Antinomien – biblische Überlogik

Von Wolf Rahn.

Es gibt eine heilige und eine unheilige Einseitigkeit. So werden viele Nichtgläubige von einem Christen sagen: Der ist ja furchtbar einseitig an der Bibel orientiert. Immer Jesus, immer der Glaube… Ja, Liebe macht einseitig: “NUR DU, IMMER DU!” Wer die Liebe zwischen Jesus, unserem Bräutigam und der Braut, seinen Gläubigen, nicht kennt, der muss über uns Gläubige den Kopf schütteln.

Und es gibt eine unheilige, teuflische Einseitigkeit, die wir z.B. in dem Bericht über die Versuchung Jesu (Mt 4,6) finden: Satan zitiert die Heilige Schrift: “Gott wird seinen Engeln befehlen und sie werden dich auf den Händen tragen, dass dein Fuß nicht an einen Stein stoße.” So steht es in Ps.91! Wort des lebendigen Gottes! Erfahrung jedes Christen! Aber nun kommt Satans Schlussfolgerung: “Wenn dir sowieso nichts passieren kann, dann spring doch von der Zinne des Tempels herab!” (Höhe der Zinne ca. 50 m)

Was antwortet Jesus? Man sollte erwarten:”Weiche von mir, Satan!” Aber er gibt uns in seiner Antwort eine wichtige Hilfe: “Wiederum (= andererseits) steht auch geschrieben, du sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen!” (Deu 6,16) Sein zitiertes Gotteswort sichert das Gotteswort, das Satan benutzt, vor Missbrauch! EINE HALBE WAHRHEIT IST EINE GANZE LÜGE! Durch unheilige Einseitigkeit sind schon ganze Sekten entstanden, haben Menschen ihren Glauben verloren. Daher ist dies ein ganz wichtiges Thema.

Muss es uns stören, dass wir manches in der Bibel nicht verstehen? Was ich mit einer Zange greifen will, muss immer kleiner sein als die Spannweite der Zange. Wenn ich mit der Zange meines Verstandes Gott “be-greifen” könnte, wäre Gott kleiner als mein Verstand. “MEINE GEDANKEN SIND HÖHER ALS EURE GEDANKEN” (Jes 55,9), aber das muss uns keine Sorgen machen, denn es sind Gedanken der Liebe.

Bei einem Brief Gottes an uns müsste also zweierlei auffallen: Sein Inhalt müsste ein bisschen über unsere Logik hinausgehen – und müsste doch verständliche Hilfe bringen. Es gibt nur ein einziges Buch in der Weltliteratur, das diese Gestalt hat: Überlogisch und liebevoll. So etwas denkt sich der Mensch nicht aus.

Viele biblische Wahrheiten werden uns als Antinomien vorgestellt, als Gegensätze, die sich eigentlich logisch widersprechen aber zusammen dieselbe Wirklichkeit beschreiben.

Wir finden dieses Phänomen auch in der Schöpfung. Das Wesen des Lichtes kann z.B. nur durch zwei sich logisch ausschließende Eigenschaften beschrieben werden. Je nach Versuchsanordnung besteht es aus dahinschießenden Teilchen oder ist eine Wellenbewegung. Eins schließt das andere aus. Beides ist aber wahr. “MEINE GEDANKEN SIND HÖHER ALS EURE GEDANKEN” (Jes 55,9) – in der Schöpfung wie in der Bibel!

Die wichtigste biblische Antinomie ist das Wesen unseres Herrn JESUS CHRISTUS: “ER ward gleich wie ein anderer Mensch” (Phil 2,7) – wiederum steht auch geschrieben: “Mein Herr und mein Gott!” (Tho­mas zu Jesus: Joh 20,28) und “Jesus Christus ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben.” (1.Joh 5,20)

Also – was denn nun: Gott oder Mensch? So fragen z.B. logisch die Zeugen Jehovas. Und sie manipulieren in ihrer Neue-Welt-Übersetzung die Bibel so, dass herauskommt; Jesus ist nicht Gott. Nur Gott darf angebetet werden. So können sie nicht mit Jesus sprechen, können sich nicht an den Erlöser wenden.

In Jesus ist Gott uns ganz nahe gekommen, sodass wir Gottes Wesen erkennen und Vertrauen fassen können: “Wir sahen seine Herrlichkeitvoller Gnade und Wahrheit” (Joh 1,12) Wir müssen nicht mehr im Zweifel sein, wie Gott ist und wie er mit Menschen umgeht. Jesus sagte: “Wer mich sieht, der sieht den Vater” (Joh 14,9) Weil Jesus Gott war, konnte er zu einem wildfremden Menschen sagen: “Dir sind deine Sünden vergeben!” (Mt.9,2).

Jesus ist aber auch wahrer Mensch. “Er war allen menschlichen Versuchungen ausgesetzt, blieb aber ohne Sünde.” (Hebr 4,15) Er opferte sein sündloses Leben “für die Schuld der ganzen Welt” (Joh 1,29), nahm um der Menschen willen tiefstes Leid, körperliche Qualen und zuletzt sogar den Schrecken der Gottverlassenheit auf sich:  “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” (Mt 27,46)

Gleichzeitig GOTT und MENSCH, SCHÖPFER und GESCHÖPF. Diese doppelte Natur manifestiert sich in weiteren Antinomien. So ist Jesus beides: Herr über die Gemeinde und die ganze Welt. “Vor ihm werden sich einmal beugen alle Knie.” (Phil 2,10Ihr dient dem Herrn Christus” (Kol 3,24Zugleich ist seine Aufgabe auf Erden der härteste und entbehrungsreichste Dienst an den Menschen. Wiederum steht auch geschrieben: “Des Menschen Sohn ist gekommen, zu dienen” (Mt 20,28). Jesus ist Herr und Diener zugleich.

Jesus ist beides: Retter und Richter. “Euch ist heute der Heiland geboren!” (Luk 2,11) “der wird sein Volk retten von ihren Sünden” (Mt 1,21) – wiederum steht auch geschrieben: “er hat Vollmacht zu richten, weil er der Menschensohn ist” (Joh 5,27) “Der Vater hat alles Gericht dem Sohn übergeben.” (Joh 5,22) Ohne Erlöser keine Liebe, ohne Richter keine Gerechtigkeit.

Jesus ist beides: Subjekt der Opferhandlung: Hoherpriester” (Hebr 4,14) und Objekt der Opferhandlung: “Gottes Lamm” (Joh 1,29) – . Wäre ER es nicht, der opfert, gäbe es einen Größeren als ihn. Hätte ER sich nicht selbst geopfert, hätten wir keine Sündenvergebung. Priester und Opfer in einer Person – das ist zuviel für unsere Logik.

Man kann Antinomien mit der Schönheit einer gotischen Kirche vergleichen. Jeweils zwei Bögen stehen sich gegenüber und treffen oben zusammen.  Gegensätze ergeben die ganze Wahrheit. Aber wie sie in der Spitze zusammenpassen, ist Gottes überlogisches Geheimnis.

Auch der Christ erlebt seinen Leben unter der Führung Jesu als Antinomie. Ich lebe – aber nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.”(Gal 2,20Vernachlässigen wir “ich lebe“, achten wir uns weder als Schöpfungswunder noch als Gottes Kind, dem die Freiheit des Gewissens und der selbstverantwortlichen Entscheidung geschenkt worden ist. (Mt 25,14 ff / 1.Kor 6,12) Verneinen wir “… nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“, dann wissen wir nichts von der Leitung des Heiligen Geistes (Rö 8,14 / 2.Tim 3,5) und sind keine Christen. (Rö 8,9)

Auch überlogisch kommt man ins Reich Gottes hinein. “Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht!” (Hebr 4,7) Einerseits wird die Verantwortung des Menschen gelehrt. Wir wären sonst Marionetten. Andererseits wird die Allmacht der Gnade Gottes gelehrt. Selbst unsere Entscheidung, Christ zu werden, ist ein Geschenk göttlicher Gnade. (Gal 1,15 / 1.Pe 1,3)

Ebenso überlogisch verlässt man das Reich Gottes. Beispiel: Judas. Auch der übelste Verrat geschieht nach Gottes Bestimmung, ist Teil seines Planes. (Mt 26,27) Niemand kann Gott heimtückisch austricksen oder übertölpeln. Aber Judas bleibt dennoch voll verantwortlich und behält seine Freiheit, sich anders zu entscheiden.

Wenn du die Bibel durchforschst, wirst du noch viele weitere Beispiele für das “Einerseits – andererseits” finden, für Gegensatzpaare, die erst gemeinsam die ganze Wahrheit ergeben. Hier stichwortartig noch einige Beispiele:

Christen “sollen sich den Behörden und Amtsträgern des Staates unterordnen”  (Rö 13,1). Andererseits gilt: “Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.” (Apg 5,29) Viele Christen haben z.B. unter den Nazis versagt: sie setzten den ersten Vers absolut und halfen den verfolgten Juden nicht.

Gott bewahrt seine Gläubigen zuverlässig vor dem Verlust des Heils: “niemand kann sie aus meiner Hand reißen“. (Joh 10,28) Menschen in der Gemeinde, die hartherzig und unbarmherzig mit anderen umgehen, werden gewarnt, dass auf diesem Weg eine Grenze überschritten werden kann, wo es “unmöglich ist, sie zur Umkehr zu erneuern” (Hebr 6,4-6) So gibt das Wort Gottes Gläubigen, die ihre Schwäche kennen, Heilsgewissheit, muss aber zugleich auch die dickfelligen Besucher, die sich selbst nicht kritisch sehen können, aufschrecken. (Sorgfaltsparadox)

Einerseits heißt es: “Nicht jedem Geist glauben” (1.Joh 4,1), andererseits sagt die Bibel: “die Liebe glaubt alles” (1.Kor 13,7). Wir sind Schafe Jesu (Joh 10,27-29), aber keine Schafsköpfe. Wir prüfen sorgfältig, aber schenken auch jedem Menschen einen Vorschuss an Vertrauen. Wird es missbraucht, werden wir vergeben und angemes­sen weiterhelfen.

Einerseits heißt es: “Seinen Freunden gibt ER es im Schlaf” (Ps 127,2), andererseits sagt die Bibel: “Liebe den Schlaf nicht!” (Spr 20,13) Keine Einladung zur Faulheit, sondern zum Vertrauen.

Einerseits heißt es: “Das Wissen bläst auf” (1.Kor 8,1), andererseits sagt die Bibel: “Ich bete, dass eure Liebe reicher werde an Erkenntnis.” (Phil 1,9) Einerseits Warnung vor Überheblichkeit, andererseits Bemühung um geistlichen Reichtum.

Einerseits heißt es: “Ehre Vater und Mutter” (2.Mose 20,12), andererseits sagt die Bibel: “Wer nicht Vater und Mutter hasst, kann nicht mein Jünger sein.” (Luk 14,26) Gott wünscht sich herzliche Liebe zu den Eltern, ob gläubig oder nicht, aber Hass gegen ihren Ratschlag, Jesus nicht nachzufolgen.

Einerseits heißt es: “Der Mann ist das Haupt der Frau” (1.Kor 11,3), andererseits sagt die Bibel: “Hier ist nicht Mann noch Frau, sondern alle sind eins in Christus.” (Gal 3,28) Das Haupt – Christus, unser Vorbild – dient, gibt sich für seine Gemeinde hin. So sollen auch die Männer ihren Frauen dienen, sich für sie aufopfern. (Eph 5,25)

Nicht die Bibel ist problematisch mit ihren Widersprüchen. Vielmehr der Mensch mit seinem Widerspruch gegen Gott. :”Das Geheimnis ist des Herrn, unseres Gottes. Was aber offenbart ist, das ist unser und unserer Kinder ewiglich.” (Deu 29,28)

(nach Wolf Rahn – „Bibeltreue? Ja, aber mit Verstand!“)

Artikel aktualisiert am 25.04.2018

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