Andachten (Mai)

1. Mai

Röm. 8, 26: »Desselben gleichen auch der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sichs gebühret, sondern der Geist selbst vertritt uns aufs beste mit unaussprechlichem Seufzen» .

Es gibt gewissermaßen zwei Auffassungen solcher Worte, wie des vorstehenden. Die landläufige, oft etwas glatte, abgegriffene und die eigentliche tiefere. Die erste sagt sich hier sofort: selbstverständlich bedeutet das,daß der Geist hinter all unserem Gebet als der rechte Gebetsgeist stehen muß, um unseren Gebeten überhaupt die rechten Flügel, und das rechte Gewicht verleihen zu können. Die tiefere, dem Zusammenhang einzig entsprechende Auffassung aberilegt das Schwergewicht auf das Wort ,,Schwachheit«, erinnert an solche Gebetszustände bei Jesus (Joh. 12, 1.4) oder bei Paulus (2. Kor.12, 7–9) und findet den Trost darin, daß wir in solchen ,,schwachen« Stunden nicht allein gelassen werden. Der uns verheißen hatte: Ich will euch nicht als Waisen in der feindlichen Welt zurücklassen, der schickt nach solcher Verheißung seinen Geist, der uns nicht nur leitet, sondern
auch tröstet und sogar für uns betend eintritt, wenn wir  nicht mehr wissen, was und wie wir beten sollen. Gerade, wenn diese äußerste Schwachheit uns bekümmert, wenn unser Geist matt am Boden liegt, dann zieht ein Wehen des heiligen Geistes durchdas stille Gemach der Seele. Gott sei Dank! Es sind nicht nur niederziehende Einflüsse und.Stimmungen da, gegen die wir nicht aufkommen können, es giebt auch Hilfstruppen aus dem geistlichen Hauptquartier unseres treuen Gottes, die in solchen Augenblicken uns wieder den Anfang zu neuem Gebetsumgang schaffen wollen! Mögen das seltene Ausnahmen sein – sie sind wahre Wirklichkeiten!

Wir danken dir, Herr Jesu, daß du solch eine Stellung deiner Kinder auf Erden zu Stande gebracht hast, daß wir jetzt nie, und gerade nicht in unseren schwersten, schwächsten Stunden allein zu sein brauchen! Zieh uns durch deines Geistes Seufzen nur immer wieder in die rechte Bahn, bis unsere Gebete dich wieder gefunden haben und wir getröstet dich ganz
fröhlich rühmen können! Amen.

 

2. Mai

Esra 8, 22: Die Hand Gottes ist . . über allen, die ihn suchen.

Das Suchen Gottes ist die Lebensarbeit und Aufgabe  des denkenden Menschen. In der ihn umgebenden Natur, in den Beziehungen des irdischen Berufes, des Hauses und der Familie, in allen äußeren Erfahrungen und allem inneren Erleben ist auf
irgend eine Weise Gott für uns verborgen und wir haben die Aufgabe, ihn darinnen zu suchen. Je nachdem, ob wir das ehrlich oder aufmerksam thun, haben wir ein gutes Gewissen, und darnach bemessen sind wir mit einer Sache ,,fertig«. können wir aber uns auch sehr irren und Fleisch für unsern Arm halten, weil wir arme, kurzsichtige Sünder sind und weil wir von Natur in allem
uns selbst suchen, statt Gott. Man könnte alle Menschen darnach einteilen in Selbstsucher und Gottsucher. Welch ein Trost ist nun solch ein Wort: Über uns, die wir gern unserem Gott begegnen möchten, schwebt die Hand Gottes! Er leitet uns, wenn wir aufrichtig nach ihm begehren, auf rechter Spur; er behütet uns hundert Mal vor verderblichem Abirren, und selbst, wenn wir uns trotz seiner IWarnungen und Winke in selbstische Irrwege verrannt haben, holt er uns wieder zurück! Das wird uns so wundersam klar und ergreifend lebendig, wenn wir uns daran erinnern, daß unseres Gottes und Heilandes Jesu Hand bei solcher Arbeit für uns durchbohrt wurde!

Dann laß uns daran fest glauben, Herr Jesu, ja erinnere uns stets daran zu denken, daß du durch dein Sterben für uns zum lebendigen, täglichen Trost geworden bist! Du wirst nicht zugeben, daß deine Kinder sich verlaufen und verirren! Hast zuviel an
uns gewandt, um uns wieder los zu lassen! O, so bewahre uns auch vor der Abirrung! Gib uns ein gehorsames Herz, das da achtet auf jeden noch so leisen Wink von dir! Amen.

 

 

3. Mai.

Hebr. 11, 6: . . . Denn wer zu Gott kommen will, der muß glauben, daß er sei, und denen, die ihn suchen, ein Vergelter sein werde.

Daß man an die Wirklichkeit und an das Wirken des unsichtbaren Gottes glaube, ist eigentlich die Grundlage und ·Voraussetzung aller Gebete. Wir können weder zu Jemand reden, der für uns nicht vorhanden ist, noch wird unser Gespräch mit ihm auf die Dauer möglich sein, wenn keine Antwort erfolgt. Das sind so schlichte Wahrheiten, daß man sich schier schämt, vor Christen darüber zu sprechen, und doch gibt es leider sogenannte Christen genug, auch solche, die oft und viel beten, die an diese zwei Grundsteine ihres eigenen Gebetes nie denken. Sie machen es mit allerlei Dingen doch so, als gäbe es keinen lebendigen Gott, der einen starken Arm hat und eine Hand voller Segen und erwarten auf ihr Beten kein Echo, keine ,,Vergeltung« öffentlich von dem, der ins Verborgene sieht. Wenn irgendwo die Erneuerung, Erfrischung und Belebung, deines Christentums Ansätze der Wirklichkeit liefern muß, dann ist’s auf dem Gebiet des Gebetslebens. Umgekehrt, ist dieses Einbildung oder nur religiöse Anspannung von deiner Seite her und sonst nichts, dann ist dein ganzes Christentum nichts wert. Wie ernst möchte man da jeden
Christen bitten: Bitte doch ernstlich, – wenn auch mit Überlegung, wenn auch um Weniges, – das aber wirklich und erwarte deines Gottes deutliches Antworten in der Wirklichkeit!

Wir aber, die wir ganz ohne Zweifel und Zagen an dich, Herr uns er Gott, glauben, wir bitten, nimm. heute unser Herz in die Zucht deines Geistes, daß wir aufmerksam werden auf deine Winke und dein Verlangen, dich uns spürbar genug zu offenbaren!
Vergilt deinen Kindern in aller Welt öffentlich, was sie dir im Verborgenen zugetraut haben! Wir bauen auf dich und halten uns an dich! Amen.

 

4. März
Daniel 4,27: . . . . brich mit deinen Sünden durch Gerechtigkeit . . . . (wörtI.)

Ob’s in dieser Fassung befremdlich klingen mag, –  es ist doch das Einzig-Richtige: an Stelle der Sündenmacht und -Herrschaft, die gebrochen werden soll, muß Gerechtigkeit treten! Das Gartenbeet kann frei von Unkraut bleiben, wenn die guten Blümlein und
edlen Pflanzen sich so dicht die Blätterhände reichen, daß auch nicht ein Hälmchen von Unkraut dazwischen Luft und Licht und Raum zum Wachstum hat. Die Stelle der Sünde muß Gerechtigkeit einnehmen. Natürlich kann das nicht durch eine Willensentschließung des an die Sünde verkauften Menschen geschehen, als wie wenn man eine bessere Gewohnheit plötzlich an die Stelle einer schlechteren setzt. Das kann auch ohne Christentum bisweilen mit irgend einer Gewohnheitssünde beim unbekehrten Menschen vorkommen. Dabei ist er doch noch nicht gerecht! Nur Jesus ist Unsere Gerechtigkeit. Darum muß Jesus die Stelle einnehmen, die bisher unsere Sünde hatte: die Herrschaft, das Tonangebende, die Willenssrichtung, die Inanspruchnahme unseres Begehrens und Entscheidens, – kurz, den ganzen seelischen und geistigen Einfluß, den früher die Sünde hatte, müssen wir Jesu übertragen. Dann wird der Bruch erfolgen durch seine Gerechtigkeit, daß, die da früher Sklaven der Sünde waren, an Jesu Joch gebunden, nur ihm gehorchen ganz allein! Das muß an Wirklichkeit und Tatsächlichkeit der Umkehr zu sehen sein!

O, brich ganz hindurch, Herr Jesu, du meine Gerechtigkeit! Ich kann’s nicht! Ich bitte dich, ziehe du meines Herzens Verlangen ganz herüber auf deine Seite, daß meine Sünde verwelke und verderbe, und dann baue du an ihrer Stelle im Kernpunkt meines Wesens dein neues, gerechtes, wahres, echtes, keusches, reines Leben aus zu deiner Ehre! Amen.

 

5.Mai

Psalm 69, 33: denen, die Gott suchen, wird das Herz leben

Denke dir zwei Menschen, die auf schmalem Steg einander begegnen; jetzt sind sie ganz nah einander; jetzt gehen sie so dicht an einander vorüber, daß ihre Kleider sich fast berühren. Dieselbe Luft fächelt ihre Wangen, dieselbe Sonne bescheint sie, – und doch welcher Unterschied! Der Eine geht der Sonne entgegen, und wie von ihrer Wirkung erstrahlt sein Antlitz in seliger
Fröhlichkeit; der Andere geht in seinem eigenen Schatten, sein Auge sucht den Boden, sein Antlitz liegt voll Gram und Sorgenfalten. Da hast du die Anwendung unseres Textes: zwei Menschen können sonst in fast ganz gleicher Lebenslage, in gleichen Verhältnissen, von gleicher sittlicher Beschaffenheit sein und doch der gewaltige Unterschied zwischen ihnen, daß der Eine sich eben von Gott abgewandt hat und seinen Weg eingeschlagen hat, der in die ewige Nacht führt. Der Andere aber hat sich gewandt, seinen Gott zu suchen! Die Richtung, die man eingeschlagen und der man von nun an treu bleibt, macht den
ganzen gewaltigen Unterschied aus! Denen, die Gott suchen, wird das Herz leben! Je näher sie ihrem Gott kommen, desto mehr Licht auf ihrem Wege; desto mehr Klarheit und Gewißheit trotz aller Schwierigkeiten und Röte, desto mehr Leben erhält ihre Seele; ob auch der Leib zusammenbricht, es wird wahr an ihnen: Die den Herrn lieb haben, müssen sein, wie die Sonne aufgehet in ihrer Macht!

Darum soll mein Herz dich suchen, Herr Jesu! Ich mag kein anderes Leben, als was da ausstrahlt aus deinen Augen und deinem Herzen, aus deinen Wunden und deiner Krone! Zieh mich beim Suchen mit immer stärkerem, heiligem Liebesdrange dir nach, damit ich, seit ich auf mein Leben verzichte, dein Leben erlebe und erlange! Amen.

 

6. Mai

Luk 11,10: Wer da bittet, der empfängt . .

Bibelsprüche sind doch wunderbare Begleiter unseres Lebensweges! Was für Geschichte unseres Lebens steckt nicht in ihren Beziehungen zu uns an, verschiedenen Stellen unserer inneren Entwicklung; Wohl dem, der in ihnen und aus ihnen lebt! Als Kind hatte ich auswendig gelernt ohne daß mir an dem taubstummen Kameraden was aufgefallen wäre:was denkt ein Kind bei den vielen kleinen Feinden seiner freien Spielzeit, die es durch Auswendiglernen überwinden muß! Auf der Universität glitt mein Denken trotz des täglichen Gewohnheitsgebets, über solche Sprüche achtlos hin: man hatte ja das große Einmaleins zu lernen! Erst ein Jahr nach meiner Ordination kam eine Stunde, wo ich bis ins innerste Mark uber dieser Stelle erschrak: der stumme Zeuge fing an zu reden. Ist das Wirklichkeit  und voller Ernst, daß, wer da bittet, auch empfängt? Jesus sagt es als einer, der dabei gewesen ist im Himmelund zugehört und zugesehen hat, wie es mit den Gebeten eines Abraham, Moses, David und Elias gegangen ist. Mit jedem ehrlichen Gebet ging’s so: sobald drunten wirklich gebetet wurde fing im Himmel das Geben an.
Man gab nicht immer, genau das, was sie unten erbaten, aber etwas wurde auf alle Fälle gegeben. Ein erschütternder Gedanke: eben, während ich wirklich bete, neigt sich aus der unsichtbaren Welt eine Erhörung, ein Erleben, ein Geschehen herab zu mir und ich empfange in allem Ernse von dort her etwas. Das gibt dem dem Beten einen ganz neuen Geist.

Herr, unser Gott, der du nicht bist ein Gott der Toten, auch nicht der toten Gebete, der toten Formeln, des toten Geschwätzes, sondern der Lebendigen, hauche unser Beten an mit Geist und Wahrheit. Laß uns nicht in die Sünde fallen, Worte zu machen,
wo unser Herz ferne ist, sondern öffne uns die Türe zum wirklichen Lebensumgang mit dir. Herr, lehre uns beten, daß man’s droben hört, und lehre uns empfangen, was da gegeben wird aus deinem oberen Heiligtum! Abba! Lieber Vater! Amen.

 

 

7. Mai.

Luk. 11, 10: . . . wer da sucht, der findet. . . .

Fast möchte man dazusetzen Wie du suchst, so findest du! -—- Aber das ist nicht mehr wahr, sobald Beides, Suchen und Finden, aufs geistliche Gebiet übertragen wird. Nein, unser Suchen ist Stückwerk, unser Finden großartige Gottesgnade! Saul suchte Eselinnen und fand die Salbung zur Königskrone. Wir suchten ein bisschen augenblicklichen Trost in irgend einer Zwangslage … und fanden statt dessen Jesum selbst, überschwänglicbe Gnade und selige Liebesgemeinschaft. Wie der Lumpensammler mit seinem Stockhaken die Kehrichthaufen absucht und durchwühlt um einen Fetzen Zeug zu finden, und plötzlich auf eine gefü!lte Brieftasche mit Banknoten stößt so ist es uns gegangen! Aber die Tatsache muß ein für alle Mal festgenagelt werden: Suchen lohnt sich auf alle Fälle! Gottes Angesicht suchen erst recht. Wer bewußt nichts geringeres sucht als seines Gottes Antlitz, Herz und Gnade, der wird finden, – ja der findet gleich etwas, was er verloren hatte: den niedergefallenen Faden seines Herzenszusammenhanges mit dem Lebendigen, den sprudelnden Quell der Gottesnähe, Vergebung der Sünden und Leben aus der Höhe. Ach, wie möchte man so gern allen Suchern die rechte Richtung geben! Was suchet ihr den Lebendigen bei den Toten? Kommt und suchet hier im Wort und in dem Gebet, in täglicher Erfahrung und Bezeugung den Heiland eurer Seele! Ihr werdet ihn finden, sobald ihr euer Herz eins Suchen hineinlegt, denn sein Herz sucht euch schon lange!

Wir loben und preisen dich, du Schönster unter den Menschenkindern, daß es deine Lust ist, dich finden zu lassen! Wir preisen dich, daß du dich von uns hast finden lassen, daß du unser bisschen Suchen und Graben so königlich belohnt hast mit dem Finden, Haben und Genießen deiner Liebe, o Jesu! Laß uns nie vergessen, daß du unser Fund bist und wir dein Fund, seit du
uns mit Schmerzen gesucht und wir dich mit Schmerzen gesucht und mit Jauchzen gefunden haben! Amen.

 

8. Mai.

Luk. 11, 10: .. . wer anklopft, dem wird aufgetan.

Jede Tür ist zuerst, bis sie geöffnet·ist, eine Scheidewand Was hilfts, daß man weiß, hier ist keine Mauer, keine immer und unweigerlich verschlossene Stelle, sondern eine zum Öffnen bestimmte und eingerichtete Tür, solang sie uns doch verschlossen bleibt! Was hilfts, daß die Tür so dünn ist, daß uns nur ein Zoll von allem trennt, was dahinter Schönes sein kann, so lang wir dieses letzte, kleine Hindernis nicht überwinden können! Was hilfts, daß wir uns sagen, nichts ist mehr zu durchlaufen,
wir sind von der andern Seite der nahen Herrlichkeit, wenn wir nicht auf jene Seite der Tür gelangen. Hier ists kalt, dort ists warm; hier ists dunkel, dort hell; hier weht kalter Wind, dort ist man geborgen! Wozu all’ die Erwägungen? Klopf lieber an! Gottes Türen sind nicht zum Einbrechen und Durchgraben eingerichtet, – sie öffnen sich nur dem, der das Geheimnis des Klopfens kennt, der wirklich, anhaltend, ernstlich betet. Da kann der gelehrte Professor sein Leben lang vor der verschlossenen Tür bleiben und keine Gelehrsamkeit öffnet ihm dieselbe und das kleine gläubige Kind kann fast spielend die Offnung erlangen. O daß wir stets wären und würden wie die Kinder! Klopfet an, man steht dicht hinter der Tür und sehnt sich mit brennendem Herzen darnach, dass man euch auftun dürfe, damit der ater sein Kind, als lang Verirrte in seine Arme schließen und an sein Herz drücken möge!

Nun, wir klopfen eben an, Herr unser Gott! Wir trauen dir zu, daß du uns nicht willst verleugnen, und sprechen: Ich kenne euch nicht! Wir kommen nicht mit unsern Sünden beladen, denn die hat Jesus, dein lieber Sohn, auf seinem Leibe hinaufgetragen auf
das Holz, damit wir Kinder deines Hauses würden! Wir kommen als diese lieben Kinder zu ihrem lieben Vater und bitten dich: Tue uns auf deine Tür, damit wir bei dir eingehen können und satt werden an deinem Bilde! Amen.

 

9. Mai

Sacharia 8, 21: Laßt uns doch gehn zu suchen den Herrn.

Wenn in solch einer Aufforderung das Wörtchen ,,doch« vorkommt, so spürt man darin, daß ein Hindernis, eine Störung, ein Einwand aufgetreten sein muß, den man überwinden soll. Vielleicht ists die natürliche Trägheit des Fleisches, welches lieber in Selbstsucht sich verdirbt, als im Gottsuchen neues Geistesleben nehmen will. Vielleicht ist es der Einwand: es lohne sich
gar nicht, den Herrn zu suchen, weil bei diesem Suchen doch kein Finden herauskomme. Was die Schrift aber sonst nicht müde wird zu betonen, daß gerade dieses.Gottsuchen schon Leben sei, will man nicht wahr haben. Da ist die verstärkte Mahnung des Wörtchens ,,doch« sehr am Platze! Immer wieder w0llen wir uns zu dem Entschlusse treiben lassen, trotz aller Einreden des Feindes unsrer Seelen, alle Tage den Schritt zu tun: gehen zu suchen den Herrn. Wir werden dabei uns selbst erst recht finden! Gerade in der Nähe des Herrn erkennen wir unsere eigene verderbte Art am klarsten; geheime Fehler und versteckte Falten der
Finsternis werden durch das Suchen des Herrn an’s Licht gebracht. Er wird uns dann um so wichtiger werden, weil er allein unsre Rettung und Genesung ist, er allein unsere Hilfe gegen uns selbst und die alte Art unseres Herzens!

Laß uns nicht, Herr Jesu, in Trägheit und Abkehr zu Grunde gehen! Du hast schon soviel an uns gewandt, jetzt wirke durch das Licht und Gericht deiner Nähe an unsern Herzen, daß wir uns dir ganz hingeben. Nur so kann es alle Tage einen neuen Anfang geben. Und wir brauchen doch diese neuen Anfänge! Jesu, nimm dich unserer Schwachheit an und  überwinde unsere Art durch deine Art täglich! Amen.

 

10. Mai.

1. Thron. 22, 19: Richtet euer Herz, den Herrn zu suchen.

Soviel auch auf die geheimen Emflusse und Zuflüsse aus der unsichtbaren Welt ankommt, – im letzten ·Grunde bleibt das Zünglein der Wage der Entscheidung, ob wir uns für Licht oder Finsternis entscheiden wollen, doch von der Kleinigkeit unseres Willens abhängig. Darin besteht unsere täglich oft wiederkehrende Verantwortlichkeit in allen sittlichen Fragen, ob sie sich um große Entfchlüsse oder kleine Erholungen und ihr Maß drehen. Da soll immer wieder die Richtung auf den Herrn eingeschlagen
werden; da soll unser Herz den Ausschlaggeben, wohin wir gehören, wem wir gehorchen wollen. Je entschiedener und je häufiger wir dabei unser Herz für Jesum frei machten, die Richtung auf ihn hin einschlugen, desto stärker werden die guten Gewohnheiten; das Gute richtet sich dann schon leichter fast wie von selbst zum Siege ein! Was könnte nun heilsamer fein und klärender auf unser ganzes  Wesen wirken, als daß die erste und häufigste Richtung unserer Entschlüsse dahin geht, den Herrn zu suchen! Wir werden’s schon spüren, ob etwas auf den Herrn zu oder vom Herrn wegzieht. Wollen wir ehrlich, aufmerksam und klar uns selbst jedes Mal die Frage beantworten, wie sich unser Entschluß zu der Absicht stellt, daß wir ja fürs alle Fälle beschlossen hatten, den Herrn zu suchen, dann gibt’s bald Erfahrungen der Kraft aus der Höhe! Damit das gleich erprobt werde, fang heute an darauf zu achten und ehrlich danach zu tun!

Auf solche Erfahrungen kommt’s uns wirklich an, Herr Jesu! Was sollte aus uns werden, wenn du nicht deine Kraftströme uns senden könntest, die uns mit Adlerflug aus den traurigen Gründen des Sündengetriebes auffahren lassen in’s Sonnenlicht der Wahrheit! O erbarme dich aller deiner Kinder, daß sie im Kleinen treu geübt werden, Größeres zu empfangen!  Amen.

 

11. Mai.

2. Kor· 7, 6: Gott tröstet die Geringen

Es ist fur uns auch schon ein Trost, daß Paulus sich unter die Geringen rechnet, ja daß er, kurz vor unserm Textwort, andeutet, wie er zu solcher Auffassung von sich gekommen ist; denn das sieht unserer Erfahrung ähnlich. Er schildert, wie er allenthalben bedrängt worden sei, ,,von außen Kämpfe, von innen Befürchtungen«. Ja, das kennen alle Kinder Gottes auch, ob sie sonst es
nicht wagen würden, sich mit dem Heldenapostel zu vergleichen: von außen Kämpfe und von innen Befürchtungen – das macht einen ganz niedrig und gering. Alle geistliche eingebildete Größe ist wie weggeweht und es bleibt nur das Bitten und Flehen übrig um Gnade und Hilfe von oben. Dann aber kann unser Gott so recht seine Art und Größe zeigen, wie er solche Geringe tröstet. Auf mancherlei Weise weiß er dann uns wieder aufzurichten und der Trost, der sonst vielleicht unverstanden über uns
weggleiten würde, gleicht in solchen Stunden einem Schleppanker; jetzt hakt er sich fest, jetzt spürt man den Ruck und
Halt, jetzt trieft’s von Segen über den eben noch so Armen, daß er keine Zeit hat, die Trübsalstränen zu trocknen,—
sie wandeln sich in Freudentränen über des Herrn Reichtum und Barmherzigkeit. Ach daß wir uns in Trübsal und Anfechtung doch eines besseren Gedächtnisses erfreuten: stets an alle die herrlichen Erfahrungen zu gedenken, damit  uns der Herr schon früher so reichlich erquickt hatte.Herr unser Gott, der du die Geringen tröstest, nimm dich auch unser an, daß wir nie vergessen, wie lieb du uns hast und wie nah du uns bist! Öffne uns nur durch die Zeiten der geringen Dinge die Augen und das Herz für den Trost, den du dann schon bereit hast für uns, damit wir dankbar werden und bleiben! Amen.

 

12. Mai.

Amos 5, 5: Suchet mich und lebet.

Sehr bezeichnend ist es, daß an so vielen Stellen der Schrift das Suchen des Herrn mit dem Leben der Seele in Zusammenhang gebracht wird. Sobald die Seele das Suchen des Herrn aufgibt, sich satt und selbstzufrieden zur Ruhe setzen will, ist’s auch mit
dem Leben derselben Seele zu Ende. Es geht nicht anders, zum Gesundsein und Gedeihen der Menschenseele gehört auf Erden das Suchen des Herrn. Aber, wenn schon die bloße Beschäftigung mit dem Suchen des Herrn, daß man sich auf einerSpur vorwärts bewegt, wo er gegangen ist, die trieft von dem Segen seiner Fußstapfen, so viel Lebenskraft enthält, daß man das ein Leben der Seele nennen kann, wie muß es sein, wenn man ihn ganz und für immer findet? oder gefunden hat, um ihn nie wieder loszulassenl Mir scheint, wir dürfen die Erquickungen im Erdenleben, die Freudenstunden seiner Nähe, nicht damit verwechseln. Das sind nur Etappen, besondere Erlebnisse auf dem seligen Pfad des Suchens. Das Herrlichste steht noch aus, wenn wir endlich gefunden haben und der leise, stetige, antreibende Schmerz des Suchens dem übermächtigen, ewigen Haben und Genießen des ,,Gesunden« hat weichen müssen! Das ist Leben und volles Genüge!

Wir suchen dich, Jesu, lehre uns dich besser suchen! Fülle uns die Seele mit der rechten Sehnsucht nach deiner Nähe, daß dieses Begehren die Leidenschaft unseres Lebens wird. Wir können ohne dich weder leben, noch sterben; wir begehren dein
und strecken uns nach dir! Zieh uns mit deiner Liebe Macht dir nach, bis wir dich haben und du uns! Laß dich finden! Laß dich finden, Herr Jesu. Amen.

 

13. Mai

Maleachi 2, 16: So hütet euch in eurem Geiste . . .

Als Wunsch und Segen ist uns ein ähnlicher Gedanke bekannt: ,,Der Herr behüte deine Seele!« Gebetssegen aber hebt die eigene Arbeit und die eigene Verantwortung nicht auf. Wenn wir in allem Ernste uns trösten wollen, daß der Herr unsere Seele behütet, dann müssen wir auch allen Ernst machen mit der Mahnung Unseres Textes: daß wir uns selbst hüten sollen  und zwar in unserm Geiste. Fleischliche Sünden fallen mehr auf und wir selbst schämen uns all dessen lebhafter, während Verirrungen unseres Geistes – uns oft überhaupt erst klar werden, wenns ihre Folgen im äußeren oder inneren Ergehen uns spürbar wehe thun. Falsche Lehren, geistlicher Hochmut, Vermessenheit, leeres Beten, eingebildetes aber nicht erlebtes Christentum, religiöse Unwahrheit bis- zur Heuchelei, – das sind alles Gefahren, vor denen wir uns in unserm Geiste hüten müssen, wenn des Herrn
Behütung wirksam werden soll. Der Nachlässige kann sich nicht mit dem Worte trösten: der Herr wird mich schon behüten! Es bleibt aber für den in seinem Geiste Aufmerksamen noch genug übrig, wo er doch ohne die hütende Hand seines Herrn fallen würde: geistige Einflüsse, die wir oft nicht ahnen, Gefahren, für die uns die Feinheit der Empfindung fehlt und des Teufels List, die über unser Verstehen geht. Wer seine geistliche Pflicht am besten gethan hat, der wird auch am erhörlichsten beten und daran glauben können, daß der Herr alles tue! Das wollen wir auch,

Herr Jesu! Wir wollen unsere Seligkeit schaffen mit Furcht und Zittern, weil du beides, das Wollen und das Vollbringen, da wirken kannst, wo man sich dir ganz ungeteilt hingibt. Wirke in uns, damit wir anfangen, uns dir immer völliger zu erschliessen und du dann noch viel mehr in uns wirken kannst! Ach, wir dürften nach heiligen: Geist, wie dürres Tand nach Regen! Herr,
erhöre uns und behüte uns!

 

14. Mai.

Hosea 2, 19: Und ich will dich mir verloben. .. .

In manchen Worten liegen verschiedene Vorstellungen gleichsam eingewickelt nebeneinander; je mehr man sich mit ihnen beschäftigt, desto mehr dieser Vorstellungen werden losgebunden. So gehts mit dem Wort ,,glauben«. Erst war da nur das Fürwahrhalten drin, später fand sich das Vertrauen, dann die Liebe (althochdeutsch eine Wurzel geliauban!), dann das Geloben, dann das Festankleben u. s. w. Wenn von des Menschen Seite eine Stufe erreicht ist, kommt immer wieder von Gottes Seite die Anregung zur Erlangung der nächsten Stufe hinzu. Spricht er: ich will dich mir verloben! dann steigt die zarte, sinnige Vorstellung eines bräutlichen Liebens in unserem Herzen auf und das ist Maienzeit für den Glauben! Mag damit von manchen, die vielleicht am wenigsten Grund dazu hatten, ein widerlicher Missbrauch getrieben sein, so ist die Wirklichkeit eines solchen warmen Liebesbundes der Seele mit Iesu dadurch nicht aufgehoben. Es gibt in jedem wachstümlichen Christenleben, –und nur solches
hat Wert, — eine Seite, die sich gar nicht anders fassen und beschreiben läßt, als mit Worten brünstiger Liebe zum Heiland! Die Schrift ist voll von Vergleichen und Bildreden dieser Art, — und es wäre entsetzlich, wenn unser Leben leer oder nur arm daran wäre! Gott sei Dank, daß  wir so geliebt werden und auch so wiederlieben dürfen, daß er, Jesus, unseres Herzens Krone und Wonne und unserer Seele Bräutigam ist! Ahnst du nichts von solcher Liebe? Wem gehört denn dein Herz?

Ach daß ich dich so spät erkennet, du hochgelobte Schönheit du! Was für Gnadenstunden und selige Erfahrungen habe ich dadurch verscherzt, Herr Jesu, daß ich mein Herz nicht früher schon dir geöffnet habe, wie die blühende Blume dem Licht. Laß mich jetzt stets wieder daran gemahnt werden, was ich für Herrlichkeiten in deiner Liebe verspüren darf, damit mein Herz dein sei und bleibe! Amen.

 

15. Mai.

Psalm 27, 8: Ihr sollt mein Antlitz suchen ….

Darum suche ich,Herr, dein Antlitz. Es ist nun einmal vom himmlischen König so bestimmt, man bekommt nicht anders Erhörung seiner Anliegen, als in Audienz! Persönlich — von Angesicht zu Angesicht, ganz allein mit ihm, aber auch ohne Verdeckung des eigenen Angesichts und der eigenen Sünden, der ganzen Reinheit und Heiligkeit dieses Königs gegenüber, wo einen die alten Untreuen und Verschuldungen brennen, wie alte Narben, — so gibts Hilfen. Deshalb fliehen gerade viel Leute, die längst nach Hilfe getrachtet, sein Angesicht und kommen nicht zum Frieden. Wie sollen wir einen andern Mgnschen, gegen den wir uns schwer versündigt haben, in unserer Not angehen! Wie soll man gerade das Angesicht des Gottes suchen, gegen den man ein so schweres Herz hat über dem Gedenken der vielfachen Schuld! Und doch führt kein andrer Weg zur Erhörung und zur Hilfe, als nur durch diese demütigende, uns selbst richtende und schmerzende Audienz! Ihr sollt mein Antlitz suchen, — nun dann will ich nicht länger säumen, sondern kommen und mich demütigen über all meiner Schuld bis in den Staub, – wenn’s nur den
Erfolg hat, daß über solchem Suchen die Seele des Herrn Antlitz erschaut. Denn dann kann sie in seinen Augen lesen Vergebung und Freundlichkeit und bald wird sie es am eigenen Herzen spüren, wie heilsam solcher Besuch war: meine Seele hat den Herrn gesehen und ist genesen! Versuch es ehrlich, auch wenn du bisher nichts erfahren haben solltest von seiner Herrlichkeit: denn den Aufrichtigen läßt es der Herr gelingen!

Darum, weil du es befohlen hast, Herr unser Gott, und weil wir anders nicht zum Frieden und zur Gesundung unserer Seele kommen können, darum suchen wir auch eben dein Antlitz! Nicht nur erlaubt, befohlen hast du es, so wollten wir denn auch damit
unseren Gehorsam zeigen, daß wir zu dir kommen mit all’ unserem Kummer und all’ unserer Schuld. Sei uns gnädig und laß uns leuchten dein Angesicht in Huld und erbarmender Liebe! Wir sind da vor dir: komm und bezeuge dich an unseren Herzen! Amen.

 

16. Mai.

Coloss. 4, 5: . . . betet zugleich auch für uns .

Hast du dir schon klar gemacht, was es mit Fürbitte eigentlich auf sich hat und warum solche rüstige Beter, wie Paulus nicht müde werden, andere Christen zur Fürbitte zu ermahnen? Selbstlose, gläubige Fürbitte hat in der unsichtbaren Welt die dort vorhandenen Hemmungen zu beseitigen. Gott kann nicht so ohne weiteres Gnadenströme herabrauschen lassen, wenn
der Stand der Christen auf Erden diesen Erweisungen nicht entsprechend ist. Es scheint, als ob der Teufel (man denke an das Wort: Die Hölle selbst hat ihre Rechtel) durch die Sünden und Schwächen der Christen das Recht bekommt, wie Luk. 22, 31 sich diese Herzen auszubitten, daß er sie in sein Sieb nehme. Damals war es Jesu Fürbitte zuzuschreiben, daß Petrus Glauben trotz des Falls gerettet ward. Heute sollen die Gläubigen einander solchen Dienst leisten, daß ihre fürbittende Liebe dort im Himmel
das Maß voll mache, das nötig ist, bis Segen herabfließen kann. Wie rein von allem Neid und aller Selbstsucht muß diese Liebe sein, daß sie dort vor Geisteraugen einen Zahlwert bekommen kann, daß sie die Waagschale zu Gunsten der Andern zum Sinken bringt! Wirkliche, echte, fürbittende Liebe ist die reinste Frucht des neuen Lebens; sie greift ein in das Weltgetriebe und wird mitberechnet in Gottes Rechnung mit den Vorgängen auf Erden. Die Ewigkeit wirds klar machen, was für Kräfte die Fürbitte losgebunden und herabgezogen auf die Erde!

Darum bitten wir dich, Herr Jesu, reinige uns von aller Selbstsucht, daß wir im Gebet frei werden. für deine große Reichsarbeit und unsere Gebete kommen: können ins Gedächtnis vor Gott! Umspanne alle deine Kinder mit einem heiligen starken Netz von Gebetsgeist und Gebetskraft, damit dir Bahn geschaffen werde für dein Werk in aller Welt! Amen.

 

17. Mai

1. Thess. 4,11: Ringet darnach, daß ihr stille seid.

Unruhe genug ist draußen um uns her, und es hat den Anschein, als wollte es von Jahr zu Jahr davon mehr geben. Schlimmer ist’s, daß so viele unserer Christen sich haben anstecken lassen von der Unruhe und sind nun auch innerlich nicht mehr stille.
Ringet darnach, daß es drin im Herzen stille werde, wie laut auch draußen der Sturm heule. Also ist’s ein Stück Anstrengung, ein Stück deiner Willenshingabe, ein Stück deines Tuns, -— damit es stille in dir werde. Dazu gehört, daß du dich von all den Zielen der Welt abkehrest, zu denen hin die Leute sich drängen, wo sie sich stoßen und einander aufs die Füße treten. Auf dem schmalen Wege gehen immer weniger; da ist’s stiller. Weiter gilt’s, wenn eine Welle der Unruhe hineinschlug in dein Boot, sofort dieses Weltwasser auszuschöpfen; es gibt keine Stille, solange diese Erreger des Weltfiebers im Boot bleiben. Ringe nach völliger Vergebung, nach völligem Frieden mit deinem Gott; ringe nach dem klaren Vertrauen, das sich in Jesu Armen geborgen weiß, denn Vertrauen schafft Frieden; ringe nach völligem Gehorsam und entschiedener Hingabe, denn wenn das auch durch
heiligen Geist gewirkt werden muss, gibt auf der andern Seite nichts so viel Stille, als Gehorsam. Ringe nicht nur darum, damit du den seligen Genuß solcher Sabbathstille erfahrest, sondern auch, damit dann der Herr dich brauchen kann an andern und für sein Reich. Das Werkzeug darf nicht zappeln, es muß ganz still daliegen und warten, bis des Meisters Hand zugreift und etwas anfängt mit demselben zu schaffen!

O, lieber stiller Heiland, wir beten dich an und versenken uns andächtig in die Betrachtung deiner wundersamen Stille mitten im Sturm. Bilde uns ;nach dir, hilf uns beim Ringen unsrer Seele nach Stille, daß. wir dir darin ähnlich werden. Es ist genug, was wir in der Unruhe versäumt und verloren haben, heile uns vom Fieber der Unruhe und schenke und stärke uns den Frieden der Stille! Amen.

 

18. Mai.

Col. 1, 17: Er ist vor allen und es bestehet alles in ihm.

Schriftwahrheiten wie diese werden von dem Durchschnittsleser meistens gar nicht gewürdigt und doch enthalten sie ein Schwergewicht, das bei rechtem Verständnis wuchtig in die Wagschale fällt. Jesus ist nicht nur zwischen Gott und dir gleichsam zufällig als Mittler aufgetreten, sondern du bist für ihn und durch ihn geschaffen und hast dein Leben (auch vor deiner Bekehrung!)
eigentlich nur in ihm! Das Leben war das Licht der Menschen. (Joh. 1, 1-5.) Du kommst erst in die rechte Stellung zum Grunde deines Lebens, zu der in dir liegenden Gottesabsicht, zum Mittelpunkt deiner Anlagen, wenn du dich bewußtermaßen zu Jesu bekehrst. Alles ist ihm in die Hand gegeben, – er ist nicht nur zeitlich vor allen, sondern auch dem Wert nach, der Stellung vor Gott nach.Die ganze Menschenwelt ist geschaffen für ihn, als seine Sache, für die er gleichsam vor Gott verantwortlich ist, die aber nun auch ihm verschuldet, ihm ausgeliefert ist, auf ihn angelegt ist. Niemand paßt so zu einander, als Jesus und du! Daher das Glück der Seele, das Jauchzen des Sünders, der sich bekehrt und nun vollen Frieden und neues Leben von diesem schon lang ihm zukommenden Verhältnis mit Christo empfängt. Der Vogel ist der freien Luft, die Pflanze dem geliebten Licht, die Seele dem wiedergegeben, in dem sie naturgemäß ihr Wohlsein findet!

Wir danken dir, Herr Jesu, daß du uns aus den unnatürlichen Banden heraus erlöst hast, rund uns unserer eigentlichen Bestimmung wiedergegeben hast: in dir froh und frei zu sein! Stärke uns dieses neue Leben, daß daneben kein anderes Leben und Streben mehr Platz habe, daß wir unser ich in deinem ich erst recht wieder finden und in dem Zusammenschluß mit dir die wahre Selbständigkeit gewinnen, zu der wir bestimmt sind! Hallelujah! Amen.

 

19. Mai

Hebr. 2, 11: Er schämet sich nicht, sie Brüder zu heißen.

Das läßt sich allerdings nur verstehen und würdigen, wenn die Beiden in’s rechte Licht der Vergleichung gestellt worden sind: Jesus und die Menschen. Die Beleuchtung geschieht in der Bekehrung. Hier erscheint erst unser Herz unter der Sünde in seiner ganzen Zerrissenheit, Hohlheit und Verderbtheit, – hier aber erscheint auch Jesu Art in ihrer ganzen Hoheit, Schöne und Kraft. Dann wundert sich das behende Herz über nichts so sehr, als daß dieser Heiland sich dieses Sünders auf solche Weise anzunehmen imstande ist! Und später bleiben diese Gegensätze eigentlich fortbestehen: je mehr wir in der Heiligung wachsen, desto verkehrter und unwerther erscheint uns unser Herz; wir gehen eben auf der Linie weiter, an deren Höhepunkt ein Paulus stand, der sich ohne Übertreibung für den vornehmsten Sünder hielt. Zu gleicher Zeit, in gleichem Verhältnis wächst unsere Erkenntnis von der Person Jesu, “Gott wird soweit erkannt, als er geliebt wird« und ,,wem viel vergeben ist, der liebt viel« .- so daß auch unser Staunen darüber nicht abnehmen kann, daß ,,Er nicht schämet, sie Brüder zu heißen«. Freilich sorgen von der
Seite her immer noch die Christen mit ihren Fehlern und Schwächen, mit ihren Lasten, die wir mittragen müssen, daß wir uns schärfer und lebhafter darüber schämen, daß wir alle zusammen solche Leute sind, daß es ein Wunder bleibt, daß er sich nicht schämet, solche dennoch Brüder zu heißen!

.Wir danken dir, Herr Jesu, du erstgeborner Bruder daß du dich unser annahmst in deinem Leiden und Sterben, aber nicht weniger dafür, daß du dich bis auf den heutigen Tag vor deinem Vater und all den heiligen Engeln und vor der ganzen unheiligen Welt nicht schämst, unser Bruder zu bleiben. O nimm dich unser täglich an, daß wir mehr und mehr nicht deine Schande, sondern dein Sieg, dein Triumph werden! Amen.

 

20. Mai
1. Joh. 3,8: Dazu ist erschienen der Sohn
Gottes, daß er die Werke des Teufels zerstöre.

Die Werke des Teufels, – alle die Bollwerke der Modemeinungen, die das Christentum aufhalten, alle die offenen Gruben der Trunksucht und Unzucht, der Lüge und der Zauberei, – sind wirkliche, sehr wirkliche Dinge! Das Erscheinen Jesu auf Erden, wodurch all diesem Teufelswerk der Krieg erklärt wurde, – war etwas Wirkliches; Tatsachen, Kräfte, Geisteswirkungen stießen hart aufeinander. 5oll das jetzt anders sein? Sollen jetzt diese Wirkungen des Auferstandenen nicht ebenso klar und spürbar in das vom Teufel immer noch behauptete Flachland hineindringen, nachdem Jesus die Hauptfestung erobert hat? Gewiß, und das Christentum unserer Tage muß sich daher den Maßstab gefallen lassen: Bist du etwas Wirkliches? Gehen Kräfte,  Umwandlungen, Bekehrungen von dir aus oder sollen wir eines andern warten? Machen wir selbst, soweit unser Einfluß reicht, damit vollen Ernst, daß wir unser Herz und Haus, unser Leben und Arbeiten ganz dem Heiland hingeben. Jeder, der am Markte
müßig steht, fehlt in Jesu Heer und kann morgen sich für des Teufels Fahne anwerben lassen. Darum eile und stelle dich, dein Geld, deine Kraft, deine Zeit, dein alles in Jesu Dienst! Frag nur darnach, wie und wo du ihm dienen sollst und keine Minute mehr: ob!

Wir sind dein, Herr Jesu, du unser König und Feldherr! Führe uns, stelle uns in Arbeit und Kampf, wo es dir gefällt, — wenn wir nur wissen, daß du vorangehst, daß du uns da haben willst! Dazu zerstöre Satans Werk in unseren Herzen und Sinnen
vollständig, daß auch nichts mehr in uns sei, was dir nicht ganz gehöre! Amen.

 

21. Mai
Esra: 6, 21: Die sich abgesondert haben-, den Herrn zu suchen.

Das ist ein bekannter Vorwurf, den die Welt gegen alle ernsten und lebendigen Christen erhebt: Warum sondert ihr euch ab? Warum wollt ihr etwas besonderes sein? Wenn man im tiefsten Grunde Welt geblieben ist, kein neues Leben hat noch führt, trifft der Tadel dieses Vorwurfs uns mit Fug und Recht. Kann man aber einem Noah gegenüber den Vorwurf aufrecht erhalten, der steh von der Lust und Mode seiner Zeitgenossen abgesondert hat, um seine Arche fertig zu zimmern? Hast du denn so etwas Wichtiges, Besonderes auszurichten, daß du dich arbsonderst? Wenn nicht, sondern deine ganze Geschäftigkeit soll nur die Leerheit deines Lebens und den schreienden Notstand deines Herzens verdecken, dann kehre heute Ist dir aber klar geworden, daß du eine Lebensaufgabe hast darin, den Herrn zu suchen, für ihn da zu sein, seines Winks Hund Auftrags gewärtig zu stehen, dann bleibe abgesondert! Nur in der Stille, nur in der Unbenommenheit vom Weltgetriebe, nur in der Freiheit der Absonderung kannst du für deine Seele sorgen und Kraft aus der Stille ziehen, um später draußen im Lärm der Welt deinen Herrn zu bezeugen. Wenn wir es ehrlicher und treulicher meinten mit der Absonderung zu dem höheren Zweck den Herrn zu,suchen, würde seine Hand häufiger in unserem Leben offenbar werden und er könnte uns mehr brauchen und besser, als bisher!

Ach, mach du mich stille, lieber Heiland, — gänzlich abgeschieden von den Zielen und dem Treiben der ruhelosen Gewissen! Lehre mich, wie ich in dir mein Geheimnis und mein Glück haben muß, wenn deine Kraft über mich kommen soll. Gut, ich will
mich scheiden von der Sünde und der Welt, – dann binde du mich fest und immer fester an dich mit Herz und Hand! Amen.

 

22. Mai
2. Timoth. 4, 22: Der Herr Jesus Christus sei mit deinem Geiste.

Das ist nicht die beste Gesellschaft, wenn wir auf unsern Geist allein angewiesen sind. Denn dann ist neben und mit unserem Geiste, mag er noch so willig sein, das Fleisch und das ist zu allem Guten schwach und stark in seinen Beeinflussungen zum Sündigen.. Der Geist anderer edler Menschen, guter Bücher, ernster Arbeit, – wir wollen das alles nicht herabsetzen, – aber
mit alledem ist im steten täglichen Kampf gegen die Sünde unserem Geiste doch nicht geholfen. Wenn aber das obige
Segenswort an uns wahr wird, wenn der Herr Jesus Christus, – der Heiland als der alleinige Herr, – mit unserem Geiste ist, dann ist Wahrheit und Harmonie, Gesundheit und Friede da! Das ist das eigentliche Lebenselement für unseren Geist, der ja aus Gott stammt und Gottes Art verwandt ist, daß er sich bade im Sonnenlicht der Nähe Jesu. Mit Jesu oder ohne ihn! Mit Jesus leben, oder ohne ihn verkümmern! Mit Jesus sich dem neuen Geisteswehen hingeben alle Tage aufs neue, dass schafft voran; – ohne Jesum zappelt und zerrt man in seinen Ketten und müht sich ab in der Menge seiner Wege, kommt aber dabei immer weiter ab vom Ziel. O wie köstlich erfrischend ist der Genuß dieses einen kleinen Wörtchen  ,,mit” Welch eine Gemeinschaft, welch ein veredelnder Verkehr, welch eine Gesellschaft! Sage mir, mit wem du umgehst, so will ich dir sagen, wer du bist.

Herr Jesu, laß uns nicht allein! Wir wollen keinen Tag leben ohne dich! Mit dir zusammen laß uns bleiben, in dir laß uns Saft und Kaft verspüren, werde du in unserem Leben das neue Leben, in unserem Geiste der neue Inhalt, die neue Richtung, die neue
Kraft! Herr, nimm uns dir und gieb dich uns! Sei du mit uns, damit wir stets mit dir seien! Amen.

 

23. Mai

5. Mose 28, t2: Der Herr wird dir seinen guten Schatz aufthun.

Heiland spricht schon von Menschen, daß sie einen guten Schatz ihres Herzens haben können,(Matth. 12, Z5); wie wohltuend ist’s, wenn so einer von seiner Anmut oder Freundlichkeit, seiner Fröhlichkeit oder seiner Geduld uns etwas mitteilt! Aber muß
es nicht noch ganz anders mit dem guten Schatz des Herrn, dem Himmel sein! Wenn auch im Zusammenhang der  Stelle besonders vom Regen die Rede sein mag, — unsere «-Erfahrung weiß von mehr, als vom Regenwasser zu sagen und , zu singen. Man braucht nur an Jesum selbst zu denken, wie er mit dem Herzen voll Frieden und Kraft so stille und so stark unter den armen Menschlein umherging  und teilte Gaben aus dem guten Schatz seines Herzens aus. Dieser Schatz aber ist nicht ärmer geworden, seit er mit dem Himmelfahrtstage den Thron bestiegen und alle Gewalt im Himmel und auf Erden bekommen.
Nein, sein Reichtum an Gold und Silber, an Gedanken und Gaben, an sittlichen Kräften und wirklichem Tun hat sicherlich nicht abgenommen. Sollten wir demn Reichen so nah sein und dabei darben und klagen? Nein, der Herr wird dir seinen guten Schatz auftun, sobald du im Stande bist, mehr zu empfangen. Borge dir Gefäße von deinen Nachbarinnen, liebe Seele, damit die Flut seiner Gottesgaben Raum finde bei dir, wo sie bleiben kann und wohl geborgen und recht gebraucht wird.

Wir staunen über dein Tun in unserer Mitte, Herr Jesu! Wie blind und laß, wie töricht und kleingläubig haben wir uns doch angestellt, daß du so lange an uns nicht tun konntest, wozu du doch beide Hände voll bereit hattest und wozu dein brennendes Herz dich gegen uns trieb! O nimm dich unserer trägen, blöden Art an und räume uns aus für dich und deinen guten Schatz! Amen.

 

24. Mai

Matth. 6, 32: Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr dies alles bedürfet. Es sieht fast wie ein Messerschnitt in die Wurzeln
des Gebetslebens aus, — dieses kurze Wort. Wenn Gott so genau weiß, was wir bedürfen, was fehlt denn noch? Warum kriegen wir es nicht auch ohne unser Gebet, wie so vieles? Weil uns die Gabe gar nichts nützen würde, wenn nicht auch wir wüßten,
was wir jetzt eben eigentlich bedürfen. Oft ist das die Erhörung unseres ersten törichten Gebetes, daß uns die Augen aufgehen dafür, was; wir eigentlich viel nötiger haben, als das zuerst Erflehte. Haben wir aber das eigentliche Bedürfnis so unter seiner Leitung erkannt, dann dann richtet er uns weiter zu, damit wir in Ordnung kommen, die Gabe auch recht brauchen zu können. Wer das erkennt und nicht aus dem Hinziehen der Erhörung sich einen voreiligen Schluß erlaubt, – man wolle es ihm gar nicht
geben, – der wird nach einiger Zeit erst mit Uberzeugung und Kraft beten können. Solche klar bewußte Gebete haben etwas vom Glanz der ersten Zeugen an jenes Unmittelbare, das die Gebete eines Elias auszeichnete. Da ist denn auch jener ruhige, gewisse Drang gen Himmel, jene zum Empfang schon geöffneten Hände und die schier über dem Bitten schon fürs Danken geöffneten Lippen !

Lieber himmlischer Vater! Wir sind blind, du siehst und erkennst uns und weißt ganz genau, was wir eben wirklich brauchen. Obs heiliger Geist, Frieden, Trost, Geld, Gesundheit, Hilfe irgend; einer Art sei, — wir bitten dich, tu uns die, Augen auf, daß wir solches Bedürfnis recht erkennen und verspüren, um dann recht erhörlich beten zu können, auf daß du auch durch unsere Gebetserfahrungen geehrt werdest! Amen.

 

25. Mai
Apostelg. 2,4: Und sie wurden alle mit heiligem Geiste erfüllt. !

Ueber zwei Aussagen unseres Textes möchte man heutzutage fast laut aufschreien: ,,alle« und »erfüllt«! Heutzutage sind es wenige, der Herr weiß wie wenige, die wirklich etwas Licht und Leben vom heiligen Geist empfangen und — sind diese Wenigen wenigstens ganz erfüllt von ihm? Was am Anfang möglich war,  sollte es jetzt unmöglich sein? Nein, ich kann nicht glauben,
daß man vom Himmel her die Mahnung ,,werdet voll Geistes!« aus der dort oben geltenden Bibel herausrevidiert habe! Liegts an uns, ,dann fragt sich, warum haben wir kein Pfingsten voll Geist und Leben? Der Kurswert des menschlichen Geistes steht heutzutage so hoch, wie noch nie; das drückt auf die Preislage des heiligen Geistes; daher ist so wenig Nachfrage nach ihm. Die Nachfrage aber reguliert das Angebot. Man kann von Oben so wenig geben, weil unten so wenig von dieser Gabe genommen
und verwertet wird. Sollten nicht wir, die wir des Geistes Erstlinge haben, die wir tagtäglich spüren, daß wir ohne den Geist Waisen und Bettler sind, inbrünstiger um ihn beten und uns mehr ausräumen für seinen Empfang? Wenn die Kinder Gottes von allen Seiten sich treulich in dieser Bitte vereinigen und in ihrem Gehorsam und ihrer Reinigung die Vorbedingung für seinen Empfang erfüllen, dann wirds bald mehr Geisteswehen und -wirken geben und dadurch allein kommt unser Christentum auf die Höhe, daß wir alle mit heiligen Geiste erfüllt werden!

O heiliger Geist kehr bei uns ein und rüstes uns aus mit deiner Art, daß wir dein Wirkungsgebiet werden. Friiher kannst du uns nicht als deine Werkzeuge an Andern brauchen, als bis daß du uns selbst ganz habest! Darum bitten wir um deine Stärke und
deine Kraft, dein Licht und Recht! Leite uns in alle Wahrheit und heilige uns ganz und gar! Amen.

 

26. Mai

Röm. 5, 5: Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den heiligen Geist.

Den Wind erkennt man am Wehen; seine Richtung und Stärke wird offenbar an dem Staub, den er fortbläst, an den Wolken, die er vor sich her treibt. Den heiligen Geist erkennt man daran, daß er Gottes Liebesart ausgießt in unser Herz. Das gibt die neue
Richtung, daß wir Jesum und die Brüder lieben müssen. Ganz ohne langes Erwägen und Paktieren entsteht ein Zugwind in den Herzen der lebendigen Kinder Gottes, daß sie ohne Jesum zu lieben sich selbst gar nicht mehr denken können und, daß sie sich gedrungen fühlen, ihn in seinen Gliedern auf Erden zu blieben. Solche echte wirkliche Liebe ist etwas so Anderes, als alle menschliche Sympathie und alles irdische Wohlgefallen, das man gegen Gleichgesinnte, Blutsverwandte oder Parteigenossen verspürt, daß auch Weltmenschen staunen, wo sie sich offenbart. Verstehen oder nachmachen kann die Welt diese Liebe nicht;
wohl aber muß sie ihre Kraft anerkennen, wenn anders der heilige Geist wirklich sein Werk in uns hat. Ausgegossen, – wie man ein volles Gefäß ausleert in ein bereit stehendes leeres, – will das nicht sagen, daß wir angefiillt sein sollen mit diesem, seligen Naß? Wes das Herz wirklich voll ist, davon geht dann der Mund über, davon strahlen dann die Augen, darnach tun dann die
Hände und schlagen die Herzen, und niemand wird ärmer durch Lieben, sondern wärmer und reicher und glücklicher!
Warum willst du, — wie kannst du -· noch kalt im Winkel stehen und – nicht mitlieben?

Jesu, wir danken dir für das, was wir an uns und Andern schon erfahren durften von deiner Liebe in Menschenkindern! Gib uns immer mehr von dem köstlichen Gut und entzünde uns durch dich für dich und die Deinen. Gieße, fließe, heil’ges Feuer, das uns tauftl Bist so teuer ja erkauft. Nimm uns hin, du heiliger Strom, wir wollen uns von dir mitnehmen lassenl Trage uns, heiliger Geist. Zieh uns mit dir fort! Amen.

 

27. Mai
1.Kor 3,16: Wisset ihr nicht, daß der Geist Gottes in euch wohnet?

Hat der Apostel bei dieser Frage nicht ein sehr erstauntes Gesicht gemacht? Wollten das Christen sein, Menschen, deren neues Leben aus dem Geiste Gottes stammte, an denen jeder Zoll des neuen Wachstums das Gepräge dieses Geistes trug, – oder
es war gar nicht entstanden, – und konnten dabei vergessen, daß dieser Geist nun ein sehr berechtigter Einwohner in ihres Herzens Hause sei, dem sie doch alles verdankten? Nein, man kann dann nicht wieder so thun, als wäre er gar nicht da! Die rohen Bilderanbeter kehren wohl das Götzenbild um oder decken es zu, – wenn sie etwas Böses tun wollen, aber wir werden doch nicht dem heiligen Gottesgeist zumuten wollen, daß er mal die Augen zu machen soll, damit er jetzt auf die paar Stunden dieser
Abendgesellschaft nicht sehe, was wir treiben! Er geht auch nicht aus, er ist auch nicht anders beschäftigt, er sieht uns immer zu, wie wirs treiben und wartet ja nur darauf, wo er uns beispringen soll. Kann er bei der Klatscherei über den Nächsten von neulich, bei dem Zornesausbruch von gestern, bei der Trägheit von heute dir auch mit etwas an die Hand gehen? Ich las einst eine Geschichte, wie ein kinderloses Ehepaar, das in Streit lebte«, dadurch zum Frieden und zur völligen Umkehr kam, daß sie Beide
vor den großen, stillen Augen des fremden Kindleins fürchteten, das sie zur Erziehung angenommen hatten. Sollten die stillen Augen deines stillen Mieters und Stubengenossen,des heiligen Geistes nicht noch viel mehr vermögen?

Ja, du Geist der Wahrheit und der Liebe und der Zucht, du bist bei uns und in uns! O so übe ferner dein Gericht an unserem alten Wesen durch die bloße Erinnerung an deine Gegenwart! Wenn du nur anhebst: Wisset ihr nicht . . .? so schämen wir uns! Ja, wir wissen, — Herr hilf unserer Vergeßlichkeit und Unwissenheit täglich auf! Amen.

 

28. Mai

1.Sam. 14, 45: … er hat mit Gott gehandelt an diesem Tage.

Das ist des Morgens die Losung und Abends die Frage: War’s mit Gott gelebt? Alles Tun und Lassen, alle Anstrengung und Arbeit, wie geschieht sie? Was nicht aus dem Glauben kommt, ist Sünde, was nicht die Lebensbeziehung auf den lebendigen Gott aufweist, war verfehlt, verträumt, verloren. Ach, wieviel Tage voll Arbeit mögen da ausgestrichen sein aus dem Buch des Lebendigen! War bei uns gestern und heute alles mit Gott! getan? Auch diese kleine Verstimmung zwischen den Nächsten,
jenes unfreundliche Urteil über den Bruder, auch jenes glaubensarme Seufzen und Sorgen in kleinlichen Augenblicksnöten?
Auf unserm Gelde steht ,,mit Gott«, in den Hauptbüchern der Kaufleute steht ,,mit Gott«, auf den Fahnen und Helmen der Soldaten steht ,,mit Gott« -, aber was steht auf den Herzen und auf der Wirklichkeit des Alltags? Wes ist das Bild und die Uberschrift? Wenn Gott nur gehört, wo wirklich sein Name und Bild drin funkelt, — wie wenig von all unserem Getue wird
er wohl am jüngsten Tage als sein Eigentum anerkennen? Und doch ist ihm keine Pflichterfüllung im irdischen Beruf,
keine Liebesarbeit an Kindern und Kranken, kein Tränlein und kein Stoßgebet zu klein, als daß die Sonne, die das Weltmeer aufleuchten läßt in Goldesglanz, sich nicht auch spiegeln könnte im letzten Tautropfen! Also!

Ja, lieber Vater im Himmel, ich bringe dir diesen Tag, diese Sorge, diese Arbeit, diese Not, dieses Haus, diese Erdenkümmernis und bitte dich, schreibe du dein ,,Heilig dem Herrn« darauf! Nimm mich und all mein Thun und Treiben in deinen Vatersegen auf und laß mich an dir bleiben ewiglich! Amen.

 

29. Mai.

Epheser 2, 22: Ihr werdet erbauet zu einer Behausung Gottes im Geist.

Man muß etwas sein, um etwas werden zu können. Wir müssen vom Geiste schon ergriffen sein, schon etwas von ihm erlebt haben, damit wir im Stande sind, mehr zu empfangen. Insofern widerspricht unser Text jenem andern Wort desselben Apostels
nicht: wisset ihr nicht, daß der Geist Gottes in euch wohnet. Nur ist hier noch etwas Umfassenderes, Höheres gemeint, das Ziel, das dem Arbeiten des Geistes im Einzelnen vorschwebt. Wir alle sollen solche Geistesmenschen werden, so voll Geistes werden, daß die Sammlung alle dieser Früchte der Geistesarbeit in der Welt eine lebendige Gemeinde, eines Behausung Gottes im Geist sei. Das wird schwerlich jetzt auf Erden an einer sichtbaren Gemeinde zu Tage treten, denn alle Versuche, solche reine
Gemeindlein darzustellen, haben bis jetzt noch fehlschlagen müssen, so lange wir unter dem Zeichen des Befehls stehen: ,,Lasset beides miteinander wachsen bis zur Ernte!« Wohl aber wird vor dem Kommen des Herrn seine Brautgemeinde, zu der alle wahrhaft lebendigen Christen gehören, vom Himmel her angesehen, solche Einigung darstellen und möglich machen. Früher aber kann der Bewohner dieser Behausung seinen Umzug aus der unsichtbaren Welt nicht bewerkstelligen, als bis im Geist
diese Behausung fertig ist: im Glauben, in der Liebe, in der Heiligung und der Geduld. In Wirklichkeit, auch äußerlich sichtbar, wird dieses Ziel erst im tausendjährigen Reiche Christi.

Der Geist und die Braut sprechen: komm; und wer es höret, der spreche: kommt. Ja komm, Herr Jesul O rüste uns aus auf deine Wiederkunft, Herr Jesu, zu warten und uns für dieselbe fertig zu machen, damit deine herrlichsten Pläne offenbar werden an den Deinen. Amen.

 

30. Mai

Sprüche 8, 35: Wer mich findet, hat das Leben gefunden.

Das steht im Alten Testament und klingt doch so schön zusammen mit vielen Aussprüchen Jesu und der Apostel; z. B. wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Ja, Jesus ist das ewige Leben für die Menschenseele, und darum drängt die ganze
Bibel darauf hin, daß sich jeder mit Jesu zusammenschließe. Wenn sie aber gar nicht suchen wollen? Auch im Irdischen geht es so: für den Anstelligen, Fleißigen, Strebsamen liegt das Geld auf der Straße, und der Nachlässige, Gleichgültige, Faule kann keine Arbeit finden! Für den, der aufrichtig Jesum sucht, ist er heute noch auf mancherlei Weise zu finden, und thatsächlich kommen immer noch hin und her Menschen zum wirklichen Gläubigwerden. Nebenbei laufen Andere ein Menschenalter hindurch
zur Kirche und kennen die ganze Bibel und der Saum seines Gewandes streifte schon zu mancher Zeit ihr Kleid, – aber sie können ihn nicht finden. Freudlos, friedlos schleichen sie dahin mit der einzigen stillen Hoffnung, daß sie ja ihr Elend schon hier auf Erden empfangen und bitter genug verspürt hätten, wahrscheinlich werde deshalb ihnen in der Ewigkeit das selige Leben zufallen! Schreckliche Täuschung! Wer nicht hier findet und schon von hier das ewige Leben mitbringt in die Ewigkeit, kann dort kein Leben haben! Was wird’s denn wohl für ein Zustand sein?

Darum bitten wir dich, Herr Jesu, mache uns zu solchen deutlichen und lebendigen Zeugen für dein Leben, daß andere durch uns auf dich aufmerksam werden und sie noch zum Glauben kommen, ehe es zu spät ist. Laß du dein Licht helle leuchten in unserem Leben, damit wir Wegweiser auf dich hin seien in der pfadlosen Wirrnis der Welt. Jesu, belebe dein Wort, das du uns auf die Lippen legst, daß es wieder Leben wecke bei den Hörern! Amen.

 

31. Mai

Jak. 1,5: So jemand unter euch Weisheit mangelt, der bitte von Gott…

Angesichts solcher Verheißungen kann man seine eigene und anderer Christen Geistesarmut weder greifen, noch entschuld1gen. Vom Himmel her will man helfen, mitteilen, ·ausströmen lassen Geistessegen, Weisheit und Kraft, Einsicht und Zucht, – und auf Erden jammer man darber, dass man das nicht habe und stolpert über das Gegenteil alle Tage an sich und Andern! Wollen wir, die wir doch schon hineingehören in die, welche der Apostel mit den Worten ,,Unter euch« zusammenfaßt, die wir Jesu Gnade empfangen und genossen haben, wollen wir uns mahnen lassen durch jede Armut an Erkenntnis, durch jede Schwierigkeit, die
über uns kommt, durch jede eigene oder fremde Schwäche, uns doch da hinzuwenden, wo allein Weisheit und Hilfe zu haben ist. Daß man uns immer noch dazu mahnen muß, die wir doch längst durch des Herzens Trieb laufen müßten, um täglich mehr zu empfangen! Ob aus Not oder Liebe, wenn wir nur ohn’ Unterlaß in der Gebetsstimmung und Herzensrichtung wären, nach dem zu blicken, der uns allein aushelfen kann bei jedem Mangel. Müßten wir uns· nicht vor dem alttestamentlichchen Sänger schämen,
der mit solcher Glaubenszuversicht es hinausgesungen hat in alle Welt und alle Zeiten hinein: der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln! Wieviel mehr sollten wir erleben von Oben, nachdem wir schon soviel erfahren und erkannt haben! O du lieber himmlischer Vater, vergib uns unsere Untreue, Nachlässigkeit und Lauheit, daß wir so wenig von dir genommen haben, während du doch durch deine Verheißungen uns die Tür so weit aufgetan hast. Gib uns die Weisheit des täglichen, treulichen Bittens um Weisheit von Oben in allen Lebenslagen und Schwierigkeiten des Alltags! Wir schauen auf, gib uns unsere geistliche Speise zu dieser unserer Zeit! Amen.