Bibeltreue Update 2.0 – Warum?

Unter „bibeltreuer“ Interpretation der Bibel verstehen viele Gläubige ein Schriftverständnis, das sich an der Chicago-Erklärung aus dem Jahre 1978 orientiert (buchstabenhöriges Bibelverständnis). Neuere Erkenntnisse bibeltreuer Schrifterkundung machen jedoch die Notwendigkeit von Ergänzungen und Differenzierungen deutlich, sofern man nicht die Augen verschließt vor erheblichen Mängeln und Nebenwirkungen dieses Ansatzes, die mittlerweile offensichtlich geworden sind.

Die Intention dieses Ansatzes ist, die Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift als Glaubensgrundlage herauszustellen. Das ist auch unser Anliegen. Doch wie kann man das glaubwürdig tun ?

Es bleibt missverständlich, wenn man kurz und bündig die „Heilige Schrift als völlig zuverlässig” bezeichnet ( Credo der Evangelischen Allianz ), weil immer wieder Gläubige, insbesondere Glaubensanfänger und junge Menschen, aus dieser Formulierung den Schluss ziehen werden, dass alle Aussagen des Neuen Testamentes gleichen Rang und gleiche Autorität haben.

Das ist objektiv falsch, wie auch Jesus ganz klar feststellt, der von der überragenden Bedeutung seiner Qualitätsmaßstäbe “Barmherzigkeit, Liebe zum Recht, Treue und Ehrlichkeit” spricht. (Mt 23,23). Haben sie überragende Bedeutung, muss anderen Aussagen der Bibel geringere Bedeutung zuerkannt werden.

Die Qualitätsmaßstäbe sind das Ordnungskriterium, mit dessen Hilfe sich alle anderen Gebote der Bibel angemessen einordnen lassen.

Wenn diese Maßstäbe in einer Gemeinde nicht angemessen respektiert werden, wenn dort insbesondere auf eine “Kultur der Fairness” wenig Wert gelegt wird, dann steht dieses Ordnungskriterium nicht oder nur sehr eingeschränkt zur Verfügung.

Sorgfältige Gläubige können dann Bibelworte sehr leicht in destruktiver Weise missverstehen (“Giftige Theologie“)

Dieser Zerstörungsprozess ist schwer umkehrbar. Die Beteuerungen der Gemeindelehrer, dass perfektionistische Missverständnisse falsch seien, erreichen das geschädigte Gewissen nicht mehr, wenn diese Behauptungen nicht fest auf das Ordnungskriterium Jesu, sondern auf den Glauben an menschliche Autorität gegründet sind. (“Glauben an den Glauben anderer“)

Auffällig ist, dass Vertreter der Verbalinspirationsdoktrin (Chicago-Erklärung) Gläubigen in seelischen Katastrophen, wie sie in Folge einer buchstabenhörigen Theologie typischerweise auftreten, kaum helfen können. Da ihre Argumente sehr schwach und widerlegbar bleiben, bleibt die Seelsorge ineffizient, sodass der Ratsuchende u.U. jahrelang den Seelsorgern mit immer demselben Problem zur Last fällt. Aus dem Versagen der Seelsorge müsste man eigentlich auf mangelhafte Theologie schließen. Doch dieser Gedanke ist tabu, da mit ihm auch das Lehrmonopol fragwürdig wird.  Folglich wird das Elend der Betroffenen so gut wie nie thematisiert. Sie bleiben für ihr ganzes Leben in schlimmer Depression gefangen.

Was ist von Theologen zu halten, die keinen Widerspruch zwischen dem Evangelium und solchen Auswirkungen erkennen können ?

Diese Nebenwirkungen haben uns dazu bewogen, die Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift auf andere Weise zu begründen als über eine pauschale Behauptung einer Eigenschaft („Fehlerlosigkeit“), die für den Menschen kaum oder gar nicht faßbar ist.

Es hat sich als viel fruchtbarer erwiesen, den Rang von Bibelworten zu untersuchen unter der Fragestellung, wodurch lebendiger Glaube entsteht und bestehen bleibt. Damit sind wir sehr nahe an der Bibel, denn Rangunterscheidungen macht die Bibel selbst: indem sie von kleinen, großen und von wichtigsten Geboten spricht.

Jeder Gläubige ist in der Lage, den Rang von Bibelworten festzustellen. Jeder Gläubige erhält das Geschenk des Heiligen Geistes, der „in ALLE Wahrheit leitet.“ (Joh 16,14) Im Zusammenwirken vom Wort Gottes und Glaubenspraxis entsteht die nötige Klarheit und Gewissheit (prioritätenorientiertes oder schöpfungsgemäßes Inspirationsmodell).

Auch wenn Gläubige Bibelworte an den überragenden Qualitätsmaßstäben “Barmherzigkeit, Liebe zum Recht, Treue und Ehrlichkeit” messen, so stellen sie fest, das Bibelworte nicht gleichwertig sind, sondern in ihrer Bedeutung für das Glaubensleben, in ihrem Rang höchst unterschiedlich sein können. Soweit sie eben diese Maßstäbe konsequent anwenden, werden sie zu annähernd ähnlichen Ergebnissen kommen.

Aussagen mit fundamentaler Bedeutung für das PRAKTISCHE Glaubensleben sind äußerst stringent und selbsterklärend. Sie haben höchsten Rang und automatisch unbezweifelbare Autorität. Ihr Inhalt lässt sich übrigens mit Hilfe des Fünf-Farbenbuchs auch an Analphabeten vermitteln.

Bereits das Vertrauen auf diese wenigen Sätze genügt, um in der Nachfolge Jesu zu leben, Erfahrungen mit Gottes Führung und Erziehung zu machen und sicher im Himmel anzukommen.

Nun gibt es aber noch Texte einer ganz anderen Art in der Bibel, die offenbar keinen hohen Rang haben, die aber Gott in den biblischen Kanon hat hineingelangen lassen, weil sie nützlich sind, „um Weisheit und Selbsterkenntnis zu vertiefen, um das Verhalten zu bessern, und um zur Wertschätzung der Gerechtigkeit zu erziehen.“ (2.Tim 3,16)

Wir differenzieren den Rang solcher Texte mit Hilfe bibeltypischer Aussage-Stile.

Dazu gehören auch Texte mit einem vorläufigen, nur für einen bestimmten Zeitraum gültigen Inhalt (“Schatten-Texte“), so wie Texte im “no-comment”-Stil wie  z.B. der Bericht von David und Simei.