“Bibelverständnisse”


Mit „Schriftverständnis“ oder „Bibelverständnis“ werden grundsätzliche Annahmen über qualitative Eigenschaften der Bibel bezeichnet, die Menschen im Interesse der Stabilität ihrer Glaubensauffassung machen.

Da Verunsicherung in Glaubensdingen schwer erträglich ist, ist eine Würdigung der Plausibilität der Annahmen sowie ein sachlicher Vergleich der Vor- und Nachteile dieser grundsätzlichen Annahmen schwierig.

Je größer die Verunsicherung, desto größer die Neigung zur Ablehnung und Verurteilung andersdenkender Gläubiger. Solche Spaltungen haben endgültigen Charakter, wenn das Verständnis fehlt, dass andere Gläubige aufgrund ihrer speziellen Biografie und aufgrund ihrer Werte und ihres Gewissens mit einem fremden Schriftverständnis keine Glaubensstabilität herstellen können.

Welche Chance hat der Frieden in der Gemeinde, wenn Gläubige einander wegen ihrer Gewissensentscheidungen (!) als Glaubensfeinde verdächtigen und sich nicht einmal mehr grüßen? Dabei geht es beim Bibelverständnis nur um unbeweisbare Annahmen, nicht etwa um selbstevidente, unstrittige Inhalte wie die unverzichtbaren Heilstatsachen.

Wie wichtig ist da eine Kultur der Selbstprüfung, die Übung des Urteilsvermögens und ein glaubwürdiges Verhalten gegenüber Andersdenkenden!

Wir unterscheiden grob 4 Versionen des Bibelverständnisses:

1. Buchstabenorientiertes Bibelverständnis  (Verbalinspiration, Irrtumslosigkeit, “Bibeltreue”)
2. Beziehungsorientiertes Bibelverständnis  (“Christustreue”)
3. Prioritätenorientiertes Bibelverständnis  (“Bibeltreues Update”)
4. Liberales Bibelverständnis

 

1. “Buchstabenorientiertes” Schriftverständnis, Verbalinspirationsdoktrin oder Irrtumslosigkeitsdoktrin. (“Bibeltreue”)
(u.a. beschrieben in der “Chicago-Erklärung” von 1978). Die ganze Bibel ist das Wort, das Gott an den Menschen richtet – ausgenommen die Stellen, die ausdrücklich als Meinung oder Zitat gekennzeichnet sind. Weil Gott ohne Fehler ist, hat auch die Bibel die göttliche Eigenschaft der Fehlerlosigkeit. Enthielte die Bibel einen einzigen Fehler oder Widerspruch, so wäre ihre göttliche Herkunft zweifelhaft. Der Glaube würde durch Zweifel untergraben. Der Gläubige ist verpflichtet, sich zur Fehlerlosigkeit der Bibel zu bekennen, um Zweifel und Unglauben einzudämmen. Zweifel an (selten vorkommenden) destruktiven Bibelstellen ist nicht erlaubt – selbst wenn sie heute nicht mehr gültig sein sollten, waren sie doch zu einer früheren Zeit Ausdruck des “vollkommenen” (Ps 19,8), irrtumslosen Gotteswillens.

 

2.  Beziehungsorientiertes Schriftverständnis. (“Christustreue”)
Die Bibel enthält das Wort, das Gott an den Menschen richtet. In Angelegenheiten der Beziehung zwischen Gott und Mensch wurde die Information zuverlässig übertragen. Zugleich hat Gott in naturwissenschaftlichen und historischen Aussagen zeitbedingte Anschauungen toleriert, die späteren Erkenntnissen nicht standhalten müssen. Der Gläubige ist aufgerufen, seinen Glauben an den Beziehungswahrheiten festzumachen.

 

3. Prioritätenorientiertes Schriftverständnis. (“Bibeltreues Update“)

Die Bibel bietet dem Menschen die Möglichkeit, sich über die Fakten der unsichtbaren Welt zu informieren. Sie ist jedoch ein Buch, das Information auf einzigartige Weise übermittelt. “Gottes Buch” wird nicht passiv gelesen und verstanden wie andere Bücher, sondern es ist “lebendiges Wort“. (Joh 6,63) Das lebendige Wort reagiert auf die Einstellung des Lesers. Pflegt der Gläubige sein geistliches Leben, so beginnt es zu sprechen. Lässt er das geistliche Leben verkümmern, bleibt die Bibel stumm, deckt die Wahrheit wie eine „Decke“ (2.Kor 3,15-16) zu. („Selbstverstärkung„)  „Der natürliche Mensch aber versteht das, was der Geist Gottes will, nicht. Er hält es für eine Dummheit. Er kann den Wert nicht erkennen, was durch geistliches Urteilen möglich ist. Ein Mensch, der vom Geist Gottes geleitet wird, kann den Text richtig beurteilen und muss nicht befürchten, dass sein Urteil später von jemandem als Irrtum verworfen werden muss.“ (1.Kor 2,14-15)

Die Buchstaben im „Lebensbuch“ der Schöpfung, d.h. in der Erbsubstanz, zeigen dieselbe Gesetzmäßigkeit. Die Erbsubstanz liefert nur dann Informationen, wenn sie in eine lebendige Zelle eingebettet war. Aus der lebendigen Zelle erst kamen die Impulse, die eine sinnvolle Funktionsweise ermöglichen. Ohne die lebendige Zelle blieben die „Buchstaben“ des „Lebensbuches“ totes Eiweiß – bedeutungslos und nichtssagend.

Menschen interpretieren die Bibel nicht automatisch richtig, weil sie gläubig oder weil sie evangelikale Theologen geworden sind. Durch eigennützige Motive, mangelnde Reife, charakterliche Mängel kann der Heilige Geist stark „gebremst“ (1. Thes 5,19) und die Urteilskraft entsprechend eingeschränkt sein. Insbesondere Selbstgerechtigkeit sowie Unfähigkeit zur Selbstkritik werden immer zu einer Verkürzung und Verfälschung biblischer Aussagen führen (Selbstverstärkung , Sterile Religiosität, Giftige Theologie, „Blinder Fleck).  Aus biblischer Wahrheit wird Propaganda. Die Eigenschaft, sich zu verschließen, lässt sich nicht durch theologische Auslegungskunst kompensieren. So ist es möglich, dass Gläubige Aussagen der Bibel falsch interpretieren, ohne die Schwächen ihrer Interpretation zu erkennen. Es ist zu beachten, dass Gott „Laienboten“ authorisieren kann, denen theologische Experten widersprechen. Das heißt auch, dass die Methoden, mit denen üblicherweise Literatur erschlossen wird, hier nur teilweise – in Einzelfällen gar nicht – anwendbar sind. Eine möglichst eng am Wortlaut orientierte Interpretation kann in manchen Fällen falsch sein. Über die angemessene Art, mit der Bibel umzugehen, informiert uns diese selbst. Wenn wir die biblische Arbeitsweise akzeptieren, erkennen wir den hilfreichen und guten Sinn ihrer Aussagen.

Auffällig ist, dass eine hilfreiche und lebensfördernde (Mt 4,4) Interpretation des biblischen Textes schwierig bis unmöglich wird, wenn alle Sätze im biblischen Kanon gleiches Gewicht haben, weil destruktive Bibelstellen die Aussagen über die Barmherzigkeit Gottes relativieren. Konkurrieren zwei Aussagen miteinander, so muss ihre Rangfolge festgestellt werden („Polarität der Bibel). Die unterschiedliche Rangfolge biblischer Aussagen darf nicht willkürlich festgelegt werden. Zu einer eindeutigen, zuverlässigen Festlegung bedarf man eines höheren, von der Heiligen Schrift authorisierten Ordnungsprinzips. Insofern sind viele biblischen Sätze den Gläubigen nur als eine „Vorform“ letztgültiger Wahrheit gegeben. Über die angemessene Art, mit der Bibel umzugehen, um zur Wahrheit durchzudringen, informiert uns diese selbst. Wenn wir diese biblische Arbeitsweise akzeptieren, erkennen wir den hilfreichen und guten Sinn ihrer Aussagen.

Um die Bibel richtig zu lesen, ist  der Gläubige ist verpflichtet und aufgerufen, sich um geistliche Disziplin zu bemühen und alle Aussagen der Bibel in das Licht der höchsten Maßstäbe Jesu zu stellen, um ihren Rang festzustellen. Geistliche Disziplin befindet sich ständig im Einklang mit den ausnahmslos gültigen (!) Qualitätsmaßstäben JesuBarmherzigkeit, Gerechtigkeit, Verlässlichkeit“ (Mt 23,23). Nur auf diese Weise,   im Zusammenwirken von biblischem Wort und geistlichem Leben, entsteht eine lebensfördernde, zuverlässige und verbindliche Interpretation der Bibel mit letztgültiger Autorität („Wahrheit“). Auf diese Weise ist der Gläubige nicht mehr auf theologische Meinung angewiesen (1.Jo 2,27) und muss sie nicht mehr zur Grundlage seiner Glaubenssicherung machen.

Dieses Verfahren wird uns im Neuen Testament selbst vorgestellt. Ursprünglich war es im Gottesdienst so, dass mehrere Brüder eine Botschaft von Gott empfingen.  Obwohl es sich hier um mündliche Inspiration handelte, sollte die Botschaft von den anderen sogleich geprüft werden. “Von den Brüdern, die Gottes Weisungen empfangen, sollen nur zwei oder drei sprechen; die anderen sollen das Gesagte deuten und beurteilen (και οί άλλοι διακρινέτωσαν).” (1.Kor 14,29) Dies zeigt uns, dass die Übertragung von Information aus der unsichtbaren in die sichtbare Welt in irgendeiner Weise schwierig war. Paulus redet von „unaussprechlichen Worten“ (2.Kor 12,4). Er sah reale Dinge, aber es schien ihm unmöglich, es so zu formulieren, dass es nicht missverstanden wurde. Deswegen sollte auf den Vortrag des Geschauten noch eine Beurteilung durch die Gemeinde folgen, um die Botschaft anhand der Maßstäbe Jesu zu überprüfen.

Wer genau hinsieht, stellt fest, dass Texte der Bibel unterschiedlichen Rang und verschiedene Funktion haben. Texte können einen gleich hohen Rang haben wie die Maßstäbe Christi, z.B. Aussagen über die fünf fundamentalen Heilstatsachen, die zur Begründung lebendigen Glaubens genügen. Viele Texte haben aber auch einen geringeren Rang wie z.B. Texte mit vorläufiger Aussage, die später in der Bibel korrigiert oder neugefasst werden (“Schatten-Texte”). Es gibt auch Texte mit dem Rang „Null“, die eigentlich nur zeigen, wie der Gläubige nicht handeln darf. Diese Texte dienen nicht als “Nahrung” der Seele, sondern als „Impfstoffe“, die eine korrigierende Reaktion im Sinne Jesu hervorrufen sollen bzw. sie dienen zur Übung des Urteilsvermögens des Gläubigen (No-comment-Stil).

Dieser Denkansatz ist ein „Modell“, eine Denkmöglichkeit, für das gute Argumente sprechen, und kein Dogma. Mit diesem Modell ist es möglich, an der Vertrauenswürdigkeit der Heiligen Schrift festzuhalten und gleichzeitig offen zuzugeben, dass man bestimmte negativ wirkende Aussagen der Schrift kennt, sie nicht ignoriert, verschweigt oder verharmlost, aber sie mit niederem Rang einstuft, nicht eigenmächtig, sondern weil ein höherrangiges biblisches Prinzip den Gläubigen dazu autorisiert. Damit kann der Gläubige eine klare Grenze zur Propaganda ziehen – was ihn im Gespräch mit Andersdenkenden erheblich glaubwürdiger macht.

Ehrlichkeit ist aber kein Freibrief für Eigenmächtigkeit. Nach wie vor ist der Gläubige gut beraten, wenn er sorgfältig Distanz zu einer eigenmächtigen Entwertung biblischer Texte hält. Wir wissen genau, dass Jesus diese Entwertung, die in der liberalen Theologie üblich ist, nie akzeptiert hätte. Der Gläubige kann sich davor schützen, indem er in seinem Denken die Grundsätze geistlicher Disziplin  beachtet.

 

4. Liberales Schriftverständnis.
Die Bibel ist Menschenwort. Sie enthält großartige Ideen der Mitmenschlichkeit, Liebe und Opferbereitschaft und gibt in vielerlei Hinsicht Denkanstöße zum Überdenken und Verbessern von Ethik und Lebensführung. Sie ruft religiöse Gefühle hervor, Gefühle der Hoffnung und des Trostes, die zur Bereicherung des Lebens beitragen. Über das Jenseits, über ein eventuelles Leben nach dem Tod vermittelt sie keine zuverlässigen Erkenntnisse.

Das letztgenannte „Bibelverständnis“ erhebt bisweilen auch den Anspruch, eine Version des  “christlichen Glaubens” zu sein. Man hat guten Grund das zu bezweifeln, da die Heilstatsachen des christlichen Glaubens nicht anerkannt werden.

Diese Internetseite befasst sich nur mit christlichen Bibelverständnissen.

Von den unter Punkt 1 bis 3 genannten christlichen Bibelverständnissen tun sich Vertreter der Irrtumslosigkeit am schwersten mit der Versuchung zu unfairer Argumentation.

Hilfreich wäre es, mehr mit Fragen als mit Behauptungen zu argumentieren.

Um festzustellen, welches Schriftverständnis am besten den Maßstäben Jesu entspricht, muss man Vor- und Nachteile prüfen und offen ansprechen dürfen.

Ist die Irrtumslosigkeitsdoktrin wirklich am besten geeignet, vor Unglauben zu schützen?

Wie ist hier das Zeugnis der Glaubensväter zu bewerten?

Prüfe doch einmal, ob dich das prioritätenorientierte Bibelverständnis nicht viel effizienter und besser schützt!

Artikel aktualisiert am 11.06.2018

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