltdecken Salomos.“ (Hohel. 1,5). Wohl jede Frau, die in den Spiegel schaut, wird froh über ein attraktives Äußeres sein und weniger froh, wenn erhebliche Mängel sichtbar sind.

Sollen wir annehmen, dass der Apostel Johannes diese natürliche Sicht, von der auch das Hohelied geprägt ist, kritisieren und als sündig brandmarken wollte, wenn er sagte: „Denn alles, was in der Welt ist: Augen Lust, Fleischeslust und hoffärtiges Leben, das stammt nicht vom Vater, sondern von der Welt.“ (1.Joh 2,16)

Hier werden drei Dinge nacheinander genannt, eine bedenklicher als die andere. Die Betonung liegt in diesem Satz auf dem dritten Begriff, dem „hoffärtigen Leben“, dem Hochmut.

Leider können die guten Gaben Gottes missbraucht werden. Statt dankbar zu sein und sich über Schönheit als über ein unverdientes Geschenk zu freuen, ist sie für manche Frauen der Anlass zum Hochmut und zur Schadenfreude. Sie genießen es, Männer begehrlich zu machen, um sich dann an ihrer Frustration zu erfreuen bzw. sie gar als zudringlich zu beschimpfen. Es gibt Frauen, die mit Schönheit Macht ausüben und verletzen oder erpressen wollen. Sie entwürdigen damit den Mann und machen ihn zum „Objekt“, zur Zielscheibe eines destruktiven Interesses. Männer können dasselbe tun. Doch ihr maßgebliches Attraktivitätsmerkmal ist die Finanzkraft, mit der sie Macht ausüben und Mitmenschen demütigen können.

Beides ist Missbrauch der guten Gaben Gottes, die nicht dem Hochmut dienen, sondern in Dankbarkeit und zum Segen der Mitmenschen gebraucht werden sollen. Die Macht, die Schönheit oder Finanzkraft ausüben, setzt voraus, dass sie im Denken des beherrschten Menschen einen hohen Stellenwert haben. Wer mit wenig Einkommen zufrieden ist, wer den charakterlichen Vorzügen einer Frau sowie der Führung Gottes mehr Bedeutung zuerkennt als den Merkmalen idealer Schönheit, der kann sich dem, was in der Welt wichtig ist, entziehen. Er kann nicht beherrscht, erpresst oder verletzt werden.

Die folgende Übersetzung bezieht diese Überlegungen mit ein: „Hängt euer Herz nicht an das, was in der Welt ist. Die Gier nach allem, was ins Auge fällt, das Prahlen mit Schönheit und Besitz, all das kommt nicht vom Vater, sondern gehört zur Welt. Die Welt mit ihren verlockenden Angeboten wird vergehen. Wer aber tun will, was Gott gefällt, der wird mit ihm in Ewigkeit leben.“ (1.Joh 2,16-17)

Ist Masturbation eine schwere Sünde ?

Nun ist die Frage, wie erotische Phantasien zu bewerten sind, die nicht mit der Benachteiligung einer konkreten Person verbunden sind. Solche Phantasien treten gewöhnlich im Zusammenhang mit Masturbation auf, über die die Bibel selbst nichts sagt.

Die katholische Kirche bewertet Masturbation als ebenso schwere Sünde wie Mord und Hurerei (!), als „Todsünde“. „Zu den Sünden, die schwer gegen die Keuschheit verstoßen, gehören Masturbation, Unzucht, Pornographie und homosexuelle Praktiken.“ (KKK, Nr 2396) Der Catechismus Romanus (1566) bezeichnete das Empfangen der geweihten Hostie im Zustand der “Unreinheit” als “schweres Verbrechen“. (Kapitel 5, Vom Sakrament der Eucharistie, Nr 27) Nach offizieller katholischer Sicht bringt eine „Todsünde“ den Täter mit Sicherheit in die Hölle, wenn er unversehens sterben sollte und noch keine die Vergebung (Absolution) durch einen geweihten Priester empfangen hat. (siehe Details zum „Beichtzwang„)

Welch massiver seelischer Druck wird hier auf junge Menschen ausgeübt! Er vermag sich der Drohung nicht einmal durch Wegbleiben vom Gottesdienst zu entziehen, denn auch das gilt als schwere Sünde. (Gottesdienstzwang) Er ist gezwungen teilzunehmen und im Gottesdienst die Hostie abzulehnen – und damit die öffentliche Bloßstellung zu ertragen.

Evangelikale Autoren wie Tim Stafford sind ebenfalls der Meinung, dass Masturbation als schwere Sünde einzuordnen ist. Er schreibt in seinem Aufsatz “Liebe, Sex und Du” (3.Auflage Wetzlar Schulte und Gerth, 1982, S.117): “Wenn du wohlüberlegt und vorsätzlich eine Frau (oder einen Mann) ansiehst und sie als sexuelles Objekt betrachtest (und evt. gedanklich gebrauchst), ihn oder sie damit menschlich entwürdigst, dann bist du genauso sexueller Untreue schuldig wie jemand, der solche Vorstellungen in die Tat umsetzt.”

Genauso schuldig? Wie wer? Mit tatsächlich praktizierter Untreue scheint wohl der vollzogene Ehebruch oder ein Bordellbesuch gemeint zu sein. Hier taucht eine fundamentale Behauptung perfektionistischer Theologie wieder auf: “kleine Sünden wiegen so schwer wie große”, die wir andernorts mit Hilfe der Heiligen Schrift beurteilt haben.

Es ist ein alarmierendes Zeichen, wenn Gemeindelehrer immer noch nicht in der Lage sind, die Destruktivität dieser Behauptung zu erkennen. Ist einem Jugendlichen, der wiederholt masturbiert, wirklich geholfen, wenn ihm beibringt, sich als Verbrecher zu fühlen, der schon mit einem Bein in der Hölle steht ? Bedarf es nur ständiger Drohung und des ständig schlechten Gewissens, um aus ihm eine geheiligte und gereifte Persönlichkeit zu machen ? Ist es wirklich das, was Jesus sagen wollte? Oder beweist diese Interpretation nur einen sicheren Instinkt für die Sexualität als ständig sprudelnde Quelle von Schuldgefühlen, die sich traditionsgemäß vortrefflich nutzen lassen ?

Wer spricht eigentlich von seiner Würde und seinen Rechten, wenn er zeitlebens von seinem Gewissen niedergedrückt wird ? Wenn er vielleicht deshalb sogar seine Heilgewissheit und Glaubensfreude verliert ?

Was ist von Bibellehrern zu halten, die diese seelischen Konsequenzen bei jungen Menschen bedenkenlos in Kauf nehmen, obwohl es auch eine barmherzige Art gibt, die strengen Anweisungen Jesu zu interpretieren ? Sind nicht sie heute diejenigen, die „sich auf den Stuhl gesetzt“ (Mt 23,2) haben und anderen „schwere, unerträgliche Lasten“ auferlegen ? (Mt 23,4) Kann man auf diese Weise wirklich zu einer reinen Herzenseinstellung erziehen oder öffnet man nicht vielmehr der Heuchelei, dem Abgleiten in Werkgerechtigkeit und Pharisäismus Tür und Tor ?

Die scharfe Kritik sexueller Phantasien scheint vielen das geeignetste Mittel zu sein, um entschlossenen „Heiligungswillen“ zu demonstrieren, insbesondere Jugendliche von der unerreichbaren “Heiligkeit” der Gemeindeleiter zu überzeugen, die die Selbstbefriedigung angeblich zufriedenstellend im Griff haben. Die Motive dafür aber sind sehr fragwürdig, wenn man andererseits zögert, vor der viel schädlicheren Unreinheit,  die mit miesen Tricks, mit Duldung von Unrecht und mit Machtmissbrauch in der Gemeinde verbunden ist, zu warnen.

Genau das ist übrigens die Unreinheit, vor der die Bibel ganz besonders warnt. Als der Prophet Jesaja den heiligen Gott in einer Vision sah, rief er erschrocken: „Weh mir, ich bin verloren! denn ich habe unreine Lippen und wohne unter einem Volk mit unreinen Lippen; und als unreiner Mensch habe ich habe den König, den allgewaltigen Gott mit meinen Augen gesehen.“ (Jes 6,5). Seine Zunge war das Organ, das ihm seine Unreinheit und Unwürdigkeit besonders bewusst machte. Auch Jesus bezog den Begriff „Unreinheit“ in erster Linie auf die Zunge. „Er rief das Volk zu sich und sagte: Hört zu und begreift es! Was zum Munde eingeht, das verunreinigt den Menschen nicht; sondern was zum Munde ausgeht, das verunreinigt den Menschen…Was aber zum Munde herausgeht, das kommt aus dem Herzen, und das verunreinigt den Menschen. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken: Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsch Zeugnis, Lästerung. Das alles verunreinigt den Menschen.“ (Mt 15,10+18-20)

Wer Macht missbraucht, braucht dazu miese Tricks – und das sind in erster Linie Zungensünden. Wie selbstverständlich werden sie in vielen Gemeinden verwendet, um Einfluss und Macht zu sichern ! Wo ist denn da das sensible Gewissen geblieben ? Miese Tricks stehen im Widerspruch zu echter Freundschaft und aufrichtiger Liebe. Niemand will selbst so behandelt werden. Sie schaden daher der Gemeinde unmittelbar.

Stehen manipulative Tricks mit der Würde und Berufung des Gläubigen zum König- und Priestertum in Widerspruch oder nicht ?

Kann man jemandem, der manipulative Tricks gegenüber Mitchristen anwendet, wirklich glauben, wenn er beteuert, dass ihm „Reinheit“ oder „Ehrfurcht vor Gott“ ein besonderes Anliegen sei ?

Vielerorts verbindet die Bibel den Begriff „Unreinheit“ mit unfairem, ungerechtem Handeln. „Weil wir nun solche Verheißungen haben, meine Lieben, so wollen wir uns von der Verunreinigung des Leibes und Geistes reinigen und in der Heiligung und Ehrfurcht vor Gott Fortschritte machen. Seht, wie wir es machen: wir haben niemand Leid getan, wir haben niemand verletzt, wir haben niemand übervorteilt.“ (2.Kor 7,1-2). „Wascht und reinigt euch, tut euer böses Wesen von meinen Augen, lasst ab vom Bösen; lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft dem Unterdrückten, schafft dem Waisen Recht, führt der Witwe Sache.“ (Jes 1,16-17) „Jeder von euch wisse, wie er sein Gefäß erwerbe in Heiligung und Ehren, nicht in sexueller Gier wie die Heiden, die von Gott nichts wissen; und dass niemand zu weit greife und übervorteile seinen Bruder im Handel; denn … Gott hat uns nicht berufen zur Unreinigkeit, sondern zur Heiligung.“ (1.Thes 4,4-7)

Wieviele Gemeinden sind nicht bereit, Unrecht zwischen Geschwistern nach Mt 18,16 ff zu schlichten ! Es wird gewöhnlich ignoriert und geduldet, besonders wenn der Beschuldigte wohlhabend und einflussreich ist. Wieviele Vorstände wehren sich dagegen, eine Untersuchung und Anhörung durch unparteiische Älteste zuzulassen, wenn dem Gemeindeleiter böses Handeln vorgeworfen wird ! (Siehe unter „Stichworte“ den Artikel „Korrigierbarkeit von Gemeindeleitern„)

Die Gemeinde wird durch Duldung von Unrecht zwischen Geschwistern auf Dauer stark verunreinigt: ein Gottesdienst ist nach biblischer Ordnung eigentlich nicht mehr zulässig. “Was zertrampelt ihr meine Vorhöfe… ihr kommt zu den Festen zusammen, aber ich verabscheue sie… betet soviel ihr wollt: ich werde nicht zuhören… lernt wieder Gutes zu tun ! Setzt euch ein für eine gerechte Rechtsprechung, helft den Rechtlosen, den Witwen und Waisen gegen ihre Bedränger!” (Jes 1,12 ff)

Es ist eine Tatsache, dass sehr viele angeblich “bibeltreue” Gemeinden nicht das geringste Interesse an einer fairen Aufarbeitung von Unrecht zwischen Geschwistern haben bzw. diese Aufgabe an den wegen konkurrierender Interessen ungeeigneten Pastor delegieren. Kritik an einem erfolgreichen Pastor, der Unrecht tut, ist gewöhnlich tabu. Noch viel skandalöser ist, dass evangelikale Gemeinden bis zum heutigen Tag nicht das geringste Interesse daran haben, einen Haftpflichtfonds für Gläubige einzurichten, deren Seele durch religiösen Missbrauch dauerhaft geschädigt wurde. Dank dieses notorischen Desinteresses ist es weitgehend unbekannt, dass religiöser Missbrauch mindestens ebenso schädlich wie sexueller Missbrauch sein kann. Angesichts der “völligen Aushöhlung des christlichen Rechtsbewusstseins” (Thomas  Schirrmacher), die in evangelikalen Gemeinden weithin üblich geblieben ist, ist ein ernsthaftes Bemühen um „Reinheit” nicht glaubhaft.

Der Eindruck drängt sich immer wieder auf, dass man nicht um der Reinheit oder Ehrfurcht vor Gott willen an einer rigorosen Verdammung des sexuellen Verlangens festhält, sondern weil sie ein erprobtes Instrument ist, um ein reformfreudiges Kirchenvolk, insbesondere Jugendliche in die Defensive zu drängen. Wenn sie Schädliches erkennen und benennen, so sollen sie sich dabei als die eigentlich sittlich Schmutzigen wahrnehmen. Was die Moralprediger im Privaten tun, wie ernsthaft sie tatsächlich sexuelle Askese praktizieren, bleibt unbekannt.

Allen sichtbar und auch leicht zu ändern wäre die Gleichgültigkeit gegenüber Unrecht und die Änderung unfairer Strukturen – nämlich per Abstimmung in der Gemeindeversammlung. Doch es geschieht – wie bereits gesagt – fast nichts.

Der Missbrauch der Sexualität

Natürlich ist auch der Missbrauch der Sexualität Unreinheit. Wenn Paulus als Werke des Fleisches aufzählt „Hurerei (πορνεια), Unreinigkeit (ακαθαρσια), Ausschweifung (ασελγεια)“ (Gal 5,19), so sollten wir uns darum bemühen, den Missbrauch deutlich zu erkennen, auch wenn er in ganz unterschiedlichen Formen auftritt, auch wenn er vielleicht inzwischen in Gesellschaft oder sogar in der Gemeinde akzeptiert ist.

Offenkundiger Missbrauch wird immer zum Nachteil einer Person sein, d.h. die Rechtssphäre berühren. Missbrauch ist schon eine triebhafte Grundeinstellung, die den Menschen antreibt, quasi „auf die Jagd“ zu gehen, um eine ergiebige „Jagdbeute“ einzufangen, Missbrauch ist, einen Partner zu suchen, um seinen Triebstau „legal“ entsorgen zu können, Missbrauch ist das Übertrumpfen eines Konkurrenten durch Herzeigen materieller Vorteile, Missbrauch ist das Ausnutzen der Unerfahrenheit oder Unwissenheit einer Partners, der den Entschluss zu Ehe vermutlich bald bereuen wird, Missbrauch ist das Ausnutzen des Leichtsinns oder der Abenteuerlust eines Menschen (1.Tim 3,6), Missbrauch ist das Anlocken und Begehrlich-machen eines Menschen , um ihn abzuweisen und sich an dessen Enttäuschung zu erfreuen, Missbrauch ist das Versagen ehelicher Hingabe, um materielle Leistungen vom Partner zu erpressen, Missbrauch ist Sexsucht in der Ehe, die den Partner überfordert, Missbrauch ist die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen sowie natürlich auch Seitensprünge („Fremdgehen“) und unverbindlicher Sex („für eine Nacht“). Auch der Bruch des Treueversprechens und der Wechsel zu einem neuen Partner, der mehr materielle Vorteile bietet, gehört zum Missbrauch der Sexualität.

Unehrlicher Perfektionswahn

Tatsache ist: wenn man beginnt, auf miese Tricks in der Gemeinde zu achten, so wird man bald erstaunt feststellen, wie groß die Toleranz für Unreinheit dieser Art in vielen angeblich „bibeltreuen“ Gemeinden ist. Das Wort Jesu vom „Mücken aussieben, aber Kamele verschlucken.“ (Mt 23,24) passt hier sehr gut. Schon aus diesem Grunde wirkt der Versuch, sexuelle Perfektion durch Androhung der Höllenstrafe zu erzwingen, sehr fragwürdig – zumal über die unbedingt notwendige Abgrenzung zur Werkgerechtigkeit kaum oder gar nicht nachgedacht wird.

Muss man blind gegenüber der Tatsache sein, dass vorehelicher Geschlechtsverkehr unter Jugendlichen längst zur „Norm“, zum „Selbsterfahrungsangebot“ geworden ist und auch für die Jugendlichen in der Gemeinde eine große Verführung darstellt? Entsprechend groß ist die Bedeutung, die der Masturbation einschließlich erotischer Phantasien als Entlastungsmöglichkeit zukommt. Masturbation hat eine deutlich vorbeugende Wirkung ! Und Vorbeugung ist die Absicht Jesu hinter den durch die Formel „Ich aber sage euch“ eingeleiteten Verboten des Hassens, des Schwörens und des Ehebrechens (Mt 5, 21 ff)

Das Denken perfektionistisch orientierter Bibelausleger ist von Angst bestimmt. Angst macht blind, blind auch für die kontraproduktive Wirkung ihrer Bibelauslegung. Nur das sterile, perfektionistische Ideal interessiert, das aus dem Buchstaben der Bibel heraus konstruiert wurde und am lebensfördernden Sinn der Bibel (Mt 4,4) vorbeigeht.

Welche Früchte hat denn die exzessive Sexualitätsfeindlichkeit der katholischen Kirche zustande gebracht ? Ist der Klerikerstand dadurch etwa reiner und heiliger geworden ?  Daniel Bühling, der die Ausbildung zum Priester machte, berichtete darüber dass in etlichen Priesterseminaren gut die Hälfte aller Anwärter homosexuelle Neigungen zu erkennen gab. Er wollte mit seinen Vorgesetzten darüber sprechen, aber man wollte davon nichts hören und riet ihm, das Seminar zu verlassen (Daniel Bühring, Das 11. Gebot: Du sollst nicht darüber sprechen. Dunkle Wahrheiten über das Priesterseminar, München, 2014). In Priesterseminar St.Pölten fand die Kripo insgesamt 11 000 Bilder von “unglaublicher Abartigkeit”, darunter angeblich Vergewaltigungsszenen mit Kleinkindern, Sex mit allerlei Getier und immer wieder homoerotische Szenen, die aus dem Internet von Seminaristen heruntergeladen wurden. Der zuständige Bischof bagatellisierte den Vorfall und behinderte immer wieder die Aufklärung des Vorfalls.  (Stern-Artikel vom 19. Juli 2004)

Verantwortungslos muss man auch die übliche Bearbeitung der Fälle von sexuellem Missbrauch nennen. Die Täter werden nicht vom Dienst entlassen, sondern in eine andere Pfarrei versetzt, wo sie wiederum mit Jugendlichen zu tun haben (!). Die Opfer werden nur unter öffentlichem Druck angehört und selten angemessen entschädigt. Die Missachtung des Rechts wird ständig weiter und nahezu reuelos betrieben. Sie verunreinigt die Kirche permanent – und zwar weitaus mehr als wenn ein Jugendlicher ab und zu seinen Triebstau durch Masturbation erleichtert.

Jesus warf den “Schriftgelehrten” vor, dass sie “Kamele verschluckten, aber Mücken aussieben” wollten (Mt 23,24) Nachdem wir die skandalösen “Kamele” betrachtet haben, werden wir kurz noch einmal den Blick auf ein paar theologische “Mücken” werfen. Etliche Gläubige begründen das Masturbationsverbot mit der Pflicht des Christen, „selbstlos“ zu sein. Masturbation sei schon deshalb „Sünde“, weil sie „auf die eigene Person und nicht auf den Partner gerichtet“ sei. Mit anderen Worten, der Gläubige sündigt nur deshalb nicht beim sexuellen Erlebnis, weil sein Motiv allein die Förderung der Lust des Ehepartners sei !

Wie blind, wie realitätsfremd ist diese Argumentation, die auf den ersten Blick so „heilig“ aussieht und immer wieder gedankenlos nachgeplappert wird! Auch der nach biblischen Maßstäben untadelige Geschlechtsverkehr nicht ohne ein deutliches sexuelles Eigeninteresse vollzogen.

Gibt es tatsächlich verheiratete Gläubige, die das Bedürfnis nach sexueller Vereinigung mit ihrem Partner entrüstet als sündige Versuchung von sich weisen, weil sie bei sich ein bisschen „sexuelles Eigeninteresse“ feststellen ? Gibt es tatsächlich Prediger, die vor dieser furchtbaren „Verunreinigung“ in der Ehe warnen ? Warum ist man denn hier so merkwürdig stumm, wenn sexuelles Eigeninteresse „sündig“ ist ? Dieses Eigeninteresse ist folglich nicht nur bei der Masturbation, sondern genauso innerhalb der Ehe erlaubt und neben diesem Eigeninteresse hat auch das Interesse am Partner und die Rücksichtnahme auf ihn Bedeutung.

Lassen wir die Bibel zu Wort kommen. Was sagt Paulus dazu? Dein Begehren, lieber Christ, ist höchst einseitig, und deshalb gefähr­liche, verdammenswerte Sünde? Im Gegenteil, er empfiehlt dem anderen Partner – wo immer es ihm emotional möglich ist – großzügig zu sein und sich nicht zu versagen. Er empfiehlt, dass sich „nicht ein [Partner] dem anderen entziehen“ soll. (in 1Kor 7,5) Das kann ja nur bedeuten, dass eben nicht beide wollen, dass nur einer will. Und das soll nun der „Selbstlose“ sein, der nur die Befriedigung seines Partners im Sinn hat? Das ist doch das genaue Gegenbeispiel! Ob es dem „Schriftgelehrten“ weiterhilft?

Indem „strenggläubige“ Christen immer wieder das Märchen von der Sexualität als selbst­loser Glanzleistung erzählen, machen sie dem Gläubigen auch noch die Freude am erlaubten Geschlechtsverkehr kaputt. Sie kann ja nichts anderes als verwerflicher Egoismus sein.

Auch die bereits zitierte Behauptung, der Gläubige würde mit sexuellen Phantasien einen Menschen „entwürdigen“ und „zum Objekt degradieren“ oder gar ihre „Gottesebenbildlichkeit“ zerstören, hat ein ähnliches Niveau.

Mit ein wenig gesundem Menschenverstand kann man eigentlich erkennen, dass Phantasie und Realität zwei getrennte Sphären sind und die Gesetze, die in der Realität gelten, nur sehr begrenzt für die Phantasie gültig sind.

Der Gläubige kann durchaus in seiner Phantasie eine Torte, die im Schaufenster eines Konditoreigeschäftes zu sehen ist, genussvoll verspeisen, ohne sich hinterher auf dem Polizei­revier wegen Diebstahls anzeigen zu müssen. Und wenn der Gläubige in seiner Phantasie nach Israel reist und sich ohne Pass ins Land begibt, hat er damit gegen gültige Pass­bestimmungen verstoßen? Muss er dann anschließend zum Passamt, um seinen Pass nachstempeln zu lassen? Oder wenn er sich vorstellt, als Kapitän vor der Küste von Kanada zu fischen, obwohl dort zur Zeit ein Fangverbot gilt, hat er damit gegen geltendes Seerecht verstoßen? Auch wenn er sich diese Fische, die er in seiner Phantasie dort gefangen hat, nach Farbe, Form und Geruch sehr realistisch vorstellt, kann er sie leider nicht zurückgeben und muss es auch nicht.

Genausowenig bezieht sich eine sexuelle Phantasie, die um ihrer selbst willen genossen wird, auf eine konkrete “Person”, so wenig wie sich die anderen Phantasien auf einen konkreten Pass oder einen konkreten Fisch beziehen. Die Phantasie erschafft für die begehrte Frau eine fiktive Zwillingsschwester, die ihr bis aufs Haar genau gleicht und stellt sich schöne Szenen vor, die mit dieser nicht existierenden Zwillingsschwester zusammen erlebt werden. Wie kann man dadurch ein “Recht” einer konkreten Person verletzen ? Sicher nicht ! Nicht einmal ein “Copyright” auf die äußere Erscheinung gibt es.

Die Panik, man hätte irgendeine konkrete Person “erniedrigt und misshandelt”. wenn man sich mit einer gedanklichen Kopie romantische Szenen einer Ehe einschließlich des sexuellen Erlebnisses in der Phantasie vorstellt, ist überflüssig und absurd. Auch die Diskussion, ob nur ledige Gläubige solche Phantasien haben dürfen, ist überflüssig. Einer fiktiven „Zwillingsschwester“ kann keine Zeit bzw. jede fiktive Zeit zugeordnet werden, also auch eine Zeit vor der Eheschließung.

Wehret den Anfängen !

Kehren wir zur vernünftigen Absicht Jesu zurück, der Vorbeugung. Der Gläubige darf nicht fahrlässig sein. Er sollte seine sexuelle Phantasie nicht auf einen verheirateten Menschen richten, sondern auch bereits in Gedanken eine Schutzzone respektieren. Sobald die Phantasie von Überlegungen begleitet ist, wie man eine tatsächliche (!) unerlaubte sexuelle Beziehung herstellt, ist die Rechtssphäre berührt. Die Folgen eines Ehebruchs können verheerend sein.

Für alle drei Beispiele, das Beleidigen, das Schwören und der Flirt mit der Frau, die zu jemand anderem gehört, gilt die abschließende Warnung Jesu: Fahrlässigkeit ist so gefährlich, dass mancher im Blick auf die Folgen sagen wird: hätte ich mir doch besser rechtzeitig mein Auge, die Hand herausgerissen !

Sehen wir einmal genau hin ! Im ersten Beispiel warnt Jesus vor dem beleidigenden Wort. Man nennt den anderen „Idiot“ (Mt 5,22), weil er sich nicht den eigenen Vorstellungen gemäß verhalten hat. Man ist enttäuscht und kritisiert nicht das Verhalten, sodass der andere als Mensch, als Bruder im Blick bleibt. Stattdessen wird er als minderwertig „eingestuft“. Man sieht in ihm letztlich nur ein störendes „Objekt“, das zur Seite treten soll. Der Beschimpfte ist verletzt und wehrt sich. Das wiederum verletzt den Beleidiger, der sich im Recht fühlt und seine Überlegenheit mit schärferen, noch beleidigenderen Worten behaupten muss. So eskaliert die Situation. Am Ende sieht man im Bruder den Gottlosen, man wünscht ihm die Hölle. Manchmal ist auf diese Weise tatsächlich eine lebenslange, unheilbare Feindschaft entstanden, in der jeder versucht, dem anderen nach Kräften zu schaden: die Hölle auf Erden. Wie heilsam ist da der Rat Jesu: schimpfe nicht fahrlässig! Ja, sei noch wachsamer und hüte dich schon vor dem Zorn über den Bruder, der sich in dir regt und die Herrschaft ergreifen will. Er hätte auch sagen können: beiße dir auf die Zunge! Oder schärfer noch: hättest du dir doch rechtzeitig die Zunge herausgerissen! Jakobus nennt die Zunge das Organ, das „vom Feuer der Hölle entzündet ist“. (Jak 3,6)

Dennoch ist Zorn nicht immer etwas Böses. Jesus wurde zornig (Mk 3,5 / Joh 3,14 ff). Auch der Apostel Paulus konnte zornig werden (Apg 17,16). In der Offenbarung bitten die Märtyrer Gott, das Unrecht, das ihnen angetan wurde zu rächen, und Gott kritisiert diesen Wunsch nicht als lieblos oder gehässig, sondern erfüllt ihn. (Offb 6,10) Jesus griff die Pharisäer an und identifizierte sie als „Heuchler“ (Mt 23,14), „Narren“ (V.19), „getünchte Gräber“ (V.27) und „blinde Blindenführer“. (Mt 15,14), um vor ihnen zu warnen. Der Apostel Paulus redete den Zauberer Elymas, der die Bekehrung des Statthalters zu verhindern versuchte, als “Kind des Teufels“ an (Apg 13,10) Paulus identifizierte die Prediger der Werkgerechtigkeit als „Hunde“ und „bösartige Mitarbeiter“ (Phil 3,2), vor denen sich die Gemeinde zu hüten habe.

Wir sehen daran, dass das perfektionistische Ideal der totalen Reinheit von Zorn und negativen Gefühlsaufwallungen bei Jesus gar keine Rolle spielt. Die Schärfe der Formulierung macht nur deutlich, wie überaus wichtig Jesus die Vorbeugung ist. Wer das nicht einsehen kann, dem müssen wir das Wort Jesu entgegenhalten: „Andererseits steht auch geschrieben…“ (Mt 4,4)

Im zweiten Beispiel, in dem Jesus vor dem leichtfertigen Schwören warnt, geht es immer noch um den Missbrauch der Zunge. Auch hier stellen wir durch Vergleich mit anderen Bibelstellen fest, dass ein perfektionistisches Ideal, nämlich der gänzliche Verzicht auf das Schwören, gar keine Rolle spielt. Andernorts hat Paulus sich mit einer Eidesformel auf Gott berufen, wenn ihm die Sache wichtig genug erschien: „Gott ist mein Zeuge!“ (Rö 1,9 / 2.Kor 1,23 / Phil 1,8 / 1.Thes 2,5)

Nun wird von gläubigen Christen kaum oder gar nicht mehr geschworen, sodass man auf die Idee kommen könnte, dass sich diese Warnung nur auf eine uralte Unart der Pharisäer bezieht, die heute keine Bedeutung mehr hat. Ein folgenschweres Missverständnis ! Schwören ist ja nichts anderes als der leichtfertige Gebrauch des Namens Gottes, für den schon das Zehngebot besondere Bestrafung androhte (2.Mo 20,7). Wie sehr hatten die Apostel doch gegen schlechte Hirten zu kämpfen, die die Gemeinde ausnutzten (2.Kor 11,20), sich als über den anderen stehend ansahen (10,12) oder gar “ein anderes Evangelium” verkündigten, das besser mit der damals gültigen mosaischen Tradition harmonierte. (11,4) ! „Die Gemeinde Jesu geht nicht an der Anfeindung von außen, sondern an der Fülle der unberufenen Prediger zugrunde“. Ein wahres Wort! Was ist das für eine Verantwortung, wenn jemand mit seiner Predigt Gläubige zu einem kraftlosen und fruchtlosen Glauben verleitet (Tit 1,16 / Offb 3,16)., wenn er den schmalen Weg breit macht, um möglichst viele „Bekehrte“ vorzeigen zu können. Jesus warnt im Zusammenhang mit dem Missbrauch des göttlichen Namens nicht vor der Hölle, denn Prediger sind ohnehin einem “strengerem Urteil” unterworfen. (Jak 3,1). Wenn vor der Hölle schon anlässlich der Beschimpfung gewarnt wird, dann wird sie auch bei missbräuchlicher Predigt eine Rolle spielen. Von den Pharisäern und Schriftgelehrten sagt Jesus, dass sie die Menschen, die sie bekehren, „zu Anwärtern auf die Hölle machen“ (Mt 23,15)

Andererseits wird der Gläubige ermutigt, Gott zu bezeugen, und Menschen auf den Glauben hinzuweisen. „Die vielen Menschen den Weg zur Gerechtigkeit gezeigt haben, werden leuchten wie die Sterne für immer und ewig“ (Dan 12,3) Es ist wunderbar, im Himmel Menschen zu treffen, die mit Hilfe des eigenen Dienstes dorthin gekommen sind. (Hebr 2,13) Wie freute sich die Apostel über jeden, dem sie den Weg zu Jesus zu zeigen konnte. Über all diese Menschen freuten sie sich, wie sich ein Vater über seine Kinder freut (1.Kor 4,14 / 2.Joh 1,1 / 3.Joh 1,4).

Da es zu den beiden vorangegangenen Maßnahmen trotz der schroffen und absolut klingenden Formulierung Ausnahmen gibt, so ist nicht einzusehen, dass nun bei dem dritten Verbot, nach der Frau des Nächsten zu streben, ein perfektionistisches Ideal hineingelesen werden muss bzw. keine Ausnahmen geben kann. Jesus selbst nennt im Zusammenhang mit dem Scheidungsverbot eine Ausnahme, die für eine vorbeugend wirkende “Gemeindezucht” große Bedeutung hat. Auch bei dem Thema “Ehebruch” geht es wieder um Vorbeugung.

Natürlich ist es denkbar, dass eine Phantasie ohne weitere Vorbereitung direkt in die Tat der Vergewaltigung umschlägt. Auch das gibt es. Doch dieser Spezialfall bleibt in diesem Text ganz außer Betracht. Hier geht es um das „Erwerben“, das vielleicht sogar den Schein der Ehrbarkeit haben kann. Dazu ist sind viele kleine Schritte zu gehen. Immer wieder ist eine neue Entscheidung zu fällen, damit der Wunsch Realität werden kann. Man überlegt sich und versucht es herauszubekommen: was sind die Interessen der Frau? Findet sie ihren Mann noch attraktiv? Hat er irgendeine Verhaltensweise, die sie erheblich stört ? Wie kann man sich als attraktive Konkurrenz präsentieren ? Wie kann man mit ihr in Kontakt kommen, ihre Aufmerksamkeit erwecken? Welche Möglichkeiten gibt es, häufig in ihrer Nähe zu erscheinen ? Wie kann man sich am besten mit dem Mann anfreunden, um in die Position eines „Hausfreundes“ zu gelangen ? So geht es weiter und weiter. Die Phantasie ist längst zur Obsession geworden.

Was kann am Ende stehen? Vielleicht die Zerstörung der Ehe, vielleicht sittliche Verwilderung der Kinder, vielleicht unheilbare Depression, vielleicht Selbstmord, vielleicht die lebenslange Schande, mit seiner Geilheit einen Menschen ruiniert zu haben, vielleicht ein für immer verkrüppeltes Glaubensleben und Liebesunfähigkeit. So mancher wird Jesus im nachhinein zustimmen: der Verlust eines Auges wäre besser für mich gewesen als diese Hölle.

Davor will Jesus seine Jünger bewahren ! Genauso, wie Er sie vor perfektionistischer Selbstzerfleischung, vor Pharisäismus und Werkgerechtigkeit bewahren möchte! Dieses Verhalten bringt überhaupt keine geistlichen Früchte zustande. Es schadet der eigenen Seele – das ist alles.

Werkgerechtigkeit ist Sünde !

Genau so schlimm wie die ständige Erpressung durch das schlechte Gewissen ist die positive Version der Werkgerechtigkeit. Man hätte dank seiner Selbstbeherrschung Grund, “sich zu rühmen” (Eph 2,9) und würde sich über andere stellen, die weniger erfolgreich sind. “Lieber Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie…” (Lk 18,11). Gerade damit würde man sich besonders schwer versündigen und den Wahn vom eigenen Beitrag zu Erlösung fördern. Alles, was nicht aus der Liebe kommt, ist Sünde. (1.Kor 13,1 ff)

Damit nicht der Teufelskreis der Werkgerechtigkeit in Gang gesetzt wird, müssen wir zwischen wirklicher Sünde und dem, was unvollkommen und unter Gottes Geduld ist, unterscheiden. Wer ständig mit dem Gewissen wegen Kleinigkeiten kollidiert, hat nicht den Freiraum, um sich von falschen Motiven zu distanzieren.

Fasten um des Reiches Gottes willen ist gut und mit besonderen Erfolgen gesegnet (Mt 17,21). Dennoch kann man Fasten nicht erzwingen. Auch dass der Gläubige alles verschenkt, was er hat, lässt sich nicht erzwingen, obwohl es natürlich gut wäre, möglichst vielen Menschen zu helfen. Er darf in der Freiheit Gottes sich frei entscheiden und ohne Furcht unter Gottes Geduld leben. Dasselbe gilt für sexuelle Phantasien. Würde man eine sexuelle Phantasie, die um ihrer selbst willen genossen wird und nicht die Rechtssphäre berührt, als Sünde werten, so wäre damit bei vielen Gläubigen an Reinheit nichts gewonnen. Stattdessen würde wieder und wieder Werkgerechtigkeit die Seele verschmutzen und vergiften. Wenn wir zur Werkgerechtigkeit nur dann eine klare Abgrenzung ziehen können, wenn wir solche Phantasien als bloße Unvollkommenheiten unter Gottes Geduld bewerten, so müssen wir dies tun.

Denn wir müssen “in der Freiheit, zu der Christus seine Jünger befreit hat, bestehen. Wir dürfen uns nicht wieder unter das knechtische Joch begeben” (Gal 5,1). Ob das Joch “knechtisch” genannt werden muss, das können wir an den Früchten erkennen – an der Wirkung auf die Seele, auf den Charakter und das geistliche Leben.

Werkgerechtigkeit ist heilsgefährliche Unreinheit. Das ist unumstößliche Tatsache, obwohl sie stets unter der Maske bewunderswerter “Heiligkeit” auftritt. Alles, was aus diesem Motiv getan wird, ist destruktiv. Es sind „tote Werke“, über die Gottes Wort sagt: „Wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst ohne allen Fehl durch den ewigen Geist Gott geopfert hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott!“ (Hebr 9,14)

Charakterfestigkeit ist eine wunderbare Eigenschaft” (Hebr 13,9 a). Doch wie kommt sie zustande ? Durch Einschüchterung, Angst vor Strafe, verbissene Willenskraft, durch genügend schlechtes Gewissen ? Nein. “Das geschieht nur durch GNADE“. (Hebr 13,9 b)

Der lebensfördernde Sinn des Reinheitsgebotes

Aus all diesem kann man auch einen Umkehrschluss ziehen und damit sogar dem übertriebenen Gelübde des Hiob einen übergeordneten und lebensfördernden Sinn (Mt 4,4) verleihen: gerade weil der Entschluss “nicht begehrlich auf eine junge Frau zu blicken“(Hiob 31,2-4) so sinnlos und der menschlichen Natur so zuwider ist, gerade weil er eine solche unverständliche Zumutung ist, ist er trotzdem eine Gelegenheit, Gott Vertrauen zu beweisen.

Paulus redet davon, dass er “seinen Leib betäubt und zähmt, um nicht den anderen zu predigen, und selbst zu versagen.” (1.Kor 9,27). Zweifellos ist freiwillige (!) sexuelle Enthaltsamkeit ein äußerst hilfreiches Mittel (“geistliche Übungen“), um sich aus der Verstrickung durch das Materielle zu lösen. “Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist.” (Kol 3,2) Sie wird auch besonders belohnt, denn sie ist ja ein Vertrauensbeweis. Im Alten Testament gibt es dazu eine Parallele. Gott lobt das Verhalten der Rechabiter, die allein deshalb auf Weingenuss verzichten, weil es ihr Stammvater geboten hat und Er belohnt ihre Treue. (Jer 35)

Freiwillige sexuelle Enthaltsamkeit ist zudem ein Schutz vor der Gefahr der Sexsucht, die der charakterlichen Entwicklung schadet. “Alles steht mir frei, aber nicht alles ist förderlich. Alles ist mir erlaubt, aber ich darf mich von nichts beherrschen lassen.” (1.Kor 6,12 NeÜ) Jesus will, dass seine Jünger freie Persönlichkeiten werden. Ihre Seele soll stark und gesund und fähig zur Selbstdiziplin sein.

Das freiwillige Zurückdrängen sexueller Bedürfnisse wirkt sich zweifellos sehr positiv auf das geistliche Wachstum aus – ebenso wie jede andere Einschränkung, die man aus Liebe zu Jesus, seinem Meister, auf sich nimmt. Das ist eine unumstößliche Tatsache: Je mehr man in den Glauben investiert, desto kostbarer wird er.

Das Kennzeichen starker Liebe ist freudige Hingabe. Dieses Ziel sollte kein Christ verpassen! Denn die Alternative ist ein verkümmernder und kranker Glaube. Gesunder Glaube lässt sich von der Frage leiten: “Womit kann ich meinem Herrn und Retter am meisten Freude machen ?” Wie freut es Jesus, wenn seine Kinder erkennen, dass das unsichtbare Reich Gottes viel mehr Aufmerksamkeit und Interesse verdient als alle materiellen Güter ! Ihm Freude machen wollen, kann aber nur der, dem der Glaube selbst Freude macht. Ein gequältes und überfordertes Gewissen kann diese Frage nicht stellen.

Dieses Ziel wird auch durch eine Gemeindeleitung untergraben, die ihre Macht missbraucht, sich an der Unmündigkeit und Abhängigkeit der Gläubigen nicht stört und ihnen die Rechte selbstherrlich verkürzt, die sie gemäß der Bibel haben sollen.

Damit sind wir am Ende unserer Untersuchung angelangt, die sich mit der Behauptung befasste, dass „sexuelle Sünden am meisten verunreinigen“. Es war unser Ziel, bei der Untersuchung die Qualitätsstandards Jesu (Mt 23,23) angemessen zu respektieren. Wir haben uns deshalb nach bestem Wissen und Gewissen bemüht, die Notsituation ehrlich und ohne Beschönigung zu beschreiben, dabei immer barmherzig und mitfühlend zu urteilen und das Recht des Schwächeren zu schützen sowie Rechtsansprüche und Rechtsgüter fair gegeneinander abzuwägen.

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Artikel aktualisiert am 25.04.2018

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