Notwendiger und schädlicher Zweifel

Zweifel wird von manchen Gläubigen generell negativ gesehen, als sündiges Verhalten, das der Gläubige zu vermeiden hat. Sie können sich auf zahlreiche Ermahnungen ihn der Bibel, nicht zu zweifeln, sondern zu glauben, berufen. Haben sie also damit recht ? Sehen wir einmal genauer hin.

Im alten Bund sollte der Hohepriester am Versöhnungstag ein Tieropfer darbringen (3.Mo 16, 17ff), um die Sünden des ganzen Volkes (!) zu „bedecken“ und es von der Schuld zu „reinigen“ (Septuaginta: καθαρισθησεσθε) . Im Hebräerbrief heißt es später, dass es unmöglich sei, durch das Opfer von Tieren Sünden „wegzunehmen“ und Vergebung zu erlangen. (Hebr 10,4) Nur das Blut Jesu hat die Kraft, „den Gläubigen zu reinigen (καθαριζει) von aller Sünde.“ (1.Joh 1,7)

Was stimmt denn nun ? Hatten früher Tieropfer tatsächlich die Kraft, von Sünde zu reinigen oder kann das nur das Blut Jesu ?

Dieser Kontrast der Aussagen wäre ein Widerspruch, wenn beide Aussagen gleicher Art wären. Indes, ein wirklicher Widerspruch ist nicht vorhanden, weil nur die Aussage des Neuen Testamentes letztgültige Wirklichkeit ist, die Aussage des Alten Bundes dagegen eine vorläufige, vorbereitende Aussage, die auf die letztgültige Wirklichkeit hinweist: sie ist nur der „Schatten“ (Hebr 8,5) der Wirklichkeit.

An letztgültigen Aussagen sollte der Gläubige nicht zweifeln. Letztgültige Aussagen fordern das Vertrauen in Gott und eine Verhaltensänderung unmittelbar heraus. Wer in dieser Weise vertraut, handelt anders als der Nicht-Glaubende, denn er rechnet mit den unsichtbaren Tatsachen, die sich aus der Aussage ergeben. Dieses Vertrauen ehrt Gott. „Obwohl Abraham damals schon fast hundert Jahre alt war und wusste, dass er keine Kinder mehr zeugen und seine Frau Sara keine Kinder mehr bekommen könnte, wurde er im Glauben nicht schwach und zweifelte nicht an der Zusage Gottes. Er ehrte Gott, indem er ihm vertraute , und wurde so im Glauben gestärkt. Er war sich völlig gewiss, dass Gott auch tun kann, was er verspricht. Eben darum wurde ihm der Glaube als Gerechtigkeit angerechnet. “

Doch wie ist es bei vorläufigen Aussagen ?

David kamen nach seiner an Uria verübten Bluttat zum erstenmal Zweifel an der Wirksamkeit eines Tieropfers: „Tieropfer gefallen dir nicht, sonst würde ich sie dir geben. Aus Brandopfern machst du dir nichts.“ (Ps 51,18)

Das Gesetz sagte in seinem Fall ausdrücklich: „ihr sollt keine Sühneleistung annehmen bei Mord.“ (4.Mo 35,31) „Wer vorsätzlich einen Menschen ermordet hat, der schändet das Land, und das Land kann von der Blutschuld nicht gereinigt werden außer durch das Blut dessen, der es vergossen hat.“ (4.Mo 35,33)

Für Mord war kein Opfer vorgesehen. Es gab keine Sühne dafür. Doch die Justiz konnte das Todesurteil nicht vollstrecken. Der König war die Justiz. Er garantierte den Rechtsfrieden. Ohne ihn gäbe es Anarchie, Kämpfe um die Macht, noch mehr Morde.

So blieb die Sünde ungesühnt. Was konnte David noch zu seinen Gunsten anführen? Tiefe Zerknirschung und Reue ?

Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängstetes Herz…„. (Ps 51,18) Eine reuige Einstellung ist eine Selbstverständlichkeit. Zu opfern und nichts zu bereuen wäre eine Verhöhnung Gottes. Schon weil das Opfer Geld kostet, wird es in der Regel von einem Gefühl des Bedauerns begleitet sein (so wie das Bezahlen eines Strafzettels). Dieses Bedauern erspart das Opfern nicht, es ist nur eine Begleiterscheinung.

Wenn die Tat – wie ein Mord z.B. – nicht durch ein Tieropfer gesühnt werden kann, dann kann die Schuld nach alltestamentlichem Recht nur durch den Verlust des eigenen Lebens beseitigt werden – was Seele und Gewissen natürlich enorm belastet. Diese seelische Belastung hat jeder zum Tode Verurteilte vor der Hinrichtung zu tragen. Sie hat ebenfalls keine sühnende Wirkung, sodass deshalb das Opfer des eigenen Lebens erlassen werden könnte.

In dieser ausweglosen Situation befindet sich David. Doch er erlebt staunend und dankbar, dass Gott die Opferfrage als bereits erledigt betrachtet. Wie das möglich ist – weiß David nicht. Oder ahnt er etwas ? Auf sein Sündenbekenntnis hin kann ihm Nathan mitteilen: „so hat der Herr deine Sünde weggenommen und du wirst nicht sterben.“ (2.Sam 12,13).

Auf seine große Sünde folgt: gar nichts! Die Sünde ist einfach weg, völlig beseitigt.  Die im folgenden auferlegten Strafen sühnen die Sünde nicht, sondern haben nur einen Zweck, den Verächtern des Glaubens zu zeigen, dass Gott gerecht ist, nicht mit zweierlei Maß misst, und keine Günstlinge hat, denen er alles durchgehen lässt. Hätte niemand die Sünde bemerkt, wären diese Strafen sehr wahrscheinlich erlassen worden.

Wenn aber nun bei dem schlimmsten Verbrechen die Schuld ohne Bestrafung des Sünders hinweggenommen wird, dann muss das fairerweise auch bei allen kleineren Vergehen so sein. Wie kann ein Gott gerecht erscheinen, der „die Kleinen hängt, die Großen aber laufen lässt“ , der „Mücken aus dem Getränk filtert, aber zugleich Kamele hinunterschluckt“ (Mt 23, 24) ? Auch hier wäre die Ehre Gottes, das Vertrauen in Sein gerechtes Urteilen in Frage gestellt. Das darf nicht sein.

Kann David vergeben werden auf sein bloßes Schuldbekenntnis hin, so muss das auch für alle anderen Sünder gelten, die weniger Schlimmes getan und weniger Strafe verdient haben. Deswegen ist Davids Erkenntnis: „Tieropfer gefallen dir nicht..“ (Ps 51,18) eine allgemeingültige Aussage, die seltsam verloren dasteht inmitten des weiter praktizierten Opferkults.

Sie bringt zwangsläufig die Frage mit sich: was erwartet Gott statt eines Opfers von mir ? Was ist ihm lieber als dieses Opfer ? Denn auch der gebotene Opferdienst ist kein Irrtum Gottes, ist nicht sinnlos: er muss eine Art Vorbereitung für die neue Erkenntnis sein. Von Nathan erhält David diese Erkenntnis nicht.

Gott überlässt es dem Menschen, sich hier allein Gedanken zu machen und sich selbst um eine tragfähige Antwort zu bemühen. David vermutet ehrliche Reue, Demut und tiefe Selbsterkenntnis, und ist damit auf dem richtigen Weg. Seine Erkenntnis vereinigt sich später mit den Erkenntnissen der Propheten, die sogar den Abscheu Gottes vor dem Opferdienst bekunden, sofern er nicht mit einer innerlichen Erneuerung verbunden ist. „ihr mögt mir noch so viele Brand- und Speisopfer darbringen – ich kann sie nicht leiden. Ich mag eure fetten Dankopfer nicht ansehen… sorgt lieber, dass gerechte Rechtsprechung im Land zu sehen ist…“ (Amos 5,22-24)

Das Bemühen um tiefe Selbsterkenntnis wird den Zweifel am vorhandenen Opferkult weiter vertiefen. Wer die ganze Verdorbenheit seines Herzens erkennt, wird immer ins Zweifeln kommen, ob das Opfern eines Tieres, das man ja auch schon für die Zubereitung einer Mahlzeit getötet hätte, nun zusätzlich auch noch Sünde ungeschehen machen kann.

Das ist ja das Ziel der Vergebung: Die „Reinigung“ von der Sünde (Ps 51,12 / 1.Joh 1,9), die den Gläubigen so stellt, als hätte er sie nie begangen. Wie soll das möglich sein ? Getötet würde das Tier ohnehin, um es zu essen. Das was hinzukommt, ist das religiöse Ritual, das das Opfer begleitet. Ein Ritual, das Menschen vollziehen, soll letztlich die Erlösung bringen: eine magische Vorstellung, die gründlich denkende Gläubige nicht überzeugt.

Wer ein Tieropfer als ausreichende Sühnung ansieht, der denkt wenig über das Gewicht der eigenen Sünde nach. Sicherlich kann er sich auf den Wortlaut alttestamentlicher Opfervorschriften berufen. So werden es viele konservative Gläubige getan haben, die dann später auch vom Messias nichts wissen wollten, der „ein für allemal“ (Hebr 7,27) das einzig gültige und ausreichende Opfer – sich selbst – darbrachte (Hebr.5,3 / 9,27) So blieb ihnen nicht weiter übrig als sich weiter – unter Berufung auf die mosaische Tradition – an der Illusion des Tieropfers festzuhalten.

Gehorsam gegenüber dem Wortlaut ist keinesfalls immer das Richtige. Er kann das Grundfalsche sein, wenn die Aussage „Schattencharakter“ hat, wenn sie von sich selbst weg auf eine noch nicht erschlossene Wirklichkeit verweist. Wie destruktiv und irreführend eine blinde und gedankenlose wörtliche Anwendung biblischer Aussagen sein können, zeigen viele unter der Überschrift „Giftige Theologie“ genannten Beispiele.

Die Frage: „Habe ich das Wirkliche gesehen oder nur einen Eindruck seines Schattens gewonnen ?“, begleitet den Leser der Bibel ständig.

Eine sorgfältige Argumentation ist für die Stabilität eines freundlichen Gottesbildes und für den Schutz der Heilsgewissheit unerlässlich.