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Meldungen zur Rechtsunsicherheit in christlichen Gemeinden — 5 Kommentare

  1. Lieber Bruder Anonymus (19062017)
    vielen Dank für Ihren Bericht. Er betrifft ein ganz häufiges Problem in der Gemeinde, den Konflikt zwischen Pastor und Mitarbeitern, der nicht aufgearbeitet wird. Verschiedene Sichtweisen wird es immer geben. Darüber sollte man doch eigentlich sprechen können, zumindest um Verständnis für die eigene Position zu werben. Hier scheint aber mehr im Spiel zu sein, wenn sogar ein Versöhnungsgespräch ohne Angabe von Gründen verweigert wird.
    Über den Inhalt der Streitigkeit haben Sie so gut wie nichts geschrieben. Das macht es schwierig, die Lage zu bewerten. Es ist möglich, dass Sie recht haben, möglich, dass Sie sich irren, oder auch möglich, dass beide Seiten teilweise recht haben.
    So wie ich Ihren Brief verstanden habe, unterstützen die Ältesten die Ansichten des Pastors. Der Konflikt scheint die Gemeinde nicht weiter zu berühren oder gar zu spalten. Auch wenn Sie im Recht sein sollten, haben Sie nur einige Freunde auf ihrer Seite und können nichts ausrichten. Das ist bitter. Es ist immerhin Ihre Arbeitsstelle, wo Sie viel investiert haben und wo freundschaftliche Beziehungen entstanden sind.
    Bitte überlegen Sie, ob nicht ein Wechsel des Arbeitsplatzes in Frage kommt, wenn Sie der Konflikt auch in Zukunft schwer belasten wird. Ihre Familie muss nicht darunter leiden. Weder Frau noch Kinder sind verpflichtet, die religiöse Sicht des Vaters zu übernehmen. Die Sichtweisen dürfen höchst unterschiedlich sein, denn jeder ist ausschließlich dem eigenen Gewissen verpflichtet. Ich kenne Beispiele, wo die Mitglieder einer Familie freundschaftlich mieinander verbunden bleiben, obwohl sie ganz verschiedene Gemeinden ensprechend ihrer Sichtweise besuchen. Soviel Freiheit muss sein, denn Religionskriege in der Familie sind höchst destruktiv!
    Vielleicht gibt es auch einige Veranstaltungen der Gemeinde, die Sie besuchen können, ohne sich kompromittiert zu fühlen. Freundschaften können Sie auch außerhalb einer Gemeinde weiterpflegen, wenn Sie ihre Freunde nicht bedrängen, in Ihrem Konflikt Partei zu ergreifen.
    Die Heilige Schrift gebietet den Gläubigen, mit jedermann Frieden zu halten, soweit es an einem selber liegt. Wenn eine Leitung dazu nicht bereit ist, so ist sie ungehorsam. Ungehorsame Leiter machen eine Gemeinde noch nicht zur Sekte. Sie können die Wahrheit weiter predigen, – wenn sie sich selbst auch nur teilweise daran halten. Das Kennzeichen einer Sekte ist die theologische Lüge und Bemühungen, Menschen so zu manipulieren, dass sie Lügen über Gott für Wahrheit halten (im Detail http://www.matth2323.de/irrlehre/ ) Religiöser Missbrauch ist Schädigung der seelischen Gesundheit durch Gebrauch theologischer Lügen, durch Vergewaltigung des Gewissens, obwohl dafür objektiv kein Recht vorhanden ist. Über solche Vergewaltigung kann man inhaltlich sehr genau berichten. Vielleicht sehen Sie sich unsere Berichte zu diesem Thema noch einmal an. Ihr Beitrag hat mir einen Impuls gegeben, die Definition des religiösen Missbrauchs noch präziser zu formulieren.
    Ich hoffe sehr, dass Sie bald einen guten Weg sehen, die Not mit diesem Konflikt zu überwinden und dass insbesondere Ihre Familie wieder zum Frieden zurückfindet.
    Mit freundlichem Segenswunsch
    Benignus

  2. Mit meiner Familie habe ich mich einer sogenannten Evangelischen Gemeinde, in der näheren Umgebung, in die wir gezogen sind angeschlossen. Nun … bin ich in der Opferrolle gelandet. Ich habe wohl zu lange eng mit dem Prediger zusammengearbeitet. Die „Vertreterin“ meiner Frau (sie hat wohl selber auch eine dünne Haut) und ich wollten uns mit den Gemeindeverantwortlichen zu einem „Versöhnungsgespräch“ treffen. Es ist von einigen Menschen schon dafür gebetet worden. Dann der Hammer: das Gespräch wurde sozusagen in letzter Minute (tags zuvor) von den Gemeindeleitern (der Prediger hatte wohl irgendwelche Bedenken – oder was weiß ich!) abgesagt. Ohne Begründung! Für was haben wir uns eigentlich vorbereitet!? Zunächst wurde ich für voraussichtlich einen Monat krankgeschrieben. Der Arbeitgeber (der gleichzeitig der Prediger im Teilzeitpensum ist) fügte mir in dieser Zeit weitere verbale und nonverbale Verletzungen zu. Klarer Fall von „Machtmissbrauch“. Das heißt für mich: Meine Familie ist Teil einer Sekte. Selber distanziere ich mich – nehme an keinen Veranstaltungen mehr Teil, da ich mich doch schützen muss. Und wer schützt meine Familie, die weiterhin dabei ist?! Ich habe den Tätern vergeben. Diese haben sonst schon genug auf dem Gewissen! Sie wollen es natürlich nicht wahrhaben… Am liebsten würde ich die Gemeinde umkrempeln. Das heisst: Neuanfang mit neuer Leitung und vor allem mit einem anderen Predigerehepaar als dieses, welches schon einige Abgänge verursacht hat. Aber ich bin leider kein Einzelkämpfer; bin zur Zeit nur manisch-depressiv und somit für meine Gattin kaum auszuhalten, da sie mich von dieser Seite gar nicht kennt! Wer betet für uns? Wie soll ich „entspannen“ beim Wissen, dass so viel im Argen liegt, wo ich so viel investiert habe und wo noch freundschaftliche Beziehungen da sind, wenn auch nicht zu der unverbesserlichen Leiterschaft, die „fröhlich weiterheuchelt“. … Meine … Diagnose: die Gemeindeleitung ist für Mitglieder gefährlich in ihrer Selbstherrlichkeit, die keine Korrektur annehmen will. Was bedeutet: Höchste Gefahr für unsere Familie(n) !!!

  3. Es gibt Menschen, die nach religiösem Missbrauch selbst nicht mehr reden oder für ihre Rechte kämpfen können, sei es aus Erschöpfung oder weil sie sich suizidiert haben, vor Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung – oder sie werden als Schizophren oder mit anderen sogenannten Diagnosen in der Psychiatrie „entsorgt“. … Manfred Lück Psychiater hat in einem Interview gesagt: Es landen ca. 70 % wegen zwischenmenschlicher Probleme in der Psychiatrie (er schrieb das Buch „Ist ja irre, wir behandeln die Falschen“). Ich selbst weiß auch nicht, ob ich es schaffe diesen Wahnsinn der realen Unmenschlichkeit gegen einzelne Opfer (die dann zum Psychiatriefall / Drehtürpatient werden), als Sündenböcke für schizophrene sogenannte Christen überleben werde – und ob ich es schaffe irgendwie wieder in ein halbwegs oder ganzes normales Leben zurück zu finden. Nun versuche ich den Samstag irgendwie zu überstehen, danach den Sonntag, Montag, usw. ES ist ein täglicher Über-Lebens-Kampf mit wie ich es empfinde, einer zu schweren Last und zu vielen Problemen als Baustelle (PTBS-Symptome, völliger Erschöpfung oder Hochspannung, Schlafstörung und Albträumen, ständiger Kampf mit Selbstregulierung, Suchtproblem, Fressattacken noch ohne Erbrechen, finanzieller Überlebenskampf, Einsamkeit, Messiewohnung seit der Zeit nach der Traumatisierung …, die Mauer des Schweigens aushalten wie eine seelische Folter, die mir die Luft zum Atmen nimmt, Kampf gegen Suizidvorstellungen oder dem Wunsch nach Sterbehilfe; sich fragen wo man eine kleine Insel des Weiterlebens aufbauen könnte, mit dem schweren Rucksack in der Seele im Gepäck). Leid, Leid und nochmals Leid, das man mir hätte ersparen können – aber wen interessiert es in der Gemeinde!

  4. Ich habs gleich gewusst, dass das Hilfsangebot der Ev Allianz nur der Imagepflege dient. Drei Anrufe tätigen bei Rechtsverletzungen in der Gemeinde – dieser Aufwand ist lächerlich.

  5. Ist das Hilfsangebot der Evangelischen Allianz Deutschland für Opfer von religiösem Missbrauch tatsächlich hilfreich? Ich kann aus 9-jähriger eigener Erfahrung nach einer 2008 erlittenen Traumatisierung zum religiösen Missbrauch (der oft auch andere Missbrauchsformen beinhaltet) folgendes sagen: Ich habe nicht den Eindruck, dass man in der Evangelischen Allianz mit diesem Thema verantwortbar umgeht. Wie will man dann weiterer Gewalt vorbeugen? Es ist dringend not-wendig, dass sich Menschen aus Kirche / Gemeinde 100 Prozent zuverlässig und verantwortlich diesem Thema öffnen, um weitere Opfer zu vermeiden, und Menschenwürde und Menschenrechte auch im christlichen Bereich zu schützen.

    Die Öffentlichmachung der sexuellen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche hat dazu geführt, dass endlich über dieses Tabu zumindest im Ansatz kommuniziert wird. Eine Aufklärung der gemeldeten Fälle und Hilfe für die Opfer wurde zugesprochen, wird aber in der Realität immer noch nicht ausreichend umgesetzt (Quelle u. a. http://www.netzwerkb.de von Norbert Denef).

    Seit einigen Jahren melden sich immer mehr Menschen, die von „religiösem Missbrauch“ in evangelikalen Gemeinden betroffen sind. Die Evangelische Allianz Deutschland hat aufgrund von Meldungen über Machtmissbrauch und Missbrauch in anderen Formen 2016 ein Angebot für Betroffene in Form einer Clearingstelle eingerichtet. Sie hat damit bei Menschen, die durch fromme Gewalt Schaden erlitten haben, große Erwartungen geweckt.

    Im Herbst 2016 habe ich die Clearingstelle kontaktiert, um endlich nach meiner traumatisierenden Erfahrung mit religiösem Missbrauch in einem baptistischen Kontext konkrete Hilfe zu bekommen. Der oder die Clearingbeauftragte tätigt in solch einem Fall maximal drei Anrufe zu Personen, die der Betroffene benennt, um dem Missbrauchsvorwurf nachzugehen. Nur drei Anrufe? Was soll das!

    Wer sich umfassend mit dem Thema Missbrauch / Gewalt in verschiedenen Formen mit Hilfe der Fachliteratur und anderer Quellen befasst hat, dem ist auch bekannt, das „Misshandler“ und das soziale Umfeld (Mitläufer, Wegseher) nicht an einer Auf-Klärung interessiert sind, und daß das „Gesetz des Schweigens“ immer noch im christlichen Umfeld vorherrscht.

    Die deprimierende Erfahrung, bei der Suche nach Hilfe immer wieder gegen endlose Mauern des Schweigens zu stoßen, ist re-traumatisierend und kostet Betroffene viel Kraft, die sie eigentlich zum Überleben und zur Gesundung brauchen.

    Fakt ist: es gibt nach wie vor keine nennenswerte Unterstützung für Opfer von religiösem Missbrauch. Ein stabiles konkretes Netzwerk der Hilfe fehlt völlig. Zudem gibt es zu wenig Traumatherapeuten, die sich mit Traumatisierung im religiösen Kontext (= post-religiöses-Trauma bzw. post-cult-trauma im Englischen) auskennen. Es ist auch generell sehr schwer Therapeuten zu finden, da diese oft keine neuen Patienten mehr annehmen, weil die Kapazitäten erschöpft sind. Wohin soll sich also ein Opfer von massiven traumatisierenden Grenzverletzungen wenden? Das Angebot der Allianz in Form einer Clearingstelle und maximal drei Anrufen ist keine angemessene und ernstzunehmende Hilfe.

    Außerdem: ist es eigentlich nicht selbstverständlich, dass Opfer des religiösen Missbrauchs genauso wie Opfer sexueller Gewalt aus einem Hilfsfond entschädigt werden, sofern sie durch die gesundheitliche Schädigung sozial abrutschen und nicht mehr arbeitsfähig sind? Bis heute ist es so, dass durch religiösen Missbrauch Geschädigte auch die finanziellen Folgen allein zu tragen haben.

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