Eine weitere Variante der giftigen Theologie geistert weiterhin durch den Bibelunterricht: eine angeblich unausweichliche Pflicht des Gläubigen zum Glaubensbekenntnis trotz Todesgefahr.

Ein Christ, der sich vom christlichen Glauben distanziert, weil man ihn andernfalls mit dem Tod bedroht, mache sich damit des Abfalls vom Glauben schuldig, er würde damit den Heiligen Geist lästern und somit eine unvergebbare Sünde begehen, die unfehlbar mit ewiger Höllenqual bestraft werden würde.

Somit hat der beklagenswerte Gläubige nur die Wahl zwischen ewig dauernder göttlicher Folter oder Tod und Folter durch Menschenhand. In dieser Situation erwarte Gott von ihm ein „freudiges Bekenntnis zur Wahrheit“.

Doch für welche Wahrheit? Dass Gott die „Liebe“ ist? Wie soll man das noch glauben, wenn Gott schlimmer und grausamer erpresst als es Menschen tun!

Welches Gottesbild entsteht hier ? Wie quälend muss dieser Unsinn, der jeden Selbsterhaltungstrieb erstickt, auf jugendliche Seelen wirken? Der Dogmenfanatiker betrachtet diese Frage natürlich als irrelevant.

Die Frage bleibt: Das soll Liebe sein, einen Mensch ewig zu verdammen, bloß weil er den Mut zum Martyrium nicht aufbringt und lieber seine Haut verteidigt?

Wieso ist er zum Märtyrertod verpflichtet? Aus Dankbarkeit?

Wenn der Gläubige dasselbe leisten muss, was Jesus getan hat, sein Leben zu opfern, hat er dann nicht ebenfalls das Äußerste gegeben? Eigentlich sind beide dann quitt.

Wobei Jesus von Engeln getröstet wurde (Luk 22,43) und auch schon kurzfristig in den Himmel hineinsehen konnte (Mt 17,2) und vielerlei Erfahrungen mit der Auferstehungskraft gemacht hatte. (Mk 5,35 / Luk 7,12 / Joh 11,43-44) Der Gläubige hat diese Tröstungen nicht, soll aber – dank der schlimmsten Drohungen – dasselbe leisten. Ist das nicht absurd?

Verantwortungsbewusste Gemeindelehrer werden diese destruktive, schiefe Sicht an den Qualitätsstandards Jesu messen –  an Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Verlässlichkeit – und ihr folgendes entgegenhalten:

  1. Ein erzwungenes Glaubensbekenntnis ist wertlos und irrelevant. Gott erpresst niemanden zu solch einem „Bekenntnis“, schon gar nicht mit der Hölle. Wie soll man anders noch glauben können, dass Gott die Seelen seiner Gläubigen kostbar sind?
  2. Folglich ist es dem Gläubigen überlassen, ob er seinen Glauben bei Todesgefahr bekennen oder verbergen möchte.
  3. Negative, herabsetzende Aussagen über den Glauben, die durch schwere Drohungen erzwungen werden, werden von Gott nicht dem Opfer, sondern dem Täter zugerechnet. Die Nazis haben im KZ Menschen zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Frage: haben sich die Betreffenden tatsächlich der Sünde des „Ehebruchs“ schuldig gemacht?
  4. Der Inhalt ist immer wichtiger als die Form. (Rö 2,27) Das Urteil, dass der Gläubige vom Glauben abgefallen ist, setzt eine freiwillige Entscheidung zum Abfall ohne äußeren Zwang voraus.
  5. Gleichwohl ist es würdelos, sich durch Androhung von Gewalt zu Taten zwingen zu lassen, die man aus gutem Grund verabscheut.

 

(Eine Variante der Pflicht zur physischen Selbstzerstörung ist die Behauptung mancher Gemeindelehrer, der Gläubige dürfe sich bei einem gewalttätigen Angriff nicht allzu heftig wehren, den Aggressor schon gar nicht töten, da er sonst dem Täter die Möglichkeit der Bekehrung nehme und folglich schuld an dessen ewiger Höllenqual sei.)