Christus und Abt Menas oriss2

(Christus und Abt Menas / (c) wikicommons/Ghirlandajo)

„Mit ihm kann ich reden wie mit einem Freund,
obwohl er doch der HERR ist…“

(Theresa von Avila)

Was bedeutet das:  „mit Gott leben“ ?

1. „Ein geheiligtes Leben führen“ heißt die Freundschaft mit Gott im Lebensstil zu zeigen
2. Heiligung ist keine nur private Angelegenheit !
3. Die Echtheit der Heiligung ist an der Qualität (!) der Früchte zu erkennen !
4. Der Weg aus der Werkgerechtigkeit
5. Zerrbilder der Heiligung

1. „Ein geheiligtes Leben führen“ heißt, die Freundschaft mit Gott im Lebensstil zu zeigen

Wer die Gnade Gottes und Seine beglückende Freundschaft erlebt hat, möchte nun auch seinerseits seine Freundschaft mit Gott mit seinem Lebensstil zeigen. Diese Einstellung heißt „Heiligung“. Gott möchte, dass Seine Gläubigen Ihn mit ihrem Lebensstil ehren (Eph 4,1). Er möchte, dass ihr Charakter der Person Jesu ähnlicher wird (Rö 8,29, 2.Kor 3,18), sodass andere Menschen ermutigt werden, Gott ebenfalls ihr Vertrauen zu schenken.

Durch Heiligung wirkt der Heilige Geist im Innersten der Seele, sodass auf diese Weise beim Glaubigen selbst Glaubensgewissheit und Gotteserkenntnis verstärkt werden: „Gott schenke euch aus seinem unerschöpflichen Reichtum Kraft, damit ihr durch seinen Geist innerlich stark werdet, und Christus durch den Glauben in euren Herzen wohnt und ihr in der Liebe eingewurzelt und fest gegründet seid. Denn nur so könnt ihr mit allen anderen Christen das ganze Ausmaß seiner Liebe erkennen, die wir doch mit unserem Verstand niemals fassen können, die aber uns selbst und unser Leben völlig ausfüllen kann. “ (Eph 3,16-19).

Obwohl der Apostel Paulus die Formung der christlichen Persönlichkeit sehr positiv beschreibt, ist der Begriff „Heiligung“ leider bei vielen Gläubigen eher mit negativen Emotionen verbunden.

Negative Definition der Heiligung:

Nicht wenige verbinden mit dem Begriff „Heiligung“ eher negativ empfundene Verhaltensweisen: überzogene Bravheit, Unselbständigkeit im Denken, moralinsaure Überheblichkeit und servilen, selbstquälerischen Perfektionismus. Auch wenn man immer wieder einmal unter Gläubigen auf solche „Vorbilder“ trifft – hat Jesus wirklich das mit „Heiligung“ gemeint ?

Zerrbilder der Heiligung entstehen durch eine falsche oder unklare Beziehung des Gläubigen zum Gesetz. Echte Heiligung wird unabhängig vom Gesetz geschenkt, denn der gläubige Christ ist „tot für das Gesetz„. (Gal 2,19) Wäre er noch dem Gesetz unterworfen, so müsste er es komplett einhalten, um Gottes Wohlgefallen zu erhalten. „Die sich von der Beachtung des Gesetzes Gottes Segen versprechen, sind verflucht. Denn so steht es im Gesetz: Verflucht ist jeder, der nicht alles ausnahmslos einhält, was im Gesetz gefordert wird.“ (Gal 3,10).

Deswegen kann echte Heiligung nicht darin bestehen, möglichst viele Gebote einzuhalten, d.h. moralische Leistung quantitativ nachzuweisen, um sich des göttlichen Segens zu versichern. Paulus weist deutlich darauf hin: auch der Gläubige, der ganz viele Gebote einhält, ist kein bisschen besser dran als der, der nur wenige einhält. Die Tatsache, dass ein einziges Gebot nicht eingehalten werden kann, genügt, um verflucht zu sein. (Gal 3,10)

Wer kann alle Gebote einhalten ? Nur Jesus konnte das. (Jo 8,46) Selbst Paulus, der sich aufopferte wie selten jemand, sagte, dass er sich lieber nicht auf seine Gerechtigkeit verlassen wolle. (Phil 3,9) Wieviel Gläubige sonst schaffen es denn, vollkommen selbstlos zu leben, täglich ihr Leben zu riskieren und alles zu einzusetzen, was sie haben, um Menschen zu retten ? Auch wenn es vereinzelt solche Gläubige gibt – wenn sie es tun, ist es ganz und gar freiwillig. Sie sind nicht gezwungen, es zu tun.

Der Segen Gottes, seine Liebe, die Erlösung wird ganz und gar aus Gnaden geschenkt und ist nicht von der moralischen Leistung des Gläubigen abhängig.“Ganz aus Gnaden seid ihr gerettet worden – nicht etwa aufgrund treuer Gesetzeserfüllung, deren sich irgendjemand rühmen könnte.“ (Eph 2,9-10)

Echte Heiligung ist ein durch Freundschaft und Liebe motiviertes Verhalten und hat nichts mit quanititativer Leistung zu tun.

Die innere Befreiung und Heilung ist dabei die Grundlage des äußerlichen Tuns. Der Apostel bezeichnet Heiligung als ein Geschehen in der Seele des Gläubigen („innerlich stark werden„). Das ist das Entscheidende.

Bei der unechten, vermeintlichen Heiligung, der Gesetzesknechtschaft ist es umgekehrt. In der Seele wird die größte Fäulnis und Unfreiheit geduldet, denn es kommt nur auf die äußerliche moralische Fassade an. (Mt 23,27-28) D.h. es genügt, eifrig die Bibel zu lesen, zum Gottesdienst zu gehen, nicht die Ehe zu brechen, nicht zu stehlen, nicht zu betrügen, eifrig zu spenden, neben der beruflichen Arbeit in der Gemeinde Dienste zu übernehmen.

Schwieriger wird es dann schon bei den Wortsünden: nicht schlecht über andere reden, nicht beleidigen, verhöhnen und verspotten, nicht täuschen oder lügen. Etliche Gesetzesknechte bewerten diese Verhaltensweisen eher als Bagatelle, die ihnen sogar entschuldbar scheinen, wenn sie dazu dienen, die eigene Rechtgläubigkeit anderen aufzuzwingen. Von den Gedankensünden ganz zu schweigen.

Doch selbst, wenn man sich bei den Wort- und Gedankensünden zurückhalten würde: Falsche Heiligung, die nur mit der eigenen Willenskraft (vgl Joh 1,13) zustande gebracht wird und nicht aus Liebe und Freundschaft entstanden ist, bleibt ein Fremdkörper in der Seele. Sie ist Heuchelei, weil sie sich als Freiheit ausgibt („Propaganda„), und dabei doch mit ständiger Überforderung, Einschüchterung und Bedrohung verbunden ist.

Wer unter Heiligung hauptsächlich äußerliche Verhaltensweisen versteht und das innerliche Geschehen als zweitrangig betrachtet, der verfällt sehr leicht in den Wahn, dass er Gott mit seiner äußerlichen Leistung zufriedengestellt habe. Dann sieht er auf andere, die seiner Meinung nach weniger „leisten“, von oben herab: „Der Pharisäer betete : Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner da.“ (Luk 18,11)

Durch moralischen Hochmut wird Gott nicht würdig repräsentiert. Ein fataler Irrtum und Mangel an Selbsterkenntnis ! Der Pharisäer gab sich selbst die Ehre, dagegen ist echte Heiligung ein Werk des Heiligen Geistes, das allein Gott ehren soll. „Kann man da noch selbst auf etwas stolz sein? Das ist ausgeschlossen.“ (Rö 3,27 / Eph 2,9)

Moralischer Hochmut und die Lust, Mitmenschen mit dem moralischen Knüppel auf den Kopf zu hauen, ist eine leider weit verbreitete und sehr traurige und schäbige Sache. Wie blind muss man sein, um dieses Verhalten mit der Heiligung, dem Werk des Heiligen Geistes, zu verwechseln! Wie blind muss man sein, um zu glauben, dass man mit diesem trostlosen Verhalten Gott würdig repräsentiert !

Positive Definition der Heiligung:

Heiligung ist eine frohmachende Lebensweise, die den Gläubigen selbst, seine Mitchristen und Gott erfreut.

Paradoxerweise ist die Voraussetzung dieser Freude ehrliche Selbstprüfung und Selbsterkenntnis. Wenn der fromme Moralist sich eines Tages zu dieser Haltung entschließt, dann steht auch ihm der Weg zu dieser Freude offen.

Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meiner menschlichen Natur, nichts Gutes wohnt. Es fehlt mir nicht am Wollen, aber das wirklich Gute bringe ich nicht zustande.“ (Rö 7,18)

Mit Selbsthaß oder Selbstverachtung hat diese Einsicht nichts zu tun. Jeder Mensch kann durchaus sehr gute Dinge tun, er kann Hungernde speisen, Durstige tränken, Gefangene besuchen usw. und wird auch von Gott dafür gelobt und belohnt. (Mt 25).

Paulus meint spricht hier von der unangemessenen Fixierung auf sich selbst, auf die eigenen Wünsche, von der egozentrisch verbogenen Perspektive, kurz: von der allzumenschlichen, „alten Natur“, die bei jedem Menschen mit seiner Einsicht im Streit liegt, was denn wirklich gut und richtig wäre.

Es ist das  erste Werk des Heiligen Geistes, dass er den Menschen von diesem grundsätzlichen Mangel, m.a.W. von ihrer Sündhaftigkeit und Erlösungsbedürftigkeit überzeugt (Jo 16,8).

Denn Gott bietet dem Menschen, der destruktives Verhalten bereut, eine neue Perspektive, eine „neue Natur“ als Geschenk an, die sein eigentliches Wesen wird. Im Himmel angekommen, wird er nur noch diese Perspektive haben.

Vor dem physischen Tod hängt ihm zugleich noch die „alte Natur“, die allzumenschliche Sichtweise, wie ein Klotz am Bein. Weil er das erkennt, bleibt er vor moralischem Hochmut bewahrt. Selbsterkenntnis wird er immer positiv als Chance sehen. Sie macht ihn nicht mehr depressiv, weil die „alte Natur“ ja nur etwas Vorläufiges ist.

Der Heilige Geist kann im Gläubigen neuartige Interessen schaffen. Sie helfen ihm, die Minderwertigkeit vermeintlicher Bedürfnisse zu erkennen, die auf Kosten der Freiheit und Liebe gehen.

Der Heilige Geist wird neuartige Interessen schaffen, sobald der Gläubige ihm mit geistlichen Übungen Raum zum Wirken gibt.

Die Maßstäbe Jesu „Barmherzigkeit, Liebe zum Recht, wahre Treue“ ermöglichen es dem Gläubigen, das eigene Tun „von außen“ mit den Augen Jesu zu sehen. So kann er die Qualität seiner Entscheidungen verbessern und seinem Tun „Ewigkeitswert“ verleihen. Alles, was ein Mensch mit dem Motiv der Liebe getan hat, wird von Jesus Christus gewürdigt und belohnt. (Mt 24,45-47 / Lk 12,37 / 19,17-19) Nichts davon wird vergessen. (Mt 11,42)

Auf diesem Weg wird das  Glaubensleben entspannt und froh:  Liebe, Vertrauen, Gewissheit, Freude an Gottes heilsamen Ordnungen, Vorfreude auf die Ewigkeit bestimmen das Denken. Der Glaube wird kostbar! Der Gläubige wünscht sich von Herzen, Gott zu ehren, ihn zu lieben und zu loben, über ihn und sein Wort nachzudenken, ihm für alle Hilfe, Bewahrung und Führung dankbar zu sein.

Auf diese Weise bildet sich Charakter, eine Beständigkeit der Seele, die nicht mehr von Verführungen oder Provokationen hin- und hergeworfen oder gar aus der Bahn geworfen wird. „es ist eine gute Sache, wenn das Herz zuverlässig wird durch die Gnade Gottes.“ (Hebr 13,9).

Durch solche Gläubigen wird Gott am würdigsten repräsentiert.

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2. Heiligung ist keine nur private Angelegenheit !

Nicht nur der Gläubige selbst soll „geheiligt“ werden, sondern auch die Gemeinde, die Gemeinschaft der Heiligen:

So wie Christus die Gemeinde geliebt und sein Leben für sie gegeben hat, um sie zu heiligen und zu reinigen im Wasserbad des Wortes. Wie eine Braut soll seine Gemeinde sein: wunderschön und frei von jeglichem häßlichen Merkmal, weil sie zu Jesus Christus gehört.“ (Eph 5,25-27).

Da die Gemeinde Jesus Christus repräsentiert, muss sie sich reinhalten vom Bösen, und das Böse in ihr aufdecken und überwinden (Eph 5, 11).

„Heiligung“ ist also nie eine rein private Angelegenheit, sondern beinhaltet zugleich immer die Sorge für die Gemeinschaft, für die jeder Gläubige mitverantwortlich ist.

bekehrt euch

Leider ist die Gleichgültigkeit gegenüber offenbarem Unrecht in der Gemeinde weitverbreitet. Wenn Gläubige Konflikte unbearbeitet lassen und Böses in der Gemeinde dulden, dann missachten sie wichtige Gebote Gottes und leben keinesfalls in der Heiligung, wie sie vielleicht meinen. Die Weigerung, sich für den geistlichen Zustand seiner Gemeinde mitverantwortlich zu sehen, wird gerne als „geistliche Einstellung“ getarnt: als „Friedfertigkeit“. Umgekehrt wird der Versuch, Unrecht nach Mt 18,17 „vor die Gemeinde zu bringen„, als „fleischliche Unversöhnlichkeit“, als „Schalksknecht-Gesinnung“ diffamiert. Dass der Geschädigte weiter unter dem Unrecht leidet und sich von der Gemeinschaft im Stich gelassen fühlt, interessiert nicht. Kain, der Sohn Adams war gottgläubig und religiös. Und doch leuchtete ihm diese Tatsache nicht ein: „Soll ich meines Bruders Hüter sein“ (1.Mose 4,9). Dank mangelhafter „Erziehung in der Gerechtigkeit“ (2.Tim 3,16) zeigen die Gewissen vieler Gläubiger bei diesem falschen Verhalten gar nichts an.

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3. Die Echtheit der Heiligung ist an der Qualität (!) der Früchte zu erkennen !

Da Heiligung eine Wirkung des Heiligen Geistes ist, hat sie auch entsprechende Qualität.

Der Gläubige, der durch Gottes Geist motiviert wird, handelt völlig freiwillig, weil er vom Wert seines Tuns restlos überzeugt ist. Sowie Jesus völlig freiwillig handelte – selbst beim Opfern seines Leibes (Jo 10,18). Nur positive Motive können auch andere überzeugen, schlechte nicht.

Das Gewissen ist uns als „treuer Wachhund“ gegeben, der uns ohne großen gedanklichen Aufwand warnen soll, wenn wir uns gegen Gott und gegen Mitmenschen versündigen.

Das Gewissen muss richtig eingestellt, “geeicht” werden, denn es wird durch die Erziehung geformt, womit menschliche Fehleinschätzungen Einfluss nehmen können. Manche Gewissen zeigen unangemessen eng, andere wieder viel zu oberflächlich an.

Für die Überprüfung des Gewissens braucht der Gläubige einen Verstand, der durch den Heiligen Geist erleuchtet ist. Er benötigt dazu „Christi Sinn.“ (1.Kor 2,14) Eine Interpretation, die sich möglichst nahe am Buchstaben und an der Tradition der Auslegung orientiert, genügt keinesfalls.

Einen schädlichen Einfluss haben Prediger, die die biblischen Forderungen stark übertreiben (Mt 23, 4) um das Gewissen aufs Äußerste zu beschweren und mit einer möglichst großen Zahl an Neubekehrten auftrumpfen zu können. Diese Prediger binden Menschen an die eigene Person, sodass sie nur ihm selbst, der ihnen das schlechte Gewissen auflud, zutrauen, sie “ in Vollmacht“ wieder davon zu befreien.

Wenn das schlechte Gewissen die zentrale Rolle im Glaubensleben spielt, so ist das Bibelverständnis gründlich krank und zeugt von einem Mangel an Gotteserkenntnis. Gutes tun – um die Pein des schlechten Gewissens zu vermeiden – ist ein übles Motiv, das mit dem Geist der Liebe unvereinbar ist. Nicht der andere und seine Freude ist im Blick, sondern man ist hauptsächlich um das eigene seelische Wohl besorgt. Auch wenn man dieses Motiv nach außen hin verbirgt, so bleibt doch das Tun deshalb wertlos. Werkgerechtigkeit ist nur eine scheinbare Heiligung. Sie ist nicht die Frucht tatsächlicher innerer Erneuerung, sondern kommt nur durch eigene Willenskraft zustande. Sie lässt keine Glaubensfreude entstehen, sondern entmutigt und schädigt den Gläubigen.

Sie ist auf keinen Fall eine notwendige Vorstufe zu wirklicher Heiligung. Von diesem Wahn können sich leider etliche betroffene Christen nur sehr schwer verabschieden! Diese Theologie ist lebensgefährlich und kann den ganzen Glauben zerstören. Paulus warnte: „Ihr habt Christus verloren, die ihr euch durch die Erfüllung göttlicher Normen retten wollt.“ (Gal 5,4) Er spricht von einem Entweder – Oder. Entweder Sohn der Sklavin oder Sohn der Verheißung. (Gal 4,22 ff) Es gibt keine Vermischung und keinen allmählichen Übergang. Werkgerechtigkeit ehrt Gott nicht, da sie ihn als jemanden hinstellt, der Menschen mit seelischer Erpressung Leistungen aufzwingt, die sie ohne diese Drohungen niemals geben würden.

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4. Der Weg aus der Werkgerechtigkeit:

1. Entschärfe das überstrenge Gewissen, indem du seine Funktionsweise erkennst: es ist nicht die Stimme Gottes, sondern ein notwendiger Mechanismus der Seele (siehe: Details).
2. Unterscheide zwischen frommen Menschengeboten (Giftige Theologie) und dem, was Gott wirklich will, indem du die Wirkung des Gebotes auf den Charakter beurteilst.
3. Denke viel über die Gebote nach, die Jesus Christus für die wichtigsten hielt: „Barmherzigkeit, Liebe zum Recht, Treue“ (Mt 23,23) und interpretiere jedes Gebot so, dass diese Maßstäbe respektiert werden.
4. Halte fest, dass Jünger Jesu freie Menschen sind und dass du dich nicht bestechen oder erpressen lassen darfst. Werkgerechtigkeit zerstört den Glauben gründlich ! Tue dann lieber nichts, sondern bete um die richtige Einstellung.
5. Glaube daran, dass Jesus grundsätzlich große Geduld mit dir hat, auch wenn du nicht perfekt bist. Geduld mit dem, der schwach ist, ist ein Kennzeichen echter Liebe. (1.Kor 13, 4-7) Wenn es heißt, dass Jünger Jesu „vollkommen sein sollen“ (Mt 5,48), so ist dies ein großer Wunsch Jesu, aber nicht ein Gesetz, das die Nichterfüllung unter Strafe stellt. Man kann nicht befehlen, vollkommen zu sein, man kann es nur wünschen, weil das wesentliche Element der Vollkommenheit die Freiwilligkeit ist. Der Vollkommene tut das Gute um seiner selbst willen, weil er davon restlos überzeugt ist und nicht weil er Belohnung erhofft oder Strafe fürchtet. Halte also fest, dass du unvollkommen sein darfst.

Nicht nur für den Gläubigen des alten Testaments, sondern auch für den Christen heute können äußerliche Regeln, die er dem Neuen oder Alten Testament entnimmt, eine Glaubenshilfe sein und ihm ermöglichen, sich an die Notwendigkeiten der unsichtbaren Wirklichkeit zu erinnern. Es gibt Gemeinden, die mehr äußerliche Regeln beachten als andere, wobei dieser äußerliche Unterschied nicht zu Qualitätsunterschieden in der Liebe und Treue führen muss. Für manche Gläubigen sind viele äußerliche Regeln eher störend, für andere eher hilfreich.

Genauso wie es einst bei den mosaischen Schriftgelehrten geschah, können auch in der christlichen Gemeinde äußerliche Regeln und Traditionen mehr Bedeutung als die Qualitätsmaßstäbe Christi „Barmherzigkeit, Liebe zum Recht, wahre Treue“ (Mt 23,23) erlangen. Infolge der Missachtung der biblischen Priorität wird die Persönlichkeit Gottes nur noch verzerrt wahrgenommen.

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5. Die Zerrbilder der Heiligung

Parallel entstehen die typischen Zerrbilder der Heiligung:
a) Man befolgt den Wortlaut der Gebote in sklavischer Weise, auch wenn man damit einem anderen Menschen Schaden zufügt,
b) Man glaubt, Gott durch sklavischen Gehorsam gegenüber dem Wortlaut der Bibel in Dienst nehmen, verpflichten, manipulieren zu können (Werkgerechtigkeit),
c) das ständig schlechte Gewissen ist der Motor des Handelns, der Gläubige fühlt sich erniedrigt und terrorisiert,
d) Die biblischen Begriffe der Freiheit und Mündigkeit des Gläubigen sind nur noch inhaltsleere Propaganda,
e) die Leitung erwartet von Gläubigen kritiklosen Gehorsam auch dort, wo sie selbst sich nicht an biblisches Recht hält,
f) Weisheit und Urteilen nach bestem Wissen und Gewissen werden als sündige Anmaßung, als gottlose Autonomie diffamiert,
g) Gebote werden missbraucht, um über den Glauben anderer zu herrschen, statt zur Freude zu helfen (2.Kor 1,24),
h) man ist hochmütig (Lk 18,9 ff) und lieblos gegenüber allen Gläubigen, die sich an die eigene Glaubenstradition nicht anpassen, sogar dann, wenn sie es aus Gewissensgründen gar nicht können,
i) Gläubige verletzen und verdächtigen einander unnötig (Gal 5,15), Feindschaften, Rivalitäten, Spaltungen und Parteiungen entstehen (Gal 5,20), der Umgangston und das Klima in der Gemeinde ist durch Unfreundlichkeit geprägt.

Die Zerrbilder der Heiligung führen bei Nichtgläubigen zum Fehlschluss, dass der ganze Glaube unglaubwürdig ist. Sie sind für ihn ein objektives Glaubenshindernis, ein Fallstrick. „Denn »euretwegen wird Gottes Name gelästert von den Heiden«, wie geschrieben steht“ (Jesaja 52,5).

Gotteserkenntnis ist nicht durch philosophische „Gottesbeweise“ herzustellen. Der einzige Weg dorthin ist echte Heiligung. Heiligung, d.h. Treue in den geistlichen Übungen ist der „sechste Sinn“, mit dem jeder, der will, die unsichtbare Wirklichkeit wahrnehmen kann. Deswegen sind Glaubensvorbilder so wichtig.

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