Echte Ehrfurcht?


Die Furcht Gottes ist der Weisheit Anfang” (Spr 1,7) Die Bibel ruft den Menschen auf, sich um Gottesfurcht zu bemühen und verheißt Segen dafür. (Spr 3,1 ff) Doch was ist damit gemeint?

Es bereitet keine Schwierigkeit, auf einer kirchlichen Freizeitfahrt Kindern religiöse Angst einzujagen. Man braucht ihnen bloss die Grausamkeiten der ewigen Qual und Einsamkeit in der Hölle anschaulich auszumalen und ihnen mitzuteilen, dass eine “Entscheidung für Jesus” sie vor diesem Schicksal bewahren wird, um anschließend viele “Bekehrungen” zu ernten. Die Frage ist nur: Ist das tatsächlich die Gottesfurcht, für die ein besonderer Segen verheißen ist?

Religiöse Angst gibt es in vielfältiger Form in der Welt. Immer ist es eine nicht sichtbare Persönlichkeit mit unbegrenzter Macht, die ständig präsent ist, alles sieht und die Verletzung bestimmter Regeln in grausamer und oft unvorhersehbarer Weise bestraft. Religiöse Angst kann so schrecklich sein, dass Menschen bereits sind, selbst schauerliche Grausamkeiten zu begehen, um sie für sich selbst zu mildern. Man denke an die Moorleichen, d.h. gesunde Menschen im besten Lebensalter, die rituell geschlachtet und zu Ehren der Gottheit ins Moor geworfen wurden. Oder an Kulturen wie die Einwohner Kanaans, in denen es üblich war, Kinder zur Besänftigung der Gottheit lebendig zu verbrennen. (Deu 12,31 / s.a. 2.Kö 3,27) Es ist nachvollziehbar, dass Menschengruppen, die sehr harte Lebensbedingungen haben, die häufig kriegerisch bedroht sind oder infolge ungünstiger Wetterbedingungen stets am Rande des Hungertodes leben müssen, eher als andere zu solchen Opfern der Verzweiflung neigen, um ihre Gottheit zur Hilfe zu bewegen.

Auch der Gott der Bibel ist eine Person, die alles sieht, überall präsent ist, eine Person die Regeln aufstellt (auch Regeln, die nicht nicht unbedingt einleuchten) und auf die Verletzung dieser Regeln mit Grausamkeit reagieren kann. Gerade das Alte Testament scheint diesen Eindruck zu vermitteln mit seiner Vielzahl von Reinheitstabus, deren Übertretung gegebenenfalls mit dem Tod bestraft werden konnte. (Ex 30,20 / Lev 7,21)

Die pharisäischen Schriftgelehrten waren auf Reinheitstabus fixiert und bauten das System weiter aus. Indem sie selbst stets mit großer Aufregung auf die Verletzung von Tabus reagierten (Mt 15,2), sorgten sie dafür, dass der Gläubige ständig der Angst vor Verunreinigung, und das hieß vor dem Mißfallen oder Unsegen Gottes ausgesetzt war. Noch die Jesusjünger der dritten Generation hatten große Mühe, diese Befürchtungen wieder loszuwerden: “Du sollst das nicht anfassen, du sollst das nicht kosten, du sollst das nicht anrühren” (Kol 2,21)

Die sorgfältige, unablässige Beachtung der Reinheitstabus erzeugte den Eindruck, dass es die pharisäischen Schriftgelehrten mit der Ehrfurcht vor Gott, mit konsequenten Befolgung seiner Gebote besonders ernst meinten. Die Mehrzahl der jüdischen Mitbürger war dieser Ansicht. Infolgedessen standen die Schriftgelehrten bei ihnen in hohem Ansehen. (Mt 23,6-7) Was sie über Gott sagten, war für den Rest der Gläubigen verbindlich. Somit kassierten sie einen guten Teil der Ehrfurcht, die für Gott bekundet wurde, für sich selber ein.

Jesus nannte sie dennoch “blinde Blindenleiter” (Mt 15,14), die aus Menschen, die sich zu ihren Ansichten bekehrten, “Kinder der Hölle machten, zweimal so schlimm wie sie selbst.” (Mt 23,15)

Trotz sorgfältiger Beachtung der Tabus bescheinigt ihnen Jesus Destruktivität und Gottlosigkeit. Denn es war eine falsche Ehrfurcht, die die Schriftgelehrten vermittelten, eine blinde, gedankenlose Furcht, die wenig Raum für Vertrauen ließ.

Die pharisäischen Schriftgelehrten mehrten religiöse Angst und legten dem Volk schwere Lasten auf. (Mt 23,4) – alles zur höheren Ehre Gottes. Aber sie zerstörten zugleich das Vertrauen. Und das ist das eigentliche “Ziel der biblischen Unterweisung: Liebe aus reinem Herzen und aus gutem Gewissen und aus ungeheucheltem Glauben.” (1.Tim 1,5)

Gott hatte im alten Bund eine gewisse Vorbereitungszeit eingeplant, in der auch blinde religiöse Angst eine Rolle spielt. Er holte die Menschen bei ihren Vorstellungen ab, hat sogar – zum Schein – ein einziges Mal von einem Menschen verlangt, seinen Sohn zu opfern. (1.Mo 22,2) Doch all das geschah nur, um im Kontrast dazu die Natur einer wirklichen Vertrauensbeziehung zu Gott darstellen zu können.

In einer Vertrauensbeziehung regiert die gegenseitige Liebe und die verträgt sich mit religiöser Angst überhaupt nicht (1.Joh 4,18) Ebensowenig wie die Freude, die dem Gläubigen geschenkt werden soll, und die nach dem Willen Gottes “vollkommen” werden soll. (Joh 16,24)

Auf dieser Basis – Liebe, Freude, Vertrauen – entsteht herzliche Gemeinschaft der Gläubigen, in der diejenigen, denen es gut geht, “den Kleinsten und Geringsten besonders ehren“. (1.Kor 12,22-25)

Das alles lag den pharisäischen Schriftgelehrten vollkommen fern. Sie hielten vornehm Distanz zum gewöhnlichen Volk. Bemerkenswert ist  ihr auffälliger Mangel an Empathie und Mitgefühl. Sie ärgerten sich, wenn Jesus die Barmherzigkeit über Dogmen und Regeln stellte und Menschen am Sabbat heilte. (Mt 12,10 ff) Das Leid, dass sie mit ihrer Theologie anrichteten, kümmerte sie nicht. Sie fühlten sich hocherhaben über Menschen, die durch eigene Schuld ins Unglück geraten waren (Joh 8,1 ff / Luk 7,39 / 18,11 / 19,7), anstatt ihnen beizustehen und sie zu neuem Vertrauen zu ermutigen.

Deswegen nannte sie Jesus “Heuchler.” (Mt 23,25) Ihre angebliche Ehrfurcht war eine billige Schauspielerei und Effekthascherei, die dazu diente, das Volk über ihre Frömmigkeit ins Staunen zu versetzen. Sie waren alles andere als demütig. Das, was Gott am wichtigsten war, “Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Verlässlichkeit“, das blieb bei ihnen immer Nebensache. “Sie siebten Mücken heraus, verschluckten zugleich aber problemlos Kamele” (Mt 23,24)

Die Gefahr falscher Ehrfurcht ist nicht mit der Beseitigung jüdischer Tabus überwunden. Religiöse Angst liegt dem Menschen sehr nahe und kann auf andere Weise jederzeit wieder aktiviert werden. Für gläubige Eltern ist die Aussicht besonders verführerisch, religiöse Angst als Erziehungsmittel zu missbrauchen. Es ist sehr bequem, Kinder mit ständig schlechtem Gewissen in die Defensive zu drängen und gefügiger zu machen. Unter Umständen wird die Schädigung der Seele erst Jahre später an äußerlichen Symptomen zu erkennen sein. Es kann auch die Eltern schwer belasten, wenn sie eines Tages feststellen, dass sie die Fähigkeit, ihres Kindes zu vertrauen, zu lieben und sich zu freuen, zu einem guten Teil zerstört haben, 

Deswegen müssen Gläubige darauf achten, ob religiöse Angst durch Theologie und Verhaltensweisen begünstigt wird. Das heißt auch, dass man auf typische Indikatoren achtet, die zu biblischen Zeiten im Zusammenhang mit religiöser Angst auftreten. Das ist insbesondere moralische Strenge, die vermeidbar wäre, insbesondere das Thema “Reinheit” betreffend, Mangel an Mitgefühl, Gleichgültigkeit bei materieller oder seelischer Schädigung von Mitchristen, Gleichgültigkeit gegenüber Chancen zur Besserung, Geringachtung geringer und verletzter Christen, falsche Demut und selbstverständliche Autorität ungeachtet des geistlichen Zustands.

In der christlichen Gemeinde heute sind Reinheitstabus auf das Gebiet der Sexualität beschränkt. Der eigentliche Schwerpunkt aber ist der Kampf um die “Reinheit” des rechten Glaubens geworden, der ebenfalls auf Kosten der Liebe und des Vertrauens geführt werden kann. Insbesondere das Bekenntnis zur ausnahmslosen Fehlerlosigkeit der Bibel ist ein Merkmal geworden, mittels dem zwischen Gefährdern und Verführern auf der einen Seite und vertrauenswürdigen Christen auf der anderen Seite unterschieden wird.

Der Bibel ist diese Unterscheidung fremd. Jeder der sich zur Gültigkeit der fünf Heilstatsachen bekennt, ist vollwertiger Christ. Jeder, der die Heilstatsachen verwirft, ist es nicht. Nirgends in der Bibel wird das Bekenntnis zur ausnahmslosen Fehlerlosigkeit aller ihrer Schriften zu einer Gehorsamspflicht des Gläubigen gemacht. Es wird berichtet, dass die Gläubigen in Beröa die Botschaft des Paulus am Alten Testament “prüften.” (Apg 17,11) Wenn man etwas prüfen darf, dann hat man ihm noch nicht zugestimmt. Jesus forderte seine Jünger auf, ob sie ihm “eine Sünde nachweisen” könnten (Joh 8,46)  Auch das bedurfte einer Prüfung am Alten Testament. Wenn Gläubige prüfen dürfen, so heißt das, dass Gott auf ihre persönliche Entscheidung wartet, ob sie die Vertrauenswürdigkeit anerkennen können oder nicht. Bevor sie gründlich über diese Frage nachgedacht hatten, waren sie zu keiner bejahenden Antwort verpflichtet.

Das ist das Neue im Neuen Bund. Der Gläubige hat die Freiheit, zu prüfen: “prüfet ALLES!” (1.Thess 5,21) Der mosaische Glaube hingegen, der die Verletzung von Tabus durch Bestrafung seitens der Gemeinschaft bedroht, lässt keinen Raum für eine Prüfung, sondern muss in blindem Gehorsam anerkannt werden. Das machen die Bestimmungen, die für Nichtjuden, die im Gültigkeitsbereich des Gesetzes leben, ganz deutlich. Insofern bietet das Alte Testament einen vorläufigen Maßstab, der sozusagen ungeprüft übernommen wird.

Prüfungswürdig ist das Alte Testament dennoch. Das erkennt der Gläubige, sobald er Erfahrungen mit der Kraft Gottes gemacht hat und neutestamentliche Maßstäbe, insbesondere die Qualitätsmaßstäbe Jesu, in seinem Leben angemessene Bedeutung gewinnen.

Bereits Jesus stellte für sich den Anspruch einer den alten Bund weit überragenden Autorität: “ihr habt gehört, was den Alten gesagt ist … Ich aber sage euch…” (Mt 5,21). Wenn sich nun Jesus, der das lebendige “Wort Gottes” genannt wird (Offb 19,13), sich trotz seiner überragenden Autorität bereitwillig von seinen Jüngern prüfen lässt, so muss auch bei alttestamentlichen Texten trotz ihrer vorläufigen Maßstabsfunktion eine Prüfung erlaubt und möglich sein. Die Aufforderung an die Heiden, das Gesetz zu würdigen, nimmt die spätere Möglichkeit der Prüfung vorweg. (Deu 4,6-8)

Paulus bescheinigt “allen inspirierten Schriften, dass sie nützlich sind zur Besserung und zum Wachstum im Glauben” (1.Tim 3,16) Hier haben wir ein klares Qualitätsmerkmal, das inspirierte Schrift kennzeichnet.

Es ist ein Merkmal, an dem sich alle Bibeltexte prüfen lassen. Paulus macht dem Gläubigen zu dieser Prüfung Mut, wenn er sagt, der “Geist versteht ALLES, sogar die Tiefen Gottes  [!]... und der geistliche gesinnte Mensch beurteilt ALLES und sein Urteil ist zuverlässig… Denn wir haben Christi Sinn.” (1.Kor 2,10+15+16)

Was ist das Ergebnis dieser Prüfung, das in der Seelsorge wieder und wieder bestätigt wird? Man stellt fest, dass ein gewisser Teil der Gläubigen trotz allem Eifer nicht zum Vertrauen, nicht zur Heilsgewissheit und zur Glaubensfreude durchdringt. Ein wichtiger Grund dafür ist die Tatsache, dass die Bibel nicht nur glaubensstärkende Aussagen enthält, sondern vereinzelt auch glaubensstörende Aussagen, die sich in der Seele von Gläubigen, die wenig Ressourcen für eine optimistische Sicht haben, festsetzen und jeden Glaubensfortschritt blockieren. Diese Aussagen, die in der Kirchengeschichte enorme Zerstörungskraft freisetzten, lassen den Charakter Gottes als unberechenbar, ungerecht, exzessiv grausam und unzuverlässig erscheinen. Da dieses von frommen Ideologen des öfteren bestritten wird, bleibt ein wichtiger Kronzeuge Martin Luther, der sich in seiner Verzweiflung nicht anders zu helfen wusste, als den kompletten Hebräerbrief aus dem Kanon der Bibel herauszunehmen.

Uns stellt sich nun die Frage, wie die glaubensstörende Wirkung ohne Beschädigung des Kanons überwunden werden kann. Die herkömmlich bibeltreuen Theologie hat hier nicht mehr anzubieten, als zur Verdrängung aufzurufen. Ihr einzigerTrost besteht darin, zu versichern, dass Gott nach dem Tod (!) des Gläubigen ihm den Sinn dieser Aussagen erklären wird. Das kann für den einen Gläubigen, der hier und jetzt seine Befürchtungen loswerden will, um Früchte der Liebe bringen zu können, niemals genügen. Wenn das Leben erst einmal durch Angst verpfuscht und fruchtlos geworden ist, was soll ihm da noch eine späte Erklärung nützen, warum all das Schreckliche hat sein müssen? Wenn Paulus schreibt, dass “der geistliche Mensch alles prüfen und beurteilen kann” (1.Kor 2,15), so ist nirgends etwas von Vertröstung auf zu spät gekommene und nutzlose Erkenntnis zu sehen.

Das Denkmodell des bibeltreuen Update 2.0 gibt dem Gläubigen die im Neuen Testament bereits vorgestellte Möglichkeit zurück, biblische Texte an biblischen Maßstäben zu prüfen. Die Prüfung glaubensstörender Aussagen mit dem Nützlichkeitskriterium (2.Tim 3,16) hat als konkretes Ergebnis die Erkenntnis, dass das Merkmal inspirierter Schriften – die “Nützlichkeit” für das Glaubenswachstum und die Charakterbildung – bei ihnen definitiv nicht vorhanden ist. Selbst zur Herausforderung kindlichen Glaubens sind sie nicht nötig, da es viele andere Texte gibt, die denselben Zweck ohne Destruktivität erfüllen. Damit eröffnet sich für den Gläubige die Möglichkeit, anzunehmen, dass es sich bei glaubensstörenden Aussagen um nicht-inspirierte, allzumenschliche Texte handelt. Sie sind damit für das Gottesbild und für die Bibelauslegung nicht mehr relevant – die glaubensstörende Wirkung ist abgeschaltet.

Da die Hirten einer Gemeinde für das geistliche Wachstum ausnahmslos ALLER Mitglieder und vorrangig der verletzbarsten Mitglieder verantwortlich sind (Hes 34,4), müssten sie eigentlich für diesen Ausweg dankbar sein und helfen ihn bekanntzumachen. Stattdessen beschimpfen sie ihn als “Bibelkritik” und Seelsorger, die ihn verwenden, als Gefährder des Glaubens.

Diese Blindheit ist wirklich zum Erschrecken! Für die liberale Bibelkritik ist das Vertrauen in Jesus Nebensache oder ganz unwichtig und dass Herummeckern und Infragestellen von biblischen Aussagen Hauptzweck. Ihre Tätigkeit untergräbt und schwächt den Glauben – in der Tat.

Für Anwender des Update 2.0 ist das Vertrauen in Jesus und in sein Wort die Hauptsache. Sie sind um das Vertrauen in möglichst viele biblische Aussagen bemüht. Ihre Tätigkeit hat das Ziel, den Glauben zu stärken bzw wiederherzustellen. Nur zu diesem Zweck (!) wird wenigen glaubensstörenden (!) Aussagen nach der Prüfung an biblischen Maßstäben (!) die Autorität aberkannt.

Was ist den den Verfechtern der irrtumslosigkeitsdoktrin wichtig? Ganz sicher nicht das geistliche Wohl der ganzen Herde, denn es stört sie ja nicht im geringsten, wenn einzelne Gläubige an glaubensstörenden Aussagen verzweifeln. Es ist immer wieder auffällig, mit welcher Herzenskälte und Überheblichkeit auf Berichte grauenhafter Lebensschicksale reagiert wird. “Wenn du nicht verdrängen kannst wie wir, und wenn du unsere Behauptungen nicht als Beweis betrachten kannst, dann hast du eben Pech gehabt! Geh zum Psychiater und lass dir Tabletten verschreiben!” Das ist letztlich die perverse Quintessenz der herkömmlich bibeltreuen Seelsorge.

Wenn man nur etwas Mitgefühl hätte, wie es die Schrift verlangt (1.Kor 12,26) dann würde man zumindest das Update 2.0 als Alternative empfehlen, falls eigene Methoden erfolglos bleiben. Doch das darf nicht sein. Angeblich wäre der eigene Glaube in Gefahr, wenn nicht alle an die Fehlerlosigkeit jedes Satzes glauben. Man selber will nicht verunsichert werden durch die Erkenntnis, dass auch andere Sichtweisen möglich sind, und da muss man eben die Schwächsten der Gemeinde seinen emotionalen Sicherheitsbedürfnissen opfern. Auch wenn sich damit das Wort des Propheten Hesekiel erfüllt: “Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht” (Hes 34,4).

Mit dieser Einstellung werden glaubensstörende Aussagen der Bibel zweifellos beibehalten und mit dem Qualitätssiegel göttlicher Vollkommenheit beehrt, aber zugleich werden ganz wesentliche Aussagen der Bibel als belanglos eingestuft. Es ist nunmehr nicht mehr wichtig, darauf zu achten, ob der Auftrag Jesu, den Geringsten und Schwächsten in der Gemeinde besonders zu ehren (1.Kor 12,26), d.h. ihm sorgfältig zuzuhören und ihm aus seiner Not herauszuhelfen, auch ausgeführt wird. Obwohl dieser Auftrag unabdingbar zur Liebe gehört, und überhaupt erst die Menschen als Jünger Jesu für die Welt erkennbar werden lässt. (Joh 13,35). Wenn dieser Auftrag nicht mehr ernstgenommen wird, was soll da der Kopfglaube noch nützen, dass der Befehl zur Massenschlachtung von Säuglingen (Num 31,17-18) hochwertiges und vollkommenes Gotteswort ist ? Für diese Auffassung von christlichem Glauben ist das Ziel der Bibellehre die blinde und rücksichtslose Unterwerfung unter den Buchstaben (“Chrislam” statt “Islam”), hinter die das von der Bibel selbst genannte Ziel zurücktreten muss: “Das Ziel der Unterweisung aber soll Liebe sein aus reinem Herzen und aus gutem Gewissen und aus ungeheucheltem Glauben.” (1. Tim 1,5)

Sehen wir nicht, dass wir hier wieder mit dem alten Schriftgelehrtenproblem konfrontiert sind, der Unfähigkeit, Mücken und Kamele zu unterscheiden, Wichtiges und Unwichtiges?  Sollte man nicht wenigstens vor wichtigen Aussagen mehr Ehrfurcht haben als vor unwichtigen?

Wie werden wir überhaupt gewiss, dass wir Gott und seinem Sohn Jesus Christus, vertrauen dürfen? Indem wir ein Lippenbekenntnis ablegen, dass wir alles ausnahmslos für wahr halten? Dieser Wahn wurde oben mit der Erlaubnis zur Prüfung widerlegt. Eine gefestigte religiöse Weltanschauung ist Gott nicht wichtig. Er legt stattdessen Wert auf die praktische Aneignung von Glaubenswahrheiten. Deshalb hat er die Gewissheit von der Glaubenspraxis abhängig gemacht.  “Wenn jemand erkennen will, ob diese Rede von Gott ist, dann soll er sie in die Praxis umsetzen!” (Joh 7,17)

Sobald sich der Gläubige entschließt, sich durch die leisen Impulse der Liebe und der Wahrhaftigkeit leiten zu lassen, tritt er in Kontakt mit der unsichtbaren Welt, strahlen Bibelworte plötzlich auf in der Dunkelheit und geben Orientierung. “Wer mir nachfolgt, wird nicht mehr in der Finsternis gehen, sondern das Licht des Lebens haben.” (Joh 8,12) Die Kraft der Liebe lässt im Gläubigen die freudige Gewissheit entstehen, dass er zu Gottes Kindern gehört (Rö 8,14) “Aber der feste Grund Gottes besteht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt die Seinen; und: Es lasse ab von Ungerechtigkeit, wer den Namen des Herrn nennt.” (2.Tim 2,19)

Die Kraft dieser Liebe veranlasst Nichtchristen, der Vertrauenswürdigkeit der christlichen Glaubenshoffnung ein gutes Zeugnis auszustellen, selbst wenn Gläubige, die diese Hoffnung haben – wie z.B. Dietrich Bonhoeffer – an das Dogma einer biblischen Fehlerlosigkeit nicht glauben können. Dafür gibt es viele Beispiele in der Bibel und der Geschichte. Dass das Nachplappern von Glaubensartikeln oder der Chicago-Erklärung dasselbe bewirkt, ist nirgends bezeugt.

Tatsache ist, dass von etlichen Gläubigen das Nachplappern inzwischen als Alternative zum Liebeszeugnis gesehen wird. Soweit sie den Glauben ernsthaft bedroht sehen, erscheint ihnen zur Verteidigung desselben bald fast jedes Mittel recht, sodass für ständigen Zank in den Gemeinden gesorgt ist.

Inzwischen ist ein evangelikales Schriftgelehrtentum entstanden, dass bedenkliche Parallelen zum pharisäischen Schriftgelehrtentum aufweist. Wir finden dort eine ähnliche Geringachtung von Christen, die in der Welt nichts gelten, eine ähnliche Gleichgültigkeit bei materieller oder seelischer Schädigung von Mitchristen, eine ähnliche Überbewertung von Dogmen auf Kosten der Liebe, eine ähnliche Untätigkeit bei religiösem Missbrauch, eine ähnliche Neigung, biblische Gebote unnötig zu erschweren, und nicht zuletzt wieder einen ähnlich selbstverständlichen Anspruch auf Autorität ungeachtet des geistlichen Zustands.

Dieser selbstverständliche Anspruch manifestiert sich im Gebrauch theologischer Titel, der durch Jesus streng untersagt wurde. Der Gebrauch von Titeln hat den Vorteil, dass er ungeprüft Autorität verleiht. Er suggeriert, dass der Träger des Titels dank seiner akademischen Laufbahn einen Erkenntnisvorsprung hat, den Leute ohne Titel nicht haben, sodass das, was Leute ohne Titel sagen, von vornherein als unqualifizierter, geringwertiger Beitrag eingestuft werden kann. Der Schönheitsfehler: Die Tiefe geistlicher Erkenntnisse wächst nicht mit der Anzahl bestandener Theologieprüfungen.

Dennoch gilt es bei nicht wenigen bibeltreuen Gläubigen fast als anstößig, an die Worte Jesu zu erinnern: “Sie haben’s gern, dass sie auf dem Markt gegrüßt und von den Leuten Rabbi genannt werden. Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. Und ihr sollt niemand euren Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater: der im Himmel. Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus. Der Größte unter euch soll euer Diener sein. Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.” (Mt 23,7-12)

Die Frage ist nun: ist dieser Text inspiriertes Gotteswort oder nicht? Welcher bibeltreue Gläubige wird daran zweifeln? Aber die bibeltreue Auslegung hat offenbar die Freiheit, zu begründen, warum es besser ist, wenn man genau das Gegenteil der Anweisung Jesu macht.

Dabei hat auch Jesus eine Begründung geliefert, die nicht unwesentlich ist: er warnte, dass das “Nehmen von Ehre” glaubensunfähig macht. “Wie könnte ihr glauben, die ihr Ehre von anderen nehmt?” (Joh 5,44) Je mehr der lebendige Glaube verkümmert, desto größere Bedeutung gewinnt der penetrante Kult um das Dogma, mit dem eine scheinbare Glaubensgewissheit befestigt werden soll.

Wundert es, dass das Ergebnis eine schiefe Wahrnehmung ist? Denn es sind ja die geringsten Gläubigen, die nach Gottes Willen die meiste Ehre und Aufmerksamkeit erhalten sollen. (1.Kor 12,22-24)  Dazu gehören auch die Gläubigen, deren Seele durch theologischen Missbrauch schwer geschädigt worden sind. Erst indem man ihre aus dem Leid gewonnenen Erkenntnisse ernstnimmt und tragfähige Antworten sucht, erhält man die Klarheit, wie viele Bibelworte einzuordnen sind. Wenn Theologen die Absicht haben, diese Menschen im Stich zu lassen, um das Heil für die Gemeinde ohne sie zu finden, so ist das grauenvollste Vermessenheit.

Ein Schriftgelehrtentum, das sich nichts mehr sagen lässt, das schwere seelsorgerliche Versäumnisse nicht mehr korrigiert, sondern wie selbstverständlich bestehen lässt, wird geistlich blind. Schlimmer noch, es wird vielen anderen dabei helfen, genauso blind zu werden. (Mt 15,14) Es wird Berge von Papier bedrucken, ganze Bibliotheken vollschreiben und dennoch unglaubwürdig sein.

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Artikel aktualisiert am 08.12.2018

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