Fragen zum Rechtsschutz in der Gemeinde

Frage 1: Ist diese Internetseite nicht eher schädlich für die Gemeinde, vielleicht sogar selbst gefährlich, weil sie ein negatives Bild des christlichen Glaubens „vom Missbrauch her“ zeichnet ?

Frage 2: Ist es nicht völlig klar, dass mit dem “Weisen” (1.Ko 6,5), der einen Rechtsstreit entscheiden soll (σοϕος ος δυνησεται διακριναι), nur ein Pastor gemeint sein kann, da er die gründlichste bibelkundliche Ausbildung von allen Gläubigen hat ?

Frage 3: Welche Aufgaben im Zusammenhang mit dem schiedsgerichtlichen Dienst werden am besten vom Pastor wahrgenommen ?

Frage 4: Wer kommt für ein schiedsrichterliches Amt in Frage?

Frage 5: Warum sollte ein Gemeindemitarbeiter im vollzeitlichen Dienst es grundsätzlich vermeiden, schiedsgerichtliche Urteile zu fällen ?

Frage 6: Hat Paulus nicht den Gläubigen geboten, sich mit Kritik gegenüber dem Vorstand einer Gemeinde zurückzuhalten, da sie “Obrigkeit” sei und Christen “der Obrigkeit untertan” (Rö 13,1) sein sollen? Auch wenn sie eine Obrigkeit ist, die Unrecht tut wie die Regierung Kaiser Neros zur Zeit des Paulus ?

Frage 7: Ist es nicht besser, die Gemeinde stillschweigend zu verlassen, wenn sich der Vorstand immer wieder über die Qualitätsmaßstäbe Jesu hinwegsetzt?

 

Antworten

1. Ist diese Internetseite nicht eher schädlich für die Gemeinde, vielleicht sogar selbst gefährlich, weil sie ein negatives Bild des christlichen Glaubens „vom Missbrauch her“ zeichnet ?

Nicht alle Gemeinden werden rein ehrenamtlich betrieben. Sofern eine Gemeinde Gehälter und Löhne zahlt, Privilegien vergibt, Investitionen tätigt und Fundraising betreibt, kann man sie durchaus als Wirtschaftunternehmen sehen. Zu einem Wirtschaftunternehmen gehört nicht nur eine Werbeabteilung, sondern auch eine Abteilung für Revision und Qualitätskontrolle. Als solche Abteilung kann man diese Internetseite sehen, auch wenn etliche Gemeinden gerne auf Qualitätskontrolle verzichten und nur werben wollen. Keine Frage: das wird sehr schnell unseriös!

Wer in der Qualitätskontrolle mitarbeitet, muss bereit sein, konkurrierenden Argumenten faires Gehör zu verschaffen und die Diskussion offen und ehrlich zu führen. Nur so wird die Gefahr vermieden, sich in pharisäischer Weise auf ein Podest zu stellen.

Es kann nicht die Aufgabe einer Qualitätskontrolle sein, nur die „Schokoladenseite“ des christlichen Glaubens zu präsentieren.

Aufgabe der Qualitätskontrolle ist nicht nur, mangelhafte Beachtung der Qualitätsmaßstäbe Jesu aufzudecken, sondern auch, zu einer Verbesserung des Urteilsvermögens der Gläubigen beizutragen. Diese Arbeit ist absolut notwendig. Das, was man weithin in christlichen Gemeinden beobachtet, würde sicherlich sehr oft anders aussehen, wenn man sich nach den Maßstäben Jesu richten würde. Machtmissbrauch wird in christlichen Gemeinden selten kritisch gesehen und ist folglich weit verbreitet.

Wenn die christliche Gemeinde Machtmissbrauch und Gefährdung offen anspricht und tatkräftig gegen sie vorgeht, entsteht als Nebeneffekt ein nachhaltig positiver Eindruck von der Kraft dieses Glaubens.

Eine Gemeinde, die sich Ehrlichkeit leistet, wird trotz aller aufgedeckten Fehler langfristig einen besseren Eindruck hinterlassen als eine, die alles, was in ihr fragwürdig oder destruktiv ist, eilig unter den Teppich kehrt.

Keine Frage ist, dass manche Gemeindeordnung Mängel enthält, die mit gewissen Risiken verbunden sind. Diese Internetseite richtet sich an gläubige Menschen, um sie auf diese Risiken aufmerksam zu machen. So können sie die problematischen Punkte der Machtausübung in ihrer Gemeinde überprüfen und sich ihre Meinung bilden. Sie können dann auch mit erforderlichen Mehrheit abstimmen und die Gemeindeordnung so ändern, dass die angesprochenen Risiken minimiert werden.

Widerspricht dieses Vorhaben der Intention der Heiligen Schrift?

Die obige Frage unterstellt, dass man über den christlichen Glauben immer in positiver Weise reden muss, um ihn für Außenstehende attraktiv zu machen. Die Propheten der Bibel haben sich an diese Vorgabe nicht gehalten. Sie haben das Unrecht, das im Volk Gottes geduldet wurde, beim Namen genannt, wissend, dass man nicht andere Menschen zum Respekt vor den Ordnungen Gottes aufrufen kann, um sich dann selbst nicht daran zu halten. „Du belehrst andere, warum nicht auch dich selbst? Du predigst, man dürfe nicht stehlen – und warum stiehlst du? Du sagst, man soll die Ehe nicht brechen – warum brichst du sie? Du verabscheust die Götzen – warum bereicherst du dich dann an ihren Tempeln? Du bist stolz auf das Gesetz – und warum brichst du es selbst und machst Gott Schande damit? So steht es schon in der Schrift: „Euretwegen spotten die Völker über Gott.““ (Rö 2, 21-24/ – 23a: NeÜ). Leider werden die Propheten üblicherweise in vielen Gemeinden nur sehr sparsam gelesen.

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2. Ist es nicht völlig klar, dass mit dem „Weisen“ (1.Ko 6,5), der einen Rechtsstreit entscheiden soll (σοϕος ος δυνησεται διακριναι), nur ein Pastor gemeint sein kann, da er die gründlichste bibelkundliche Ausbildung von allen Gläubigen hat ?

Grundsätzlich kann jeder Älteste das Schiedsrichteramt ausüben, sofern ihm Gerechtigkeit und Fairness wirklich eine Herzenssache ist. „Weisheit“ hat viel mit der Formung des Charakters durch die wichtigsten Maßstäbe Christi „Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Verlässlichkeit“ (Mt 23,23) und der daraus resultierenden Selbsterkenntnis und Menschenkenntnis zu tun.

Diese Merkmale werden im theologischen Studium, das im wesentlichen bibelkundliches Kopfwissen vermittelt, nicht geprüft. Um selbst um das bloße Wissen dort ist es schlecht bestellt. Uns ist keine einzige theologische Hochschule in Deutschland bekannt, die sich um die Erkenntnisse ernsthaft bemüht, die für die Ausübung des schiedsgerichtlichen Dienstes und für die Zusammenarbeit der Gemeinden in Rechtsfragen nötig sind! Warum sollen da „unstudierte“ Gläubige, die die Bibel kennen und fleissig über biblisches Recht nachdenken und die der Heilige Geist für diesen Dienst ausgerüstet hat, ungeeignet sein ? Es macht keinen seriösen Eindruck, wenn ein Pastor gar keine Zeit oder Lust hat, sich mit solchen Erkenntnissen näher zu befassen, aber selbstsicher behauptet, dass Paulus mit dem „Weisen“ in 1.Ko 6,5 nur ihn selbst gemeint haben kann.

Um zu verdeutlichen, wie man „Weisheit“ bei Gläubigen feststellt, kann man sich mit dem Bild eines Schiffes behelfen, das sein Ziel erreichen soll. Das Ziel ist, dass beide Konfliktparteien den Beitrag erkennen, den sich Gott von ihnen wünscht, damit der Riss im Leib Christi wieder zuheilen kann. Damit das Schiff auf dieses Ziel lossteuern kann, muss es zunächst erst einmal vorhanden sein. Vorhanden sein muss die Wertschätzung der Fairness, und zwar bei allen, die urteilen und die Gemeinde lehren. Diese Wertschätzung sollen auch die Konfliktparteien von ihnen lernen können. Ist die Wertschätzung der Fairness nicht da, kann man sich den ganzen Aufwand sparen. Ist das Schiff da, dann muss man einsteigen und losfahren, um an das Ziel zu kommen. Ein Schiff, das nicht fährt, lässt sich nicht steuern. Deshalb müssen die, die urteilen, das Ziel einer Lösung, die der Ehre Gottes und der Würde der Gemeinde dient, ernsthaft anstreben. Den Lenkbewegungen entsprechen die Korrekturen der eigenen Verhaltensweisen am biblischen Recht. Korrekturbedürftige Verhaltensweisen wurden ausführlich auf dieser Internetseite unter den Rubriken „Prüfe dich selbst?„, „Vorbilder des Glaubens“ usw. genannt. Je sensibler ein Christ nun falschem Verhalten gegensteuert, desto mehr „Weisheit“ und „geistliche Autorität“ wird bei ihm sichtbar. Dies gilt gleichermaßen für alle Gläubigen, sowohl für Pastoren und Älteste als auch für die Gläubigen, die keine Leitungsfunktion ausüben.

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3. Welche Aufgaben im Zusammenhang mit dem schiedsgerichtlichen Dienst werden am besten vom Pastor wahrgenommen ?

Auch wenn ein gläubiger Bruder, der Pastor ist, wegen der Befangenheitsproblematik selbst keine schiedsgerichtlichen Urteile fällen sollte, so hat er dennoch immer eine ganz wichtige Funktion. Da er als der Dienstherr der Gemeinde angesehen wird, ist er am besten geeignet, wenn es darum geht, die Notwendigkeit des schiedsgerichtlichen Dienstes in der Gemeinde bekanntzumachen und mit der Heiligen Schrift zu erläutern. Auch bei bei Einrichtung und Organisation des Schiedsgerichts spielt er eine wichtige Rolle. Auch wird seine Seelsorge die Chancen, die der schiedsgerichtliche Dienst eröffnet, nutzen.

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4. Wer kommt für ein schiedsrichterliches Amt in Frage?

Am ehesten Gläubige, die Älteste in der Gemeinde sind, d.h. Christen, die auf reiche reiche geistliche Erfahrung und Bewährung zurückblicken können. Die geistliche Leitung liegt nicht nur in den Händen des Vorstandes, sondern auch Älteste, die aus dem Vorstand längst ausgeschieden sind, sehen sich weiter in der Verantwortung.

Doch sind sie nur dann geeignet, wenn sie sich durch Wertschätzung der Fairness (Ps 37, 28 / 94, 15 / Jes 1, 17), Liebe zu den schwachen Geschwistern (Mt 25,40 / 1.Kor 12, 22 -24) und durch Fähigkeit zur Selbstkritik (Rö 2,21a / 2.Kor 10,12-13+18 / 15,5) auszeichnen und wenn sie bereit sind für ihren Dienst einen speziellen Amtseid zu leisten, in dem sie sich verpflichten, un­parteiisch zu urteilen (Jes 50, 20-24a / Jak 2,9) und das Gewissen nicht fahrlässig zu erleichtern (Jer 6,14).

Diese Eigenschaften sind nicht selbstverständlich! Manchen „Ältesten“ hat man nur wegen seiner administrativen Fähigkeiten gewählt – oder im schlimmsten Falle – weil die anderen keine Lust hatten, diesen anstrengenden Dienst zu übernehmen. In diesem Fall sollte die Gemeinde neben der Ältesten weitere Älteste nur für den schiedsgerichtlichen Dienst wählen bzw. wenn niemand verfügbar ist, von anderen Gemeinden Hilfe erbitten.

Diese Mitglieder des schiedsgerichtlichen Dienstes können Mitglieder des Vorstandes sein, müssen es aber nicht unbedingt. Im speziellen Fall, dass eine Klage gegen ein Vorstandsmitglied vorgebracht wird, ist es besser, wenn Älteste entscheiden, die nicht zum Vorstand gehören.

Mitarbeiter der Gemeinde, die Gehalt und andere Vorteile von der Gemeinde regelmäßig empfangen, wozu auch der Pastor gehört, sollten wegen der Befangenheitsproblematik keine schiedsrichterlichen Aufgaben übernehmen. Einzige Ausnahme: beide (!) Konfliktparteien wünschen einvernehmlich und ausdrücklich eine schiedsgerichtliche Entscheidung durch einen Pastor oder anderen besoldeten Mitarbeiter, weil sie in seine Weisheit und Unparteilichkeit volles Vertrauen haben.

Solange in der Gemeinde keine „Kultur der Fairness“ vorhanden ist und man sich für die praktische Anwendung der Qualitätsmaßstäbe Christi kaum interessiert, ist von einer schiedsgerichtlichen Entscheidung in der Gemeinde selbst dringend abzuraten. Man sollte dann die Ältesten einer anderen Gemeinde um Hilfe bitten, in der diese Maßstäbe geachtet und angewendet werden.

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5. Warum sollte ein Gemeindemitarbeiter im vollzeitlichen Dienst es grundsätzlich vermeiden, schiedsgerichtliche Urteile zu fällen ?

Sofern nicht beide Konfliktparteien einvernehmlich eine schiedsgerichtliche Entscheidung eines vollzeitlich tätigen Mitarbeiters wünschen, ist von seiner Einbeziehung abzuraten – aus folgenden Gründen:

Pastoren, Diakone und Gemeindehelfer empfangen Einkommen, Arbeitsplatzsicherheit und andere Vorteile von ihrer Gemeinde und sind daher möglicherweise in der Entscheidung befangen, wenn eine richtige Entscheidung zu Stress in der Gemeinde, d.h. ihrem Arbeitsplatz, zum Verlust eines gebefreudigen Spenders oder zu Parteiungen führen würde. Auch enge emotionale Bindungen, die zu Gemeindegliedern entstanden sind, können einem schiefen Urteil Vorschub leisten. Dass sich in dieser wichtigen Frage der Pastor selber kontrolliert und blindes Vertrauen in seine guten Absichten fordert, reicht nicht aus.

Ein weiterer wichtiger Einwand: wenn grundsätzlich der Pastor Schiedsrichter sein soll, dann wird er den Zweifel an seiner Eignung als Angriff auf die eigene Person betrachten und entsprechend reagieren. Dieser Konflikt ist einem geschädigten Mitchristen nicht zuzumuten.

Der Geschädigte hat in der Regel nur einen einzigen Versuch, sein Anliegen vorzubringen. Da es – anders in der Welt – keine übergeordneten Instanzen gibt, die man zur Überprüfung der Entscheidung anrufen könnte, ist es umso wichtiger, im vorhinein zu überlegen, welche Faktoren die Entscheidungsqualität beeinträchtigen könnten und Abhilfe zu schaffen.

Ein weiterer Einwand: wenn der Pastor grundsätzlich die „letzte Instanz“ ist, dann ist es kaum möglich eine Klage gegen ihn selbst vorzubringen. Sitzen aber grundsätzlich gläubige Laien im Schiedsgericht, dann steht niemand mehr über dem Recht.

Der schiedsgerichtliche Dienst gehört zu den Aufgaben der „Qualitätskontrolle“. Zwischen dieser Aufgabe und der üblichen Tätigkeit eines Pastors besteht ein grundsätzlicher Interessenkonflikt (Blinder Fleck).

Erfahrungsgemäß sind viele Pastoren in der Regel so mit Arbeit überlastet, dass sie gar nicht die Zeit haben, einen schwierigen Fall sorgfältig zu analysieren. Die Gefahr ist sehr groß, dass es mangels Zeit zu einer oberflächlichen und schlechten Entscheidung kommt. Dennoch wollen sich manche Pastoren die Befugnis reservieren, über Rechtskonflikte zu entscheiden. Das geht zu Lasten des Hilfesuchenden und ist deshalb unseriös.

Die aktuelle Situation ist ein klarer Gegenbeweis für die Tauglichkeit der üblichen Regelung („schieb die Sache auf den Pastor ab und wenn der es nicht schafft, dann hat der Geschädigte eben Pech gehabt“). Die „Pastoren-Lösung“ hat in vielen evangelikalen Gemeinden zu einem erschreckenden Desinteresse am Rechtsschutz geführt. Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher spricht gar von einer „völligen Aushöhlung des christlichen Rechtsbewusstseins“ (Th. Schirrmacher, Ethik, Band 2, Neuhausen-Stuttgart, 1994, Seiten 593 – 594).

Man bedenke, dass in fast allen Fällen Straftäter und Opfer nicht in derselben Gemeinde bleiben. Das Problem ist dann nur lösbar durch eine Zusammenarbeit von Gemeinden im Ernstfall und gemeinsame Qualitätsstandards – aber darum hat man sich bisher nie gekümmert.

Wie kann man da behaupten, dass sich die übliche Regelung, dass der Herr Pastor mit beiden Konfliktpartnern spricht, „bewährt“ habe?

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6. Hat Paulus nicht den Gläubigen geboten, sich mit Kritik gegenüber dem Vorstand einer Gemeinde zurückzuhalten, da sie „Obrigkeit“ sei und Christen „der Obrigkeit untertan“ (Rö 13,1) sein sollen? Auch wenn sie eine Obrigkeit ist, die Unrecht tut wie die Regierung Kaiser Neros zur Zeit des Paulus ?

Mit dem Begriff „Obrigkeit“ ist die staatliche Gewalt gemeint, die über eine Justiz verfügt: „sie hat das Schwert nicht umsonst„. (Rö 13,4) Der Schluss des Absatzes macht noch einmal deutlich, wer hier gemeint ist: „So gebet nun jedermann, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.“ (Rö 13,7) Die Gemeinde hat weder ein „Schwert“ zur Verfügung noch kann sie Menschen zwingen, Zoll und Steuer zu zahlen.

Von dieser Welt wird gesagt, dass sie „nichts vom Geist Gottes versteht“ (1.Kor 2,6) und das Licht, das ihr angeboten wird, „nicht ergreift„. (Jo 1,10) Der weltlichen Obrigkeit sollen die Gläubigen sich unterordnen, „damit sie in Ruhe und Frieden und in Ehrfurcht vor Gott leben können und ihren Mitmenschen keine Ursache zum Tadel geben.“ (1.Tim 2,2)

Anders als die Welt hat die Gemeinde „nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen können, was uns von Gott gegeben ist.“ (1.Kor 2,12)

Deswegen ist in der Gemeinde vieles ganz anders als in der Welt.

Jakobus fordert z.B. den reichen Gläubigen auf, sich seiner Niedrigkeit bewusst zu sein und umgekehrt den Gläubigen, der nichts darstellt in der Welt, „sich seiner Hoheit zu rühmen“ (Jak 1,9). Jesus sagte: „Wer der Größte sein will, soll sich als Diener aller betrachten .“ (Mk 10,43-44) „Er soll „demütig wie ein Kind“ sein (Mt 18,3) und vom Vorbild Jesu lernen, der „sanftmütig und von Herzen demütig“ war. (Mt 11,29) Er soll „nicht über den Glauben der anderen herrschen“ (2.Ko 1,24) wollen. Paulus tadelte die Unterwürfigkeit und Servilität der Gläubigen in Korinth: „Ihr habt ja nichts dagegen, wenn man euch schindet und ausnutzt, wenn man euch einfängt, geringschätzig behandelt oder gar ins Gesicht schlägt. Zu meiner Schande muß ich gestehen: dazu war ich nicht fähig!“ (2.Kor 11,20-21).

Wahr ist: wer geistlich leiten will, muss sich am Vorbild Jesu orientieren und selbst in seiner geistlichen Einstellung Vorbild sein. (1.Tim 3) Die Autorität des Gemeindeleitung ist und bleibt an die treue Erfüllung seelsorgerlicher Pflichten gebunden ““Gehorcht euren Lehrern und folgt ihnen denn sie wachen über eure Seelen und müssen dafür später Rechenschaft ablegen” (Hebr 13,17). Nur wenn das so ist, werden die Gläubigen aufgefordert, ihn besonders zu respektieren: „Älteste, die ihr Amt verantwortungsbewusst führen, sollen besonders hochgeachtet werden.“ (1.Tim 5,17).

Vor Ältesten, die ihr Amt gewissenlos missbrauchten, haben die Apostel manchmal in ihren Briefen gewarnt. (3.Jo 9) Nirgendwo wird aufgefordert, sich Ältesten unterzuordnen, die selbst geistliche Autorität nicht respektieren (Laien-Bote) oder böse bzw. falsch handeln. Nirgendwo wird aufgefordert, zu Unrecht zu schweigen! Paulus musste sogar einem hochgeachteten Apostel wie Petrus öffentlich entgegentreten (Gal 2,11), da er gegen seine Überzeugung handelte und andere mit diesem schlechten Beispiel gefährdete.

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7. Ist es nicht besser, die Gemeinde stillschweigend zu verlassen, wenn sich der Vorstand immer wieder über die Qualitätsmaßstäbe Jesu hinwegsetzt?

Der Zwang zum Verlassen der Gemeinde ist eigentlich als härteste Maßnahme gegen ein Gemeindemitglied vorgesehen, dass an skandalösem Fehlverhalten festhält. („Gemeindezucht„) Warum sollen die, die als einige der wenigen in der Gemeinde noch an das erinnern, was wahr und richtig ist, sich mit ebendieser harten Strafe selber belegen?

Und was sollen sie tun, wenn in der nächsten Gemeinde ähnliche Missstände auftauchen? Sollen sie dann wieder das Weite suchen und wieder auf der Suche nach einer geistlichen Heimat umherirren? Umgekehrt ist es doch richtig: wer Unrecht tut und daran festhält, der hat vergessen, auszutreten.

Die Propheten haben das Unrecht beim Namen genannt, ob man ihnen nun zuhörte oder nicht. Auch im Neuen Testament werden die Gläubigen aufgefordert, das Böse aufzudecken: „Lebt als Gottes Kinder im Licht Gottes! Wer unter der Leitung des Heiligen Geistes lebt, der ist an Güte, Gerechtigkeitsliebe und Aufrichtigkeit zu erkennen. Fragt danach, was dem Herrn gut gefällt. Lasst euch auf keine fruchtlosen und finsteren Machenschaften ein! Helft vielmehr, sie aufzudecken. Was manche im Verborgenen treiben, ist so schlimm, dass es schwerfällt, darüber zu reden. Sorgt dafür, dass das Licht Gottes darauf fällt, dann weiß jeder Bescheid !“ (Eph 5,9-13)

Diese Festigkeit ist allen Gläubigen zu wünschen. Der Apostel Paulus ermutigte alle Gläubigen zu dieser Einstellung. (1.Ko 14,39 a) Nur so kann die Gemeinde für schwache und gefährdete Mitchristen wirklich eine Heimat, ein Schutzraum, ein Ort der Geborgenheit werden.

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Fragen zur den drei Qualitätsstandards Jesu
Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Verlässlichkeit

Frage 1: Wie kann man erkennen, ob einem Gläubigen Barmherzigkeit (ελεος), die Jesus als erstes der wichtigsten Gebote in Mt 23,23 nennt, tatsächlich wichtig ist?

Frage 2: Warum wird “Gerechtigkeit” (δικαιοσύνη) mit “Liebe zum Recht” übersetzt? Ist “Liebe zum Recht” im Umgang mit dem Nächsten nicht eine typisch alttestamentliche Forderung, die für die Gemeinde heute nicht mehr relevant ist? Wird sie nicht im Neuen Testament durch die Aufforderung ersetzt, sich zu Jesus zu bekehren, der unsere “Gerechtigkeit” ist ?

Frage 3: Warum wird das Wort “Treue” (πιστις) in Mt 23,23 mit dem Attribut „wahr“ verbunden  und mit „Treue und Redlichkeit“ übersetzt?

 

Antworten

1. Wie kann man erkennen, ob einem Gläubigen Barmherzigkeit (ελεος), die Jesus als erstes der wichtigsten Gebote in Mt 23,23 nennt, tatsächlich wichtig ist?

“Barm-HERZ-ig” – Sein heißt:
seinen Mitmenschen “von Herzen” lieben zu wollen, ihn als Freund ansehen und behandeln und seine Nöte und Chancen mit den Augen eines Freundes sehen. (Mt 5,47 / Lk 7,34)

Lasst uns nicht lieben mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.” (1.Joh 3,18)

Glaubensvorbilder sind sehr wichtig, da es auch viel scheinbare Barmherzigkeit und geheuchelte Liebe gibt, die sehr leicht zur Nachahmung verführt.

Barmherzigkeit und Liebe ist z.B. nicht:

– Freundlichkeit als Belohnung für Anpassung an Machtstrukturen und an das eigene religiöse Ego
– Bevormundung anders denkender Christen “zu ihrem Besten”, die mit einem Mangel an Selbstkritik einhergeht
– soziale und missionarische Aktionen mit dem Ziel religiöser Selbstbestätigung

Gläubige beteiligen sich an vielfältigen missionarischen und sozialen Programmen, die in der Gemeinde organisiert werden und einen unverzichtbaren gesellschaftlichen Beitrag darstellen. Vielen Menschen erfahren auf diesem Wege Segen und Hilfe.

Andererseits dienen die Aktivitäten der Gemeindeleitung und der -mitarbeiter dazu, sich selbst zu präsentieren und die eigene Position zu legitimieren, was dem eigenen Einkommen und Einfluss sowie der Arbeitsplatzsicherung zugute kommt. So segensreich die Aktivitäten sein können, so wenig aussagekräftig sind sie mitunter, was die tatsächlichen Motive betrifft.

Deswegen kann es zu der paradoxen Situation kommen, dass ein Gemeindemitarbeiter, der sich vielfältig engagiert, dennoch mit einzelnen Menschen in der Gemeinde hartherzig und unbarmherzig umgeht. Das kann die hartherzige Verweigerung von Hilfe sein, die leicht zu leisten wäre, oder das willkürliche Verbot, die Gemeindemitglieder über Gefahren zu informieren, oder auch die unfaire und bösartige Behandlung eines Hilfesuchenden in der Seelsorge.

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter gehen Levit und Priester am Verletzten vorbei und die Auslegung hat immer wieder den Gedanken aufgegriffen, dass sich beide sehr wohl auf dem Weg zum Gottesdienst befunden haben können. Sie handleln nur innerhalb eines frommen Programms gottgemäß. Abseits dieses Programms reagieren sie aber unbarmherzig, sodass man die Frage nach ihren wirklichen Beweggründen stellen muss.

Es liegt im Interesse der Gemeinde, solche Vorfälle nicht als überflüssige Störung des Betriebs zu sehen und zu ignorieren, sondern sie als Chance zu sehen, geistliches Urteilsvermögen zu üben. Die Gemeinde wird daran erinnert, dass „Liebe ohne Heuchelei sein“ (Rö 12,9) soll und dass diese Liebe etwas Heiliges ist im Unterschied zur Freundlichkeit im eigenen Interesse.

Geht ein Gemeindemitarbeiter mit einem einzelnen Menschen unbarmherzig um, so sollte die Gemeinde diesem das Recht zugestehen, die Angelegenheit nach Mt 18,17 vorzubringen. Sie sollte ihm außerdem das Recht zugestehen, eine miserable Seelsorge zu protokollieren und der Gemeinde zur Beurteilung zu geben. Das Beichtgeheimnis schützt nämlich nur den Ratsuchenden.

Wenn nach der Ermahnung des Gemeindemitarbeiters wenig Einsicht zu sehen ist, sollten die Mitglieder nicht zögern, die Aufgabe einem geeigneteren Mitarbeiter zu übertragen. Sehr nachteilig ist es, wenn die Verfassung der Gemeinde eine Betrauung mit geringeren Aufgaben nicht zulässt, sondern die Gemeinde zu einer „Alles oder nichts“ – Lösung zwingt.

Da erfolgreiche Gemeindemitarbeiter rar sind, kann es äußerst schwierig sein, ihn in die zweite Reihe zu versetzen oder ihm gar zu kündigen. Leider ist es auch in vielen evangelikalen Gemeinden so wie in der Welt: letztlich zählt nur der Erfolg – auch wenn er nur mit Heuchelei zustandekommt.

Als Alternative zu einer undurchführbaren Alles-oder-Nichts-Lösung könnte ein ehrenamtlich besetztes Schiedsgericht nachdrückliche materielle Sanktionen verhängen oder sie von vornherein in einem geänderten Arbeitsvertrag unterschreiben lassen, um eine Wiederholung üblen Verhaltens unwahrscheinlicher zu machen.

In manchen Fällen wird aber auch das nicht durchführbar sein: es besteht die Möglichkeit, dass der erfolgreiche Mitarbeiter nun seinerseits mit Kündigung droht, falls die Gemeinde sein übles Verhalten nicht ignoriert. So manche Gemeinde wird sich tatsächlich erpressen lassen und den damit verbundenen Dauerzustand der Heuchelei in Kauf nehmen.

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2. Warum wird „Gerechtigkeit“ (δικαιοσύνη) mit „Liebe zum Recht“ übersetzt? Ist „Liebe zum Recht“ im Umgang mit dem Nächsten nicht eine typisch alttestamentliche Forderung, die für die Gemeinde heute nicht mehr relevant ist? Wird sie nicht im Neuen Testament durch die Aufforderung ersetzt, sich zu Jesus zu bekehren, der unsere „Gerechtigkeit“ ist ?

Jesus warf den Pharisäern vor, dass sie nur religiös waren und „die Vorbereitung auf das Gericht (κρισις) für zweitrangig hielten.“ (Mt 23,23) Die richtige Vorbereitung auf das Gericht ist ein geheiligtes Leben, wozu immer faires, „gerechtes“ Verhalten gegenüber dem Nächsten gehört: „Hieran sind die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels zu erkennen. Jeder, der nicht Gerechtigkeit (δικαιοσύνη) übt, gehört nicht zu Gott, und wer nicht seinen Bruder liebt.“ (1.Jo 3,10) Jesus forderte von seinen Jüngern, dass sie „in erster Linie nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit (δικαιοσύνη) streben“ sollten. (Mt 6,33)

Damit hat er sicherlich nicht das Vertrauen auf seinen stellvertretenden Opfertod gemeint. Den hat er den Jüngern zwar einschließlich seiner Auferstehung angekündigt, aber sie verstanden es nicht. Deswegen waren sie ja auch nach seiner Hinrichtung völlig verzweifelt und hielten Jesus tatsächlich für gescheitert. Das Gespräch Jesu mit den Jüngern, die auf dem Weg nach Emmaus waren, zeigt dieses Nicht-Verstehen in aller Klarheit. (Luk 24,13 ff) Wenn nicht einmal die gutwilligen Jünger die Notwendigkeit des Sühnetodes begriffen haben, bevor Jesus von den Toten auferstanden war, wie sollten es da die Schriftgelehrten verstehen?

Gerechtigkeit“ und „Ungerechtigkeit“ bezog sich also auf etwas anderes, nämlich das, was ALLE Gläubigen des alten Bundes darunter verstanden: auf das faire Verhalten im Alltag.Gerechtigkeit“ ist also kein philosophisches Ideal, mit dem sich in erster Linie theologische Fachleute befassen, sondern etwas, das jeden angeht. Denn niemand möchte selbst ungerecht behandelt werden.

Jesus warf den Schriftgelehrten genau das vor, dass sie das Gebot der Fairness nicht respektierten, dass sie Kollekten einnahmen, durch die anderen das Nötige vorenthalten wurde (Mk 7,11: Korban) oder dass sie „der Witwen Häuser fraßen“ (Mt 23,14).

Das Neue Testament warnt die Gläubigen genauso wie das alte vor ungerechten Verhaltensweisen, die das Verständnis für die Wahrheit verdunkeln können. (Rö 1,18 / 2.Thess 2,10-12). Es fordert sie auf, Unrecht zu lassen und Recht zu tun. (Apg 10,35 / Kol 3,25 / 1.Jo 2,29 / 3,10) Ohne diese Einstellung ist eine Bekehrung Selbsttäuschung. (Jak 2,17) Durch unbeirrbares, boshaftes Festhalten am Unrecht schließt man sich selbst vom Reich Gottes aus: „Wisset ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Macht euch bitte nichts vor! “ (1.Kor 6,9)

Es gibt keine Liebe ohne Liebe zum Recht. Dass, was der unfair Handelnde als „Liebe“ missversteht, sind bestenfalls gute Manieren bzw. Umgangsformen. Sie lassen jemanden „lieb“ erscheinen, der in Wahrheit hart, lieblos und unbarmherzig ist.

Viele Gläubige werden hier zustimmen. Doch weit weniger Gläubige erkennen, dass sie auch dafür Verantwortung tragen, dass die von ihnen gewählte Gemeindeleitung diese unumstößliche Regel nach der Wahl weiter respektiert. Ist das nicht der Fall, wird also damit das gegebene Wahlversprechen, die Gemeinde im Sinne Jesu zu leiten, nachträglich gebrochen, dann kann die Gemeinde – um der Ehre Gottes willen – nicht dabei tatenlos zusehen. Vielmehr sollte dann baldmöglichst ein weiterer Wahltermin angesetzt werden mit einem ernstzunehmenden Kandidaten.

Leider betrachten immer mehr Gläubige die geistliche Einstellung des Bewerbers als zweitrangig. Viel wichtiger ist ihnen die Frage, ob er ein Zugpferd ist und viele Leute in die Gemeinde bringt. Herrscht diese Meinung in der Gemeinde vor, so ist sie bereit geistlich sehr krank und wird durch die Wahl noch kränker.

Wenn eine Gemeinde wächst auf Kosten von Wahrheit und Gerechtigkeit, dann ist es das Beste, wenn möglichst viele Gläubige abwandern und eine Gemeinde aufsuchen, wo sie lernen können, wie man ehrlicher und fairer mit dem Nächsten umgeht.

Die Weigerung der Gemeinde, eine Gemeindeleitung, die Unrecht tut, zurechtzuweisen, bloß weil sie beliebt und erfolgreich ist, wertet Gott als Verachtung seiner Person. (1.Sam 2,30 b) Deshalb traf den Prieser Eli am Ende eine ähnlich schwere Strafe wie seine Söhne, deren Fehlverhalten im Amt er nicht bestrafte.

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3. Warum wird das Wort „Treue“ (πιστις) in Mt 23,23  mit dem Attribut „wahr“ verbunden  und mit „Treue und Redlichkeit“ übersetzt? 

Wir haben „pistis“ eine Zeitlang mit „Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit“ übersetzt und wurden unlängst dafür kritisiert, dass bei dieser Übersetzung die Hauptbedeutung der „Treue“ zu wenig berücksichtigt wird. (Zum  Vorwurf der Verfälschung und zu den voreiligen Argumenten der Kritik siehe unseren Beitrag im Tagebuch)

Das Adjektiv πιστος bezeichnet eine Person, der man trauen kann und bedeutet glaubwürdig, zuverlässig, treu. (Quelle: www.zeno.org/Pape-1880/A/πιστοξ; Wilhelm Pape, Handwörterbuch der griechischen Sprache, Braunschweig 1914, 3.Aufl., Bd.2, Seite 620-621). Das Substantiv πιστις steht mit diesem Bedeutungsfeld in engstem Zusammenhang. In heutigem Griechisch wird πιστις „Glaube“ im Sinne von „Glaubwürdigkeit“ verwendet, ähnlich wie auch „Glaube“ im Deutschen nichts mit religiösem Glauben zu tun haben muss: Κατα την καλη πιστη „nach Treu und Glauben“, womit Seriosität und Ehrlichkeit im täglichen Geschäftsleben gemeint ist.

Jesus sprach nicht griechisch, sondern aramäisch mit seinen Jüngern.  In der hebräischen Übersetzung des NT, das dem Aramäischen sehr verwandt ist, (was man vom Griechischen nicht sagen kann) werden die Worte „mischpat“ (Gericht), „chesed“ (Barmherzigkeit) und „ämuna“ verwendet. „ämuna“ bedeutet in äußerlichem Sinn: „Festigkeit, Sicherheit“, im seelischen Sinn „Treue, Glauben“, aber auch „Wahrhaftigkeit“, „Zuverlässigkeit“. „Jafiach ämuna“  in Spr. 12,17 ist jemand, „der die Wahrheit spricht“ im Gegensatz zum falschen Zeugen; (Quelle: Wilhelm Gesenius, Hebräisches und aramäisches Wörterbuch über das AT, Heidelberg, 1987.)

Wir nahmen an, dass sich der Gegensatz zwischen Jesus und den Pharisäern in den drei wichtigsten Geboten am schärfsten und deutlichsten darstellt, m.a.W. dass die drei Punkte keine nebensächlichen Konfliktpunkte sind. Dass die Pharisäer gegen die erste Forderung in Mt 23,23, gegen die Barmherzigkeit, verstießen, leuchtete sofort ein, denn sie legten den Menschen unnötigerweise schwere, unerträgliche Lasten auf (Mt 23,4). Auch der Verstoß gegen die zweite Forderung, die Liebe zum Recht, war offensichtlich, denn die Pharisäer „fraßen die Häuser der Witwen“ (Mt 23,14) und nahmen unerlaubte Spenden entgegen (Mk 7,11: „Korban„). Durch beide Anklagen konnten sich die Pharisäer, gegen die sich die Rede in Mt 23 richtet, bis ins Herz getroffen fühlen.

Konnte man das auch von dem dritten Vorwurf, der Treulosigkeit sagen ? Die Pharisäer hatten sich auf den Stuhl des Mose gesetzt. (Mt 23,1) Sie waren der Ansicht, dass sie es mit der Treue besonders genau nahmen. Der allgemeine Eindruck, den uns das NT vermittelte, dass die Pharisäer sehr stolz auf ihre Treue waren. Da ist der Pharisäer, der auf den Zöllner herabsieht und Gott alles aufzählt, was er an Gebotserfüllung leistet. (Lk 18,11 ff) Er meint es wirklich so, wie er es sagt und ist aufs Höchste mit sich zufrieden. Wie Gott tatsächlich über ihn denkt, bekommt er gar nicht mit. Auch Paulus war vor dem Damaskuserlebnis sehr stolz auf seine Werkgerechtigkeit (Phil 3,4-5).

Jesus hat die Pharisäer wegen ihrer Ehescheidungspraxis konkret der Treulosigkeit beschuldigt. Hier hatten sich die Pharisäer auf Mose berufen, der Ehescheidung nicht verbot und Segen jedem verhieß, der das mosaische Gesetz befolgte. Der Prophet Maleachi allerdings hatte sich Jahrhunderte später ganz konkret zur Ehescheidung geäußert und sie unter den Unsegen Gottes gestellt. (Mal 2,14-16) In der Tradition wurde seine Warnung nicht beachtet: Den Alten wurde gesagt „Wer sich von seinem Weibe scheidet, der soll ihr einen Scheidebrief geben.“ (Mt 5,32). Somit war für Jesus leicht, nachzuweisen, dass die Pharisäer in der Ehescheidungsfrage gegen den Willen Gottes verstießen. Für die Ehe zwischen Gläubigen wünscht sich Jesus, dass sich beide Partner die gegenseitige Treue bewahren können. Auch im Alter soll diese Liebe bestehen bleiben, ohne Konkurrenz fürchten zu müssen.

Römer 2,16 eröffnet eine umfassendere Beurteilung der Treue, indem die Beurteilung des Herzens am Tag des Gerichts einbezogen wird. Die Anklage nennt ein ganzes Spektrum möglicher Verstöße und fordert zur Selbstprüfung auf: „Nun lehrst du andere, und lehrst dich selber nicht; du predigst, man solle nicht stehlen, und du stiehlst; du sprichst man solle nicht ehebrechen, und du brichst die Ehe; dir greuelt vor den Götzen, und du raubest Gott, was sein ist; du rühmst dich des Gesetzes, und schändest Gott durch Übertretung des Gesetzes…“ (Rö 2,21-22) Die zahlreichen Konflikte der Pharisäer mit Jesus zeigen, wie unterschiedlich die Formen der Treulosigkeit sein können. Immer wieder steht der Gläubige vor der Frage: Wahre Treue oder nur vermeintliche Treue ?

Mt 23,23 ist eingebettet in eine Aufzählung frommer Tricks bzw. in die Verdammung der Heuchelei. Das ist die Stoßrichtung des kompletten Kapitels: „Meidet den Sauerteig der Pharisäer, die Heuchelei !“ (Lk 12,1) Bemüht euch um Selbsterkenntnis und Echtheit !

Da Jesus Mt 23,23 als wichtigstes Gebot authorisiert hat, kann dieses Gebot dazu dienen, den Rang weniger wichtiger Gebote zu bestimmen. Diese Bestimmung ist unbedingt nötig, um schädliche Auslegung entlarven zu können, wie wir beispielhaft unter „giftige Theologie“ zeigen.

Solche Auslegung wird den Gemeinden durch etablierte „Schriftgelehrte“ vermittelt, denen ein theologisches Auslegungsmonopol zuerkannt wird. Sie haben sich nunmehr „auf den Stuhl“ Jesu und der Apostel gesetzt.

Heute haben sich die Schwerpunkte der Treulosigkeit verschoben. Bei Vertretern des bibeltreuen Auslegungsmonopols ist es heute unstrittig, dass Ehepartner einander lebenslang treu sein sollen. Im Gegenteil: das Pendel ist gefährlich nach der anderen Seite ausgeschlagen: viele evangelikale sowie katholische Bibellehrer vertreten heute eine lebensfeindliche, überzogene Sexualmoral. Gerade dieser Rigorismus wird als „Beweis“ für die außerordentliche Glaubenstreue gesehen  und vergiftet den Sinn auch anderer eigentlich sinnvoller Gebote.

Wir haben immer noch etablierte „Schriftgelehrte“ wie zur Zeit Jesu, die sich „auf den Stuhl“ (Mt 23,2) gesetzt haben. Heute ist es nicht mehr der Stuhl des Mose, sondern der Stuhl Jesu und der Apostel. Doch haben sie auch dieselbe Autorität ?

Das große Problem heute in bibeltreuen Gemeinden ist nicht eine laxe Ehescheidungspraxis, sondern vielmehr eine starke Neigung zur Unehrlichkeit. Bemühungen, über die rangbestimmende Funktion von Mt 23,23 zu informieren, werden behindert. Lügen zur Sicherung der eigenen Position werden gar nicht mehr als Sünde wahrgenommen.  Miese Tricks zur Sicherung des Einflusses, Angst vor ehrlichen Fragen, Machtmissbrauch, Duldung von Unrecht und Bevormundung ohne schlechtes Gewissen. Besonders skandalös ist das Schweigen vieler evangelikaler Seelsorger zu typischen Gefährdungen der seelischen Gesundheit durch wortwörtliches Missverstehennicht selten verbunden mit der Lüge, Gewissensnöte würden nur durch „eigenmächtige Hinzufügungen zum biblischen Text“ entstehen. All diese Sünden sind heute ganz selbstverständlich an der Tagesordnung.

Wir brauchen in dieser neuen Situation Orientierung durch die Heilige Schrift.

Es ist nachvollziehbar, dass sich Gläubige, die sich mit der Barmherzigkeit und der Liebe zum Recht keine große Mühe geben, desto mehr auf ihre Glaubenstreue zugute halten. Das aber, was sie für Treue halten, ist bei genauerem Hinsehen einfach geistige Unbeweglichkeit, Denkfaulheit, Selbstzufriedenheit, Angst vor notwendigen Verbesserungen, Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid von Mitchristen und der Wunsch, nicht durch zu gründliches Nachdenken auf eigene Mängel hingewiesen und beunruhigt zu werden. Als Treue tarnt sich auch blindgläubige Unterwürfigkeit („Nibelungentreue“) gegenüber einer Gemeindeleitung , die Unrecht tut. Es gibt wohl kaum einen Begriff, der so beliebig gefüllt und missbraucht werden kann wie der Begriff „Treue“. Was ist von der „Treue bis in den Tod“ der christlichen Kreuzfahrer oder von ähnlichen Treueschwüren in pseudo-christlichen rassistisch eingestellten Organisationen im Süden der USA zu halten ? Trotz eines Höchstmaßes an Hingabe und Engagement handelt es sich um Perversionen der Treue, die Jesus meinte.

Allezeit treu sein kann man nur Inhalten und Personen, die wahr und deshalb verlässlich sind. Nur, was wahr ist, wird immer zuverlässig sein. Wahrheit und Verlässlichkeit finden wir bei Jesus: „wir sahen seine Herrlichkeit – voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14) Um diese Herrlichkeit zu sehen, muss der Gläubige selbst Heuchelei meiden und nach ehrlicher Selbsterkenntnis streben. Deswegen gehören Verlässlichkeit und Treue immer mit der Bemühung um Ehrlichkeit zusammen. Nur diese Treue ist „wahre“, echte Treue – weil sie den Charakterzügen Jesu nacheifert.

Jesus ging es um Echtheit und Glaubwürdigkeit. Der Apostel Johannes sprach in seinen Briefen von der Notwendigkeit „in der Wahrheit zu sein“ (Jo 17,19 / 1.Jo 1,6 / 2.Jo 1,4 / 3.Jo 1,3). Dieses Grundmotiv durchzieht alle Evangelien und Briefe, und schließt das Festhalten an dem, was als wahr erkannt worden ist, natürlich ein. Eph 5,9 bringt den Sinn des dreifachen Gebotes in Mt 23,23 besser zum Ausdruck: „die Frucht des Lichtes ist … Güte (αγαθωσυνη), Gerechtigkeit (δικαιοσύνη) und Wahrheit ( αληθεια).“

Deswegen verbinden wir den Begriff „Treue“ mit dem Attribut „wahr“ und übersetzen mit „Treue und Redlichkeit“, um gleich daran zu erinnern, dass es auch viel vermeintliche (!), d.h. falsche Treue gibt, der die Ehrlichkeit fehlt.

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