Angst wegen „unvergebbarer Sünde“ ?

sturz-in-schwarze-loch-quadr-292x300Alle Sünden können den Menschen vergeben werden, selbst die Gotteslästerungen, die sie aussprechen. Wer aber den Heiligen Geist lästert, wird keine Vergebung finden. Wer etwas gegen den Menschensohn sagt, dem kann vergeben werden. Wer aber gegen den Heiligen Geist redet, dem wird nicht vergeben werden, weder in dieser Welt noch in der kommenden„. (Mt 12,30-31 / NeÜ)

Die Angst, den Heiligen Geist gelästert und damit eine unvergebbare Sünde begangen zu haben und nunmehr unwiderruflich der ewigen Verdamnis verfallen zu sein, ist wahrscheinlich eine der grausamsten menschlichen Angsterfahrungen – nicht nur wegen ihrer kaum noch zu steigendernden Intensität, sondern auch wegen ihrer möglicherweise jahrzehntelangen Dauer – sofern sie nicht zu einem gesundheitlichen Zusammenbruch und frühem Tod führt wie z.B. bei Francesco Spira (Karl Roenneke, Francesquo Spiera – eine Geschichte aus der Zeit der Reformation in Italien, Hamburg 1874).

Für die gesundheitlichen Folgen ist die Frage sehr wichtig, inwieweit die permanente Angstbelastung zu Schlaflosigkeit führt. Der totale Verlust der Fähigkeit zu schlafen (Asomnie) wird nach etlichen Monaten lebensbedrohlich.

Die extreme Schädlichkeit der seelischen Erkrankung steht in auffälligem Missverhältnis zu den oft halbherzigen Bemühungen, die Ursache der seelischen „Verriegelung“ aufzuspüren.

Eine Lösung mit höchster Autorität und Glaubwürdigkeit muss auf die Qualitätsmaßstäbe Jesu gegründet sein. Siehe dazu die Lösung im Detail unter Behauptung Nr.10 der „giftigen Theologie“ sowie im folgenden verschiedene (unzureichende) Lösungsansätze in der Medizion und Seelsorge.

1. Oberflächliche seelsorgerliche Antworten
1.1. Aufforderung zur Auswahl und Verdrängung
1.2. Luthers Kunstgriff: formale Zustimmung zum Verdammtwerden
1.3. Visualisierungen des Leidens Christi
2. Antworten der „nouthetischen“ Seelsorge (Jay Adams)
3. Definition der unvergebbaren Sünde als „nationale Sünde“ (Arnold Fruchtenbaum)
4. Am Buchstaben klebende „Lösung“ als verheerender „Kunstfehler“ (Adolf Schlatter)


1. Oberflächliche seelsorgerliche Antworten

„Gott-ist-tot“ – Theologen machen es sich hier sehr einfach, indem sie die biblische Warnung vor der Lästerungssünde als allzumenschliche Übertreibung abtun. Diese Sicht kann ein Mensch, der von der Autorität und Zuverlässigkeit der heiligen Schrift überzeugt ist, nicht übernehmen, ohne seinen ganzen Glauben in Frage zu stellen. Er müsste damit etwas tun, was er für zutiefst gottlos hält: sein eigenes Urteil willkürlich über das göttliche Wort stellen. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass sich dadurch bei ihm die Gewissheit, nunmehr endgültig auf die gottlose Seite zu gehören, und damit die Verdammungsangst noch verstärkt.

Man erweist dem Ratsuchenden keinen guten Dienst, wenn man ihn nicht ernstnimmt und seine Not von vornherein und ausschließlich als irrationale Wahnerkrankung einstuft. Damit ist der Weg zu einer sachlichen Analyse der Wirkungszusammenhänge versperrt.

Ein Patient, der von der Autorität und Zuverlässigkeit der heiligen Schrift überzeugt ist, wird immer versuchen, einen Therapeuten zu bekommen, der ebenfalls eine christliche Glaubensüberzeugung hat.

Manchmal ist das aber nicht möglich. Dann sollte der Therapeut zumindest Verständnis für den christlichen Glauben haben. Es sei das abschreckende Beispiel eines Nervenarztes erwähnt, der einem Patienten, der Angst vor der unvergebbaren Sünde hatte, empfahl, den Heiligen Geist ganz bewusst zu beschimpfen. Dieser Arzt hielt die Erkrankung allen Ernstes für einen „Tic“, für eine Zwangshandlung, die sich auflöst, wenn man genau das tut, was Angst macht. Wenn man einen Waschzwang hat, dann mag es ja den Zwang etwas abbauen, wenn man sich die Hände extra verschmutzt und in diesem Zustande möglichst lange belässt. Aber in dieser Situation dieser Rat ? Haarsträubend und verantwortungslos!

Auch wird einem kranken Menschen, der stark darunter leidet, dass ihm der Glaube abhanden zu kommen droht, wenig geholfen, wenn man diesen Glauben in Bausch und Bogen für wertlos erklärt, und ihm die eigene Weltanschauung als Alternative aufzuzwingen versucht. Die Tatsache, dass man selbst keine Angst hat und sich im Einklang mit der aktuellen Mehrheitsmeinung weiß, ist zudem nie und nimmer ein Beweis für die Richtigkeit der eigenen Weltanschauung. Weltanschauung und Glaubensüberzeugung bilden sich in engster Verbindung zur eigenen unverwechselbaren Biographie. Diese für unbedeutend und unmaßgeblich zu erklären, hieße die Würde des Patienten zu missachten. Mit weltanschaulichen Chauvinismus wird niemandem geholfen.

Ein Arzt mit agnostischer Weltanschauung mag ja privat den christlichen Glauben für ein Hirngespinst halten, für eine bloße Konditionierung durch Erziehung. Doch muss er damit rechnen, dass eine religiöse Prägung nicht mehr umkehrbar ist. Eine Glaubensüberzeugung lässt sich nicht wechseln wie eine Hose oder ein Hemd – gerade sie ist in der Tiefe der Persönlichkeit verankert. Wer ihre Denkmöglichkeiten als vorgegebenen Handlungsrahmen respektiert und die Ressourcen innerhalb dieses Rahmens voll ausschöpft, wird sehr wahrscheinlich besser helfen können als jemand, der sich naserümpfend erst gar nicht für solche Ressourcen interessiert.

Selbst geistig verwirrte alte Menschen haben ein Recht auf diese Vorgehensweise, die ihre Würde schützt, wie Naomi Feil und Nicole Richard mit ihrem weltweit bewährten Konzept der Validation gezeigt haben.

Angesichts eines vorgegebenen Denkrahmens ist eine effiziente Lösung nur „systemimmanent“ möglich. Das heißt: man muss sie mit Hilfe der Bibel und biblisch gut begründeter Interpretationsmethoden finden. („Lösungsverfahren„)

Der Gläubige glaubt an Gott, der zwar unsichtbar, aber dennoch eine reale Person ist. Er hat mit ihm einen Lebensbund, einen Vertrag geschlossen, aus dem sich für ihn bestimmte Rechte und Pflichten ergeben. Das Vertragswerk ist die Bibel. Wenn sie Gottes heiliges Wort ist, haben die in ihr verkündeten Rechte und Pflichten göttliche Autorität, die durch menschliche Einreden nicht aufgehoben werden kann.

Wie eng oder weit diese Rechte und Pflichten gefasst sind, hängt von der Glaubwürdigkeit des Auslegungskonzepts ab, das bestimmt, welche biblische Aussage im Falle konkurrierender Aussagen höheren Rang einnimmt.

Gleichzeitig ist zu beachten, dass das Auslegungskonzept die Autorität der Heiligen Schrift nicht schwächen sollte, was sich unmittelbar sehr negativ auf die Gültigkeit der Heilsversprechungen und damit auf die Stärke der aus der Bibel gewonnenen Glaubenszuversicht, der Hoffnung, des Trostes und der Ermutigung auswirken würde.

Ein Auslegungskonzept, das die Autorität der Bibel im Wesentlichen negiert, kommt einer Aufforderung zur Aufgabe des Glaubens („Abfall vom Glauben“) gleich. Die gänzliche Aufgabe des Glaubens ist nach der Bibel eine Tat, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, also nicht vergeben wird. (Hebr 6,4-6) Es ist nachvollziehbar, dass sich der Patient auf solche Vorschläge nicht einlassen kann und darf.

Die Bibel bedroht die Missachtung ihrer Autorität mit Strafen. Die Ankündigung einer Strafe ist – selbst wenn sie lange auf sich warten lässt – eine reale Bedrohung. Solange Gebote nicht überfordern, existiert diese Bedrohung nur theoretisch. Sie tritt völlig zurück hinter starke positive Emotionen, die mit dem Glauben an die Heilszusagen verbunden sind.

Erst wenn Gebote überfordern, trittt die Bedrohung wieder in den Vordergrund. Auf starke, reale Bedrohungen reagiert der Mensch normalerweise mit Angst. Eine unendlich hohe Bestrafung ist nach Aussage der Bibel die Folge einer bestimmten Tat. Der Gläubige hat etwas getan, was dieser Tat sehr ähnlich ist und bezieht deshalb die furchtbaren Drohungen auf seine Person.

Der Seelsorger geht davon aus, dass eben dieser Bezug ein Missver­ständnis ist. Das muss er beweisen.

Weil das Thema schwierig ist, sind Lösungsversuche mit geringstem gedanklichen Aufwand beliebt. Nicht wenige Seelsorger behelfen sich mit dem Zitieren einiger ermutigender Bibelstellen, verbunden mit der Aufforderung, sich ihrer optimistischen Sicht anzuschließen. Wenn der Verzweifelte es nicht kann, dann ist er eben krank oder verrückt, der arme Kerl und kann sich seine Situation nur noch mit Medikamenten erleichtern. Eine Reflexion, warum die Seelsorge scheiterte, unterbleibt häufig.

1.1. Aufforderung zur Auswahl und Verdrängung

So wird manchmal behauptet, wer Jesus seinen Herrn nennt, könne die unvergebbare Sünde nicht begangen haben, denn „Niemand kann Jesus einen Herrn nennen, es sei denn durch den Heiligen Geist.“ (1.Kor 12,3) Tatsächlich ? Dabei heißt es andernorts: „es werden nicht alle, die Herr zu mir sagen, ins Himmelreich kommen, sondern nur die, die den Willen meines Vaters im Himmel tun…“ (Mt 7,21) Offenbar war das Phänomen des biblischen Pauschalstils unbekannt. Oder hat der Seelsorger die entgegengesetzte Aussage in Mt 7,21 gekannt und sie einfach ignoriert ?

Eine seriöse Antwort wird immer auch entgegengesetzte Aussagen einbeziehen. Wird der zweite Vers berücksichtigt, dann ist klar, dass für eine saubere Trennung zwischen Heiligung und Werkgerechtigkeit zu sorgen ist. Denn die Erfüllung des Willens Gottes, die Heiligung, ist Voraussetzung, um das Heilsversprechen Gottes in Anspruch zu nehmen.

1.2. Luthers Kunstgriff: formale Zustimmung zum Verdammtwerden

Luther hatte sich eine besonders originelle Methode ausgedacht: wer Angst hat, in die Hölle zu kommen, der braucht bloß damit einverstanden zu sein. Ein Mensch, der in jeder Hinsicht wünscht, dass Gottes Wille geschehe und sei es die eigene Bestrafung mit der Hölle, kann dies nur durch den Geist Gottes und hat damit den Beweis erlangt, dass er gerettet ist: „Diejenigen, welche Gott in Wahrheit und Freundschaft lieben,… fügen sich aus freien Stücken in jeglichen Willen Gottes, auch in die Hölle und den ewigen Tod, wenn es so Gottes Wille sein sollte, nur damit sein Willen ganz geschehe; so wenig suchen sie das Ihre. Doch ebenso, wie sie sich dem Willen Gottes ohne Vorbehalt gleichförmig machen, ist es auch unmöglich, dass sie in der Hölle bleiben. Denn es ist ausgeschlossen, dass der außerhalb Gottes bleibt, der sich mit Leib und Seele in seinen Willen hineinwirft. Er will ja was Gott will – also findet er Gottes Gefallen. Findet er sein Gefallen, so ist er geliebt; ist er geliebt, so ist er gerettet.“ (Aus der Römerbriefvorlesung (1515/16) Scholie zu Rö 9,3 nach Ficker I,2, Seite 217,26ff)

Eine Lösung, die nicht überzeugt. Wie soll ein Christ, der vor der Hölle zittert, Gott lieben können? Er kann formal seiner Verdamnis zustimmen, zweifellos – aber nur mit dem Hintergedanken, sie eben dadurch zu vermeiden. Die Zustimmung geschieht also aus Berechnung – und keinesfalls freiwillig. Sich mit einem Kunstgriff, einer beispiellosen psychologischen Verrenkung der Liebe Gottes Gottes versichern müssen – wie soll dabei Liebe entstehen ? Und welcher Gläubige „fügt sich in jeglichen Willen Gottes“ und überwindet alles in seinem Leben, was unvollkommen ist, um sein Heil zu sichern ? Eben das wäre ja wieder äußerste Verknechtung der Seele, da Gläubige eben nicht vollkommen sind, auch wenn ihr Herr wünscht, dass sie es sich wünschen. (Mt 5,48)

1.3. Visualisierungen des Leidens Christi

Visualisierungen oder Veranschaulichungen des Leidens Christi können äußerst kontraproduktiv sein: mit einem spitzen Nagel in die Handfläche pieken, einen Stamm als „Kreuzesholz“ anrühren, eine brutale Kreuzigungsszene im Film anschauen. Die gezeigte Brutalität vergrößert nur die Angst, wenn das Sühneopfer Jesu nicht als Beweis der Liebe Gottes gesehen werden kann.

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2. Antworten der „nouthetischen“ Seelsorge (Jay Adams)“

Adams geht davon aus, dass die unvergebbare Sünde nur von einem Menschen begangen werden kann, der so „verhärtet“ und gegen den heiligen Geist abgestumpft ist, dass er auch keine Angst mehr vor dem Gericht Gottes empfindet. Gerade die Besorgnis sei ein Indikator für das Heil. (Jay Adams, Handbuch für Seelsorge, Wuppertal 1976, S.311). Wer deshalb Angst habe, könne diese Sünde unmöglich begangen haben.

Das ist in der Tat der Eindruck, den das Verhalten der religiösen Führer Israels im weiteren Verlauf der Geschichte vermittelt. Sie bringen nicht nur Jesus ans Kreuz, sondern versuchen auch später die Gemeinde auszurotten. Nirgends wird etwas von Reue und Bedenklichkeit berichtet. Der Apostel Paulus erscheint als einsame Ausnahme eines Pharisäers, der seine frühere Feindschaft aufgab.

Dieser Punkt wird von etlichen Ratsuchenden zu wenig beachtet. Da Gott jeden Menschen aufrichtig liebt, wird er nichts unversucht lassen, um ihn zu retten. Diese Absicht lässt er sich sogar von Menschen bestätigen (Jes 5,4-5 ). (Siehe ausführlich dazu den Artikel unter „Giftige Theologie“) Man darf deshalb davon ausgehen, dass der „point of no return“ den Abschluss einer beispiellos gottlosen Lebenszeit bildet, bei dem eine Umkehr nach menschlichem (!) und göttlichen Ermessen nicht mehr zu erwarten ist.

Leider betrachten sehr oft die falschen Leute, die sensibel, schwach und ängstlich sind und deren Sünden sich in vergleichsweise kleinem Rahmen halten, die Warnung Jesu vor der unvergebbaren Sünde wie auch andere Warnungen, die an verhärtete und an Bosheit gewöhnte Menschen gerichtet sind, als an sich gerichtet. (Sorgfaltsparadox)

Die beruhigende Formel „wer Angst hat, braucht keine Angst zu haben…“ mag de facto richtig sein. Sie läßt sich aber nicht zweifelsfrei durch am Buchstaben klebende Interpretation beweisen, da es – wenn auch wenige – verunsichernde Textstellen (wie z.B. Hebr 12,16-17) gibt: „Achtet auch darauf, dass keiner von euch … mit heiligen Dingen so geringschätzig umgeht wie Esau, der für eine einzige Mahlzeit sein Erstgeburtsrecht verkaufte! Ihr wisst, wie es ihm später er ging, als er den Segen von seinem Vater bekommen wollte: Er wurde von Gott verworfen und fand keine Möglichkeit mehr, das rückgängig zu machen, obwohl er sich unter Tränen darum bemühte.“ Hier ist Reue vorhanden, sie kommt indes zu spät. Die Traurigkeit Esaus über sein Fehlverhalten ist hier mitnichten ein Indikator des Heils. Dem ängstlichen Gläubigen hilft es wenig, wenn ihn der Seelsorger auffordert, Textstellen wie Hebr.12,16-17 einfach zu ignorieren. So bleiben sie weiter eine Quelle der Verunsicherung.

Eine stabile Deutung bedarf einer widerspruchsfreien Einsicht in den wahren Charakter Gottes. Diese ist per se unmöglich, wenn das Gewissen des Ratsuchenden durch perfektionistische Theologie geprägt ist. („Giftige Theologie„) Auch kleine Schwächen und Unzulänglichkeiten erzeugen dann den Eindruck, ein „beispiellos gottloses Leben“ geführt zu haben, an dessen Ende nun das unvermeidliche Verdammungsurteil stehen muss. Adams erwähnt eine perfektionistische Sicht der Sexualität, die darin gipfelt, dass bereits der unreine Gedanke als unvergebbare Sünde betrachtet wird. (Vgl. den Artikel „sexuelle Sünden verunreinigen am stärksten.“)

Deshalb muss als erster Schritt die seelische Fesselung durch perfektionistische Theologie aufgelöst werden, was nur mit „systemimmanenter“ Argumentation geschehen kann, d.h. mit einer Methode, die die fundamentalistisch-perfektionistische Sicht „mit ihren eigenen Waffen“ widerlegt. Gleichzeitig ist es wichtig, den positiven Charakter bibelgemäßer Heiligung umfassend und glaubwürdig zu vermitteln.

Richtig ist der Hinweis von Adams, dass die Angst vor der unvergebbaren Sünde nicht die Frage nach anderen Fehlverhaltensweisen überflüssig machen darf. Wird an groben Sünden (Zerstörung der Ehe, Unversöhnlichkeit, Neid) festgehalten, dann kann beim Bibellesen das lebendige Reden, Wirken und Bevollmächtigen nicht entstehen, die Interaktion zwischen Bibel und Gläubigen, die für geistliches Leben typisch ist. Dann ist es auch um die Gewissheit des Heils schlecht bestellt.

Kontraproduktiv ist dieser Ansatz, wenn der Seelsorger ohne konkretes Wissen von vornherein unterstellt, dass der Ratsuchende die Angst vortäuscht, weil er „von anderen Sünden ablenken will“. Ohne es zu wollen, können Seelsorger sehr grausam reagieren. Das zeigt auch die am Buchstaben klebende Antwort von Adolf Schlatter.

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3. Definition der unvergebbaren Sünde als „nationale Sünde“ (Arnold Fruchtenbaum)

Nach Fruchtenbaum bildet der Hinweis auf „dieses böse Geschlecht“ (Mt 12,41+42+45) den Schlüssel für das Verständnis der unvergebbaren Sünde. Nur eine einzige Generation hatte die Möglichkeit, dem Messias direkt zu begegnen und sich von seinem sündlosen Charakter und seiner göttlichen Vollmacht zu überzeugen. Jesus vollbrachte zudem die Wunder, die in der jüdischen Tradition nur der Messias tun konnte: die Heilung von Aussätzigen, das Austreiben eines stummen Dämons und die Heilung eines Blindgeborenen.

Bessere Beweise für die Vollmacht des Messias konnte es nicht geben. Auch ging Jesus auf die Menschen mit vollkommener Liebe zu. Niemals war es leichter, mit der Liebe Gottes, seiner Hilfe und seiner heilenden Kraft in Berührung zu kommen.

In dieser einzigartigen Situation gab es Menschen, die Jesus als Verkörperung des Bösen bezeichneten, als Boten Satans. Wieder werden als Schiedsrichter im Endgericht Menschen bemüht, die Leute von Ninive und die Königin von Saba (VV.41-42), die das verdammende Urteil aussprechen.

Das Verdammungsurteil ist also keine überlogische, unverständliche Grausamkeit Gottes: die Einstellung der Pharisäer ist so boshaft, dass auch Menschen um der Fairness willen darüber ähnlich urteilen würden. Wer Jesus unter diesen Bedingungen und in dieser Weise ablehnt, der hat den endgültigen Bruch mit dem Messias vollzogen.

Am Ende des Kapitels 12 wird der Bruch mit Israel und der Übergang des Heils zu den Heiden angedeutet. Jesus wertete seine verwandtschaftlichen Beziehungen ab, und bezeichnete nur noch die als zugehörig zum Gottesvolk, die den Willen Gottes respektieren. (Mt 12,47-50). Der endgültige Bruch wurde bald offenkundig, als der Tempel samt Jerusalem zerstört und das jüdische Volk in alle Welt vertrieben wurde. „Wahrlich, all dieses wird über dieses Geschlecht kommen.“ (Mt 23,36) Dieses Gericht war unvermeidlich, da Gott die Verwerfung des Messias nicht vergeben konnte.

Hilfreich an der Lösung von Fruchtenbaum ist die Tatsache, dass sie die geistliche Katastrophe mit der Verwerfung des Messias verknüpft und nicht mit einer falschen Bezeichnung von Wundern. In pfingstlerischen und charismatischen Gruppen wird manchmal behauptet, dass jemand, der die dort gezeigten Wunder in Frage stelle, eine unvergebbare Sünde begangen hätte. Wie verantwortungslos ist diese Behauptung ! Wunder, die Menschen vorzeigen, sind nicht eindeutig. Wie viel Betrug hat es da schon gegeben – auch in christlichen Gruppen.

Wenn ein Christ so leicht verloren gehen könnte, weil er ein Wunder für unecht hält, was wären dann die Verheißungen Jesu und seine Kraft zu bewahren, wert ?

Ebenso positiv ist zu sehen, dass das menschliche Fairnessurteil eine wichtige Rolle spielt, sodass die endgültige Tennung von Jesus nicht wie ein willkürliches Verhängnis über den Menschen hereinbricht. (siehe dazu Details)

Positiv an der Lösung von Fruchtenbaum ist auch zu sehen, dass er auf die einzigartige privilegierte Stellung der Generation Jesu hinwies. Auch die Zeit der Apostel, die Zeichen und Wunder im Namen des Messias vollbrachten, die göttliche Liebe beispielhaft vorlebten und Anschluss an die göttliche Inspiration hatten (Apostelbriefe!), ist noch als eine privilegierte Situation der Urgemeinde zu sehen.

Dieses Faktum mildert den Satz des Hebräerbriefes, dass Gläubige „das Blut des Bundes, durch das sie geheiligt sind, für unrein achten und den Geist beleidigen“ können. (Hebr. 10,29) Man muss der Tatsache ins Auge sehen, dass diese Hebräerstelle bei manchem Gläubigen dennoch wieder Ängste aufsteigen lässt und dass deshalb zusätzlich Überlegungen zur Fairness notwendig sein können.

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4. Am Buchstaben klebende „Lösung“ als verheerender „Kunstfehler“ (Adolf Schlatter)

Seelsorge, die sklavisch am Buchstaben klebt, kann den Rest jeglicher Hoffnung zerstören.

Dies soll anhand der Ausführungen des Theologieprofessors Adolf Schlatter (1852-1938), der für eine ganze Reihe ähnlich denkender Theologen steht, veranschaulicht werden. Auch er hat sich mit der Frage befasst, wie man Menschen helfen könnte, die Angst haben, die unvergebbare Sünde begangen zu haben. Es tut uns leid, ihn hier kritisieren zu müssen, denn er hat in seinen Werken der Gemeinde viele wertvolle Erkenntnisse hinterlassen. Viele haben ihn mit großem Gewinn gelesen. Doch in der Frage der unvergebbaren Sünde hat er leider schwerwiegende Fehler begangen, die angesprochen werden müssen.

Seine Antwort lautet, dass in diesem Fall Hilfe unmöglich ist. Niemand könne wissen, ob jemand diese Sünde begangen habe. Der Mensch, der von dieser Angst gequält wird, natürlich auch nicht.

Nach Schlatters Ansicht ist selbst das Glaubensleben kein Beweis: der Feigenbaum, den Jesus verflucht hatte (Mt 21,19), trüge ja auch noch Blätter und wäre doch längst tot. (Adolf Schlatter, Jesus – der Christus, Gießen 1978, Seite 55.)

Diese Argumentation zeigt, dass eine orthodoxe Auslegungsregel (“Schrift erklärt die Schrift” = “Sola Scriptura!”) bei Schlatter die entscheidende Beurteilungsgrundlage bildet. Zweifellos macht die Anwendung der Auslegungsregel “Schrift erklärt die Schrift” in einer dem Heiligen Geist gemäßen (!) Weise Sinn: die Bibel erklärt sich selbst, wenn Jesus das Alte Testament auslegt (Mt 5,21ff / Mt 22,42-46) oder wenn im Hebräerbrief Zusammenhänge zwischen Altem und Neuem Testament erläutert werden.

Doch ein gedankenlos mechanischer “Schriftbeweis” auf der Basis des nur-wörtlichen Verständnisses kann – wie man hier sieht – auch zu haarsträubenden Ergebnissen führen. Es ist fürwahr eine schaurige Vorstellung, dass vielleicht viele Brüder und Schwestern, die sich ihres Glaubens freuen, gerne in der Gemeinde mithelfen, den Herrn freudig bekennen und anderen den Weg zu Christus zeigen, gar nicht wissen, dass sie selber nichts anderes als leichenkalte Untote sind, weil sie mal irgendwann ein unüberlegtes Wort gegen geist­liche Dinge gesagt haben.

Der Denkfehler liegt bereit darin, dass das Problem als eine Art Denksportaufgabe gesehen wird und ein Lösungsansatz ausschließlich mit „neutraler“, dogmatischer Logik versucht wird.

Das funktioniert schon deshalb nicht, weil es keine allgemeine Auskunftspflicht Gottes dem Bibelleser gegenüber gibt. Die Bibel ist kein Prospekt für die Reise ins Jenseits, der jedem Kunden „unpersönliche“ Informationen anbietet, für deren Richtigkeit der Veranstalter der Reise (Gott) haftet.

Die Bibel erkennt vielmehr den inneren Zustand und Lebensstil des Lesers und reagiert darauf. (Selbstverstärkung) Sie schenkt keinesfalls automatisch Klarheit. Soweit der Leser Wahrheitsliebe vermissen lässt, fördert sie Irrtum und Missverständnis. „Deshalb schickt Gott ihnen wirksame Täuschung, sodass sie der Lüge Glauben schenken. So wird jeder gerichtet, der die Wahrheit nicht glauben will, sondern das Unrecht liebt“ (2Thes 2,11-12). „Euch lässt Gott die Geheim­nisse seiner neuen Welt verstehen, anderen sind sie verborgen. Denn wer viel hat, der bekommt noch mehr dazu, ja, er wird mehr als genug haben. Wer aber nichts hat, dem wird auch noch das Wenige, das er hat, genommen” (Mt 13,10 ff.).

Auch enthält der Buch­stabe der Bibel nicht alle Informa­tio­nen, die zum Glaubens­wachstum notwendig sind. Damit Glaubens­wachstum statt­finden kann, müssen weitere Informationen hinzukommen, die nicht in der Bibel enthalten sind und diese Informationen werden nur durch die geistliche Lebenspraxis, durch die Interaktion zwischen göttlichem Wort und dem Gläubigen, der darauf hört, geliefert.

(Das wäre etwa so, als würde jemand behaupten, dass nur der DNS-Code das Leben enthalten würde, während doch die Interaktion zwischen DNS und lebendiger Zelle für das Leben typisch ist. Die isolierte DNS ist aber nur totes Eiweiß. (s.a. schöpfungsgemäßes Inspirationsmodell. )

Wie kann Schlatter der Ansicht sein, dass das, was die Bibel direkt zur unvergebbaren Sünde sagt, völlig aus­rei­cht? Gerade in der alles entscheidenden Frage, ob man bei Gott nun noch eine Chance hat oder keine mehr, sind diese Informationen so dürftig und sparsam, dass es mehr als auffällig ist.

Warum werden Merkmale eines geistlichen Lebens, die der Betroffene zeigt, von Schlatter von vornherein als bedeutungslos abgetan? Muss man hier nicht fragen: wenn geistliches Leben nicht einmal für den Gläubigen selber einen Zeugnis­wert hat, welchen Zeugniswert kann es dann für andere haben? Welchen Wert hat dann das christliche Zeugnis überhaupt? Wenn es genauso­gut Einbildung sein kann, warum muss man denn unbedingt seine Mitmenschen mit diesem brutalen Glauben belästigen?

Dürftig und trostlos muss man nennen, was Schlatter als Ratschlag anzubieten hat. Der Gläubige soll am Glauben festhalten, dass Jesu Opfer für wirklich alle Sünden ausreicht, und soll sich dann durch die Warnung vor der unvergebbaren Sünde „erschrecken lassen“. (Ebd. S.44.)

Schlatter hat sich offenbar mit der Lebensgeschichte von Christen, die diese Ängste haben, niemals sorgfältig befasst. Hätte er das getan, so würde er auch wohl kaum diesen praxisfernen „Rat“ gegeben haben.

Welchen Nutzen soll es haben, wenn “man sich erschrecken lässt”? Die Angst vor der unvergebbaren Sünde rückt die Hölle in unmittel­bare Nähe, sie lässt sie bereits in diesem Leben beginnen.

Es ist gar keine Frage, dass dieses unmenschliche Grauen bei ängstlichen Gläubigen ein Höchst­maß an serviler Unterwerfung erzwingt, mit dem sie sich gegen ein mögliches Widersprechen gegen den heiligen Geist abzusichern versuchen. (Vgl. ebd., Seiten 44+53).

Doch das ist – wie gesagt – eine Illusion. Wie sollte der Gläubige aus Liebe die Gebote beachten können, wenn alles Tun vom Motiv begleitet ist, es sich auf keinen Fall mit einem derartig grausamen Herrn zu ver­derben? Kein Mensch kann das! Hier haben wir die klassische Situation, die Paulus in Römer 7 schildert – und zwar bei bekehrten Christen!

Um sich abzusichern, flüchten sie in freudlose Werkgerechtigkeit. Um einen Widerspruch zu Gottes Willen gar nicht erst aufkommen zu lassen, der in ein Widersprechen gegen den heiligen Geist ausufern könnte, schinden sie sich nach Kräften, um den Forderungen Gottes möglichst vollständig zu entsprechen. Da das Neue Testament „Vollkom­menheit“ verlangt (Mt 5,48), kann man sich das Ausmaß der Belastung vorstellen.

Dass ihr Verhalten der allsonntäglich verkündeten „Erlösung aus Gnaden“ (Eph 2,8) widerspricht, nehmen sie kaum noch wahr. Die falsche theologische Grundlage zwingt sie konsequent auf diesen fatalen Kurs. Dabei werden Zusagen Gottes wie z.B. Hebr 2,15 (“Gott hat die erlöst, die durch Furcht vor dem Tod ihr ganzes Leben lang Sklaven sein mussten”) weder vergessen noch bestritten. Sie sind aber etwas, was nur in der Theorie existiert und nie existenziell erfahren wurde.

Sie sind im Grunde genommen reine Propaganda. Gott hat nun einmal befohlen, „die frohe Botschaft weiter zu sagen“. Und weil der Gläubige, der sich dieser Pflicht entzieht, Gott ungehorsam ist und Strafe zu erwarten hätte, muss auch mit durch Theologie zerrütteten Nerven gejubelt und gelobt werden.

Kritik an Gott ist ohnehin hochgefährlich und unvorstellbar. Deswegen ist es auch zwecklos, sich über die Tatsache, dass man selber das genaue Gegenteil erlebt, den Kopf zu zerbrechen. Für aufkeimende Zweifel steht immer das erlernte Totschlagargument der “göttlichen Unerforschlich­keit” bereit. Oder das Totschlagargument der geforderten “Demut”, mit dem man Gläubige an die Geringschätzung des Urteilsvermögens und des geheiligten Verstandes gewöhnt hat.

In der Meinung, dass Gott wie weltliche Diktatoren bestellten und erpressten Jubel liebt, zeigt sich die erlernte Unfähigkeit zu einer realistischen Einschätzung des göttlichen Charakters. Ohne theo­logisch verbildet worden zu sein, würde kein Mensch so krumm denken.

Eben diese erlernte Unfähigkeit kann zu abstrusen Absicherungshandlungen führen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass gerade die eifrig zum Zwecke der Absicherung betriebene Werkgerechtigkeit zu guter Letzt genau das bewirkt, was man unter allen Umständen vermeiden wollte: nämlich den verbalen Exzess in der Lästerung. Ständig wehrlos der Angst vor der Ungnade Gottes ausgesetzt zu sein, und keine andere Hilfe zu haben als eine unehrliche Theologie – das erzeugt schließlich Hass.

Auch Luther hasste vor seinem Turmerlebis Gott schließlich aus tiefster Seele (TR 2,2654a, Sep 1532), was ihn aber in noch tiefere Ängste stürzte, da ihm dieser Hass ein Beweis dafür zu sein schien, dass er zur Verdammnis bestimmt war.

Wird in der Gemeinde gar noch gelehrt, dass der Gläubige mit der Bekehrung eine allumfassende Begabung erhalten hat, die ihm ermöglicht, alle Gebote leicht zu erfüllen (“Totalbegabungswahn”), so bedarf es noch nicht einmal einer exzessiven Lästerung, um in panische Angst zu geraten.

Die erkannte Unfähigkeit, vollkommen zu leben, kann bereits zu ähnlich grausamen Ängsten Anlass geben, nämlich zur Angst, den heiligen Geist möglicherweise verloren zu haben (Hebr 6,4-6). Zwar fällt dem Gläubigen keine konkrete unvergebbare Lästerung ein, aber er kann das Ereignis ja schlicht vergessen haben, zumal er sich der Bedeutung dieses Vorgang möglicherweise gar nicht bewusst war.

Ist eine Beschimpfung des heiligen Geistes nicht ohnehin sehr wahr­scheinlich? Dem Gläubigen ist doch geboten, zwischen „geistlich“ (im Interesse des heiligen Geistes) und „fleischlich“ (im Interesse des Menschen, dessen „Fleisch“ konkurrierende Ansprüche stellt) zu unterscheiden. „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene“ (Rö 12,2). Er unterliegt also einem Entscheidungs und Urteilszwang!

Dann ist es doch leicht möglich, dass er irgendwann einmal – weil er sich durch geistliche Dinge überfordert sieht – Geistliches zu Alibizwecken als fleischlich deklarieren könnte (z.B. Diffamierung des schiedsgericht­lichen Dienstes gemäß 1.Kor 6,1ff als „ungeistliches Richten“ usw.)

Wer sehr eng denkt, könnte darunter bereits „ein Wort gegen den heiligen Geist“ verstehen. An solchen Punkten spitzt sich der Wider­spruch zwischen pauschalen Heilszusagen und dem heilsrelativierendem „Kleingedruckten“ in nicht mehr zu übersehender Deutlichkeit zu!

Wie bewertet Gott lästernde Gedanken, die von einem schwachen Willensimpuls begleitet waren? Wertet er diesen Willensimpuls als Genehmigung und Zustimmung? Bestraft er sie möglicherweise, als ob sie gesprochen worden wären? Warum soll der Gebrauch der Stimmbänder das entscheidende Instrument sein, das die Weiche zur end­gültigen Vernichtung stellt?

Wie soll der Gläubige auf diese Gedanken reagieren? Wie soll er den Willensimpuls bewerten, wenn seine Seele längst vom Abscheu gegen­über einem Gott erfüllt ist, der tyrannisiert und erpresst und dabei ständig von Liebe redet?

Je mehr er sich vor diesen Gedanken fürchtet, desto häufiger kommen sie, dutzendemal, hundertemal am Tag, oder noch häufiger. Und jedesmal muss er sich rechtzeitig davon distanzieren. Das wenigstens muss er tun, denn die negativen Gefühle gegenüber Gott wird er nicht los, so sehr er es wünscht. Deswegen wird der Willensimpuls, der lästernde Gedanken begleitet, auch immer stärker.

Bald kann er sich nicht mehr erinnern, ob er rechtzeitig etwas gegen den lästernden Gedanken gedacht hat. Jetzt muss er laut formulieren, dass er sich distanziert, denn an das laut Gesprochene erinnert er sich besser.

Bald ist er im Zweifel, ob er eine Lästerung gedacht hat. Um sich zu ver­gewissern, spricht er die lästernden Gedanken nach. Bald ist er im Zweifel, ob er einen lästernden Gedanken gewollt hat oder nicht. Er versucht nun den Willensimpuls zu rekonstruieren, um sich besser zu erinnern.

Dieser Prozess geht weiter und weiter und eines Tages genügt ein relativ kleiner Anlass, um die Lästerung in aller Deutlichkeit hinauszubrüllen, sie minutenlang richtig und gut zu finden, um dann das tonnenschwere Gewicht einer grenzenlosen Angst auf sich herabstürzen zu sehen.

Es erfordert wenig Phantasie, sich das Ausmaß der Traumatisierung vorzustellen. Es ist dem Leben in der Todeszelle vergleichbar. Der Gläubige sieht sich an ein Starkstromkabel gekettet. Er vegetiert dahin in der ständigen Erwartung des tödlichen Stromschlages. Wann die Kata­strophe eintritt, ist nur eine Frage der Zeit.

Solche Prozesse, die die Persönlichkeit des Menschen quasi auslöschen, seine Würde und seelische Gesundheit bis auf den Grund ruinieren, markieren die Endstation, die gutwillige und ahnungslose Gläubige auf der Schiene der traditionellen Überbewertung des Buchstabens auf Kosten des Verstandes erreichen können.

Wie sinnlos ist das alles! Wie leicht vermeidbar! Wie würde sich der wahre Gott dazu äußern, der keine zweideutige Persönlichkeit hat? Dessen Ethik nicht willkürlich und widersprüchlich ist? Bei dem die Begriffe “Barmherzigkeit, Liebe zum Recht, Treue” (Mt 23,23) nicht umgedeutet und ausgehöhlt werden, sondern das beinhalten, was sie aussagen?

Die Möglichkeit, solche Gedankenprozesse durch ein christusgemäßes Schriftverständnis zu stoppen, ist der handgreifliche Beweis, dass es sich bei solchen tragischen Entwicklungen nicht um eine Geisteskrankheit handelt, wie von gewissen Theologen vorschnell behauptet wird.

Eine Geisteskrankheit, die auf schwer erforschbare Ursachen wie hirn­organische Schädigung, charakterliche Fehlprägung, geistige Minder­begabung usw. zurückzuführen ist, wäre in der Regel als unabänderliches Schicksal hinzunehmen. Natürlich können solche Ursachen im Einzelfall vorhanden sein. Doch in jedem Fall muss doch die naheliegendste Ursache erst einmal ausge­schlossen werden, zumal sie zuverlässig beseitigt werden kann!

Das ist die Zweideutigkeit im Gottesbild, in der Ethik und in der Heilszusage! Wenn alles zweideutig ist, dann können Gläubige mit sensiblem Gewissen und gedanklicher Sorgfalt sehr leicht in den mörderischen Sog frommer Absicherungsbemühungen hineingeraten.

Ein paar Interviews mit solchen Gläubigen hätten eigentlich Schlatter die Einsicht vermitteln können, dass wenigs­tens in solchen Fällen seine große Ahnungs­losigkeit, was denn nun aus solchen Leuten wird, unangebracht ist. Es scheint ihn wenig zu stören, dass harmlose Christen jahrzehntelang eine völlig sinnlose seelische Folter erleiden, bis sie dann endlich wieder Mut zum Glauben fassen und auch Erfahrungen mit der Hilfe Gottes machen. Ein hilfreiches, die Panik lösendes Wort ist nach seiner Einschätzung überflüssig.

Ist das der langen kirchengeschichtlichen Schulung zu verdanken, in der man gründlich gelernt hat, auf entsetzliches Leid von Gläubigen zu blicken und nur gleichgültig mit den Achseln zu zucken?

Keiner bezweifelt, dass Schlatter selbst keine Angst hatte, als er seinen Text schrieb. Sein Seelenfrieden beruht jedoch nicht auf nachvollzieh­baren Gründen, sondern auf dem ihm zur Verfügung stehenden Optimismus bzw. der Stärke seiner Einbildungskraft, es werde schon bei ihm selber nicht so schlimm sein.

Nach seinen eigenen Worten kann bereits ein negatives Wort über Brüder, über ein Bibelwort, über etwas, was der heilige Geist will, die unvergebbare Sünde sein.(Ebd., Seite 52-53.) Tatsache ist aber, dass sich niemand an alle negativen Worte erinnern kann, die er jemals gesagt hat.

Somit bleibt die Frage, ob der Gläubige nun erlöst oder verdammt ist, nach Schlatter ungeklärt und unbeantwortbar.

Schlatter erklärt, dass man „ganz fest“ (Einbildungskraft! Optimismus!) daran glauben soll, dass die Gnade Jesus „ausreicht“, „alle“ Sünden außer der unvergebbaren zu bedecken. In dem Wort „alle“ sieht er angeblich „den ganzen Reichtum göttlichen Vergebens vor uns ausgebreitet“. (Ebd., Seite 44.)

Was hier vor den Lesern “ausgebreitet” wird, ist etwas ganz anderes. Man nennt das wohl “Frohe Botschaft”. Aber so richtig froh will dem Gläubigen dabei nicht werden. Auch wenn etliche Schriftgelehrte mit ihrem abgebrühtem, frommem Stoizismus und Optimismus bei unsicher­en Gläubigen mächtig Eindruck schinden werden.

Absurd ist Schlatters „Rat“, der verzweifelnde Gläubige müsse in dieser wichtigen Frage auf Klarheit verzichten, dürfe aber außerdem noch den Lobpreis der „Wohlgefälligkeit“ (Mt 11, 26!) anstimmen. (Schlatter benutzt in diesem Zusammen­hang tatsächlich dieses Zitat! (Ebd., Seite 55.)) Das ist wirklich der Gipfel der Gefühlsabstumpfung!

Vielleicht will er ja gerne barmherzig sein. Aber er kann es nicht. Sein theologisches Denk­system zwingt ihn, unmenschlich zu denken. Und weil das Unmenschliche dem Menschen widerlich ist, erscheint ihm möglicherweise gerade das “treue” Festhalten an der Unmensch­lichkeit als ein Kennzeichen besonders konsequenter Frömmigkeit.

Dann ist es nur folgerichtig, wenn sich der Gläubige über Mitchristen, die in der Psychiatrie möglicher­weise bis zum Lebensende in grausamstem Seelenleid dahinvegetieren, keine weitergehenden Gedanken macht. Retten braucht man daraus auch niemand. Man kann ja in Ruhe warten, bis die „Blätter“ von selber abfallen!

Das ist auch das weitverbreitete Verhalten von bibeltreuen Gläubigen gegenüber Mitchristen, die befürchten, gegen den heiligen Geist gelästert zu haben. Man lässt sie einfach im Stich! Mögen sie sang- und klanglos aus den Gemeinden verschwinden. Dann muss man das Elend wenigstens nicht mitansehen!

Ist die Verkündung des „geschenkten Heils“ dann noch glaubwürdig ? Sagt nicht die Bibel, dass es Gott verabscheut, wenn fromm vom Frieden geredet wird, „obwohl kein Friede da ist“ (Hes 13,9-10), dass er es hasst, wenn aus schwarz weiß und „aus sauer süß gemacht“ wird (Jes 5,20) ?

Dass das so ist, ist nicht schwer nachzuvollziehen. Wie sehr wird seine Ehre durch Heilspropaganda und verlogenen Jubel verletzt! Wie sehr leidet der Respekt, wenn Gott zur Sicherung seines Einflusses der frommen Lüge und des bestellten Beifalls bedarf! Dabei hat er es doch mit der Erlösung so ernst gemeint, dass ihm dafür kein Opfer zu teuer war, nicht einmal das Opfer seines lieben Sohnes. Wie lächerlich muss sein Bemühen nun jedermann erscheinen.

Ist es nicht besser, wir respektieren konsequent, was die Bibel über sich selbst sagt: es ist die Absicht JEDES Bibelwortes, Leben zu geben ? „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von ALLEM, was aus dem Mund des HERRN geht” (5.Mo 8,3) Somit kann es nur ein lebensförderndes, ermutigendes Verständnis dieser problematischen Textstelle geben oder gar keines! Ein lebensförderndes Verständnis (!), das einen klaren pädagogischen Nutzen hat (2.Tim 3,16).

Nützlich ist es sicher, zu erkennen, dass die wichtigste Frage (!) nicht mit einem “Schriftbeweis” auf der Basis des nur-wörtlichen Verständnisses zu beantworten ist, nämlich die Frage, ob man selbst auf den Himmel hoffen darf oder nicht. Das Sola-Scriptura-Prinzip versagt an dieser entscheidenden Stelle. Die Frage nach dem persönlichen Heil ist und bleibt aber die wichtigste Frage, weil ihre negative Beantwortung alle weiteren Fragen überflüssig macht.

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Kommentare

Unvergebbare Sünde — 2 Kommentare

  1. Hallo lieber Besucher V.Löwen,
    danke für Ihren Hinweis. Auf der Seite „www.matth2323.de/unvergebbare-suende/“ finden Sie die Sätze „Eine Lösung mit höchster Autorität und Glaubwürdigkeit muss auf die Qualitätsmaßstäbe Jesu gegründet sein. Siehe dazu die Lösung im Detail unter Behauptung Nr.10 der „giftigen Theologie““ Der blau unterlegte Link funktionierte nicht. Da hat sich ein Schreibfehler eingeschlichen, den ich korrigiert habe. Er funktioniert wieder und verweist auf „www.matth2323.de/giftige-theologie/#laesterung“, wo Sie den Lösungsansatz finden.
    Mit freundlichem Gruß Christian Rahn

  2. Hallo und vielen Dank für die Darlegung der verschiedenen Ansichten zu diesem Thema!
    Was ich aber nicht verstehe, welchen Ansatz nehmen sie um diese wirklich wichtige Frage, die einige Menschen plagt, zu beantworten? Zu welchem Ergebnis/Schluss kommen Sie? Ich habe keine Antwort in ihrem text und auf ihrer Seite gefunden und das würde mich schon interessieren?
    LG V. Löwen

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