Beweiswert der Prophetie

1/3… Die Idee der erfüllten Prophezeiung taucht in den Evangelien sehr oft auf. Immer wieder heißt es: : “auf dass erfüllt würde….” Soll damit aber gesagt werden, dass es sich hier um Beweise juristisch bedeutsamer Qualität handelt, gar um einen “Gottesbeweis” wie es z.B. evangelikale Aushängeschilder wie Prof. Dr. Werner Gitt behaupten, unwiderlegbare Beweise, die geeignet sind, Ungläubige zum Glauben zu zwingen? Oder sind es Hinweise für Gläubige, die den engen Zusammenhang zwischen Alten und Neuem Bund beleuchten sollen?
Eines lässt sich sicher nachweisen: dass eher die zweite Deutung als “Hinweise für die Gemeinde” in Frage kommt, auch wenn einige Vorhersagen tatsächlich einen starken Impuls zum Staunen und Vertrauen geben.

Eine sehr beeindruckende Prophetie ist zweifellos die Danielprophetie, die ankündigt, dass der Gesalbte nach 69 Jahrwochen nach dem Wiederaufbau Jerusalems hingerichtet werden wird. “So wisse nun und merke: von der Zeit an, da ausgeht der Befehl, dass Jerusalem soll wieder gebaut werden, bis auf den Gesalbten, den Fürsten, sind sieben Wochen und zweiundsechzig Wochen… Und nach den zweiundsechzig Wochen wird der Gesalbte ausgerottet werden” (Dan 9,25-26)
Im 20ten Regierungsjahr des persischen Königs Artaxerxes, d.h. im Jahr 445 v.Chr. erging der Befehl die Stadt Jerusalem wieder aufzubauen. (Neh 2,1-8) Die Hinrichtung des Messias, des “Gesalbten”, sollte 7 + 62 = 69 “Jahrwochen” d.h. 7 x 69 = 483 Jahre später erfolgen, d.h. etwa im Jahr 31 n.Chr.
Die Folge dieser Prophezeiung war eine allgemeine starke Messiaserwartung in Palästina zur Zeit Jesu, wie sie später nie mehr entstehen sollte. In dieser Zeit traten allerdings etliche Persönlichkeiten auf, die als Messias verehrt wurden und umgebracht wurden (wie z.B. Bar Kochba).

Auch für Bethlehem als tatsächlicher Geburtsort Jesu gibt es gewichtige Argumente: nirgends wird daran im zeitgenössischen rabbinischen Schrifttum gezweifelt. Origines stellt fest, dass die Rabbinen das Thema der Geburt des Messias in Bethlehem mit Stillschweigen übergingen. Wäre ein anderer Geburtsort nachweisbar gewesen, hätte man dieses schlagende Argument sicherlich gegen Jesus verwendet. (Quelle: Origines Cels.1,51.; zitiert bei Ethelbert Stauffer, Jesus – Gestalt und Geschichte, A. Francke Verlag Bern 1957, S.25)

Ein weiteres starkes Argument ist die Tatsache, dass Jesus mit seinen Wundertaten die zeitgenössischen Erwartungen an den Messias erfüllte. Als legitimierende Wunder des Messias wurde von den Rabbinern die Heilung eines Aussätzigen, die Heilung eines Blindgeborenen und die Austreibung eines Dämons aus einem Taubstummen genannt. Obwohl nun das rabbinische Schrifttum Jesus feindich gesonnen war, wurde nie bezweifelt, dass Jesus Wunder tat. “Um 95 spricht Rabbi Elieser ben Hyrkanos in Lydda von den Zauberkünsten Jesu (Sabbath 104b; Tos Sabbath 11,15), Um 110 hören wir von einer palästina-jüdischen Kontroverse um die Frage, ob man sich im Namen Jesu heilen lassen dürfe (Aboda zara 27b; Tos Hullin 2,22f). Wunderheilungen im Namen Jesu setzen voraus, dass Jesus selbst Wunder vollbracht hat. Um die gleiche Zeit (95-110) begegnet uns die Verdammungsformel: ‘Jesus hat gezaubert und verführt und Israel abwendig gemacht’ (Sanh 43a; 107b; vgl. Sota 47a)” (Quelle: Stauffer, ebd., S 19.)

Eine weitere Prophetie, die stark über den Kreis der Jünger hinaus wirkte, war die Ankündigung des stellvertretend leidenden Gottesknechtes. “Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in der Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg; aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.” (Jes 53,4-6)

Noch heute wird das Lesen dieser Prophetenworte in vielen Synagogen vermieden, da sie die Befürchtung wecken, dass der Prophet den Opfertod Jesu voraussagt.
Auf wen könnten diese Prophetenworte denn zutreffen, wenn nicht auf Jesus? Jesus war die einzige Persönlichkeit mit weltweiter und heute noch andauernder Wirksamkeit, auf die die Datumsangabe des Propheten Daniel zutrifft.

Doch was man dennoch einräumen muss: “Beweise” im zwingenden juristischen Sinn liegen nicht vor. Da wir keinen gerichtsverwertbaren Beweis für die Auferstehung Jesu haben, kann es nicht sicher ausgeschlossen werden, dass die Jünger Jes 53 genutzt haben um das Scheitern ihres Meisters zu glorifizieren. In diesem hätten wir es mit einer “self-fulfilling prophecy” zu tun. Indem sich die Jünger anstrengten, ihre zum Triumph umgedeutete Erfahrung überall zu verbreiten, erlangte Jesus tatsächlich über die Jahrhunderte weltweite Bekanntheit, die als Belohnung seiner Hingabe ausgelegt werden konnte. Es bereitet allerdings Mühe sich vorzustellen, dass sich die Apostel für eine von ihnen selbst erfundene Geschichte hätten totschlagen lassen. Andererseits kann man auch wieder bezweifeln, dass die Berichte der Kirchenväter zutreffen, die uns mitteilen, dass die Apostel tatsächlich den Märtyrertod starben.

Jetzt komme ich zu den Prophezeiungen, die problematischer sind.

Zunächst: es ist unstrittig, dass die als Prophezeiung gewerteten Texte des Alten Testaments tatsächlich viel älter sind als die Zeit der Ereignisse, die sie angekündigt haben sollen. Doch wir müssen an sie schon präzisere Fragen stellen:

Waren die angekündigten Ereignisse durch die Zeitgenossen beeinflussbar?

Die Apostel sahen in Jesus den Messias, den zukünftigen König Israels. Da der Messias laut Prophetie “auf einem Esel” in die Stadt einziehen sollte (Sach 9,9), war es doch sinnvoll, für den Einzug einen Esel zu beschaffen, auf dem Jesus in die Stadt reiten konnte. Wieso wird dann von “Prophetie” gesprochen, die Beweis für ein mathematisch unwahrscheinliches Eingreifen Gottes sein soll?

Zweitens: War der Eintritt der angekündigten Ereignisse überhaupt nachweisbar oder handelt es sich bei den Berichten nicht ebenfalls wieder um Glaubensinhalte?

Es besteht kein Zweifel, dass im Neuen Testament von Matthäus berichtet wird (Mt 1,18ff) , dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde, was als Erfüllung von Jes 7,14 anzusehen sei. Doch wer war Matthäus? Ein glühender Anhänger des “Jesus-Fan-Clubs”. Womit ist bewiesen, dass diese Behauptung nicht von den Fans frei erfunden wurde, um ihren Meister zu glorifizieren? Die Behauptung ist nicht nachprüfbar und selbst wieder Glaubensinhalt.

2/3 Dasselbe kann man zur Behauptung sagen, Jesus sei “als Sohn Gottes geboren” worden (Jes 9,5 / Luk 2,6-7) oder sei “zur Rechten Gottes erhöht worden” (Ps 110,7 / Apg 7,56 ). Das soll für uns heute – 2000 Jahre später – ein hieb- und stichfester “Beweis” sein? Die Erfüllung ist Glaubensinhalt, nicht mehr.

Auch die berichtete Auferstehung Jesu ist heute kein Beweis. Selbst wenn von 500 Zeugen dieser Auferstehung berichtet wird (1.Kor 15,6), und wir annehmen dass dieser Bericht stimmt, so hatten jedoch nur für die Zeitgenossen des Paulus die Möglichkeit, die Zeugen zu befragen. In der Tat, wenn man einen Zeugen persönlich als sachlichen, nüchternen und ehrlichen Menschen kennt, dann hat sein Zeugnis ein großes Gewicht und könnte überzeugen. Doch wir kennen niemand der Zeitzeugen persönlich und so zerrinnt auch diese Überzeugungsquelle in nichts. Ergebnis: die Auferstehung Jesu ist selbst wieder Glaubensinhalt und Glaubenshoffnung der Gläubigen. Die Gewissheit, das Jesus heute lebt und unsichtbar bei uns ist, muss auf anderem Wege kommen.

Dritte Frage: Bezieht sich die Prophetie tatsächlich auf den angekündigten Messias?
Jesus wurde am Kreuz ein Schwamm mit Essig gereicht.(Mt 27,34) In Ps 69,22 beklagt sich der Psalmdichter, dass ihm seine Feinde Essig zu trinken gaben. Eine Prophezeiung auf den Messias? Johannes scheint es anzudeuten: “Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig … und hielten ihm den an den Mund.” (Joh 19,28) Wenn man Vers Ps 69,4 liest, mag man es bezweifeln, denn dort spricht der Dichter über seine Sünde: “Gott, du kennst meine Torheit, und meine Schuld ist dir nicht verborgen.” Wie soll das dann auf Jesus zutreffen, der ohne Sünde war (Joh 8,46) ? Gut, hier lässt sich einwenden, dass “Jesus für die Menschen zur Sünde gemacht wurde” (2.Kor 5,21.) Durch diesen Vers können wir auch Ps 69,4 tatsächlich als Vorankündigung sehen. Was aber ist mit V. 29: ” Tilge sie aus dem Buch des Lebens, dass sie nicht geschrieben stehen bei den Gerechten…” Wie verträgt sich das mit der Bitte Jesu: “: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!]” (Luk 23,34). Das bezieht sich sehr wahrscheinlich nur auf die jüdischen Führer (Joh 9,41!) und nicht auf die römischen Herrschern. Denen wird bescheinigt, dass sie Jesus nicht als den Messias erkannt hatten:” unsere Herrlichkeit, 8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt” (1.Kor 2,8) Auch hier können wir den Widerspruch auflösen.

Ganz anders bei der nächsten Prophezeiung…

Mt 2,14-15: “Mitten in der Nacht brach Josef mit Mutter Kind nach Ägypten auf. Dort lebten sie bis zu Herodes’ Tod und es traf ein, was Gott durch den Propheten vorausgesagt hatte: “Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen”.
Im AT sucht man aber vergeblich nach einer Prophetie, die einen aus Ägypten kommenden Messias ankündigt.
Die einzige ähnlich lautende Stelle, die hier gemeint sein könnte, steht in Hosea 11,1. Dort heißt es: “Da Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten. Aber wenn man sie (die Israeliten) jetzt ruft, so wenden sie sich davon und opfern den Baalim und räuchern den Bildern. Ich nahm Ephraim (=Israel) bei seinen Armen und leitete ihn; aber sie merkten es nicht, wie ich ihnen half. Ich ließ sie ein menschliches Joch ziehen und in Seilen der Liebe gehen und half ihnen das Joch an ihrem Hals tragen und gab ihnen Futter. Sie sollen nicht wieder nach Ägyptenland kommen, sondern Assur soll nun ihr König sein; denn sie wollen sich nicht bekehren.”
Unschwer zu sehen: in der zugeordneten Hosea-Stelle geht es gar nicht um Prophetie. Es geht um einen Rückblick auf die Befreiung Israels aus der ägyptischen Sklaverei. Gott hoffte auf Dankbarkeit, aber Israel (bisweilen auch pars pro toto) “Ephraim” genannt, enttäuschte ihn. Die Leute wollten sich nicht ändern. Passt diese Aussage denn wirklich auf den Messias, der von sich sagte: “Wer von euch kann mich einer Sünde zeihen?” (Joh 8,46)
Wer ehrlich ist, stellt fest: es passt vorne und hinten nicht.

“Erfüllt” bedeutet bei Matthäus offenbar nicht: “Präzise angekündigt, präzise eingetroffen.” Wenn wir einen “Beweis” erwarten, dann kann dieses Beispiel allenfalls als Beweis für einen Irrtum in der Bibel taugen. Es kann für Gläubige Aber ein Hinweis sein für einen Gedanken, den Gott mehrmals in der Geschichte wirksam werden lässt. Ein Hinweis, kein Beweis!

Wir können natürlich annehmen, dass es tatsächlich einmal eine konkrete Prophetie gab, die vorhersagte, dass es niemand anders als der Messias selbst sein wird, der aus Ägypten gerufen werden wird, eine vorzeigbare Prophetie also, die aber leider in einem Text stand, der verlorenging. Dies wiederum würde bedeuten, dass der Kanon unvollständig, d.h. mangelhaft bzw. verbesserungsbedürftig ist.

Doch das ist reine Spekulation. Wir haben nur den Hosea-Satz. Wenn wir davon ausgehen, dass Matthäus sich tatsächlich auf die Hosea-Stelle bezieht, was kann dann “erfüllt” bedeuten? Wir können es eine “Vorschattung” nennen. Ein Zusammenhang ganz eigener Art, der aber zum “Beweis” für Nichtgläubige sowenig taugt wie für “Wahrscheinlichkeitsrechnungen”.

Seltsamerweise blieb die Zeit der christlichen Gemeinde den alttestamentlichen Propheten verborgen. Und doch ist sie der Fokus der Weltgeschichte. Frühere Ereignisse dienen dazu, der Gemeinde wichtige biblische Wahrheiten in symbolisierter, teilverschlüsselter Form einzuprägen.

“Im Gesetz Mose’s steht geschrieben: “Du sollst dem Ochsen nicht das Maul verbinden, der da drischt.” Sorgt Gott für die Ochsen? Oder sagt er’s nicht vielmehr um unsertwillen? Denn es ist ja um unsertwillen geschrieben.” (1.Kor 9,9-10) Sicher ist Gott auch das Wohl der Ochsen wichtig. Gott fühlt Erbarmen auch mit den Tieren (Jona 4,11) Doch die Hauptaussage zielt auf die christliche Gemeinde und ihre Leiter, die angemessen versorgt werden sollen. “Also hat auch der HERR befohlen, daß, die das Evangelium verkündigen, sollen sich vom Evangelium nähren sollen.” (1.Kor 9,14)
Was immer im Alten Testament geschieht, Gott denkt damit zugleich an den Neuen Bund, der durch Jesus Christus mit Menschen geschlossen wird. Selbst wenn es im AT um die Fütterung der Ochsen geht.

Nach dem Exodus aus Ägypten war es Israel möglich, nach der Sklaverei ein Leben in Freiheit zu beginnen. Auch Jesus kam aus Ägypten zurück und gab allen in Israel, die an ihn glaubten. die Chance auf Freiheit von der Sklaverei der Sünde. In beiden Fällen wurde ein ganz neues Kapitel der Geschichte des Gottesvolkes begonnen.

Einen ähnlichen Zusammenhang finden wir in Matthäus 2,23: “(Jesus) ließ sich in einer Stadt namens Nazaret (Ναζαρετ) nieder. So sollte sich erfüllen, was die Propheten sagten: Er soll Nazōraios (Ναζωραιος) genannt werden.”

Auch dieser dem Propheten zugeschriebene Satz findet sich nirgends im AT. Dem Messias wird aber vom Propheten das Wort “Spross” (hebr. N-e-Z-e-R) zugeordnet. Wörtlich heißt es dort: “es wird ein Spross aufgehen vom Baumstumpf Isais … auf dem der Geist des HERRN ruhen wird, …. Er wird .. mit Gerechtigkeit die Armen richten … und wird mit dem Stabe seines Mundes die Erde schlagen und mit seinem Atem den Gottlosen töten.” (Jes 11,1) Hier geht es ohne Zweifel um den Messias, der über die Erde richtet und mit einem bloßen Wort töten kann. (vgl. Offb 1,16: “er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Gesicht leuchtete wie die helle Sonne.”)

Hier sagt Matthäus der gläubigen Gemeinde: In Nazaret wuchs Jesus auf. Viele, die ihm hier vor seinem Wirken begegneten, erlebten, dass hier eine große Persönlichkeit heranwuchs. Sollte er der verheißene NEZER sein? Eine unzerstörbare Hoffnung, die unversehens aus einem abgestorbenen, totgeglaubten Baumstumpf hervorwuchs und einst über alles triumphieren würde? Der Name des Ortes schien diese Ahnung zu bekräftigen: NaZaRet. Gott hatte sich diesen Ort ausgewählt, um den Gläubigen, die den Messias erwarteten, einen Hinweis zu geben.
Gott gibt einen Hinweis, der dem Gläubigen genügen kann, aber keinen “Beweis”, der Nichtglaubende zwingt, der Bibel Unfehlbarkeit zu bescheinigen. Dann hätte der Satz, so wie Matthäus ihn zitiert, auch in der Prophetie stehen müssen.

In Sach 11,12 wird “der Hirte” für seinen Dienst mit der unangemessen geringen Summe von 30 Silberstücken entlohnt. Mt 27,9 sieht hierin eine Prophezeihung der Summe, für die Jesus von Judas verraten wurde. Von einem Verrat des Messias durch eine einzelne Person ist jedoch beim Propheten Sacharja (den Matthäus versehentlich als “Jeremia” zitiert) keine Rede. Auf den ersten Blick geht es dort um die Entlassung und Ablohnung eines Hirten, der die “elenden“, entarteten (weil fleischfressenden) “Schafe” nicht mehr hüten will. Außer den elenden Schafen, denen mit dem Gericht gedroht wird, werden als böse Personen noch “drei Hirten” genannt, die Gott mit dem Tod bestraft. Die Festsetzung der Abfindungssumme erfolgt durch die Schafe. Da Gottes Auftrag an den Hirten erging, ist der Leser geneigt, dass Wort “ich”, mit dem sich der entlassene Hirte bezeichnet, mit dem Propheten Sacharja zu identifizieren. Aber die Geringwertigkeit der Summe bringt Gott mit seiner Person in Verbindung: “Was für eine treffliche Summe, deren ich wert geachtet bin von ihnen!” Somit scheint die zweite Person, die in diesem Dialog auftaucht, auch Gott zu sein. Im Neuen Testament wird Jesus als Gott (1.Joh 5,20) und als der “gute Hirte” (Joh 10,11) bezeichnet. Diese Querverbindungen zwischen Alten und Neuem Testament können nur Gläubige erkennen, weshalb die Prophezeihung ein Hinweis für Gläubige ist. Ein Beweiswert für Nichtchristen hat sie nicht.

Eine ähnlich vorsichtige Beurteilung ist angebracht bei der “Prophezeihung” des Kindermords von Bethlehem (Mt 2, 16-18 / vgl. Jer 31,15-16).

Genauso wenig ist es nachweisbar, dass die Evangelisten über das Verlosen der Kleidung, die letzten Worte Jesu am Kreuz usw. zutreffend und wahrheitsgemäß berichtet haben oder ob sie solche Zusammenhänge nachträglich geschaffen haben, um für ihre Theologie unter Juden missionieren zu können. Wir möchten es gerne glauben, wir verlassen uns gläubig darauf – aber nachprüfbar ist es nicht.

3/3 Die letztgenannten Beispiele von prophetischen Ankündigungen können also durchaus als Belege für fehlerhafte Prophetie dienen, wenn man nicht begreift, dass sie gar keine Beweise sein sollen, sondern nur Hinweise für Gläubige für Zusammenhänge zwischen AT und NT.

Erst recht ist es unseriös und absurd, auf diese Aussagen eine “Wahrscheinlichkeitsrechnung” zu gründen. Leider gibt es immer noch viele Gläubige, die solche unhaltbaren Behauptungen ungeprüft nachplappern, in Büchern und Traktaten drucken sowie auch noch die Internet-Foren damit beglücken müssen.

Menschen, die dem christlichen Glauben fernstehen, werden daraus eigentlich nur den Schluss ziehen, dass Glauben etwas mit Selbstbetrug zu tun hat, mit der Verwechslung von Fakten mit Wunschdenken, sodass erwachsene Menschen durch Religion kindisch und leichtgläubig werden.

Auch der Gemeinde kann manipulative und unehrliche Bibelinterpretation schaden. Der oberflächlich denkende Christ nimmt die Manipulation wahr, verzichtet aber gerne auf die Richtigstellung, “um sich nicht verunsichern zu lassen.” Darin zeigt sich, dass das Vertrauen auf einen Gott, der seine Kinder in alle Wahrheit leitet, doch sehr schwach ausgebildet ist.

Anders der Gläubige, der die Erwartung, Falsches einfach zu ignorieren, als Angriff auf seine Würde und Integrität empfindet. Er wird eine glaubwürdige und nachvollziehbare Antwort haben wollen.
Auf Wesen Seite sollen wir uns stellen? Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Einigkeit im Geiste, wird unter diesen Bedingungen immer weiter schrumpfen. Unehrlichkeit ist nicht verhandelbar. Sie reißt einen tiefen Graben auf zwischen den, die an ihr festhalten und denen, die sie überwinden wollen.

Der Apostel Johannes würde für Klarheit eintreten: “Ich schreibe euch also nicht, weil ihr die Wahrheit nicht kennt, sondern weil ihr sie kennt und wisst, dass aus der Wahrheit keine Lüge hervorgehen kann.” (1.Joh 2,21) Das sollten wir doch ernst nehmen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.