Destruktive Bibelworte in der Geschichte?

Im folgenden werden wir sechs problematische Aussagen in der Bibel untersuchen, deren diskussionswürdige Wirkung in der Kirchen- und Theologiegeschichte allgemein bekannt ist. Die Ergebnisse stellen wir in einer Tabelle übersichtlich dar. Wir werden uns bei jeder Aussage fragen, ob es auch gewichtige Zeugnisse für positive und heilsame Wirkungen gibt, denen wir fairerweise größere Bedeutung zumessen müssten. Wir werden uns fragen, inwieweit die Aussage notwendig und nützlich ist, da „Nützlichkeit“ ein typisches Kennzeichen des inspirierten Gotteswortes ist. (2.Tim 3,6)

Ist diese Frage zulässig? Jesus ist das personifizierte Wort Gottes (Offb 19,11-13) Und Jesus forderte die Jünger auf, ihn zu prüfen:  „Wer von euch kann mich einer Sünde überführen“ (Joh 8,36) Darf man auf diese Frage keine ehrliche unbeeinflusste Antwort geben? Wenn Jesus, der einzig Vollkommene, geprüft werden darf, warum soll dann eine Prüfung biblischer Aussagen unzulässig sein?

Die Frage steht dabei im Raum: Wie soll der Gläubige reagieren, wenn er auf Aussagen stoßen sollte, denen nach bestem Wissen und Gewissen kein überzeugender Nutzen, sondern vielmehr eine schädliche Wirkung zuerkannt werden kann? Wieviel Vollmacht hat der Gläubige, der mit dem Heiligen Geist ausgerüstet ist und „Christi Sinn hat“ (1.Kor 2,16)? Hat er die Vollmacht, den Buchstaben so zu korrigieren, dass ein überzeugender Sinn entsteht, der dem Gebot der Liebe standhält? Oder hat er keine Vollmacht, sodass er verpflichtet ist, den Widerspruch zum Gebot der Liebe zu akzeptieren? Ist er aufgerufen, den Menschen, die durch diese Aussagen geschädigt wurden, die alleinige Verantwortung dafür zuzuweisen?

 Hinweis: Ohne Beachtung des Folgetextes und der Anmerkungen  [1]  [2]  [3]  [4 bleibt die Tabelle unverständlich!

Destruktiv erscheinende Aussage
(vgl.2.Tim 3,16)
Auffälligste Wirkung in der Geschichte (Rö 6,21)
Historisches Risiko
Erkenntnisse über die Notwendigkeit der
Aussage
(Eph 4,29) [4]
Aussage Nr.1:

Bei „mutwilliger Sünde“ gibt es keine Vergebung mehr
(Hebr 10,26 – 27) [1]

1: Durch Jahrhunderte leiden immer wieder Gläubige ihr Leben lang unter der Angst vor dem irreparablen Verlust der Vergebung, weil sie vielleicht „eine Sünde zuviel“ getan
haben. [1] z.B.:  weltliche Freuden der geistlichen Freude vorgezogen  (Hebr 12,16-17), einige Zeit nicht mehr an Gott geglaubt und ohne ihn gelebt (Hebr 6,6), oder überhaupt an Gottes Hilfe gezweifelt (Hebr 3,18-19)
1: Warum genügt nicht die Warnung vor notorischer Feindschaft gegenüber Gott, die Mitmenschen zuverlässig in die Hölle  bringt?
Aussage Nr 2:

wer „ein Wort gegen den Geist Gottes sagt„, dem kann nicht
mehr vergeben werden (Luk 12,10) [2]

2: Die unvergebbare Sünde ist eine Zungensünde, obwohl die Bibel andernorts feststellt, dass niemand die  Zunge zähmen kann. (Jak 3,8) Durch Jahrhunderte werden immer wieder Gläubige ihr Leben lang von der Angst vor dem irreparablen Verlust der Vergebung gequält, weil sie irgendwann ein unüberlegtes Wort ausgesprochen haben oder vielleicht aussprechen könnten. [2] Manche Gläubige, die sich als Erwachsene bekehren, bleiben lebenslang im Zweifel, weil sie sich gar nicht mehr an alle repektlosen Worte über göttliche Dinge erinnern können, die sie in ihrer gottlosen Zeit gesagt haben.  Diese Drohung kann auch bei gutwilligen Christen die Freude über die Vergebung schwächen, ja ersticken. Luther hat darauf hingewiesen, dass der Hebräerbrief, der die Drohung nicht wie in Matth 12 nur auf die Widersacher Jesu bezieht, sondern an alle Gläubigen richtet, bei ihm  die Wirkung eines Seelengiftes hatte und deshalb als apokryphe Schrift eingestuft wurde. In der evangelikalen Glaubensgemeinschaft wird seine Warnung jedoch ignoriert.  Manche Gläubige, wie z.B. Franzesco Spiera, gehen an ihrer Angst elend zugrunde bzw. sitzen Jahrzehnte in der Psychiatrie. Die üblichen theologischen Erklärungen  kranken an mangelhafter Beweiskraft. Wer dennoch verzweifelt, bleibt sich selbst überlassen.  Die Erbarmungslosigkeit der Drohung führt zur berechtigten Frage, warum der Christ allen seinen Feinden, auch den grausamsten, vergeben muss – bei Androhung ewiger Verdammnis (Mt 6,15), wenn Gott, dem der Mensch nicht schaden kann, dazu nicht bereit ist. Auch hat die Drohung einen erheblich verschärfenden Einfluss auf die Interpretation anderer Forderungen der Bibel gehabt. (Mt 5, 29 / 1.Pet 4,18 / 1Joh 5,16f / Hebr 10,26,-27 / 12,16ff). In der Seelsorge  begünstigt sie den Verlust der Empathie sowie Werkgerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit (vgl. den Aufsatz von A.Schlatter) 2: Warum genügt nicht die Warnung vor notorischer Feindschaft gegenüber Gott, die Mitmenschen zuverlässig in die Hölle  bringt? Soll hier die tödliche Kraft des Richterspruchs Christi („Schwert des Mundes“ Offb 19,15) demonstriert werden? Diese grausame Demonstration erschreckt und quält jedoch nur Gläubige (Sorgfaltsparadox).
Aussage 3:

Einer Frau, die einem Mann bei einer Prügelei an die
Geschlechtsteile fasst, muss man erbarmungslos die Hand abhacken (Deu 25,11-12)

3: Einseitige Herabwürdigung der Frau für Jahrhunderte. Warum werden Männer, die einer Frau an die Geschlechtsteile fassen, nicht genauso brutal und erbarmungslos bestraft? 3: Wäre nicht die Ächtung der Gewalt gegen Frauen viel eher angebracht, da sie wesentlich häufiger auftritt.?  Diese Frage ist erlaubt,, da das Alte Testament alle Nichtjuden auffordert, die Unvergleichlichkeit seines Gesetzes zu prüfen: „Wo gibt es so ein großes Volk, das so gerechte Gesetze hat?“ (Deu 4,8)
Aussage 4:

Alle Kinder und Frauen eines heidnischen Volkes sind totzuschlagen – die Frauen
ausgenommen, die noch Jungfrauen sind und geheiratet
werden können. (Num 31,17-18)

4: Leitbild für hemmungslose Grausamkeit im Namen Gottes für Jahrhunderte!  Die vollständige Auslöschung von Familien bis zum Säugling gilt fortan als völlig normales, übliches Verhalten in der Kriegsführung.  So löschten die Israeliten zur Sühnung der Schandtat in Gibea fast alle jüdischen Familien im Stamm Benjamin aus (Ri 20,48). Der gläubige David fasste den Entschluss, „alles was männlich ist„, d.h. neben Kindern auch Bedienstete und Sklaven des Nabal zu ermorden, weil dieser sich geweigert hatte, ihm zu helfen. (1.Sam 25,34) 4: Nach unserem Verständnis, das wir heute für die Geschichte haben, erscheint diese  Denkweise als verhängnisvoll. 
Sie widerspricht auch dem Zweck des mosaischen Gesetzes, den Völkern ein gutes Beispiel für Gerechtigkeit zu geben (5.Mo 4,6-8). Heute ist jedermann froh, dass solche Befehle und Aktionen als unverzeihliche Kriegsverbrechen geahndet werden. Sie steht im Widerspruch zu dem göttlichen Schutzgesetz, dass Kinder nicht für die Sünden der Eltern bestraft werden dürfen.  (5Mo 24,16)   Zudem: rechnet Mose gar nicht mit der Möglichkeit, dass es gefährlich sein könnte, jemanden,  dessen Familie man ausgerottet hat, ins eigene Haus, gar ins eigene Bett zu holen?
Aussage 5:

Die Frau hat weniger Fähigkeiten, der Versuchung des Teufels zu widerstehen, denn das Alte Testament berichtet ja, dass „Eva verführt wurde und nicht Adam„. (1.Tim 2,14). Deshalb muss „der Frau verboten werden, dass sie den Mann belehre„. Sie soll still sein (2.Tim 2,12), d.h. sie „hat kein Recht in der Versammlung zu reden„. Wenn sie Fragen hat – soll sie diese Fragen zuhause – nicht in der Gemeinschaft – ihrem Mann stellen (1.Kor 14,35)

5: Die viele Jahrhunderte dauernde Benachteiligung und Geringschätzung der Frau beruft sich u.a. gerade auf dieses Bibelwort! Erst 1901 erhalten Frauen im christlich geprägten Deutschland das Recht auf allg. Schulbildung. Erst 1918 erhalten sie das allgemeine Wahlrecht. Erst 1958 wird – gegen den Widerstand der Kirchen – das Recht des Ehemannes, den Job der Frau zu kündigen oder ihr den Erwerb eines Führerscheins zu gestatten, abgeschafft, erst 1996 wird Vergewaltigung in der Ehe strafbar; bis heute wird sehr wenig Rentenanspruch für Kindererziehung bewilligt, erhält die Frau geringere Entlohnung bei gleicher Arbeit. Parallelle Entwicklung im jüdisch beeinflussten Islam. Seit Juni 2018 ist es in Saudi Arabien – ungeachtet des Widerstands der geistlichen Autoritäten – nunmehr auch der Frau erlaubt, einen Führerschein zu machen. 5: Warum schrieb Paulus das? Die größten Volksverführer, die sich von antichristlichem Geist inspirieren ließen und ganze Völker mit ihren Lügen zu ihrem Schaden belehrt haben (Napoleon, Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot, zahllose weltlich  gesinnte Kirchenfürsten und Päpste), ja fast alle Ideologen, Philosophen sowie ihre einflussreichsten
Unterstützer sind Männer!
Aussage 6:

Deu 22,28-29 :Wenn jemand eine Jungfrau trifft, die nicht verlobt ist, und ergreift sie und schläft bei ihr und wird dabei betroffen,  so soll der, der bei ihr geschlafen hat, ihrem Vater fünfzig Silberstücke geben und soll sie zur Frau haben, weil er ihr Gewalt angetan hat; er darf sie nicht entlassen sein Leben lang.

6: Die Frau als Sache! Das Wichtigste scheint hier zu sein, dass dem Vater als Erzeuger nicht der Kaufpreis entgeht, der übrigens auch das Recht hat, seine Töchter nach Belieben in die Sklaverei zu verkaufen (Ex 22,7). Das Leben eines Sklaven war auch in Israel nicht mehr als der Kaufpreis für ihn wert. Wer seinen Sklaven so schlug, dass er nicht sofort, sondern erst nach einem Tag starb, ging straflos aus. (2Mo 21,21) 6: Oft wird argumentiert, eine vergewaltigte Frau würde keinen Mann mehr finden und auf diese Weise würde am besten für sie materiell gesorgt.

Ein dummes Argument:
eine materielle Versorgung kann besser erfolgen, indem eine vergewaltigte Frau unter den Schutz des Priestertums gestellt wird, das selbst von der Gabe des Zehnten lebt.

Die lebenslange Bindung an den Vergewaltiger beinhaltet u.U. lebenslange Traumatisierung für das Opfer. Es ist zudem nicht unwahrscheinlich, dass der Täter seine Wut über die Strafe an ihr auslässt – u.U. für den Rest ihres Lebens. Damals wie heute wussten Menschen die Liebe des Partners zu schätzen. Das Argument, damals hätte Liebe in der Partnerschaft nur geringe Bedeutung, sodass Frauen  nur mit materieller Versorgung zufrieden zu sein hatten, ist sehr fragwürdig.

Zum anderen hat nun jeder Lump, dessen Werbung von einer selten schönen Frau zurückgewiesen wird, die Möglichkeit, sie zu vergewaltigen, um sie lebenslang an sich zu ketten.

 

 

Sicher ist: auch die destruktivsten Aussagen wären unschädlich geblieben, wenn man dem Gläubigen das Prüfen erlaubt hätte, wie es die Bibel selbst fordert: „Prüft ALLES“ (2.Thes 5,21 / 1.Kor 14,29) Das etablierte Schriftgelehrtentum behauptet, dass der Zweifel an solchen Aussagen auch alle anderen Aussagen der Bibel entwerten würde. Doch müssen wir das glauben? Diese Texte können wir doch nur betrachten als eine Art Übungsaufgaben, die dem gläubigen Leser gestellt sind, der sie mit Hilfe der Qualitätsstandards der „Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Verlässlichkeit“ (Mt 23,23) als mangelhaft erkennen und durch eine Lösung „im Sinne Jesu“ (1.Kor 2,16) ersetzen soll.    Auf diese Weise können junge und alte Menschen Vertrauen zur uneingeschränkten Gültigkeit der Heilszusagen entwickeln – ohne sich mit Propaganda und Selbstbetrug behelfen zu müssen – wie es Sekten üblicherweise tun.

An dieser Auflösung führt kein Weg vorbei! Ohne ein „bibeltreues Update 2.0“ bleibt die bibeltreue Bibellehre destruktiv und unglaubwürdig!

 


Anmerkungen zur Tabelle:

[1] Was „Mutwilliges Sündigen“ wird in der Bibel nicht definiert, soll aber in Hebr 10,26 zur Erklärung der „unvergebbaren Sünde“ dienen. Tatsächlich erzeugt aber  dieser Begriff unterschiedliche Befürchtungen und Vermutungen, ohne inhaltliche Klarheit zu geben  –  wie unser Beitrag zeigt.

[2] Welchen Sinn macht die „Warnung“ vor der „unvergebbaren Sünde“? Bei Licht besehen – keinen! Siehe dazu die ausführliche Begründung im Beitrag „Seelengift?.

[3]Wisset ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden? Wisset ihr nicht dass wir über Engel richten werden?“ (1.Kor 6,3) Lieber Paulus, woher hätten wir das wissen sollen? Offensichtlich wissen wir sehr Wichtiges und Bedeutsames nicht! Seinen zwölf Aposteln hatte Jesus einmal etwas Ähnliches gesagt, dass sie über die zwölf Stämme Israels richten würden. (Mt 19,28) Mehr aber auch nicht! Deine Frage lässt uns also als fassungslos Überraschte zurück. Gläubige sollen sogar über Engel richten, die ihnen auf Erden als weit Überlegene und Mächtige erscheinen (Ri 6,22-23 / 13,6). Was wir aus der Bibel wenigstens erfahren ist, dass Gläubige – nicht weniger erstaunlich und überraschend – über die Heilige Schrift urteilen: „Es hat dem Heiligen Geist und uns gefallen“ (Apg 15,20). Sie erkennen, dass bestimmte bisher gültige Gebote Gottes dem Heilsplan Gottes entsprechend für irrelevant erklärt werden müssen. Kann es dann richtig sein, dass man Gläubigen das Recht verweigert, die hier genannten 6 destruktiven Aussagen für irrelevant zu erklären, weil sie die Glaubwürdigkeit der Heilsbotschaft in Frage stellen? Wenn sie nicht einmal das Recht haben, diese Aussagen mit Hilfe der Maßstäbe Christi in Mt 23,23 zu beurteilen und ihr Gewissen zu fragen, ein Recht, das sogar jeder Nichtchrist in Anspruch nehmen darf (Rö 2,14-15), welche Rechte haben sie dann überhaupt?

[4] Wenn Gläubige unterstellen, dass die angeblich „heilsame“ oder „nützliche“ Funktion der hier aufgeführten Aussagen die Aufgabe ist, den Gläubigen an die Demut vor Gott zu gewöhnen und dem Wort Gottes mehr Ehrfurcht und Vertrauen entgegenzubringen als dem eigenen Verstand, so ist diese Sicht leicht zu widerlegen. Siehe dazu den Beitrag „Scheinbare Demut„.

Artikel aktualisiert am 10.01.2022

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