Bericht Helga – 03032017

Ist das Hilfsangebot der Evangelischen Allianz Deutschland für Opfer von religiösem Missbrauch tatsächlich hilfreich? Ich kann aus 9-jähriger eigener Erfahrung nach einer 2008 erlittenen Traumatisierung zum religiösen Missbrauch (der oft auch andere Missbrauchsformen beinhaltet) folgendes sagen: Ich habe nicht den Eindruck, dass man in der Evangelischen Allianz mit diesem Thema verantwortbar umgeht. Wie will man dann weiterer Gewalt vorbeugen? Es ist dringend not-wendig, dass sich Menschen aus Kirche / Gemeinde 100 Prozent zuverlässig und verantwortlich diesem Thema öffnen, um weitere Opfer zu vermeiden, und Menschenwürde und Menschenrechte auch im christlichen Bereich zu schützen.

Die Öffentlichmachung der sexuellen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche hat dazu geführt, dass endlich über dieses Tabu zumindest im Ansatz kommuniziert wird. Eine Aufklärung der gemeldeten Fälle und Hilfe für die Opfer wurde zugesprochen, wird aber in der Realität immer noch nicht ausreichend umgesetzt (Quelle u. a. http://www.netzwerkb.de von Norbert Denef).

Seit einigen Jahren melden sich immer mehr Menschen, die von „religiösem Missbrauch“ in evangelikalen Gemeinden betroffen sind. Die Evangelische Allianz Deutschland hat aufgrund von Meldungen über Machtmissbrauch und Missbrauch in anderen Formen 2016 ein Angebot für Betroffene in Form einer Clearingstelle eingerichtet. Sie hat damit bei Menschen, die durch fromme Gewalt Schaden erlitten haben, große Erwartungen geweckt.

Im Herbst 2016 habe ich die Clearingstelle kontaktiert, um endlich nach meiner traumatisierenden Erfahrung mit religiösem Missbrauch in einem baptistischen Kontext konkrete Hilfe zu bekommen. Der oder die Clearingbeauftragte tätigt in solch einem Fall maximal drei Anrufe zu Personen, die der Betroffene benennt, um dem Missbrauchsvorwurf nachzugehen. Nur drei Anrufe? Was soll das!

Wer sich umfassend mit dem Thema Missbrauch / Gewalt in verschiedenen Formen mit Hilfe der Fachliteratur und anderer Quellen befasst hat, dem ist auch bekannt, das „Misshandler“ und das soziale Umfeld (Mitläufer, Wegseher) nicht an einer Auf-Klärung interessiert sind, und daß das „Gesetz des Schweigens“ immer noch im christlichen Umfeld vorherrscht.

Die deprimierende Erfahrung, bei der Suche nach Hilfe immer wieder gegen endlose Mauern des Schweigens zu stoßen, ist re-traumatisierend und kostet Betroffene viel Kraft, die sie eigentlich zum Überleben und zur Gesundung brauchen.

Fakt ist: es gibt nach wie vor keine nennenswerte Unterstützung für Opfer von religiösem Missbrauch. Ein stabiles konkretes Netzwerk der Hilfe fehlt völlig. Zudem gibt es zu wenig Traumatherapeuten, die sich mit Traumatisierung im religiösen Kontext (= post-religiöses-Trauma bzw. post-cult-trauma im Englischen) auskennen. Es ist auch generell sehr schwer Therapeuten zu finden, da diese oft keine neuen Patienten mehr annehmen, weil die Kapazitäten erschöpft sind. Wohin soll sich also ein Opfer von massiven traumatisierenden Grenzverletzungen wenden? Das Angebot der Allianz in Form einer Clearingstelle und maximal drei Anrufen ist keine angemessene und ernstzunehmende Hilfe.

Außerdem: ist es eigentlich nicht selbstverständlich, dass Opfer des religiösen Missbrauchs genauso wie Opfer sexueller Gewalt aus einem Hilfsfond entschädigt werden, sofern sie durch die gesundheitliche Schädigung sozial abrutschen und nicht mehr arbeitsfähig sind? Bis heute ist es so, dass durch religiösen Missbrauch Geschädigte auch die finanziellen Folgen allein zu tragen haben.

Artikel aktualisiert am 25.04.2018

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