Fromme Schutzgeld-Erpressung

Welche dreiste Bemühungen es doch gibt, ahnungslosen Lesern mit massiven Drohungen das Geld  aus der Tasche zu ziehen! Ich bin da auf eine grauenvolle Webseite gestoßen: www.jesus-im-klartext.com (vormals www.jesus-im-klartext.keepfree.de) Wahrlich, eine äußerst perverse und dreiste Schutzgelderpressung.  “Wie komme ich garantiert in den Himmel ?” fragt ein gewisser Jürgen Meusel und macht deutlich, dass man wohl am besten und leichtesten der ewiger Folter in der Hölle entgeht, wenn der Leser ihm 10% seines Einkommens überweist. Der Stil der Seite lässt an einen Versicherungsvertreter denken, der ohne Punkt und Komma auf den Kunden einquasselt, genauer noch: ihm seine Verkaufsargumente  durch ständige Wiederholung einhämmert, um ihn ohne viel eigenes Nachdenken zur Unterschrift zu bewegen.

Die bedenklichen Passagen fallen in den äußerst langen Texten, die eine Bibelstelle an die andere reihen, nicht unbedingt sofort auf.  Auf sie möchte ich hier einmal hinweisen.

Als “schwerstes Gebot” wird dem Leser das Geben “des Zehnten” (10% des Einkommens) vorgestellt. Doch der Leser ist wirklich erstaunt, zu erfahren, dass “der Zehnte” gar nicht den hungernden Menschen zugute kommen darf, auf deren Leid so eindringlich hingewiesen wird, sondern dem Verfasser selbst und seiner Webseite. Zitat: “1.  Bedenke, dass du mit einer Spende von den ersten zehn Prozent deines Einkommens nichts für die Bedürftigen tust, denn dieses Geld gehört Gott. Es ist Geld, das für die Verbreitung seines Wortes (gemäß Jesu Missionsbefehl) eingesetzt werden soll.”  Vorher lesen wir: “du kannst durch das Spenden des Zehnten für meine Homepage den Missionsbefehl, den Jesus auch dir gab, an mich übertragen.” Weiter heißt es: “Wenn du Gutes tun möchtest (was Jesus sowieso letztendlich von dir erwartet), dann nutze dafür das Geld, das Gott dir belässt – nämlich die dir verbleibenden 90 Prozent deines Einkommens. Nutze einen Teil dieses Geldes, um den Bedürftigen zu helfen.”

Hierbei bleibt aber völlig unklar, wieviel von den verbleibenden 90% gegeben werden muss, damit sich der Gläubige nicht an den Hungernden versündigt. Würde er sich an den Hungernden versündigen, und nicht alles Geld geben, was er geben könnte, so wäre er schuld an ihrem Hungertod, wäre ein Mörder und käme folglich trotz seiner 10% Abgabe in die ewige Folter der Hölle. Oder ist das unlogisch? So bleibt unklar, wieviel von den restlichen 90% den Hungernden gegeben werden muss. Reichen 60% oder 30%? Wo beginnt der Ungehorsam, die absichtliche Sünde, die “mutwillige” Sünde, die unfehlbar mit der ewigen Verdammnis bestraft wird? „Denn wenn wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, haben wir hinfort (zukünftig) kein andres Opfer mehr für die Sünden (Jesus Opfertod am Kreuz gilt dann nicht mehr), sondern nichts als ein schreckliches Warten auf das (Jüngste) Gericht (in dem Jesus Christus ein gerechter – aber knallharter Richter sein wird) und das gierige Feuer (in der Hölle) …“ (Hebräer 10/26-27) Wer vorsätzlich die eine oder andere Anweisung des Herrn ablehnt (also nicht bereit ist, sie zu erfüllen), kann nicht mit der Gnade des Herrn rechnen.” Originalton Jürgen Meusel.

Wenn weiterhin unklar ist, wieviel von den restlichen 90% den Hungernden abgegeben werden muss, wie will Herr Jürgen Meusel dann verbindlich mitteilen, unter welchen Bedingungen der Leser “garantiert in den Himmel kommt“, wie er vollmundig verheißt? Wie soll es nach seiner Logik überhaupt Gewissheit geben? Bemerkt er gar nicht, wie dumm und kurzsichtig seine Argumentation ist?

Die Überlegung “zu schwer” lässt Herr Meusel nicht gelten, Zitat: “Es gibt Menschen (leider sind es sehr, sehr viele), die Gottes Gesetze “sortieren” in: leicht zu erfüllende – und schwer zu erfüllende. Sobald ein Gesetz persönliche Opfer (Zeit oder Geld) abverlangt, dann lassen sie dieses Gesetz einfach heimlich still und leise “unter den Tisch fallen”. Mit diesem “Sortieren” wollen die Menschen den persönlichen Nachteilen ausweichen. Aber das erlaubt der Herr nicht. Jedes Gesetz Gottes ist zu erfüllen ! 

Eine frühere Formulierung war noch weitaus lächerlicher. Meusel schrieb: : Wer es unterlässt, einen dieser Aufträge von Jesus Christus in die Tat umzusetzen, derjenige (oder diejenige) wird in den Augen des Herrn zum Sünder ! Und das Schlimmste daran: Es ist eine vorsätzliche (mutwillige) Sünde ! Unabhängig davon, ob Satan die Menschen durch Geiz, Trägheit, Gleichgültigkeit oder Egoismus dazu bringt, die Aufträge des Herrn zu verweigern – es ist eine unentschuldbare Sünde. Einmal würde Jesus Christus dies verzeihen – aber danach wäre es ein mutwilliges Sündigen. Und dafür gibt es keine Sündenvergebung !” Und dann kommt zur Bekräftigung wieder der ultimative Holzhammer Hebräer 10/26-27: „Denn wenn wir mutwillig sündigen, haben wir hinfort (zukünftig) kein andres Opfer mehr für die Sünden...”

Wie schädlich der Einfluss des Autors auf Kinder und unreife Gläubige ist, die diesen erbarmungslosen Drohungen hilflos ausgesetzt sind, liegt auf der Hand. Erwachsene – sofern sie nicht ganz naiv sind – bemerken natürlich den Unsinn. Wenn bewusste Sünden nicht vergeben werden, oder nur beim erstmaligen Bewusstwerden und Vernachlässigen und nicht mehr beim zweiten Mal,  hätte dann überhaupt ein Mensch eine Chance, in den Himmel zu kommen ? Hier haben wir, wie es scheint,  eine Parallele zu einer einflussreichen, aber völlig verblödeten frühchristlichen Gruppe, die allen Ernstes glaubte, dass dem Gläubigen nur die Sünden vor der Taufe vergeben werden konnten, und Sünden nach der Taufe die Höllenstrafe zur Folge hätten. Welch überaus tröstliche Botschaft.

Es erscheint lächerlich, glauben zu müssen, dass ein Mensch für ein so scheinheiliges und grenzenlos brutales “Liebesangebot” auch noch dankbar sein soll. Hier werden Leser mit dem Buchstaben des Gesetzes erbarmungslos niedergeknüppelt. Zugegeben sollen auf diese Weise nur Gebote des neuen Testaments vermittelt werden, nicht des alten.  (Wie überaus “tröstlich”!) Jesus als scheinheiliger Prügelpädagoge – ein haarsträubendes Zerrbild.

Ist das etwa keine Sünde, Jesus in dieser würdelosen Weise bekanntzumachen ? Was werden die Leser wohl jetzt von Jesus denken ? Man kann nur hoffen, dass sie in der Bibel selbst noch einmal nachlesen und den Unterschied feststellen !

Fällt dem Autor eigentlich nicht auf, dass er es genau so macht wie ehedem die Feinde Jesu, die Schriftgelehrten: ihnen war das Gesetz viel wichtiger als der Mensch.  Jesus aber war der Mensch wichtiger als das Gesetz: “Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbat willen” (Mk 2,27) Genau wie die Schriftgelehrten ist der Autor der Ansicht, dass er berufen ist, vom hohen Sockel herunter andere Menschen einzuschüchtern und mit Moral zu ohrfeigen.

Doch warum ? Weil er sich irgendwann entschlossen hat, den Zehnten von seinem Einkommen zu geben? Das angeblich “schwerste” Gebot. Welch alberner Wahn! Auch die pharisäischen Schriftgelehrten damals gaben den Zehnten. (Luk 18,10 ff) Oder nicht? Trotzdem waren sie keine Nachfolger Jesu, denn die Maßstäbe, die Jesus für die wichtigsten hielt, “Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Verlässlichkeit“, waren für sie nebensächlich. (Mt 23,23)

Der Buchstabe des neutestamentlichen Gesetzes verlangt weit mehr als den Zehnten zu geben. Das Gesetz verlangt Unmögliches: Vollkommenheit! (Mt 5,48). Das Gesetz verlangt soviel, dass kein Mensch mehr mit seiner moralischen Leistung prahlen kann. (Rö 3,23 ff)

Der Gott, der das Universum geschaffen hat, hat jeden Menschen lieb, sagt die Bibel. Das ist eigentlich unvorstellbar – zumal soviele Menschen leiden und an einen barmherzigen Gott nicht glauben können. Deswegen gebraucht die Bibel ein ganz konkretes Bild, mit dem die Liebe Gottes verglichen wird: mit der Liebe zwischen Mann und Frau. (Eph 5,25 ff) Darunter kann sich fast jeder Mensch konkret etwas vorstellen.

Glaubt der Autor im Ernst, mit dieser Art zu reden, irgendeine Frau zu einer ehelichen Beziehung bewegen zu können ? Jede gesunde Frau würde doch entsetzt davonlaufen angesichts dieser verfaulten Version von “Liebe”. Könnte man ihr das übelnehmen ?

Was der Autor offenbar nicht verstehen kann und will: das schlechte Gewissen ist eben nicht der Motor des Christenlebens und darf es auch nicht sein. Wenn der Gläubige spendet und opfert, dann tut er es aus einem viel besseren Motiv (Details). Nicht das Geben steht bei Jesus im Mittelpunkt, sondern der durch Liebe motivierte Mensch, der vom Herzen gerne und mit Freude gibt.

Geben aus schlechtem Gewissen, aus Angst vor der Hölle steht unter einem Fluch wie alle Werkgerechtigkeit. Das ist giftige Theologie, das falsche Evangelium, das mit freundlicher Maske einlädt, aber in der Wurzel pervers ist.

Liebe Leser, auch der Satan zitiert gerne die Bibel. Jesus antwortete ihm “Andererseits steht auch geschrieben….” (Mt 4,4) Dass Herr Meusel mit seiner theologischen Theorie nicht bei Trost ist, lässt sich durch einen einzigen Satz beweisen:

Wenn ich all meine Habe den Armen gäbe, ja selbst wenn ich mich für die Wahrheit verbrennen ließe, und würde es nicht aus Liebe tun, dann… WÜRDE ES MIR NICHTS NÜTZEN!” (1.Kor 13,3)

Wieviel hat man also davon, wenn man frommen Erpressern Geld spendet, weil man fürchtet, sonst in die Hölle zu kommen? NICHTS! Wieviel hat man davon, wenn man aus Angst Herrn Meusel spendet? NICHTS!

“Jesus im Klartext” ist also nicht der “Internetmissionar”, als der er sich sieht, ein Verkünder der frohen Botschaft, sondern ein blinder Blindenleiter, frommer Geschäftemacher und skrupelloser Erpresser. Dass Menschen durch den “tötenden Buchstaben” (2.Kor 3,16) dauerhaft psychisch geschädigt werden können, ist ihm wurscht. Wer soll ihm dann glauben, dass ihm das Wohl irgendwelcher Menschen am Herzen liegt? Wer soll ihm überhaupt glauben, dass er sich über eigenes Fehlverhalten ein ernsthaftes Gewissen macht? Woher sollen wir wissen, dass er nicht große Teile des gespendeten Geldes für sich selbst verbraucht, z.B. für “Missionsreisen” nach Mallorca und auf die Malediven? Es gibt dafür keinen Beweis als seine Beteuerungen. Wer ihm glaubt und Geld anlegt fürs Seelenheil, ist dumm genug gewesen. 

Man kann diese Webseite allenfalls als brauchbare Illustration dafür empfehlen, wie scheußlich, wie abstoßend, wie erbarmungslos kalt und leblos der Glaube wird, wenn man nur den Buchstaben verehrt, der “tötet” und Gottes gutem Geist, dem heiligen “Geist, der lebendig macht” (2.Kor 3,17), der Menschen “fröhlich geben lässt” (2Kor 9,7 ) keinen nennenswerten Einfluss einräumt.

Ein jeder gebe, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.” Gott legt nur wert auf Gaben, die von Herzen kommen. Erpresste Gaben sind ihm ein Greuel. Deswegen droht die Bibel jemandem, der nur wenig gibt, weil seine Liebe noch kümmerlich ist, nicht mit der Hölle. Das ist eine ganz unverschämte Lüge. “Wer wenig sät, wird wenig ernten” (2.Kor 9,6). Es gibt entsprechend wenig Belohnung im Himmel, das ist alles – und das ist fair.

Wer an den Herrn Jürgen Meusel von “klartext” (der die Nähe seines Wohnorts zur  Lutherstadt Wittenberg betont – was soll der Blödsinn – soll dass ein Beleg für Seriosität sein? Oder sieht er sich gar als zweiter Luther?) Geld schickt und dafür eine Spendenbescheinigung erhält, hat damit einen modernen Ablasszettel erworben, den er nach dem Tod am Himmelstor vorzeigen kann. Oder einfach nur eine Bescheinigung, dass er dumm genug war, auf einen der geldgierigen Abkassierer hereinzufallen, wie sie sich im Netz zu Dutzenden herumtreiben. Er kann sich die Spendenbescheinigung über seinem Bett aufhängen als Mahnung, wie  dumm es von ihm war, zu glauben, man könne sich  Gottes Barmherzigkeit kaufen. Auch dann ist das Geld gut angelegt.

Falls Kinder und Jugendliche dieser Art zu lehren ausgesetzt sind, so kann man nur beten: “Gott, der Barmherzige, möge ihren armen Seelen gnädig sein und sie baldmöglichst vom Einfluss solcher unbelehrbaren Seelenfleischer erretten!” Man kann nur hoffen, dass der Einfluss des Autors nicht so groß ist, wie die Besucherzahlen ausweisen.

Möge Gott ihm die Erleuchtung schenken, dass das Gesetz in der Bibel dazu da ist, uns zu helfen, dass wir bescheiden von uns und unserer moralischen Leistung denken und dass wir uns jeden Tag neu Gottes Gnade anvertrauen müssen, der allein uns ein neues Herz, eine neue Gesinnung schenken kann.