Die religiöse Gemeinschaft

Chance oder Risiko?

Der Glaube an Gott ist eine zutiefst persönliche Erfahrung. Der Glaubensweg eines Menschen ist einzigartig und nicht kopierbar. Wer in der Bibel nachliest, erfährt, wie man sich  in konkreten Krisen und Entscheidungen seines Lebens der Leitung und den Zusagen Gottes anzuvertrauen kann. Durch  ermutigende Erfahrungen wird der Gläubige der unverbrüchlichen Freundschaft Gottes über den Tod hinaus gewiss.

Religiöse Gemeinschaften bieten die Gelegenheit, solche Glaubenswege kennenzulernen und aus ihnen wertvolle spirituelle Impulse zu gewinnen.

Viel häufiger aber wird Vergewisserung, “Glaubensstärkung” quasi als Gruppenerlebnis angeboten. Während sich der individuelle Glaube in der Krise bewähren und der Überprüfung stellen muss, kann eine gruppendynamische Vergewisserung ohne Stress und Verunsicherung stattfinden. Dieses Faktum verführt viele Gläubige, diese Form vermeintlicher Gewissheitsbildung vorzuziehen.

Als sektentypisches Phänomen funktioniert sie unabhängig vom Glaubensinhalt in allen religiösen Gemeinschaften, die sich auf die Bibel berufen, und bringt psycho-sozialen Naturgesetzen folgend ein rein quantitatives Ergebnis zustande: je mehr Gläubige dasselbe glauben wollen und je weniger Gläubige durch Nachfragen den Glaubensgenuss stören, desto unantastbarer erscheint der Glaubensinhalt. Eine bessere Vorsortierung der Gläubigen lässt sich erzielen, indem die Gemeinschaft zusätzliche ethische Forderungen stellt, die Angepasstheit auch äußerlich nachvollziehbar machen.

Je weniger Störer, desto unkritischer und beeinflussbarer die Mitglieder: deswegen ist eine notwendige Begleiterscheinung das Aufblühen frommer Phantastereien. Die Unterschiede zwischen Faktum und Phantasie, zwischen Wunsch und Wirklichkeit verschwimmen – die fromme Lüge wird mit bestem Gewissen erzählt. Hat sie nicht ein “heiliges” Ergebnis zur Folge, nämlich größeren Glauben? Auf Versuche, Klarheit zu schaffen, reagiert die indoktrinierte Gemeinschaft mit Panik.

Sie kann dem Gäubigen das Recht “alles nachzuprüfen” (1.Thess 5,21) nicht zugestehen. Die Bemühung um eine widerspruchsfreie Bewertung der Inhalte wird in solchen Gemeinschaften üblicherweise als “sündiger Hochmut” diffamiert.

Für die Leitung der Gruppe ist dieser Prozess insoweit vorteilhaft, da in diesem Klima nach tatsächlicher spiritueller Autorität kaum noch gefragt werden kann. Die Autorität einer Leitungsclique wird in dem Maße befestigt, wie sie sich um die Verteidigung der religiösen Wunschvorstellungen bemüht.

Versäumt eine Gemeinschaft, dieser naturgemäß und unvermeidlich auftretenden Dynamik durch eine offen und ehrliche Diskussions- und Gesprächskultur entgegenzutreten, so droht die Verharmlosung der Gewalt und des Missbrauchs in jeglicher Form: seelischer, geistlicher aber auch sexueller Missbrauch.

Liebe Leserin, lieber Leser, wenn du eine religiöse Gemeinschaft besuchst, so kannst du möglicherweise dort Menschen treffen, die dir ein Wegweiser für gute und wertvolle Erfahrungen mit der unsichtbaren Welt Gottes sein können. Sei zugleich aber immer wachsam – im Wissen, dass dort auch korrumpierte Religiosität, die Glauben und Leben vergiftet, vorhanden sein kann.

Bleibe gut informiert und halte gegebenfalls Distanz.

Artikel aktualisiert am 21.02.2019

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